Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 8 (24.2.1905)
- Date
- 1905-02-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Wissenschaft, Kunft und Literatur. Beilage zu Nr. 8 des „Jüdisches Volks blakt". Winternacht. Sternenklar Und bleich und hart in starrer Winterprachk Schreitet die Nacht. Ich weiß nicht, lvas ich auf der Straße will. Grabcsstill Ist meine Seele und kein Wunsch lvird' laut. Hab' ich denn nicht das Sonnenlaild erschaut In ivachen Träumen? Hab' ich nicht selbst den Tempel aufgebaut Aus Marmelsteinen Horh ans dein Berg mit weitem Sänlengaug Und PruiEgehängen«? Drang nicht hinaus Der rauhe, feste Klang B a n S ch n i t t er sä n ge n? Nun ist das Schauen' in der Brust erstarrt Bleich und hart Und kalt nnd stolz in starrer Winterpracht Schreitet die Nacht Hub ruft: „Sucht nur das Heimatland, Verstreute Toren! Festgebannt Seid ihr mit tausend Fesselin hier und dort. Ihr könnt nicht fort!" Otto Abeles. Weininger und das Judentum.*) III Die Eigentums- und Staatsfremdhcit der Juden. Wo Weininger nicht von Religiösüät und Frömmigkeit, bezlv. dem Mangel an ihnen spricht, gebraucht er statt des Wortes Seele unwillkürlich Worte von viel weniger iransfzendentalem Beigeschmack, wie Persönlichkeit, Individualität, Eigenart. Dann atmen wir förmlich auf, sind froh, fein nebelhaftes problematisches Scelenkonkretum los zu sein und uns wieder ehrlichen, um nicht zu sagen, konkreten Abstrakten gegenüber zu finden. Daß die Juden keine Eigenart besitzen, geht für Weininger schon daraus hervor, das; sie „trotz allem Erwerbssinne kein Bedürfnis nach dem Eigentum, am wenigsten in seiner festeren Form, dem Grundbesitze", haben. Denn: „Das Eigentum steht in einem unaufhörlichen Zusammenhänge mit der Eigenart, mit der Individualität". Möglich, aber alles das muß bewiesen' lverden. Bor allem muß ein ernster Denker diesem beh aupticten un a uf lös lich en Zu samm enh a it g d es Eigentums mit der Eigenart näher treten, -besteht der Zusammenhang wirklich? Und wenn er besteht? Ist die Eigenart ein Kind des Eigentums oder das Eigentum' ein Kind der Eigenart? Erst nach Lösung dieses Problems lvird entschieden werden' tonnen, ob der Grundbesitz wirklich „die festeste Form" des Eigentums ist, und das Verhältnis der Juden zu Eigenart, Eigentum, Grundeigentum festgestellt werden 'dürfen. Allem Eigentum geht ein- Akt der Aneignung voraus. In Hinsicht auf diese ist das Eigentum nicht einmal eine menschliche Spezialität, sondern eine tierische Einrichtung. Nun ist es natürlich' nicht gleichgültig, wer sich ein Ding aneignet. Denn nach dem Aneigner bestimmt sich, lvas er sich aneignet. Der Mensch eignet sich, mehr nnd anderes au als das Tier, der zivilisierte Mensch mehr und anderes als der nnzivilisierte, der geniale mehr lind anderes als der Dutzendmensch. Die Eigenart bestimmt also schon das Eigentnmsobjekt. Je Eilt erster Artikel erschien in dir. 58 dieses Blattes vom 80. Dezember v. I., ein zweiter in Nr. 4 vom 27. Jänner d. I. — Der erste Artikel führte, wie erillnertich den Nachweis, dast Weuiiiflet* trotz seiner gelegentllchen gegenteiligen Bchanvtnngen nicht der« „absoluten Inden", nicht die vptatvliische Idee des Judentums", soridern die wirklichen' Inden meinte. Dieser Nachioeis wird daher hier auch als geliefert voransgeseht. trastvoller, je vornehmer eine Eigenart, desto mehr sucht sie Eigentmnsgegenstände, in lvelchen sie sich ausleben, in welchen sic sich ausprägen kann. Darum ist Eigentum! an einer Wohnungseinrichtung, an einem Kleide, an einer Nippsache, an einer Wiesenblume, wenn sie wirklich gewählt sind, Erweiterung der Persönlichkeit. Und darum ist Eigentum an einem Zinshaus oder an einem Rittergut, die nicht gewählt sind, keine Erweiterung der Persönlichkeit. Darum, kann aber auch für den eigenartigen Menschen im großen nnd ganzen jeder Gebrauchsnnd Lnrusgegenstand' zu persönl i ch ke i ts e rlve it c r n d em Eigen tum lverde n. Dieses klare Verhältnis des Menschen ^zu seinem Benützlingseigentum lvird mm fälschlichrrlveise aus das ökonomische Eigentum übertragen. Nicht als ob nicht auch ein Landgut zu Eigentum in höherem Sinne lverden könnte! Gelviß ist dies möglich, selbst das ererbte Grundstück kann zu. einem innerlich frei gelvählten gemacht werden. Aber an sich iß ein Landgut der menschlichen Eigenart nicht zuträglicher als eine anfgelesene und ans den Hut gesteckte Vogelfeder. Ja, es fördert die Persönlichkeit sicherlich weniger und seltener, weil die Menschen gegenüber allem, was zum, Erwerb dienen soll, um Weiningerisch! zu sprechen, schwerer ihre „Frömmigkeit" bewahren. Sollte aber Weininger das ökonomische Eigentum als G e s c l l s ch a ftstatsa ch e meinen, dann lviderspricht er sich. Denn es ist nicht abzusehen, wie das ökonomische Eigentum, dos ja mechanisch eine Gesellschaft baute — heute, wo diese längst fertig, ja vielleicht schon rissig ist, an dem geistigen Aufbau der Persönlichkeit beteiligt sein sollte. Es wäre beim, daß man den unheilbaren^ Schaden, den das System des ökonomischen Eigentums mittelbar fast allen Jndividnalitätsinenschen zufügt, als solchen geistigen Aufbau betrachtete. Wer also nicht zu der internationalen! und ewigen Sippe echter odemanempfiudender Entwicklnngsgegner gehört, wird sich, von dem großen Persönlichkeitswunder des ökonomischen Eigentums nicht mehr als von den anderen ähnlich gut begründeten Wundern verblüffen la'ssen. Ob er mm Jude ist oder nicht. Wenn es aber unter den Inden! offenbar etwas inehr Leute gibt — leider sind es nur etwa s mehr — die diesen Humbug durchschauen, haben sie — insofern man überhaupt auf Züchtnngsergebnisse stolz sein darf — allen Grund, es zu sein. Es ist ein Rnhmestitel der Juden, daß sie der Welt mehr Helle mutige Blicke und weniger Grimassen affektierter nnd furchtsamer Gemüter zeigen. Und sie können ruhig darauf Hinweisen, daß es ihnen an jener für die Individualität wirklich bedeutungsvollen Eigentumsliebe, der Liebe zum nichtökmorrischen, zum persönlich gewordenen Eigentum, nicht mehr gebricht als anderen Völkern: Das heißt nur so lveit, als sie 'durch das System, des okluomischen Eigentums in ihnen zerstört wurde. Wer A sagt, muß — überhaupt, wenn er durchaus lvas sagen will, wie Weininger — auch B sagen: und so folgt, wie in jedem ordentlichen Antifeiintenkatechisinus, auf die Verhimmelung des Eigentums, namentlich des agrarischen, die grimmige Absage an den jüdischen Kommnnismus nnd die Apotheose oes den Inden fremden Staates. Weininger unterscheidet zwischen Kommunismus und Sozialismus. Dieser sei „arisch (Owen, Carlyle, Ruskin, Fichte)" und die „Bestrebung zu gesellschaftlicher Kooperation nud zur Anerkennung der Menschheit in jedem Gliede derselben". Jener, als die „Tendenz zur Gemeinschaft", habe „gar kein Verhältnis zur Idee des Staates", was „sicherlich nur auf das völlige Unverständnis der Inden für den Staatsgedanken zurückznführen ist". „Dieser (der Stantsgedanke) ist zu. wenig ein Greifbares, die Abstraktion, die in ihm liegt, allen konkreten Zwecken zu lveit entrückt, als daß der Jude sich mit ihm inniger befreunden könnte. Ter Staat ist das Ganze aller Zwecke, die nur durch eine Verbindung vernünftiger Wesen als vernünftiger verwirklicht werden können". „Aus jenem Grunde ist aller Zionismus so anssichtslos, obwohl er die edelsten Regungen unter den Inden gesammelt hat: Denn der Zionismus ist die Negation des Judentums, in lvelchen:, seiner Idee nach, die Ausbreitung über die ganze Erde liegt." Es wi'lrde denn doch über den Rahmen dieses Artikels hinausführen, lvollten hier die überaus kargen Ausführungen Weiningers über Sozialismus, Staat nnd Zionismus mit langen Erörterungen beantwortet werden. So lveit diese Probleme nicht schon durch die Stellungnahme zur Frage des Zusammenhanges von Eigentum und Eigenart im Kerne mitbeantwortet sind, müssen! wir uns aus wenige Bemerkungen! beschränken: Die Namen Owen, Carlyle, Ruskin, Fichte sind ganz sinnlos zusannnengestellt. Zwischen „Kommunismus" und „Sozialismus" — wenn schon die Unterscheidung akzeptiert wird — gibt es das Einheitsband des sozialen Empfindens, das natürlich für den affektierten Sucher „Kantscher Vernunft" nicht zu existieren.' scheint. Der Kommunismus ist nicht „jüdischer" als der „Sozialismus". Vielmehr bedeutet gerade Marx einen großen Schritt von! den ultra- „kommunistischen," arischen Utopisten zum „Sozialismus". Und wenn „die Juden dem Kommunismus so scharenweise sich zuwenden", dann tun es die Nichtsuden' sicherlich nur so mengenweise. Der Marxismus ist im Grunde nur denn heutigen Staate und nicht der „Idee des Staates" feindlich. Er stellt vielmehr die größte Annäherung an diesen Gedanken dar, deren ein sozialistisches System, das diesen Namen verdient, noch fähig ist. Und er steht dadurch im Gegensätze zum. Anarchismus, der, übrigens meist von Ariern getragen, vonder „Idee des Staates" sich am weitesten entfernt hat. Der Staatsgedanke ist als Gedanke natürlich Abstraktion, der Staat ist die konkreteste Wirklichkeit, nnd wenn inan schon den Inden „Staatsfremdheit" vorwerfen, will, jo müßte man gerade ihre Neigung zur Abstraktion ausschroten. Der Staat ist nicht „das Ganze aller Zwecke" — worunter sich übrigens nichts Bestimmtes und auch nichts Unbestimmtes vorstellen läßt — sondern die Form, in der sich, die gesellschaftlichen Triebe und Bedürfnisse der Menschen organisieren. Je komplizierter diese Triebe und Bedürfnisse sind, desto mehr ist die stc.atliche Organisation zu- Komplikationen, lvelche dem ursprünglichen Sinne des Staates widersprechen, geneigt. Der Staat - tritt allmählich iir> den grellsten Gegensatz zur Idee „gesellschaftlicher Kooperation" und zu dein Verlangen der „Anerkenung der Menschheit in jedem Gliede derselben,". Gerade aber in dieser seiner Entartung findet er seine glühendsten Anbeter. .Nur in diesem erbärmlichen Zustande erkennen sie ihn als Verkörperung der „Idee des Staates" an. Und alle diejenigen, die daran glauben, daß sich die ntenschliche Gesellschaft trotz ihrer, komplizierten, Triebe tmd Bedürfnisse lind just kraft derselben zu einem feineren, grazileren, von fremdartigen Reibungen und Hemmungen freien Staatsorganismus emporheben kann — lverden in die „Staatsfremdheit" gedrängt, llnter anderen ereilt dieses Los die „Kommunisten", die — gleichgültig, ob sich ihre „Gemeinschaft" bei eventueller Durchführung bewähren lvird oder nicht - - die „Idee des Staates" noch immer vollkommener repräsentieren als die patentierten Staatsfanatiker. Nur wer den Staatsgötzen mit dem Staate verwechselt., kann' ntoderschveiben, daß esnie im eigentlichen, Sinne des Wortes einen jüdischen Staat gegeben hat. J:n Gegenteile: der sche Staat hatte sich mehr als jeder andere