Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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0 Der Arbeiter Beilage zu Nr. 7 des „Jüdischen Volksblatt". Das jüdische Proletariat in Rumänien und seine Bestrebungen. Von Dr. B. H. Lauby. Der gewesene Minister P. P. Earp, Her Führer der Jnngkonservativen Partei, einer jener sehr welligen Staatsmänner Rumäniens, denen man Wahrheitsliebe nnd Aufrichtigkeit nachrtthmen kann, gab vvr Jahren in einer Parlamentssitznng folgende Erklärung ab, durch welche er die wesentlichen Merkmale zu ge bell glaubte, die den jüdischen Handwerker von seinem christlichen Kollegen unterscheiden: „Eines Abends haben wir Jnnimisten in Jassy die Jnderisrage in Beratung gezogen. Wir saßen bis 3 Uhr rnorgens beisanunen und keiner konnte den anderen überzcngen, rvie es immer -geschieht, wenn sich die Leidenschaft einmengt. Als rvir nun nach Hanse gingen, begegneten wir einen armen Inden — fast unmittelbar vor dem Hause, das wir verließen — der sein Handwerk verrichtete, meine Herren, um 8 Uhr morgens. Das war ein Bild, eines Reinbrandt würdig. Alts einem nahen Writshanse traten zrtr selber! Stunde drei berauschte Arbeiter heraus, die patrioiische Lieder sangen. Ich zeigte damals »reinen Gegnern diesen Kontrast und sagte ihnen: Ta habt ihr die Lösung der Juden frage! Wollt ihr mit Erfolg gegen die Juden anfkommen, so arbeitet wie sie, seid nüchtern und sparsam wie sie, dann habt >ibr nichts zu fürchten." Wie viel Wahrheit in dieser Gegenüberstellung liegt, die ein Minister irr einem jndenfeindlirhen Parlarnente zu rnachen wagte, kann man erst dann genau ersehen, wenn man das Leben und Wirken des jüdischen Proletariers in Nnmänierk wirklich näher kennt. Eine Nebertreibnng könnte man diesem rumänischen Minister schon deshalb nicht vorwerfen, da er ja seinem Volke den Rat erteilt, sich gegen die Inden dadurch zu behaupten, daß es ebenso fleißig und anspruchslos roie das jüdische Proletariat werde. Dieses so gelungene Bild des rumänischen Staatsmannes ist aber nicht alles, was uns das Leben der jüdischen Proletarier in RumäUien bietet. Es ist sehr wahr, daß der jüdische Arbeiter in der M o l d a n sowie in den w a l a ch i s ch e n Städten die gleichen Merkmale zeigt: sie sirrd a r beit s a m und in ä ß i g. Arbeitsam bis zu einem Maße, daß er rvahrend der Saison gar keine begrenzte Arbeitszeit kennt, m tt ß i g so sehr, daß er nicht einmal jeire Ansprüche erhebt, die heute schon der rumänische Arbeiter fordert. Unternehmen rvir einmal einen Spaziergang m einer beliebigen rumänischen Stadt, >vo eine größere jüdische Bevölkerung Hddt. Auf dein hohen Turin einer rumänischen Kirche erblicken wir einen Anstreicher, der aus der knpelartigen Spitze des mit Blech bedeckten Turmes ist, sein Handmerk verrichtet. Es gibt kein Gerüst. Er schwebt sozusagen in der Lust. Um das eiserne Kreuz ist ein Strick gebunden, im besten Falle eine Strickleiter, sie ist des Anstreichers Halt und Stütze in der schwindelnden Höhe. Mit einer Hand hält er den Strick fest, mit der anderen den Pinsel, mit dem er anstreicht. Gegenüber, ans einem neuen, stockhohen Hause, von dem das Gerüst schon fehlt, sitzt oder hält sich krampfhaft, fast an der äußersten Kante des Daches, ein Spengler, der die Rinnen anlegt oder lötet. Er beugt sich so stark vor, daß du jeden Augenblick fürchtest, er könnte in jener Höhe von einem Schwindel befallen iverden, sein Gleichgewicht verlieren und mit zerschmettertem Schädel ans dem steinernen Pflaster liegen bleiben. Wer sind diese zrvei Männer, die solche halsbrecherische Kunststücke wagen? Es sind bloß — „feige Jndeu". Das A n st r e i ch e rg e w e r b e und die S p e n g l e r e i sind in Numänien ausschließlich jüdisches Gewerbe. Willst du eine Spazierfahrt in einer moldanischen Stadt unternehmen, so bist du ans den jüdischen Kutscher angewiesen. Der Lenker eines Lastfuhrwerkes, der dort einen Sack Erdäpfel oder Mehl ans feinen breiten Rücken ladet, ist auch ein Jude, ebenso wie der Wasserführer und Wasserträge r. Soll ich noch an den jüdischen L a st trüg e r in den Hafenstädten erinnern? Schellen denn nicht die Juden jede anstrengendere Arbeit? Wenigstens behauptet es der internationale Antisemitismus und der rumänische, obwohl sich das Gegenteil vor seinen Angen abspielt. Und dennoch begegnet der Antisemit in Rumänien auf Schritt und Tritt Inden, von deren Gesichtern der Schweiß der Arbeit trieft und die dem Rnmänen alles bieten: Obst, Fische, Brot. Milch, Kohle, Petroleum, Ka>lk nsw. Um diese Ware zu verkaufen, rvird sie entweder auf einem Wagerl oder Karren anfgeladen ltnd vom Verkäufer gezogen, oder in zwei, an beiden Enden einer Holzlatte hängenden Körben, die am Genicke des Verkältfers festsitzt. Ist die Last noch so schwer, so muß er sie, fortwährend mit seiner heiseren Stimme ausrnfend. feilbieten. Der Jude ist der Lastträger nnd Ausschreier seiner Ware. Diese Leute haben einen spärlichen Verdienst. Sie und ihre Familien sind wahre Hunger k n n st l e r. Aber die Liste der jüdischen Proletarier erstreckt sich weiter. Sie sind irr fast allen K l e i ng e m e r b e n, sei es als Geselle, oder als Meister, der ohne Gehilfen arbeitet, zu finden. Deinen Anzug, deine Schuhe, deinen Hut verfertigt der jüdische S ch n e i d e r, S ch n st e r und H u tm a ch e r. Die Jassyer W e i ß w a r e n- und M ö b e l e r z e n g e r sind Juden. In der Moldau werden die Häuser von jüdischen Maur e r n aufgebant. ❖ ❖ * Drei Viertes der jüdischen Bevölkerung gehört gewiß dem Proletariate an. Sein Leben nnd Elend näher zu beschreiben, ist nicht unsere Aufgabe. Wir wollen heute nur darauf Hinweisen, welche sozialen Bestrebungen diese Menschen verfolgen. Aber nicht nur welche ihre jetzigen Bestrebungen sind, sondern auch welche Ambitionen sie in der Vergangenheit erfüllten und welche immense Arbeit rvir bei ihnen vorauszusetzen haben rvenn wir die unausweichliche Entwicklung des Landes ins Auge fassen. Bis in den achtziger Jahren ist uns nichts bekannt, was als ein Streben des jüdischen Proletariats gelten darf. Schon am Anfang der achtziger Jahre aber, d. h. kurze Zeit nach der neuen Verfassung und nach Schaffung der Änsuahmögesetze entsteht der A n s rv a n deruttgs -- drang nach A m e r i k a und Pakästiua. Der „Choivewe Zionismus" findet fast fanatische Anhänger unter den jüdischen Proletariern. Wie bekannt, ist die älteste Palästinakvlonie R o s ch P i n a h voll rumänischen Auswanderern gegründet worden. Als sich die Auswanderungsbewegung ein wenig dämpfte — sie ’ hörte keinen Augenblick gänzlich ans — begannen die verschiedenen politischen Richtungen um die Gunst des jüdischen Proletariats zil werben: die sogenannte Reserv i st e n b e w e g n n g, d. h. diejenige, die bestrebt war, das B tt r g e r r e ch t zu e rkämpfe n, die s o z i a l b e m v k r a t i s ch e Bewegung und endlich der politische Zion is m ns. Die 3! e s e r v i st e n b e w e g n n g wendete sich nur an diejenigen, die ihrer Militärpflicht nachgekvmmen waren, respektive an die jüllgere Generation. Obwohl die. Reservistenbowegung tüchtige Führer hatte, die alle der intellektuellen Klasse angehörten, gelangte sie nie zu einer weitverzweigten Organisation, die im Proletariate tiefere Wurzel fassen konnte. Die Reservistenfnhrcr strengten sich auch nicht au, ausgenommen bei der einen oder anderen besonderen Gelegenheit, wo es sich um Sammlung von Unterschriften für ihre Massenpetitionen handelte, mit dem Volke Fühlung zu finden. Die Bewegung rvar zu autoritär, zu militärartig eingelötet, es wurde zu wenig nach einer fortdauernden Organisation Gewicht gelegt, als daß sie sich zu einer Bolksb e rv e g u n g hätte entwickeln können. Und tatsächlich reichte schon der erste Schlag, den die Regierung dieser Bewegung versetzte, hin, sie gänzlich ansznlöseu. In der letzten Zeit erfahren rvir, daß die 3^seroistenbeivegnng wieder aufleben soll. Inwiefern es ihr heute gelingen wird, das Proletariat an sich zu reißen, muß vorläufig dahingestellt bleiben. Die Neservistenbewegnng hat immer das w i r t s ch a f t l i ch e M o m ent u nb e a ch t e t g v l a f se n und wollte rurr chu ideale, ihr einziges Ziel verfolgende Bewegung schaffen, die die Negierung von ihrem Unrecht gegeniiber den jüdischen Reservisten zu üb erzeugen bestrebt sein sollte. Daß ein solches Programm nicht genügend ist, um die Mitglieder einer Volksmasse dauernd aneinander zu schmieden, darüber wurden alle sozialen Bewegung eines Besseren belehrt. D ie f o z i a l d e m o k r a t i s ch e B e w e gung fand auch in Rumänien einen Widerhall. Sie wurde von den in Paris studierenden Rumänen nach ihrem Baterlande hinübergebracht, vergaßen nur, daß ihnen damals in Rumänien die Grundlage für eine solche Strömung, wie sie im Westen vorznfinden rvar, noch gänzlich fehlte. Die rumänische Industrie zeigte noch keine Spllren modernen Aufschwunges und das Kleingewerbe lag jast ausschließlich in den Händen der Juden und neu eingewanderter Bulgaren, Armenier, Griechen nsw., die im Lande als „Fremde" betrachtet waren urrd keinen Anspruch ans politische 3iechte haben konnten. Das nach Millionen zählende rnmüttische Proletariat rvar ausschließlich ans dem Flachlande ohne jedwelche Fühlung mit der städtischen Bevölkerung, Anderseits hatte das soztaldemokratifche Programm in jener Zeit zum ackerbautreibenden Proletariate noch keine Stellung genommen und ihr 9!ezept, bezog sich nur auf das industrielle, d. h. städtische Proletariat. tlnter solckieit Umständen mußten die jungen intellektuellen Sozialisten Irnmäniens, lvenn sie auch j»denfeindlich gesinnt waren. Stütze bei dem eben vorhandenen Proletariate, bei den Juden suchen Und die Sozialistenführer warben auch um Len jüdiifchen intettektuellen und indnstrietten Proletarier. Daß die intellektuelle jüdische Jugend mit Ettthusiasmtts sich den sozialtstischen Idealen hin gaben, darf »ns nicht wundern. Wendet sich doch der Sozialismus an die geistig und körperlich Bedrückten. Und der Jude ist bedrückt seit Jahrhunderten . . . Aber auch die jungen jüdischen Arbeiter in den aufgeklärteren Städten, wie Bukarest, Jassy, Galatz. Braila nsw., blieben gegenüber dem nach Freiheit lechzenden Sozialismus wicht taub, und fnllren die 3!eihen der spärlichen sozialistischen Armee. Wir müssen darauf aufmerksam machen, daß zu dlesen Zeiten das Geselligteitsgesühl noch nich^ so stark entwickelt war wie es heute ist. Der Soziakismns hatte noch mit dem großen Jndifferentismus der Arbeiter zu kämpsen, was heute nicht mehr der Fall wäre, slber alte Arbeiter, die in Rumänien Vorurteile überwiuden konnten, die geistig höher standen, wie die große Maße der Hungerleidenden und Barfüßlern also, alle liber das geistige Mittelmaß hinausragenden dlrbeiter, sammelten sich unter der roten Fahne. Der rumänische Sozialismus rief das S y nd i t a t e ll rv e s e n ins Leben. Die Zahl der Ehristen war so unbedeutend, daß mehrere Syndikate ch r i st c n r c i n waren. Die sozialistische Tageszeitung „L u m e a n o u a" (Die neue Welti war rast ausschließlich von Inden redigiert, und auch die Leser gehörten in der großen Mehrzahl mlserem Stamme an. Die Führer rvaren zum großen Teil Rumäne n und Reibungen kamen zivsischen Masse und Führer vor. Die intellektnellen Juden von Jassy bildeten eine Dissidenz und man war bestrebt, eine jüdische sozial i st i s ch e O r g a n i s a t i o n zu gründen. Zn diesem Zwecke erschien in rumänischer Sprache die „L u m i n a" (Das Licht). Die „Lnministen" wollten sogar eine I a r g o n z e i t u n g grünoen um den Sozialismus in die jargonfprechenden Massen hineinzutragen. Aber ihr Streben lvnrlre seitens der rumänischen sozialistischen Führer vereitelt. Es wurde ein schändlicher Verrat verübt. Man hetzte die Polizei auf nnd mehrere jüdische Sozialisten der Dissidenz sollten vom Lande verwiesen werden. Das war der erste 9!itz im sozialistischen Gebäude. AkS später der S o z i a l i st e n k o n g r e tz beschloß, den Sozialismlls auch auf dem Lande unter den Bauern zu propagieren, da erkannte die Regierung den Ernst dieser Propaganda. Denn solange bloß Juden und Fremde, die Anhänger der Sozialistenpartei waren nnd keine rumänischen Wühler, so kümmerte sich die 9kegierung kaum um diejenigen, welche am 1. Atai auf der Straße den Zug der „Marsellaise"-Sittgenüen bildete. Der rumänische Bauer sollte aber nicht erweckt werden. Und die Iiegiernng traf Maßregeln. Sie stützte sich auf die rumänische Verfassung, denn sie wollte gesetzlich vorgehen. Die rumänische Verfassung erkennt das volle Versammlnttgsrecht und die Preßfreiheit den „Rnmänen" zu, aber nicht den „Fremden", fügte der Mirrister des Innern, griechischen Ilrsprunges, P h e r e k i d e s, zu. Auf diese Weise wurde es allen Fremden respektive Inden verboten, Versammlungen abznhalten. Was man infolge der Bnkarester Studentenkralvalle den jüdischen Reservisten entzog, dehnte lwan einige Monate später auch ans die sozialistischen Klubs und Syndikate aus, die größtenteils ans Inden bestanden. Diese Unterdrücknug war nicht ohne Wirkung auf Jndeu ltnd Sozialisteu. Die sozialistischen Inden, die im internationalen und revolutiollärem Geiste erzogeu rvurden, enttäuscht in ihren idealen Bestrebungen, rüsteten sich zur Ausivandernng nach jenen freien Ländern, von denen man ihnen in den Klllbs so oft erzählt hatte. Die rimlünischen Führer ließen ihre Parteigenossen im Stiche und traten zu ihren Verfolgern, zur liberalen Partei, über, wo sie später Deputierte, Präfekten und Parteimänner rvurden. Die jüdische intellektuelle Jugenid, angeekelt durch das Vorgehen ihrer christlichen Kampfgenossen, zogen sich entweder vom agitatorischen Leben gänzlich zurück, oder rvurden Anhänger des nenentsiehendett politischen Z t on i s m n s. Der Z i o n i s rn n s kam znm jüdischen Proletariat, um ihn für seine Ideale zu werben. Die zionistischen Führer fanden sich in Wirklichkeit keinem Ärebenbllhker gegeniiber urid da hakten sie leichtes Spiel, die nicht ganz indifserenten nnd noch nicht ganz skeptischen Proletarier für die treue nationale Bewegung zu gelvinuen. Der Zionismus ist die erste Beivegnllg, rvelche die größte Zahl der jüdischen Proletarier für sich zn interessieren verstarld, und auch die lveitgehendste Organisation ins Leben rief. Der rumänische Zionismus leidet aber an zrvei Krebsschäden, die seine ganze E x ist e n z n n t e r g r a b e n. Die Ftihrer der Bewegung sind sehr redliche Leute, die für die Inden NumänienS viel ge-