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Jüdisches Volksblatt · 1905-02-17 · 7 (17.2.1905) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
7 (17.2.1905)
Date
1905-02-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 7 Jüdische« Volksblatt Seite 3 Oesterreich durch Bildung eines jüdischen Volksrates aus den verschiedenen jüdischen Vereinigungen zu steuern. Derselbe hätte die Aufgabe, bei allen wichtigen, die Gesamtheit der Juden betreffenden Fragen und insbesondere bei den Wahlen für die verschiedenen Vertretungskörper ein entscheidendes Wort zu sprechen. Wenn man nun mitunter einwendet, die Entwicklung beweise, daß eine politische Organisation der Juden als Juden ebenso unmöglich sei wie eine moderne jüdische Volkspolitik, so muß darauf geantwortet werden, daß 1. die Zahl der Anhänger kein Maßstab für die Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Idee ist, daß 2. das Schicksal richtiger Ideen es immer war, von einer Minorität anfangs vertreten' zu werden und daß 3. die unter den österreichischen Juden immer mehr sich Bahn brechende Anschauung des Fernhaltens vom nationalen Hader und des Nichtanschlusses an die nationalen Kampfparteien -einen» Sieg der von uns vertretenen Anschauung bedeutet. Die Ziele einer modernen jüdischen Volkspolitik sind nach keiner Richtung chauvinistische, sie verwerfen vielmehr den Charwiirismus bei den Juden wie bei' allen anderen Völkern, sie schließen nicht aus, sondern' vielmehr ein alle Postulate des politischen und sozialen Fortschrittes, sie separieren uns also nicht, sondern schlagen vielmehr eine Brücke zu den Modernen aller Völker des Donaureiches. Eine moderne jüdische Volkspolitik verwirft eben nicht nur die Assimilation des jüdischen Volkes, sondern auch eine Nachahmung des andersnationalen Chauvinismus. Wir wollen kein Kanonenfutter der alten, überlebten' Parteien', kein Anhängsel andersnationaler Fraktionen mehr sein, aber das gleiche Recht, das wir für uns begehren, das fordern wir auch für alle anderen Nationalitäten, Konfessionen und Klassen. In diesem Sinne ist eine moderne jüdische Volkspolitik zugleich auch eine moderne sozialösterreichische Reichspolitik, — — — Eine moderne jüdische Volkspolitik in Österreich gipfelt also in der Synthese der Hei m - statt e, he£ jung ö sterreichisch e n Programmes und der Bodenreform. Politische Wochenschau. Ministerpräsident Gautsch hat in seiner jüngsten Budgetrede versichert, daß er „keinen neuen Kur" zu inaugurieren gedenke, aber — und dieses „aber" ist für uns sehr wichtig — er will von denn Rechte der Regierung auf „freie Entschließlmgen" ausgiebigen Gebrauch machen'. Nun denn, diese „freien. Entschließung brennen... Und der Winter faßt seine Sache ganz ernst an. Ueberall mangelt's an allem, die wahre Not... Nicht genug der Krisis, der Weltkrisis, durch welche man nicht einmal die Kopeke zu verdienen imstande ist, steht der Krämerladen ohne Kram, der Handwerker ohne Arbeit und die Fabriken sind halb geschlossen ... Nicht genug, daß der Krieg fast jeder Familie ein Kind, einen Bruder oder einen Verwandten entrissen, jede Familie um ein Stück Leben und um die ganze Ruhe gebracht hat, wenn man bei uns Juden überhaupt noch von einer Ruhe sprechen kann ... Nicht genug, daß die Mobilisierung der Ersatzreserven das jüdische Leben in finstere Nacht gestürzt, Frauen rmd Kinder zu Witwen und Äaisen. gemacht und Eheleute, die, sich einander freuenb in bescheidenem Glücke, die gemeinsame Not ertrugen, jählings voneinander geschieden hat ... Nicht genug an den übrigen jüdischen Freuden, die uns der Homeler Prozeß und die neuen kleinen Pogroms bringen . ,. Nicht genug an alledem, hat uns Gott mit eurem Winter gesegnet, mit einem schrecklicher: Winter, mit gliedererstarrenden Frösten... Und die Not der armen Leute ist groß; man gewöhnt sich langsam das Essen ab; man ißt Hering nnftcitt Fleisch, Kartoffel für Brot und so gewöhnt man sich, der: Hunger für Sattheit zu nehmen, indem man dem Magen einredet, daß er sich schon sattgegessen gerr" der Regierung sind bereits überall dorr im Reiche, wo die Inden m größeren Massen leben, in sehr empfinldfamer Weife fühlbar. Es lväre Pflicht der wenigen „jüdischen" Abgeordneten im Reichsrate, die Regierung darauf aufmerksam zu machen, daß diese „freien Entschließungen" nicht mit den Staatsgrundgeschen in Widerspruch geraten dürfen, und daß die Staatsgrundgesetze sozusagen auch für die Juden Geltung haben — sollten'. Die Krise in Ungarn wird früher oder später eine Lösung finden! müssen!. Me Schwierigkeit der Lösung besteht hauptsächlich darin, daß die einzelnen Parteien der Koalition nunmehr auf ihren Lohn für ihre Mithilfe an dem Sturze der libcraleir Partei fordern', und diese Forderungen! nicht unter einen Hut gebracht wirden können. So präsentiert nun auch die a n t i s e m i t is ch e V o l k s p a r t e i ihre Rechnung, in welcher klipp und klar verlangt wird, daß bas neue Kabinett einett starken klerikalen Anstrich erhalte und auf «biefe Weife die „christliche" Politik der Partei verbreite. Sollte dies nicht möglich feinso wird sich die Volkspartei eher für die neuerliche Auflösung des Hauses einsetzen als einer friedlichen Lösung zustimmen, bei welch!er!d,er Partei nicht eine entscheidende Rolle zufällt. Ob die Juden sich dessen bewußt sind, welche Folgen! es für sie haben wird, wen n den Wünschen der Volkspartei Rechnung getragen wird, ist sehr zu bezweifeln, denn sonst hätlen sie sich! gegen eine Koalition mit dieser reaktionären Partei mit allen Kräften entgegengestellt. Aus derzionistischenBewegung. Ein Rundschreiben vom Führer der deutschen Zionisten. Der Vorsitzende des deutschen Zentralkomitees, Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer, hat soeben an die Mitglieder des Zentralkomitees anläßlich der Sitzung des großen A.-C. vom 4. Jänner d. I. -ein Rundschreiben erlassen, in welchem es unter anderem heißt: „Es ist unrichtig, wenn in der Presse die Meinung Ausdruck findet, , daß im A.-C. d:e Frage des Sitzes der neuen Leitung irgendwie und inirgend einen: Sinne erörtert worden wäre. Diese Frage wurde vielmehr ausgeschaltet, um eine neue Organisation auf solcher Basis zu schassen, daß dieselbe nicht an den Sin in einer bestimmten Stadt notwendig gebunden ist. Um die Möglichkeit zu haben, den Sitz auch' an einen anderen! Ort als Wien zu verlegen, wurde die Zahl derjenigen Mitglieder des A.-C., welche am Sitze desselbenwohnen müssen, auf drei beschränkt, während zwei außerhalb des Sitzes wohnende Mitglieder des großen A.-C. hinzngeivählt werden können. habe. .. Man gewöhnt sich auch allmählich an die „guten Nachrichten", an die lieblichen Brieflein mit den roten Stempeln, die alle heilige Zeit einmal vom Sohn, vom Bruder aus der Mandschurei kommen. Was kann man am Ende machen? Man hat ein Mitglied der Familie an die Ersatzreserve verloren — läßt sich etwas tun gegen diese allgemeine Not? Genau so steht's um die Auswanderung .. . Wer weiß, vielleicht schickt Gott d o rt irgend ein Stückchen Glück zu?... Ihr wißt doch, mit der Not und dem Unglück steht es so: entweder sie gehen euch aus dem Wege oder man gewöhnt sich an sie... Aber Kälte, bittere, eisige Kälte, lähmender Frost: das sind Dinge, die nicht zu ertragen sind. Nun, ihr Brüder imb Schwestern, die ihr noch warme Stuben rmd warme Kleider habt, gebt acht, um Gotteswillen, daß diese Kälte, dieser mörderische Frost nicht in euer Herz einziehe, denkt an sie, die wohl keine warme Stube und keine warmen Kleider, aber ein warmes Herz sich bewahrt haben. Wißt ihr, Brüder und Schwestern, es ist kalt um uns herum, Gott bewahre uns davor, daß auch unser Herz erkalte!... (Wird fortgesetzt.)' Buntes Feuilleton. Das alte Prager Ghetto. Vom „Klub za storou Prahu“ (Klub zur Erhaltung dealten Prag) wird der »Politik“ geschrieben: Die Erfreulich ist es, daß die Palästinakmnmissio 11 sich eifrig mit der praktischen Arbeit in Palästina befaßt, so daß der Dreizehnerausschuß Gelegenheit hatte, verschiedene Palästina betreffende Unternehmungendurch seine Beschlüsse zu fördern. Selbstverständlich ist an der: Geschichten, daß die Leitung nach London komme, weil sich Hans Herzl dortselbst befinde, kein wahres Wort, da nicht einmal die Tatsache wahr ist, daß .Hans Herzl zum Zwecke seiner Erziehung in England ist. Geldeinzahlungen für die Zentralkasse der Partei sollen von jetzt ab bei der. K'olonialbank erfolgen. Die Furcht vor dem Territorialismus braucht nicht übertrieben zu werden. Die zionistische Bewegung ist durch, ihr Programm auf eine so sichere Grundlage gestellt, das Ziel so klar gesteckt, daß nicht zu befürchten ist, daß sie durch eine wie immer geartete Gegenwartspolitik von ihren Zielen abgelenkt werden könnte. Wenn, wie wir zuversichtlich hoffen, im Laufe dieses Jahres die Ostafrikafrage für uns endgültig erledigt sein wird, können wir mit erneuten Kräften uns dev politischen und praktischen Arbeit für Palästina widmen." Pioniere für Uganda. Der Streit nw Uganda nimmt auf dem Kontinent bekanntlich viel größere Dimensionen an als jenseits des Ozeans, wo die Anhänger des Ostafrikaprojektes in viel größerem Maße vorhanden sind, als in Europa. Sicherlich die interessanteste und jedenfalls wertvollste Sympathiekundgebung für das Ugandaprojekt liegt in dem Briese, welchen sechs Zöglinge der Baron Hirsch'schcn Schule für Agrikultur in der jüdffchen Kolonie von Wooldbine an ein amerikanisches Blatt gerichtet haben. Der Brief lautet in wörtlicher Uebersetzung folgendermaßen: Als Zöglinge der Baron Hirsch'schen Schule für Bodenkultur erlauben wir uns an Sie diesen Brief zu richten: Wir sind Zionisten und haben mit großem Interesse all die Bestrebungen unserer großen Führer behufs Gründung eines jüdischen Staates irr Uganda verfolgt. Wir sind entschlossen, die ersten Pioniere in Uganda zu sein. Wir glauben, daß die ersten Pioniere abgehärtete, kräftige, mutige und selbstbewußte Farmer sein müssen, rvelche die Hoffnung auch im eventuell ungünstigsten Falle nicht aufgeben. Nun denn, wir sind Farmer, welche Mit diesen Eigenschaften ausgestattet sind, und sind bereit, uns für unser künftiges Land zu opfern. Unsere Erfahrungen auf dem Gebiete der Landwirtschaft varliieren zwischen drei und elf Jahren. Unsere Kenntnisse auf diesem Gebiete sichern uns ein ruhiges Fortkommen in dem Lande, in welchem wir jetzt leben, aber unser Nationalgefühl drängt zu diesen: Schritte und wir bieten uns Hiermit für dieses große Unternehmen an. und ersuchen Sie, bei den großen zionistischen Gesellschaften dahin wirken zu wollen, daß sie uns zur Durchführung verhelfen mögen.. Wir zeichnen ergebenst Wooldbine, den 16. Januar 1665. Benjamin Retnitz, 19 Jahre alt, geboren in Ungarn, Isaak Lifciis, 19 Jahre alt, geboren in New York, Samuel Jonas Alkalay. 25 Jahre alt, geboren in Jerusalem, Jakob Weber, 25 Jahre alt, geboren in Odessa (Rußland), Moses Azancot, 21 Jahre alt, geboren in Marokko, und Josef Forman, 19 Jahre alt, geboren in New dort City. Assanierungsarbeiten sind in letzter Zeit so weit vorgeschritten, daß man demnächst zur definitiven Lösung der Frage bezüglich Herrichtung der Umgebung der Altneusynagoge schreiten muß. Heute steht dieses historisch wertvolle Bauwerkaus dem 14. Jahrhundert noch inmitten eines der interressantestcn Winkel des ehemaligen Prager Ghettos. Neben ihr erhebt sich seit 250 Jahren der groteSk-reizvolle Bau des jüdischen Rathauses mit seiner ernsten Fassade und seinen bizarren Türmchen. Diese Bauten, sowie ihre Umgebung, die Altnensynagoge ausgenommen, sollen nun demoliert und die neue Gasse um l1/» Meter erhöht werden. Die vereinsamte Synagoge wird dann 3 Meter unter das Gassenniveau zu liegen kommen. Da nun die Befürchtung besteht, daß auch das jüdische Rathaus, welches in einem historischen Zusammenhangs mit der in Rede stehenden Synagoge steht, verschwinden soll, hat der „Klub za starou Prahu“ beschlossen, alles zu unternehmen, um diese Bauwerke, das jüdische Rathaus und die benachbarte Hofsynagoge, wenn schon nicht den ganzen Rest des ehemaligen Prager Ghettos, zu erhalten. Weiter müßte auch das Niveau der Gasse, die Baulinie der Blocks, die Höhe und der Baustiel der hier zu erbauenden Häuser mit Rücksicht auf die drei denkwürdigen Bauten zur Lösung gelangen. Am besten ließ sich diese Frage dadurch lösen, daß mau einen Konkurs ausschreibt, welcher sicher manchen gesunden Gedanken zeitigen würde. Der genannte Klub hat sich mittels einer umfangreichen detaillierten Denkschrift an den Prager Stadtrat gewendet, bisher aber noch keine Antwort erhalten. Weiterhat der Klub auch eine Reihe israelitischer

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