Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ardakkivn: JX/l, Servilrngastv 4. Telephon Nr. 14723. Sprechstunde»: An Wochciitanen von 4 bis 6 Uhr nachm. Postadresse: Jüdisches Bolksblatt, Wien. 1X|«. gertlnveräen wegen verspäleier oder gar nicht erfolgter Znstellilng erbiiren wir »ns drinaend. — kvsnirrirrlple werüe« niedr LnrScstgerteiit. Postsparkassen-Konto 847037. In das Abboncment kann man täglich eintreien. Erscheint jeden Freitag. Sigeeiiimr >>«I> Hlmrgrlier: Ioilod Kraesj. Inserate übernehme» difirmen: M. Onkes Nachf., ljaascnstein «- Vogler, Rudolf Messe, M. pozsonyi, A. Schalek in Wien, ferner alle Annoncen» Expeditionen im Ausland«. Einzel-Nummer in Wien SV Heller. a Administration: IX/1, Seroitengafle 4. Telephon Nr. 14723. 2l b o » u e m e n t s - Preis: Für Wierr u. Oesterreich- Ungar» s. Frankozustellung: Ganzjährig . . . . K 12.— Halbjährig . . . . K Bierieljährig . . . K 6.— 3 - Für das gesamte Ausland samt Franlozustellung: Ganzjährig ... X 13.83 Halbjährig Vierteljährig 8.33 3.42 Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenonmien werden: Hermann Goldschmidt, Wien, J1/3, Untere Augartenstraße v; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse. Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Uv. 7 Wien, 17. Februar 1903 (12. Adar 5665). VII. Jahrgang. Achtung t Seit 6. Februar befindet stch die Redaktion und Administration unseres Mattes 9. Sex., Seruitengaste 4. — Antisemitismus im Heere. Im österreichischen Parlamente herrscht eitel Freude darüber, daß es endlich gelungen ist, in die Budgeloebatte einzntreteil. Bekanntlich bietet in konstitutionellen Staaten die Budgetdebatte den einzelnen Rednern Gelegenheit, die einzelnen Teile der Staatsverwaltung _ einer eingehenden Kritik zu unterziehen. Tatsächlich machen die einzelne:: Parteien voll diescnl ihren: Rechte ausgiebigen Gebrauch, und fordern Abbilse für erlittenes oder vermeintliches Unrecht Nur wir Inden sind in diesen: Parlamente so gut wir gar nicht vertreten und daher konnnt es,'daß gerade derjenige Teil der österreichischen Staatsbürger, welcher ans allen Gebieten: dem sozialen, Wirtschaftlichei: und pvlit-ische>: am meisten bedrückt wird nnd die größten Ungerechtigkeiten über sich ergehen lassen muß, in diesenl Parlamente gar nicht/ zu Worte kommt, so daß es bei den Uneingeweihten de:: Allschein erwecken muß, als db die Juden, in Oesterreich auch in Wirklichkeit keinei: Grund zur Klage Hätten. Ja noch mehr, während die Juden im. österreichischen Parlamente sich weder verteidigen können, noch in die Lage konunen, ihre gerechten Forderungen zu formulieren, werden sie von den Anti- Feuilleton. Sozialismus nnd Zionsmns. Herr Otto K raus*) konnnt mit seiner kleinen Schrift 31t rechter Zeit. Freilich glauben gar manche, daß die Beziehung zwischen den: Sozialismus nnd der großen modernen Renaissanee-Bewoguug des jüdischen Volkes ein vollkommen erschöpftes Thema sei. Jedoch sie irren«! Gerade in unseren Tagen, wo eine Revisiol: des Zionismus vor sich geht, tut es doppelt not, eir:e möglichst große Klarheit in diesen komplizierte!: Dingen zu schaffen. Herr Otto Kra us offenbar sich in dieser Broschüre — um mit der forinalen Seite 311 beginnen — als ein durchaus sympathischer Stilist. Es geht ein angenehmer lind durchaus vornehmer Toi: durch diese weiü-gei: Seiten-. In knappen und klaren Worten setzt sich Kraus nm dem Abgeordneten Daszynski allseinander, der bekanntlich auf dem Parteitag der polnischen Sozialdenwkratie behauptet hatte, es gebe keine jüdische Nation. Er lveist nach, wie der antinationale Sozialismus sich langsam und allmählich zn einer Verständigung mit den uatlonalen Bestrebungen lind Aspirationen emporrafft. Er lveist darauf hin, daß die Hauptsache die Stärke der nationalen Empfindungen sei llnd daß ans jeden Fall nicht geleugnet wer- *) Otto L>traus: „Sv.ziatisnuls uit-5 Zivuis- Nlus". Jüdischer Buch- und Kunstverlag Brünn IE. sen.iten in niedrigster Weise angefugelt und als diejenigen hingestellt, welche nicht nur die innere, sondern die Gesamtpolitik der Monarchie beherrschen und beeinflussen. Wir hatten erst in voriger Mmmer Gelegenheit, Fälle anzuführen, welche als Beweis dienen können dafür, daß un'er Auswärtig.s Amt alles eher als judenfreundlich ist. Heute sind wir in der traurigen Lage, uns wieder mit dem Antisemitismus in unserem Heere beschäftigen zu müssen. Der Antisemitismus in unserem Heere ist keine Einzelerscheinung. Cr beschränkt sich nicht auf einzelne Regimenter, auch nicht auf einzelne Gegenden. Er wird auch offen eingestanden, und der Jude, der in sich Lust und, Eignung verspürt, sich, dem Militärdienste zu widmen, und auch die Fähigkeiten fi"'r diesen Dienst mitbringt, muß sich bald überzeugen, daß all seine Vorzüge nicht ausreichen, seinen Geburtsfehler wettzumachci:, und mul; es sich gefallen lassen, daß er, der bereit ist, für die Fahne, nnier welche er sich gestellt, Wohl sei: Blut vergießen darf, aber gerade ivegei: diesen jüdischen Blutes, das in seinen Adern fließt, nur Zurücksetzung, Hohn und Verfolgung zu erleiden hat. Die Fälle vor: Czernowitz und Krakau, wo jüdische Soldaten, in beiden Fällen intelligente junge Leute, die mit Liebe und Eifer an ihrem Soldatenberufe hingen, aus Verzweiflung ihren: Lebeu ein Ende lnachten, sind noch in aller Erinnerung. Damals versuchte man die Sache zi: vertuschen. Heute liegt uns ein Brief eines gegenwärtig aktiv dienenden jüdischen Soldaden könne, daß gerade in den proletarischen Massen des Ostens die Intensität der nationalen Empfindung sich immer kräftiger zn regen beginnt. Der Tenor seiner Ausführungen geht dahin, daß Zionismus und Sozialismus weit davon entfernt, etwa tiefe Gegensätze zu fein, sieh ganz gut miteinander vertragen könnelr und daß infolgedessen die sozialdemokratische Partei sehr unklug handelt, wenn sie vonvornherein gegen die bewußtei: nationalen Elemente des jüdischen Volkes anstatt. Man lnivbsicherlich ruhig diesem Grundgdauken beipflichten können, ohne in allen Nüaueieruiigen dieser Idee mit Kraus sich zu identifizieren. Hierbei kann nicht scharf genug betont werden, daß man ihm schweres Unrecht tim mürbe, wenn mm: ihm eine mangelhafte theoretische Begründung oder gar das Skizzenhafte seiner Ausführungen verwerfen würde. Er selbst hat von vornherein ans eine ins Allgemeine gehende abstraktere Formulierung verzichtet, und man« kam: andrerseits von einer so fieinem Schrift Ausführlichkeiten Wohl kaum verlangen. Hiermit steht es in: Zusammenhang. daß seine rein negative Definition« des Begriffes „Nation" (auf Seite 7) nicht befriedigend ausgefallen ist, was er selbst fühlt. Jedoch eine andere kritische Bemerkung kann ich beim besten Willen nicht unterdrücken. Kraus sag: an: Schlüsse seiner Broschüre wörtlich: „Der eine von uns mag Sozialist sein, der andere Politischer Reaktionär. Wir alle aber sind Juden, werden unsere Ideale auf denselben Wegen austreben, wie die sozialistischen Polen, ten vor, lvelcher uns einen Einblick gewährt in den gairzen seelischen Jammer, welchen ein jüdischer Soldat hauptsächlich in Galizien während seiner Dienstzeit zu erleiden hat. Wir reproduzieren diesen Brief im Wortlaute, vielleicht findet sich ein Abgeordneter, der Gelegenheit nimmt, auch -ein Wörtchenüber den Notstand der Juden und besonders der jüdischen Soldaten zu verlieren. Der Brief lautet: „Zur Winterszeit, wenn der Kältegrad sechs, Grade Reaumur übersteigt, sitzt die Mannschaft in den zu- Lehrzimmernuu: gewandelten Sälen der Kaserne, wo die Offiziere die Mannschaft iu die wichtigsten Geheimnisse des Militnrdenstes einweihen. Unser Haupt-mann begann nun, eine seiner jüngsten Unterrichtsstunden a la Hamau mit folgenden- Worten: „Also, liebe Leute, Ihr kennt ja alle das verächtliche niedrige Volk der Jude::, welches zu nichts anderer:: taugt, als zum Betrügen und zum Stehlen, dieses Volk, welches nidjif' arbeiten und fein Brot durch Hände Arbeit verdienen will, wie dies die Christel: tun, sondern sich nur dem Handel widmet, damit es die Christen bestehle:: und übervorteilen könne. Entstehen, nun gegen diese Juden demonstrative Unruhen, dcnmschreien sie Gewalt, wenden sich anden Bürgermeister, daß er ihnen- Polizei :u:d Gendarmerie beistelle, um den Aufruhr niederzuschlagen und sie zu beschützen. Sindnun Polizei und Gendarmerie der wütenden« Menge nicht gewachsen, daun rufen die Juden: Haben wir dem: kein Militär? Flugs fordern sie vom Statthalter militärischei: Beistand, der sie vor den-Angreifern schützen soll." . . . . und ich Franzosen, Engländer; die reaktionären Juden werden diesem selben Jd-eal vielleicht auf andeven Wegen nä herzu kommen suchen. Ich für meinen Teil glaube wenigstens nicht, daß ein wohlverstandener organischer, lebendiger moderner Zionismus Platz für Reaklionäre hat. Der Zionismus ist ja nicht eine rein politisch formale Bewegung, er ist doch in erster Linie, lvenn auch keine Weltanschauung, so doch ein Weltanfchaunngselement, eine Kultnrrichtung. Ja, das Wesen des Zionismus wird am tiefsten erfaßt, wenn wir uns vor Angen halten, daß das wichtigste Element hierbei das Streben' nach einer originellen, doch europäischen Kultur ist, nach einer Kultur, die alleiip imstande wäre, das alte religiöse Ideal zll ersetzen, ein Ideal, das durch Jahrhunderte ganz allein das Judentum zusammengehalten! Hot und nun auch im Osten beginnt, langsam aber sicher zu zerrinnen und zu zerfließen- Je mehr nun die zionistische Bewegung von solcher: Bestrebungen durchsetzt wird, in je höheren: Grade die Tendenz zu einem neuen Kulturideale hin sich durchsetzt, in desto geringerem Maße verträgt sich unsere moderne Renaissaneebewegnng , mit reaktionären Bestrebungen. Freilich heute, wo der echte und wahre Zionismus sich erst zu entwickeln beginnt, wo die große Klärung noch nicht erfolgt ist, wo iu: Westen der seelische Prozeß des Anwachsens jüdischer Werte noch nicht aufgehört hat, heute ist Platz für all«' möglichen Rüstungen im Zionismus. Das aber wird nnd muß sich ändern, lvenn der Zionismus eine lvirklich moderne Gestalt, und