Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 8 (24.2.1905)
- Date
- 1905-02-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Die „Poale-Zion"-Organisationen Rußlands haben ihren Mitgliedern erlaubt, sich an beit revolutionären Ereignissen aktiv zu beteiligen. Korrespondenzen. Olmützer Brief. Wir erhalten folgende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Redakteur! Mit Beziehung auf den § 19 des Preßgesetzes sowie in der Bo raus setz ung, daß Sie jeder At ein ung die Spalten Ihres geschätzten Blattes frei zur Verfügung stellen, gestatte ich mir das höfl. Ersuchen zu stellen, die nachstehende Berichtigung (?) geneigtest veröffentlichen zu wollen. Hochachtungsvoll A. S t ö ß l e r, Sekretär. Olmütz. Ein gewisser Herr Josef Meisel hatte in der letzten Folge des „Jüd. Volksblatt" unter dem Titel „Olmützer Brief" die besondere Liebenswürdigkeit, die hiesigen Kultussunktionäre in äußerst taktvoller (!!) Weise aus dem Grunde zur Zielscheibe seiner jeder Grundlage entbehrenden Angriffe zu machen, weil dieselben von dein ihnen statutarisch zustehenden Rechte der Ausübung des Wahlrechtes Gebrauch machten und angeblich die vier Stimmen dieser Beamten anläßlich der stattgehabten Wahlen des dritten Wahlkörpers dm Ausschlag des (?) Wahlergebnisses gaben. Es liegt mir ferne, mich mit Herrn Meisel dieser Angelegenheit wegen in eine Polemik einzulassen; betonen will ich jedoch, daß ich Herrn Meisel durchaus die Anmaßung abspvechen (?) muß, über das Verhalten der Kultusbeamten bei den lettzten Wahlen sowie über die wissenschaftlichen Qualifikationen derselben notorisch unwahre Kritik zu üben. Herr Meisel, welcher kaum imstande sein dürfte, selbst von den Grundbegriffen hebräischen Wissens eine Ahnung zu haben — hat nicht das Recht, Behauptungen aufzustelle.n, welche — bei der allgemeinanerkannten b e s o n d e r e n Tüchtigkeit der in ihrer Ehre angegriffenen vier "Funktionäre der hies. Kultusgemeinde — von vornherein als unwahr und erdichtet bezeichnet werden müssen. Dies zur Steuer der Wahrheit. A. Stößler, Sekretär. (Wir haben diese „Berichtigung" zur Kultussteuer der Wahrheit wörtlich zum Abdrucke gebracht, obgleich uns noch einige Wochen von P u r i m trennen. Wir sprechen Herrn Sekretär Stößler wahrlich nicht die Anmaßung a b, über einen sachlich gehaltenen Bericht eine unter aller Grammatik stehende Kritik zu üben, und wenn Herr Stößler „imstande ist, von den Grundbegriffen des hebräischen Wissens nicht inehr Ahnung zu haben" als von denjenigen des deutschen — Wissens, müssen wir, so unangenehm es Herrn Stößler und uns sein mag, „einein gewissen Herrn Josef Meisel" doch recht geben-. Red.) Unsere Kultusgemeinden und das Staatsbudget. Czernowitz, 19. Febr. 1906. Man lamentiert oft über Zurücksetzung der Juden, faßt Protestresolutionen imb predigt Aneinanderschließung zu gemeinsamem Vorgehen als Präventivmaßregel gegen den heranrückenden Feind; die Klagen sind aber zumeist allgemeiner Natur und in den seltensten Fällen dllrch Daten erhärtet. Nicht als ab diese fehlen würden, als ob jemand behaupten könnte, die Beschwerden seien ungerechtfertigt. Man begeht bloß den unverzeihlichen Fehler, über Ausweise, Statistik und ähnliches Zahlenmaterial gleichgültig zur Tagesordnung zu schreiten, während in demselben reichhaltig Belege vorliegen, daß viele Zurücksetzungen, die lvir erfahren müssen, völlig ungesetzlich sind, wenn vorn Standpunkte der Gleichberechtigung die Sachlage beleuchtet wird. An der Hand solcher konkreter Zurücksetzungen bietet sich für die offizielle Judenvertretung die beste Gelegenheit, eiuzu-! Jüdisches Volksblatt schreiten und die Rechte der ihr anvertrauteu Judengemeinden zu wahren, unbekümmert darum, ob die Bemühungen von Erfolg gekrönt sind oder nicht. Die Tatsache aber, daß auf vielen Gebieten gegen Zurücksetzung aus U n k e n n t n i s nicht Stellring genommen wird, ist an und für sich beschämend. Und daß dies der Fall ist, mag aus nachfolgenden Zeilen hervorgehen. Bis 1905 ist keiner Judengeureinde Oesterreichs aufgefallen-, daß int Staatsbudget für Kultuszwecke der verschiedensten Riten große Summen ausgeworfen werden und bloß die israelitischen Kultusgemeinden leer ausgehen. Jede neue Budgetierung erfährt arich nach der Richtung keine Aenderring, denn von jüdischer Seite wurde nichts dazu getan, daß eine Komplettierung der Subventionierungen unter Berücksichtigung der jüdischen Kültuszwecke erfolge und daß man spontan zu einer Gleichberechtigung diesbezüglichJich aufraffe. Das werden auch Optimisten unter den> Juden nicht erhofft haben. Mau mutz deshalb dem Zufall Dank wissen, daß bji'e j(S zernowitzer Kultusge nt e inde über Antrag eines ihrer Mitglieder (K.-R. S t e k e l) e i n e Aktion z u r Beseitigung dieser Z u r ü cksetz u n g e i n l e i t e n und die K ri l t u s g e m e i n d e n O e st e r r e i ch s z u g e m e i n s a m e m Vorgehen i n d i e s e r F r a g e a n s p o r n e n w i l l. Die „Buk. Post" schreibt hierüber: „Dem Budgettitel „K u l t u s" wollen wir Hier noch einige Bemerkungen widmen. Es sorgt der Staat für die Bedürfnisse der r ömis ch-- kathotischeu Kirche in der Bukowina mit einem Answande von 77 675 K; die griechi s chk a t h o l i s ch e K i r ch e erfreut sich nicht minder der Fürsorge des Staates in der Bukowina und werden für dieselbe 44 666 X veranschlagt. Auch die armenisch-katholische Kirche geht nicht leer aus und wird mit 3852 X bedacht, all das von den außerordentlichen Ausgaben für kirchliche Zwecke abgesehen. Ja selbst für evangelische K u l t u s z w ecke bringt der Staat Beiträge auf, und zwar in einer Gesamthöhe von 232 600 X, wovon auf die Bukowina freilich bloß 1600 X entfallen. Auffallend ist.hierbei nur, daß im ganzen Staatspräliminare für die israelitischen K u l t u s z w e ck e kein Betrag a u s g e w i e j c n erscheint. Die jüdische Religion ist ja genau so eine staatlich anerkannte wie die anderen erwähnten Kulte. Es ist uns keinerlei Bestimmung bekannt, welche nur diesen einen Kultus von einer Förderung durch den Staat ausschlietzt. Gerade die jüdischen Knltusgemeinden sind es, welche in hervorragendster Weise kulturelle und humane Bestrebungen fördern, ja für dieselbe ganz bedeutende Opfer bringen. Die israelitische Kultusgemeinde in Czernowitz zum Beispiel erhält aus ihren Mitteln eine Knaben- und Mädchenschule, ein Spital, ein Bad, ein Waisenhaus usw. Sie bestreitet aber auch die Kosten für ihren Kultus. Es ist darum schon eine moralische Pflicht des Staates, durch eine Subventionierung der israelitischen Kultusgemeinden in erster Reihe das Prinzip der Gleichberechtigung aller in Oesterreich staatlich anerkannten Konfessionen vor dem Gesetz, respektive dem Budget, zu wahren und andrerseits auf diese Weise die Anerkennung für die aus die allgemeine Wohlfahrt gerichteten Bestrebungen der israelitischen Kultusgemeinden zum Ausdruck zu bringen. In der Kultusratssitzung vom 12. Fübruar d. I. hat Kultttsrat S t e k e l auf die eben angeführten Momente hingewiesen und vom Vorsitzenden Kultuspräses Dr. Strancher die Zusicherung erhalten, diese zweifellos wichtige Frage an kompetenter Stelle anzuregen und eventuell eine gemeinsame A k t i o n aller K u ltus g emeinden in Oesterreich herbeizusühren." Wie kraß die Zurücksetzung der Juden, in dem Falle ist, geht hervor, wenn mander Mitteilung der „Buk. Post" noch -einige Zahlen beifügt, die speziell das Kronlaud Bukowina betreffen. Da werden für die Bedürfnisse der römisch-katholischen Küche in der Bukowina 77 075 K. eingestellt, wobei der Religionnach dortselbst 72 600 R ö m i stch -Kat h o l i - s ch e leben, somit auf jeden, einzelnen Katholiken über 1000 Kronen ans dem Staatssäckel kämen, wenn mandas Verhältnis der Subventionierung nach der Bevölkerungszisfer nehmen würde. Für die griechisch-katholische Kirche in der Bukowina sind 44 000 K. veranschlagt; im Lande leben bloß 22 000 G riech i s ch - K a t h o l i s ch e. Da kämen ilso auf jeden einzelnen iiber 2000 K. Für die ar- Uien'isch-katholische Kirche sind 3862 K. bestimmt, wobei 800 Armenisch-Katholische, vorhanden sind. 1000 K. sind auch für evangelische Kültuszwecke der Bukowina gewännet, wobei eine erhebliche Bevölkerungszahl: 10 000 (Augsburger Konf.) und 600 (Helv. Nr. 8 Konf.) mit diesem kleinen Sümmchen vorlieb nehmen muß. D i e 90 000 Juden a b e r gehen völlig leer aus; für ihre Kültuszwecke hat der Staatssäckel nicht einnml eine so minimale Subvention, u m d e n S ch e i n d e r G l e i ch b e r e ch t i g u n g zu wahren. Aehnlich dürfte auch das Zahlenverhältnis in den anderen Kronländern sein, wo alle Jndengemeindcn mit einer gleichen N n l l an Subvention im Budget bedacht sind. Mitteilungen des Verbandes für Statistik der Juden. Gcncralve'rsammlung des Verbandes für Statistik der Juden. Am 12. Februar 1906 fand indem Logenraum des 11. O. Bnei Brith in Berlin die Generalversammlung des Verbandes für Statistik der Inden und im Anschluß an dieselbe eine Versammlung der jüdischen Intelligenz in Angelegenheit der Statistik statt. Nachdem der Vorsitzendedes Verbandes, Dr. Alfred Nossig, die Anwesenden begrüßt hatte, erfolgte der Vortrag des Referates von Dr. Arthur Cohen, Vorsitzenden des „Vereins für Statistik der Inden" in Bayern, „Statistik und Judenfrage". Nach einer allgemeinen, der Bedeutung der Statistik überhaupt gewidmeten Einleitung ging das Referat auf die Aufgaben der konfessionellen Statistik ein, und wies die spezielle Tragweite der Statistik für die Lösung der Judenfrage nach. Allerdings müssen sich die statistischen- Organe ausschließlich mit der wissenschaftlichen Behandlung der Statistik befassen, während die praktische Verwendung der Ergebnisse der letzterenden Gemeindeverwaltungen und Wohlsahrtsorganisatiouen überlassen werden muß. Das in Abwesenheit des Verfassers von« Dr. I. Thon vorgelesene Referat lvurde von der Versammlung beiläufig ausgenommen. Der vom Vorsitzenden erstattete Bericht über di-e Tätigkeit dos Kuratoriums und des Vorstandes für das Jahr 1904 schilderte in kurzen Zügen die auf Grundder Beschlüsse der vorjährigen Generalversammlung erfolgte Bildung des Kuratoriums und Gründung eines Bureaus für Statistik der Juden. Das Kuratorium setzte einen Arbeitsausschuß ein, welchem, die beiden Vorsitzenden des Kuratoriums San.-Rat W. Maretzki und Geh.-Rat Dr. Blumeuthal, der Schatzmeister Hr. B. Braun und der Vorsitzende des Verbandes Dr. Nossig angeh-örten. Dank dem Entgegenkommen mehrerer jüdischer Organisationen, wie der „Zentralverein deutscher Organisationen-, wie der „Zentralverein deutscher Staatsbürger j. G.", der „DeutschJsr. Gemcindebund", die Logen des „11. O. Bnei Brith" und die „Ephraim-Stiftung" gelang es dem Kuratorium, eine finanzielle Grundlage für die Arbeiten des Verbandes zu schaffen. Das- Bureau für Statistik der Inden, welches am 1. Oktober 1904 unter der Leitung von Dr. Arthur Ruppiu eröffnet lvurde, befaßt sich als eine Zentralinstitution für alle jüdifch-statWscheu Arbeiten einerseits mit Untersuchungen und Ausarbeitungen, die ihm von anderen Institutionen übertragen werden, andrerseitsmit planvollen Vorbereitungen zu einer wissenschaftlichen Gesamtstatistik der Juden. Im Aufträge des' D.-J. Gemeindebundes tvird es das „Statistische Jahrbuch der deutschen Juden" veröffentlichen. Aus eigener Initiative führte es eine Enquete iiber den Anteil der Judenam Schulwesen in Preußen durch und begann die Herausgabe der „Zeitschrift für Statistik und Demographie der Inden". Unter den organisatorischen Tätigkeiten des- Verbandes ist die Bildung von Kommissionen für Statistik der Juden in Wien und Budapest hcrvorzuheben. Das Entstehen selbständiger Vereine für Statistik der Indenin England- und Bayern veraulaßte die Umgestaltung des fri'ch-even Vereins in einen Verband von Vereinen. Zahlreichen- Anregungen folgend, ersetzte mau überdies auf Grund einer Umfrage bei den Mitgliedern die Worte „jüdische Statistik" durch „Statistik der Inden". Ans dem Rechenschaftsberichte des Schatzmeisters des Verbandes, Ing. S. Eliasberg, ging hervor, daß die Einnahmen des Verbandes