Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Yolksblatt Nr. 7 leistet und schon als „Chowewe Zionisten" eine Rolle gespielt liaben. Aber es fehlen ihnen leider all' die Eigenschaften, die von. Führern einer Bewegung gefordert werden müssen. Sie haben den besten Willen, etwas zu schaffen, es fehlt ihnen aber ein tieferer Einblick und die Erkenntnis, die für jede Botksbe'wegiuig so sehr nötig ist. Ich will damit betonen, daß man außer dem reinen idealen Ziele auch eine auf den gegenwärtigen Bedürfnissen fußende Organisation, d. h. eine volkswirtschaftliche Unterlage ihren Anhängern offerieren nnlß, ohne welche jede soziale und nationale Bewegung zmn Tode verurteilt ist. Dies ist der zweite Krebsschaden, den man noch Zeit hat, gut zu machen, für dessen Ausführung lvtr aber nicht die mindesten Allzeichen vorfinden. Es ist wahr, daß die jüdischen Proletarier besser als ihre geistigen Führer verspürt haben, was ihnen Not tut und hie und da erstanden zivniftifche Hanöwerkerverbüride „Liga nl e s eziasilvr", die aber keinen weiteren Widerhall fanden, denen die zionistischen Führer keine Aufmerksamkeit geschenkt haben, und die aus Mangel einer leitenden und zielbewutzten Gedaukenrichtung zugrunde gingen. Eine Pvale Zion-Bewegung ist in Rumänien noch nicht bemerkbar. So lange sich niemand um den jüdischen Proletarier kümmert, so lange dem Zionismus keine .Konkurrenz zur Werbung des jüdischen Proletariats entsteht, ist nichts schlimmes zu fürchten, außer einer Indolenz, die heute schon zur Geltung kommt. Aber im Momente, lvo eine andere ernste Bewegung entstehen sollte, so wird der jüdische Proletarier nicht mehr blindlings feinen heutigen Führern folgen. Der jüdische Proletarier N n m ä n i e n s ist f ii r jederlll a n n z u h a b e n, der ihm zu gewinnen versteht. Das sollen sich die zionistischen Führer merken, die zu sehr ans dem nationalen Gefühl urrö ans der Ungerechtigkeit, denen der jü' ische Proletarier unterrvorssn ist, bau n wollen. Auß 'r eines nationalen Jnstinktgefühl s gibt es noch ein anderes, das Gefühl der u n - mittelbaren Verbesserung der gegenwärtigen Lage. Dies kann der Zionismus nicht versprechen, aber dies kann eher die neu erwachende Reservistenbewegung versprechen, dies kann die neu erwachende sozialdemokratische Bewegung versprechen, die infolge des neuen Strebens Rumäniens zur Entwicklung seiner Industrie und zur Einführung einer Großindustrie ein ganz anderes Menschenmaterial und eine ganz andere Grundlage vorfindet als vor 10 bis 15 Jahren, und sich ihr neue Aufgaben bietet. Von diesen zwei Richtungen her, die wir nicht näher besprechen können, ist eine Gefahr für den Zionismus vorhanden. Wer Augen hat, sott sehen, wer Ohren hat, soll hören. Außer diesen allgemeinen Strömungen regt sich nichts im Geiste des jüdischen Proletariers in Rumänien? Ja, es ist der Auswanderung s d r a n g. Seit 25 Jahren verlassen jährlich zahlreiche Familien ihr Geburtsland. Es war gewöhnlich ein langsam dauernder Abfluß. Man hat ihm keine Wichtigkeit zugefchrieben und diesen Drang totgeschwiegen. Man bemerkte ihn erst, aks die große Agrarkrise einerseits und andrerseits die gesetzlichen Verfolgungen, die seit 1887 chronisch geworden sind, größere Massen zur Verzweislung trieb. Früher pflegten gewöhnlich die Auswanderungskandidaten Tag ein Tag aus Groschen um Groschen zusammenzulegen, um die Fahrt nach dem Auslände zu unternehmen. Seit 1899 aber wollten auch diejenigen das Land verlassen, die nicht imstande waren, die Reisekosten leibst zu decken und keine Hoffnung hatten, solche ersparen zu können. Darum verspürte man auch in Europa die r u m ü n i s ch e A u s w a n d e r n n g, wie in an die r u s s is ch e o e r s p ü r t. Unter dem Drucke der Unmöglichkeit aber mußten viele Familien ihr Vorhaben unterlassen und nach Rumänien zurückkehren und dort zurückblerben, aber nicht ohne eine Reservatio m e n t a k i s — bei der ersten sich bietenden Gelegenheit den weiten Weg über den Ozean zu seinen Verwandten und Freunden aufzusnchen. Dieses Streben ist henke das einzige Ideal, das dem jüdischen Proletarier ohne Rast vorschwebt. Und dieses Streben nährt fortdauernd den Answanderungsdrang und dessen Ausführung. Wer sich retten kann, rettet sich. Wer im Lande noch bleiben will oder bleiben m n ß, ist heute Z i o n t st, wie er gestern Sozialist oder R e s e r v i st war, wie er es morgen wieder werden kann, wenn die Führer dieser Bewegungen tüchtiger sein werden, als die heutigen Führer des rumänischen Zionismus. Der „Bund" und der ZiouismuS. Hebetdieses Thema veröffentlicht Herr Josef Meller im „Roezmk Zydowski" (Jüd. Jahrbuch) einen ausführlichen Artikel. Die Arbeit wurde durch das Erscheineneiner Broschüre dos „Bundes", „Der Zionism" (Jargon) angeregt. Im folgenden bringen wir einen Auszug der Erwiderung des Herrn Meller alt bcn Verfasser des „Zionism". Das jüdische Leben in Rußland wird von zwei Parteien beherrscht: Vom Zionismus uuid dem „Bund". Die Zionisten sagen, daß sich alle Juden vereinigen müssen, damit sich die Ration politisch, ökonomisch und kulturell fortentwickle. Der „Bund" hingegen fordert das jüdische Proletariat auf, sich den Proletariern aller Länder anzuschließen, denn nur im gemeinsamen Kampfe gegen den Kapitalismus und dlirch die soziale Revolution, kann es sich bessere Lebensbedingungen schaffen. Tatsache aber ist nnb bleibt es, daß die Juden überall — abgesehen von ihrer sozialem Stellung — unter dem gleichen Drucke leidem liild zwar nur a l s I u d e n. Der „Bund" verwahrt sich entschieden dagegen, als eine nationale Arbeiterpartei betrachtet zu werden. Als Organisation der jüdischen Sozialisten stellt er in seinem Programme die Forderung aus, daß Rußland eine demokratische Republik werde, in der a u ch die I u d e n a l s eine nationale Körpers ch a f l ein Wort mitzureden haben sollen . . . In der letzten Zeit hat der Zionismus in Rußland immer weiter um sich gegriffen. Die jüdische Intelligenz hat in der Bewegung die Oberhand gewonnen. Nun sah sich der „Bund" genötigt, auf seinem vierten Parteitage zur nationalen Frage Stellung zu nehmen. Gegenwärtig steht der „Bund" einerseits — als revolutionäre Partei — im Kampfe gegen die russische Negierung, andrerseits im Kampfe gegen den Zionismus und gegen die Sozialdemokratie, die vom „Bund" — als „ckauvinistische", „reaktionäre" Partei -- nichts wissen will. Im Kampfe gegen den Zionismus veröffentlichte der „Bund" in seinem Organen „Der jüdische Arbeiter", „Ter Bund" und „Glos Bundu" eine Reihe von Artikeln. Außerdem erschienen einige Broschüren. Die wichtigsten sind: „Ter Zionismus" und „Ter 6. zionistische Kongreß in Basel". In der Broschüre „Zionism" mißt der „Bund" den Zionismus in folgende Leitsätze, die bekämpft werden mußten : 1. Die Zionisten wollen einen jüdischen Klassenstaat gründen. 2. Ihr politisches Ideal ist eine aristokratische Republik unter Oberherrschaft des türkischen Sultans. 3. Die Zionisten wollen für Geld ein Vaterland kaufen. 4. Die Zionisten, wollen den Antisemitismus dadurch beseitigen, daß sie einen eigenen Staat gründen. 6. Der Zionismus wurde durch den Antisemi tis mus h ervo rg eru fe n. 6. Das jüdische Königreich ist eine ideale Utopie der jüdischen Bourgeoisie. 7. Die Zionisten sagen, daß alle Juden dies e (bcn Interessen haben, also zusammeuhalten müssen. Das ist aber unrichtig. , 8. Das zionistische Gegenwarts-Programm besteht darin, die Juden für den jüdisch-bürgerlichen Staat vorzubereiten. 0. Der Zionismus hat es sich zur Ausgabe gemacht, das jüdische Volk physisch, ökonomisch und moralisch zu heben. Das ist ihm aber unmöglich. 10. Die Zionisten wollen eine Ktulur des jüdischen Volkes, ohne .Kampf mit dem Absolutismus, schaffen: 11. Die Zionisten glauben, daß nur ein jüdischer Staat die Kultur der Juden heben kann. 12. Die Zionisten fordern eine nationale Erziehung der Juden. Im Gegensätze zum zionistischen Programme stellt der „Bund" seine Forderungen auf: 1. Der „Bund", als Partei des jüdischen Proletariats, strebt eine Organisation des internationalen Proletariats an, um den Klassenstaat aus der Welt zu schaffen. 2. Der „Blind" verlangt in Rußland die Einführung einer demokratischen Republik. 3: Dieses Ziel lvill der „Bund" vereint mit dem russischen Proletariat erkämpfen. 4. Der „Bund" wird den Antisemitismus vernichten!. 6. Das politische Programm des „Bundes^ stützt sich auf den wissenschaftlichen Sozialismus. 6. Ter Sozialismus ist das Ideal des internationalen Proletariats. 7. Das Programm des „Bundes" für die Gegenwart ist die Vorbeveitilng des jüdischen Proletariats für den Sozialismus. 8. Dieses Programm entspringt der Ueberzeugung, daß das Judentumin Klassen eingeteilt ist. Ter Kllassenkamps ist aber unbedingt notwendig. 0. Das „Gegenlvarts-Programm" des „Bundes" ist der Kamps. 10. Der „Bund" wird das jüdische Proletariat pysisch, ökonomisch und moralisch heben. 11. Eine jü d i s ch e K u l t u r ist in Rußland mir möglich, wenn der Staat eine demokratische Republik lvird. Nur der proletarische Klassenkampf ist imstande, zur Entwickelung der jüdischen Kultur beizutragen. 12. Die Erziehung der Juden darf nicht nur national sein. Der „Bund" fordert mm zum Kampfe gegen den Zionismus auf, da dieser den Klassenkampf nicht anerkennt und so.die russische Regierung aber nicht die Juden schützt. Diesen Vorwürfen des „Bundes" stellt min Herr Meller folgende Erwiderung entgegen: Der Autor der Broschüre „Der Zionism" stützt sieh auf den Ausspruch Nordaus: „Der Zionismus ist eine Geldfrage" und gelangt zum Schlüsse, daß sich die Juden „für Geld ein Vaterland kaufen wollen". „Kein Volk hat sich jemals seine Freiheit mit Geld erkauft" meint der Verfasser. Nun möchten wilden Herrn fragen, wie das jüdische Volk, das vor 18 Jahrhunderten aus seinem Lande verjagt und in alle Erdenwinkel zerstreut wurde, mit Gewalt Palästina wieder erobern kann. Seit jeher hat das jüdische Volk von der Wiedererlangung Palästinas geträumt. Zu Ende des 17. Jahrhunderts ist bei vielen sogar der Gedanke anfgetaucht, wenn es sein muß, Palästina mit Waffengewalt wiederzuerlangen. Im 19. Jahrhundert schon iss in Rußland die Idee aufgetaucht, Palästina mit jüdischen Kolonisten zu bevölkern. Tie „I. C. A." wurde ins Leben gerufen, um die Kolonisation Palästinas zu fördern. „Warum sind die Juden in der zweiten Halste des 19. Jahrunderts nach Amerika und nicht nach Palästina ausgewandert?" fragt der „Bund". Nur die bitterste Not treibt die Juden zur Auswanderung. Was hätten sie in dem wirtschaftlich-vernachlässigten, von den Türken ausgebeuteten Palästina anfangeil füllen? In Amerika hingegen standen ihnen viele Hilfsmittel zu Gebote. Dort konnten sie auf Unterstützung der Kolonisationsvevciuigungcn rechnen. Daß trotzdem tausende jüdische Auswanderer, bevor sie ihr Weg. nach Amerika führte, vorerst Palästina arlfsuchten, ist ein Beweis, daß sie v o r e r st daran dachten, sich im Lande ihrer Väter uiederzulasseir . . . Der „Bund" behauptet, daß es den Zionisten unmöglich ist, die Kultur des jüdischen Volkes zu heben. Die Weltgeschichte zeigt uns, daß ein Volk sich nur dann entwickeln kann, weilir die Seele desselben sich in Sicherheit wiegt. Kaum haben die Jliden in Spanien aufgeaimet, als Geister wie M a i in o n i d e s, I e h u d a H a l e v y, G a b i r o l und I b n Esra auftraten. Im 19. Jahrhundert, als bei den Juden das nationale Empfinden erwachte und die hoffnungsfreudige Arbeit für die Zukunft ihren Anfang nahm, zeigtensich G ord o n, S m o l e n s k i, Brandes, A ch a d- H a a m, P e r ez, S ch a p i t er, Rosens e l d, Laza r.u s, H i r s ch e n b e t g usw. Das „Gegenwartsprogramm" der Zionisten bekämpft der „Bimd" aufs heftigste. „Die Feldarbeit der Juden iss unmöglich. Dr. Herzl hat keine Ahnung, daß die Juden in Rußland keinen Grundbesitz haben dürfen," heißt es imj „Zionism". Dr. Herzl dachte aber gar nicht an Rußland, sondern an Galizien und Rumänien. Der „Bund" lvill von einer Heimstätte dev Juden nichts wissen. Er richtet sein Augenmerk nur darauf, den Juden im Ghetto bessere Lebensbedingungen zu schaffen. Die zioniftischs Idee uud die Sehnsucht nach einem eigenen Lande wurzelt aber heute im jüdischen Volks schön sehr tief. Der „Bund" lvird sich dieser mächtigen Volksbewegung nicht enigegenstellen können. So wird er sich den Zionisten an schließen müssen, um dem unterdrückten Volke „eins rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina schaffen zu helfen".__ und Literatur". Dir Krilage zur nächsten Uummerr „Wissenschaft, Kunst