Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdisches Volksblatt Nr. 7 sitze da und höre die Schmähung meines Volkes all, ich fühle, wie das Blut aus meinem Körper weicht, wie wenn man mir einen Dolch ins Herz gestoßen hätte. Auch meine Kameraden ätzen da, verwundert über den antisemitischen Redller in der Kaserne, und als der Hauptmann bemerkte, daß sein Vortrag bei seinen Schülern Staunen errege, begann er nun auch den Grund zu erzählell, welcher ihn zu dieser Auseinandersetzung bewog. Gestern, begann nun der Haupt-- mann wieder, las ich in einer Zeitung, daß der jüdische Abgeordnete Resel an einen im 7. Dragoner-Regimente dienenden Soldaten einen Brief richtete, in welchem er u. a. schrieb: Lieber Freund! Schreibe mir, wie die Offiziere mi t euch umgehen, ob sie sich Ungesetzlichkeiten gegen euch 51t Schulden kommen lassen, und ich will eure Sache im Parlamente vertreten und eure Lage dadurch verbessern. Nun sprach der Hauptmann mit gehobener Stimme: Sprecht mm die Wahrheit und fürchtet euch nicht, geht es euch hier etlva schlecht, habe ich gegen euch ungesetzlich gehandelt während der zwei Jahre, während ich euer Vorgesetzter bin, was will nun dieser blöde Jude, der nicht einmal den Stuhl wert ist, den er im Parlamente einnimmt." Nnir begannen auch ineine Kameraden mit Fingern auf mich zu zeigen, indem sie riefen: Hast im gehört, was der Hauptmann über die Inden sagte? Hast du's gebärt? Zweifellos sind seine Worte wahr. Ich konnte nun nicht mehr an mich halten, lind rief zurück: Hätte Klofac oder Schneider etwas ähnliches getan, es wäre den: Herrn Hauptmann sicherlich nicht eingefallen, dafür das ganze tschechische oder deutsche Volk verantwortlich zu machen. Als der Hauptmann hörte, daß jemand während des Vortrages spreche, rief er zornig: Wer wagt >s, hier zu sprechen, wenn ich vor euch stehe? Ich erhob mich nun furchtlos und antwortete: Ich war's, Herr Hauptmann! Was hast du hier zu reden, schrie er mich wutschnaubend an. Sie, lautete die Antwort, was haben Sie hier 31t reden, wenn ich mit den Leuten Schule habe. Ich werde Sie einsperren. Morgen zum Rapport. Ich erschien beim Rapport und kam diesmal mit einer strengen Rüge und einer Strafandrohung für den Wiederholungsfall davon." Dieser Brief, dessen Autor bekannt ist, ist sicherlich ein sehr interessantes Dokument dafür, daß der Antisemitismus in unserem Heere nicht so sehr in der Mannschaft lebt, als vielmehr durch die Offiziere gezüchtet und großgezogm wird. Da ist rasche Hilfe dringend geboten, will man nicht, daß die besten Kräfte unseres Volkes unter militärischer Unduldsamkeit körperlich und seelisch verkommen. daS will ja auch Kraus, anuehmen wird, da muß er seinem kulturellen Charakter nach, ganz abgesehen vom wirtschaftlichen Moment, in erster Lime nati 0 nals 0 zial sein. Wohlgemerkt, nationalsozial, nicht nationalsozialistisch. Es handelt sich nicht darum, daß der wirt^aftliche Sozialismus ganz in den Vordergrund tritt, Wohl aber der soziale Gedanke. Dieser soziale Gedanke war — und hiermit wahrt der Zionismus die historische Kontinuität vollkommen — schon rm Altertum in embryonaler Gestalt bei den Juden vorherrschend. Die Juden, dieses älteste Volk oer modernen Periode und das moderniste Volk des Altertums, können stolz darauf sein, daß das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit sie beseelte zu einer Zeit, als die moderne Wirtschaft noch so unentwickelt war, daß sie diesem Grundgedanken nicht die heutige Gestalt geben konnte. Moderner Zionismus braucht nicht mit Naturnotwendigkeit nur proletarische Elemente zu umfassen, aber auch die bürgerlichen Gruppen innerhalb desselben dürfen in keiner Weise politisch-reaktionäre oder wirtschaftlich-reaktionäre Forderungen irgendwie identifizieren. Selbst wenn — und dies kann nicht scharf genug betont werden— in Zukunft das jüdische Proletariat nicht ein immer ausschlaggebender Faktor werden sollte (und diese Annahme liegt doch so nahe!!), so tvürde die obige Auffassung die allein richtige fein müssen, denn die Reaktion, insbesondere die politische Reaktion, verträgt sich nicht mit -dom zionistischen Kulturideal, und darauf kommt es in der Hauptsache allein Gedanken über eine moderne Mische Bolkspolitik in Oesterreich. Von Dr. Hermann Kadisch. (Schluß.) Eine moderne jüdische Volkspolitik muß vor allein zwei Fehler vermeiden: einerseits darf sie nicht die Existenz einer universellen Judenfrage ignorieren, und andrerseits ebensowenig deren engen1 Zusammenhang mit den nationalen und sozialen Kämpfen der Gegenwart übersehen. Schon das Vorhandensein einer Judennot fast in allen Kulturstaaten beweist die Existenz einer universellen Judenfrage und die Pflicht aller Juden, solidarisch an deren Lösung zu schreiten. Diese Solidarität darf sich daher nicht auf die Bekämpfung des Antisemitismus beschränken,, der ja nur ein Symptom des Vorhandenseins einer Judenfrage ist, sondern muß sich vielmehr auf alle jene Bestrebungen erstrecken, die, synthetisch vereinigt, die Renaissance des gesamten jüdischen Volkes bezwecken. Die ethische Erziehung unserer Volksgenossen, die Wirt scha fttich-p olitische Bewegung, die Kulturerneuerung und die Erlangung einer Heimstätte sind als unerläßliche Vorbedingungen dazu gleich wesentliche Bestandteile einer zeitgemäßen jüdischen Volkspolitik. Die jüdische Renaissancebewegung hat also Ziele, die spezifisch national sind, aber auch solche, die internationaler Natur sind, welche die Modernen aller Volksstämme ausstellen und in der Forderung der physischen, geistigen und wirtschaftlichen Hejbung der Massen gipfeln. In denr P 0st u l a t e n a ch einer Äens ch e n- und G e s e l l s cha f t s r e f 0 r m muß eben vollständige Harmonie zwischen den Modernen aller Nationen und Stände herrschen. Eine jüdische Bolkspolitik muß also besonders die österreichischen Juden darüber aufklären, daß sie sich betätigen müssen als Söhne ihres jüdischen Volkes, als Kulturmenschen und als österreichische Staatsbürger. Im Artikel '1*) 'habe ich nun die Stellung einer modernen jüdischen Volkspolitik zum österreichischen Problem, zu den staatsrechtlichnationalen Kämpfen in beiden Neichshälstm in knappen Umrissen skizziert und bin für die Förderung einer jungösterreichischen, sozialösterreichischen Reichspolitik durch die österreichischen Juden eingetreten. In meinem Artikel 2**) habe ich die einzunehmende Haltung *) Nr. 51, 1904.! **) Nr. 2, 1905. ' an. m Der moderne Zumismus kann bei aller Zurückweisung klerikaler Uebergriffe sich .ut religiösen Gruppen und Richtungen sehr Wohl vertragen, denn Religion ist und bleibt für die Zionisten Privatfache. Wir ehren die religiösen Empfindungen, wenn wir sie auch nicht teilen können, aber mit der politischen oder wirtschaftlichen Reaktion steht es anders, sie ist selbst in gemilderter Form imverträglich mit dem Grundgedanken der Renaissancebewegung, da die Fluten eines echten Konservatismus die Dämme des Kulturideals niederzureißen drohen. Wo tiefe seelische Erlebnisse, wo Grundempfindungeu in Betracht kommen, da ^ovf es keine Kompromisse und Konzessionen geben. Ich habe diesen Gedankengang deshalb so scharf entwickelt, weil ich glaube, daß gerade in dieser Beziehung selbst bei unterrichteten mb kultivierten Geistern vielfach Unklarheit herrscht. Man kann hier nicht ausführlich genug fein und muß jede Gelegenheit benütz-m, um diese innere Unverträglichkeit auch plastisch genug hervorzuheben. Doch dieser kritische HaupteüUoand — ich hätte noch verschiedene andere Dinge von andere-, allerdings geringerer Bedeutung auszusetzen — kann mich nicht hindern, anzuerkmnen, daß Kraus eine anregende und lesenswerte Broschüre geschrieben hat. Dv. Paul Weisengrün. gegenüber der sozialistischen Bewegung präzisiert und die Unterstützung der fveisozialistischen, der B 0 d e n veformbewegung, gefovdÄ, die seit den Vorträgen Adolf Damaschkes in Wien, Brünn, Prag, Teplitz immer weitevo Kreise auch in Oesterreich zieht. Es erübrigt jetzt mir nur die Beantwortung der Frage, warum in Oesterreich unsere Bewegung so langsam fortschveitet und was in Zukunft geschehen muß, um mit größerem Erfolge unseren, Ideen iu den jüdischen Volksmassen Eingang zu verschaffen. Die oberste Vorbedingung dazu bildet! Klarheit und Verständnis unserer Volksgenossen für die jüdisch nwdernen Bestrebungen. Diese Klarheit zu schaffen ist die Aufgabe der bisher unterbliebenen p 0 l i t is ch e n Erz i c h u n g durch eine den Anforderungen der Zeit und den staatlichen Verhältnissen angepaßte Organisation der Juden Gesamtösterreichs. Eine solche gewaltige Aufgabe konnte bei der relativ kurzen Zeit, seitdem es in Oesterreich eine jüdische Renaissancebewegung gibt, und bei dem Mangel an Arbeitskräften, die zur Verfügung standen, nicht erfolgreich gelöst werden. Allzugroß ist die Zerklüftung und die Um klarheit unter den Juden Oesterreichs, die logische Konsequenz von mißverstandenen Schlagwörtern>. In kaum einem Dezennium ist es unmöglich, traditionelle Vorurteile, die bei den Juden sich eingenistet Haben, zu überwinden, und doch muß der Tyrannei der Phrase, die die Geister in Juda beherrscht, der Krieg erklärt werden. Wir müssen zur Synthese aller der Thesen und Antithesen schreiten, die von den verschiedenen Fraktionen, unter den österreichischen Juden bisher ausgestellt wurden. Kein Nebertünchen wirklich vorhandener Gegensätze, aber auch keine künstliche Erzeugung von solchen, die nur in der Einbildung einzelner oder als Folge der Korrnmpierung der Begriffe bestehen, keine Ignorierung des faktisch vorhandenen Jdeenkreises des jüdischen Volkes, aber ebensowenig Unterordnung unter die kompakte Majorität. Anknüpfung an die bestehenden, Organisationen und Programme, aber nimmermehr Erdrosselung der lebendigen Bedürfnisse des jüdischen Volkes reformbedürftigen Organisationen und Programmen zuliebe. In necessaris unitas, in dubiis libevalitas, in omnrbus caritas wollen wir an die Arbeit gehen und unser einziger Leitstern sei die Renaissance unseres jüdischen Volkes, die Wahrung unserer nationalen, aber auch unserer Einzelindividualität der oberste Programmpunkt. Unter Wahrung dieses Gesichtspunktes ist es vielleicht auch, möglich, der ungeheuren Zerfahrenheit des jüdisch-politischen Lebens in Russische Stimmungsbilder. Bon Jakob Krausz. Liest man jetzt die jüdischen und hebräischen Blätter, welche aus Rußland kommen, so wird man sich des Gefühles nicht erwehren können, daß das Zittern, das den riesigen Reichskörper. Rußland genannt, seit einem Jahre zum Wanken gebracht, die Extremitäten dieses Körpers, die Juden im Reiche am heftigsten erfaßt hat. Man sieht förmlich das Zucken, das durch die schlaffen Arme dieses ungeschlachten Kolosses geht, wie der Krampf die Hand zur Faust ballt, wie die schlotternben Knie einknicken, und man lernt all die erschütternden Ereignisse verstehen, welche, vom Norden her kommend, in der ganzen Welt dröhnend widerhallen. Es sind nurrhapsodisch kurzeStimnumgsbilder, die ich irr der jüdischen und hebräischen Presse zusammengelesen und meinen westlichen, in leidlicher Freiheit lebenden Brüdern hier vermittle, aber sie sind beredt wie das Leid und die Not unserer Stammesbrüder im Ostern Die erste Skizze habe ich dem Petersburger „Fraind" entnommen, der sie unter dem Titel „Was gehört, was gesehen" gebracht hat. Winter. Der liebe Gott liebt es nicht, lange Schuldner zu bleiben. Der vorjährige Winter war schwach, nun, so zahlt er es uns in diesem Jahre mit Zinseszinsen zurück . . . Und die Fröste