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Jüdisches Volksblatt · 1905-02-24 · 8 (24.2.1905) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8 Jüdisches Volksblatt Seite 3 er meint ja nicht die geschriebene, sondern die im jüdischen Volke lebende Moral sei es, die dem Jesuitismus ein Spriugboru stets neuer »straft ward. Mit Zitaten ans jüdischen Quellen kommt man daher gegen seine „Anführungen" nicht auf. Die jesuitische reservatio rumtalts sei beispielsweise ein derartiges Produkt jüdischer Moral, das dann von den Jesuiten übernommen wurde. Bei den germanischen Völkern ist nach Colornb die reinste Wahrheitsliebe zu finden, während dein jüdischen Volke die Lüge nicht verwerflieh ist: „Das jüdische Volk hat ein förmliches System ausgebi-ldot, mittelst dessen man durch Worte täuschen kann, ohne zu lügen". Da „angeborene Eigenschaften sich gleich bleiben, wie die Natur sich gleich bleibt, so werden auch die Juden in aller Zukunft sich gleich bleiben". Es ist nicht leicht, diesenhirnrissigen Fasoleien gegenüber auch nur einigermaßen ernst zu bleiben. Und man kann diese Behauptungen kaumbesser widerlegen als durch ihre einfache Wiedergabe. Uns Juden aber zeigt der freilich in Albernheiten sich äußernde ^Haß, wie notwendig es ist, daß wir uas uns uns besinnen, unser Volkstum offen betonen, unsere Art und unsere Kultur nicht mit ängstlicher Scheu als Geheimes pflegen. Denn nur die geringe Kenninis derJnnerlichkeiten unse r esVolkslebens macht es unseren Feinden möglich, die uns umgebendelt Völker im Haß gegen« unszu bestärken. Nur weil wir uns schämen, mit Entschiedenheit für unsere nationale E i g e n a r t einzutreten, mir weil auf unserer Seite dev Antagonismus zwischen uns und denAnderen so gerne geleugnet wird, anstatt in Erkenntnis der Verschiedenheit den modus vivendi, das richtige Verhältnis zu den uichtjüdischeir Nationen 31t finden, nur so lvird es möglich sein, daß in der konfusen Spatzenpsyche eines Amtsgerichtsrates a. D. die „Erkenntnis" geboren wird: „Der Jude haßt den Nichtjuden, den Goi. und verachtet ihn." Wir Juden sind von: Schuld nicht frei, wenn die unklare Empfindung der Völker, daß wir nicht dasselbe feien lute sie, von allen Bewegungen und nun auch vonder „Los-vou-Rollt"-Bew-egung benützt wird, nmi tue eigene Sache auf unsere Kosten zu fördern. Weint wir ohne Scheu als Nation, wenn auch als Mi-noritätsnation, in den politischen- Kampf eimrctcn, weint wir als Juden für Jubseu-tum und Judeuheit kämpfen irerden, wirdman nicht mit Anunenmärchen, von denen jede Geisteswaffe abprallen muß, die Grundlagen' unseres -Leins unterwühlen-, sondern den offenen Kampf gegen unsere offen gestellten Forderungen anfznnehmen gezwungen sein. Man wird dann nicht uns, wie Herr von Colornb dies gesehiiiarkvellerweise tut, für die llnruheit in« Rußland itinb den als Flanell und dergl., soudent durch ein gutes „Morgenürvt". Unter diesem Worte versteht der Talmud das Frühstück, welches nach ihm aus Brot, Pflanzenkost (-Gemüse), Fletsch uns kräftigem Weirre bestehensollte. „Eilt gutes Morgenbrot," sagt der Talmud, „schlitzt im Winter gegen die Kälte und im Sommer gegen die Hitze." Bon der Czernowitzer Universität. Die statistische Tabelle der Frequenz int Wintersenlester weist illsgesamt 078 Hörer aus, darunter 90 Damell. Der Muttersprache ltach waren: 001 Delltsche, 150 Rumänen, 70 Ruthellen, 41 Polen, 10 Russen, 0 Serben, 7 Bulgaren, 2 Tschechen, 2 Magyaren, 2 Armenier und 1 Engländer. Der Religion l«ach waren: 217 gr.-vrth., 88 röm.-kath., 60 gr.ckath., 280 j ü d i s ch, 2 arm.-orth., 4 arm.- kath. lind 20 evangelisch. Erinnerung an Könitz. All eilte ünn'kle Angelegenheit erinnert folgende Bekanntmachnng im Reichsal«zeiger: „Ans den Bericht vorn 01. Dezember v. F. rvill Ich der Stadt Kottitz aus Grund des Gesetzes vom 14. Juni 1874 (Gesetzsamml. S. 22t) das Siecht verleihen, zum Zwecke der Znschüttnttg des nördlichen Teiles des Möllchsees die in diesem dem Sch miede me ist er Ernst Splett als Eigentümer des Grundstücks Könitz 180 znstehende Spiilgerechtigkeit im Wege der Enteignnllg zll enverbell. Berlin, beu 0. Fannar 1905. Wilhelm R. Frhr. v. Hammersteiir." Im Möllchsee wurden bekanntlich zu verschiedeuen Zeitell die Teile der Leiche des erlnordetelt Gymnasiasten Wörter geflindell. Mit der Zllschnttnng des nördiichell Teiles des MvnchseeS wird vielleicht ltllll auf ilnluerdar aitcf) das Geheimnis begraben, mit dem der Tvd des Winter umhüllt ist. Tob Krupps (!) verantwocklich machen, sondern gegen jene unserer Aktionen, kämpfen, die voit uns in Wahrung unserer Rechte und unserer Juteressen nicht länger mehr ansgeschoben meibcn können. Tie fünfzig jungen Herren, die heute zum Protestantismus übertreten, weil die verjubele Moral der katholischen Kirche ihnen verhaßt ist, werden tlits dann nicht mehr wegen der im „jüdischen Volke lebenden Moral", sondern als nationale Gegner bekämpfen. Sie werden offen Farbe bekennen mitffcn und man wird« endlich sehen, was es eigentlich ist, das sie zu fo blindwütender Gegnerschaft veranlaßt: unsere Fehler -oder ihre maßlose nationale Unduldsamkeit. Wien, 22. Februar. O. K. Politische Wochenschau. Tanzfefte und Festessen, das sind die Versöhnungstage der politischen Feinde. Aber es ist doch ein Unterschied, ob sich ein Deutschnationaler zu einem Liberalen setzt, um mit ihm zu pokulievcn, oder ob ein Jude in der Quadrille einem Antisemiten vis-a-vis steht: denn man kann über politische Prinzipien hinweg den Braten schmackhaft und den Wein feurig finden, aber man kann nicht mit einem persönlichen Feinde die Freuden der Gemütlichkeit teilen. Juden auf einem von Antisemiten veranstalteten Feste find darum wahrhaft ein Unding: Festgenossen, denen jedem in. des anderen Gegenwart alle Freude vergällt werden müßte«; dem Antisemiten, weint! er den verhaßten Inden sieht, dem Inden, wenn er sich demjenigen gegenüberfindet, der ihn gestern angespuckt hat und der ihn morgen wieder begeifern wird. Aber speziell die Macher der öffentlichen M e i u u n g, die Herolde der politischen Parteien, unsere I 0 u r n a l i st e n, scheinen sich hüben und drüben über derlei Selbstverständlichkeiten hinwegzusetzen. Sie scheinen, ganz besonders Gewicht darauf zu legen, daß nur ja niemand glaube, es bestünde eine Uebereinstintmung in dem, was sie tun..- Zu Wilhelm S i n ge r, der mit der Verhimmelung Luegers begonnen hat, gesellen sich jetzt die antisemitischen Journalisten der „Deutsch-österreichischen Schriftsteller-Genossenschaft", die zu ihrem Ballseste eine ganze Liste von Juden einladen und ihre Anwesenheit im Ballberichte ohne jedes Rufzeichen (!) konstatieren. Wie man das erklären soll? Eine ganze Reihe von Sprichwörtern erweisen da ihre Wahrheit, vor allem natürlich das Non ölet. Man nimmt eben das Judengeld. Am nächsten Tage schimpft man dann über die Spender; daher das Wort „Charakter"! Am ehesten aber stimmt noch der Vergleich mit dem Versöhnungstage, meint man sich der oftzitierten Anekdote von den Heuchlern erinnert, an deren Schlüsse es heißt: „Und nach Jom' Kippur sind w i r w i e d e r d i e A l t e 11." * * * Stefan v. Rakovszky ist zweiter Vizepräsident des ungarischen Abgeor-dnetenhauses geworden und die j ü d i s ch e n Mitglieder der koalierten Opposition haben ihm ihre Stimmen gegeben-: das ist die Tatsache, die uns Juden in der ganzen ungarischen Krise am uteifteu inieressieri. St a k 0 v s z k y, der sich afsm als Antisemit erklärt hat, Rakovszky, der intime Freund Dr. Luegers, nimmt einen der wichtigsten Posten int ungarischen Parlantettt eilt. Es ist fast unglaublich, Wohin der blinde magyarische Chauvinismus die Juden Ungarns zu führen vermag. Sie entblüden sich .licht, ihren deklarierten Erzfeind, der ganz aff nt erklärt, nicht eher zu. ruhen, bis er die Juden aus ihren öffentlichen Stellungen verdrängt haben lvird, in eilt- Amt zu erheben-, das nur derjenige erreichen kamt, der sich des B e r t r a u e it s der Atajorität rühmen' darf. Herr Stefan von Rakovszky, Ihre Juden sind wirklich nicht mehr Inert, als durch Sie verdrängt und vertrieben zu werden. »;|. * Der Einfluß der koalierten Opposition macht sich in Ungarn bereits in ihrer eigenen Art fühlbar. Zunächst geht es den „Judenbläftern" an den Kragen. Der „Pester Lloyd" „erfrechte sich", dem etwas zu lvild gewordenem magyarischen Ehauviilismus einen Dämpfer aufzusetzen, tmd dieses bis jetzt so mächtige „Judenblatt" utuß es nun erleben, daß es aus den Klubs ausgeschlossen- und seine Exemplare öffentlich verbrannt werden. Dasselbe Schicksal ereilte das politische Witzblatt des Juden Adolf Agar („Borsßent Janko") wegen des gleichen Deliktes. Das Schmerzlichste für diese Judenblätter mag es wohl gewesen seilt, daß im „Leopoldstädter Bürgerklub", also in der alten Domäne des „P. Ll.". ein solcher Boykottantrag gegen dieses Blatt Volt einem — I u den gestellt und von den übrigen Judeit angenommen wurde. Das ist aber nur dev erste Schritt. Die weiteren weiden bald folgen, es werden Fußtritte seilt, die vielleicht auch die Juden Ungarns endlich einmal zur Besinnung bringen werden. Ans derzionistischenBewegung. Der erste Sekretär des zionistischen Kongreßbureaus, Herr A. H. R e t ch, hat vorige Woche seine D e m i s s i 0 n gegeben. Diese Demission hat eine« peinlicheBorge'schichte, welche in hiesigen zionistischen Kreisen viel besprochen wurde utt'b inmanchen Zirkeln Beunruhigung hervorgerufen hat. Das kleine Aktionskomitee hat durch die Geheimtuerei, mit welcher sie diese unerquickliche Angelegenheit behandelte, sicherlich selbst Schuld daran, daß die Demission des Bureausekretärs, der seit Gründung des- Kongreßbureaus eine hervorragende Vertrauensstellung in der Partei einnahnt, mir Gerüchten in Verbindung gebracht wird, die vielleicht nicht in ihrem ganzen Umfange der Wahrheit entsprechen. Eine offene Erklärung des Aktionskomitees wäre hier unbedingt am Platze gewesen und hätte alles Gerede im Keim ersticken können. Aus Strakonitz. Vom zionistischen Rayonskomitee Pisek erhalten wir folgenden Bericht: Aut 12. Februar fandhier eine von der Kultusgemeiude Unberufene Versammlung! statt, welcher Herr L ö w y, Sekretär des böhmischen Distrikts-Komitees, einen Vortrag Über „Zionismus und jüdische Nationalität" hielt und in eingehender Weise die ejnzig utögliche Lösung der Jtldenfrage durch ben Zionismus nachwies. Daran schloß sich eine lebhafte Debatte, in welcher Herr S ch m e i ch l e r wohl die sonstigen Bestrebungen des Zionismus sylttpaihisch anerkannte, dagegen die 11 a t i «o n a l -eSe11e n i ch t gelte n lass -e n \v> 0 llte. Dieser Ansicht traten u. a. Herr Vorsteher F tl ch s, ferner die Herren Vc e tt k e s, Dr. Stabbiner B a ch a r a ch, P e r e l e s sowie Herr K l e t it ans Pisek und der Referent wirktutgsvoll entgegen. Der Abend verlief ungetneitr anregend und in entschieden sympathischer Weise für die zionistische Sache, was sich darin knndga-b, daß der größere Teil der Amvesenden ihren Beitritt zu der 31t bildenden- Ortsgruppe anmeibete. Besonderes Verdienst mit das Gelingen dieser Veranstaltuitgeit haben sich Fräulein F i s ch e I sowie Vorsitzender Herr Dr. B r 0 o ck, erworbeu, welch letzterer die Versammlnug leitete und in einem wirkungsvollen Schlußworte das schöne Ergebnis dieses Abends hervorhob. Von den „Poalei Zion". Die Statuten des Verbandes jüd. Arbeiter und Handelsangestellten „Poale-Zion" befinden sich seit zwei Wochen im Ministerium, Ino sie einer eingehenden Prüfung unterzogen werden, und ist die Lchzalisieruitg des Verbandes in der nächsten Zeit zu erwarten. Ja* Verein „Poal-e-'Uoii" in Wien wird sich dann als Ortsgruppe desselben konstituieren. Das Organ der „Poale-Zion" Oesterreichs, „D e r j ü d t s ch e A r beit e r", erseheiltt von März ab z >v e i nt a l monatlich in jüdiscker Sprache. Die Erfolge der proletarisch-zionistischen Belvegung erregen immer mehr Bedenken und Unruhe in den Kreisen der politischen Sozialdemokratie; das „jüdische" Agitatiouskontttee hn daher, Inie bestimmtverlautet, beschlossen, ein lvöcheutliehes Jargouorgau ins Leben zu rufen. Es ist zu erwarten, daß die jüdische Arbeiterschaft Galiziens den nationalen So zialismus der „Poale-Zion" vom „Jargonsozialismus" der polnischen Sozialdeluokmien, die unter dem Deckmantel des Jargons assirnilaiorische Agitation treiben wollen, zu unterscheiden verstehen wird.

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