Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 0 Jüdisches Volksblatt anmt heiratet bürgerlich, man stirbt bürgerlich, wenn man nicht aus eigenem Antriebs sich den religiösen Gebräuchen unterwirft. Daran wird niemand gehindert. Ungefähr ein Viertel der Bevölkerung läßt die Kinder überhaupt nicht taufen. In den Großstädten heiratet nur etwa ein Fünftel a u ch religiös, was übrigens einen negativen, gesetzlichen Wert hat. Auch die Zahl der bürgerlich Beerdigten ist sehr groß. Unter den Juden gibt es, wir müssen es anerkennen, nur eine kleine Zahl, die nicht in den wichtigsten Momenten des menschlichen Gebens zum mosaischen Ritus Zuflucht nimmt. Nach dem belgischen Gesetze sollen die Friedhöfe nicht nach Konfessionen geteilt sein, eigentlich auch keine Zeichen eines gewissen Ritus tragen; nichtsdestoweniger haben es die indischen Kultusgemeinden durchgesetzt, daß ihnen ein Teil des Friedhofes für ihre Toten eingeräumt wurde. Die vollständige Absonderung des jüdischen Friedhofes wurde als ungesetzlich nicht gestattet. Dev Schechita steht nichts im Wege, aber in Brüssel ist keine eingerichtet. Das koschere Fleisch bringt man von der eine Stunde Bahnfahrt entfernt gelegenen Stadt Antwerpen. Die Zahl derjenigen, die sich anläßlich der Feststellung der Sprengel zum mosaischen Glauben! bekannten, betrug ungefähr 3000. Allerdings stimmt diese Zahl mit der Wirklichkeit nicht überein, denn es gab in Belgien viele Juden, die eine solche Erklärung nicht abgaben, abgesehen von denjenigen Juden, die überhaupt schon außerhalb jedes religiösen Lebens standen. Im allgemeinen wird auch heute noch die Zahl der Juden in Belgien mit 3000 angenommen. Dies ist jedoch falsch, denn in den letzten zwei Dezennien und insbesondere in den allerletzten Jahren ist! eine große Zahl deutscher und r u s s i s ch e r Juden nach Belgien eingewandert, wodurch die einzelnen Sprengel vergrößert wurden, was sich erst jüngst in Brüssel dadurch kundgab, daß die kompetente Behörde die Anstellung eines zweiten Rabbiners für nottrendig erachtete. Da, wie bereits erwähnt, eine Statistik über die konfessionellen Verhältnisse in Belgien überhaupt nicht mehr angelegt wird — was gerade der jetzigen klerikalen Negierung sehr zustatten kommt, da durch eine solche Statistik die große Vermehrung der Konfessionslosen zu stark zutage treten würde, ist es auch sehr schwer, einen genauen Uebcrblick über die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Belgien, zu gewinnen. Bemerkenswert ist es jedenfalls, daß da > Zentralkonsistorium der Juden in Belgien sich gelegentlich der Beratung der Gesetzesvorlage über die Sontagsruhe mit einer Bittschrift an das Parlament gewendet hat, um gegen diesen Gesetzentwurf zu protestieren, durch welchen die jüdischen Kaufleute, die den Samstag sperren, geschädigt werden, wenn man sie zwingen wollte, noch einen zweiten Ruhetag zu feiern. Ob der Schritt des jüdischen Konsistoriums für den belgischen Juden wünschenswert erscheint, muß dahingestellt bleiben (?) Darüber herrschen in Belgien weit auseinandergehende Meimlnigsverschiedenheiten!, nm so mehr, da die Zahl derer, die den Sabbat feiern, sehr unansehnlich ist. Dr. B. H. L. Ein „jüdischer" Luther. Ulster obigem Titel veröffentlichen die „Mittellustgelt des isr. Lairdeslchrewevcines in Böhmen" folgende reizende Biographie des auch in unserem Blatte nach Gebühr gewürdigten „Rabbiners" Dr. Ottokar K r a u s. Durch Böhmens Gaue, in denen die Juden von tschechischer Kultur bereits durchdrungen sind, tönt seit kurzem eine neue Parole; eine Parole, die am „Arbeitskongreß" der „Cesk'uzidovska Jednota" herausgegeben, als großes Geisteswerk eines Apostels des „Fortschrittes" in der jüdischen Religion in die Welt posaunt wird. Der Schlachtruf: „Entfernet das Hebräische aus dem' Religionsunterricht an allen Schulen!" ist'fast auf jeder Seit der „Ceskozidovske Listy" und des „Rozvoj" (die beide wir-alsgute humoristische Blätter anzusehen gewöhnt sind), zu'lesen. Und wie wirb der neue Apostel in den Himmel gehoben! Rotweiße Jungfrauen mit krummen Nasen, und krausenl Haare, die nicht einmal das Tauslvassev hmwegwaschen kann, überreichen dem Rabbi Ergebcnheitsadressen und die „Jednota" läßt ihn als Apostel herum reisen, damit er die Schäfchen zliill alleinsellgmachenden Glauben um einen Schritt näherbringe. Der Leser weiß wohl schon, wer der von der „Ccskozidovska Jednota" und deren Anhängern so gepriesene Wunderrabbi ist. Die letzten zwei Rabbiner in Beneschau haben die jüdische Oeffentlichkeit oft beschäftigt und Herr Dr. Ottokar Kraus scheint! dentraurigen Ruhm seines Rabbinevsitzes in: herostrcstischer Weise noch mehren zu wollen. Was Dr. Kraus will, ist ja allbekannt. Am „Sjezd" der „Ceskozidovska Jednota" hielt er einen! großen Bortrag, in dem er dasjenige, wofür die Juden durch Jahrhunderte gekämpft und gelitten hatten, das jüdische Bewußtfeilt, beit jüdischen Geist und den Geist der jüdischen Religion mir der vielleicht nur ihm eigenen „Uoberlegenheit" einer strengen Kritik unterzieht und alle diese Ingredienzien als ganz und gar überflüssig verurteilt. Das Hebräische ist für die jüdische Religion und deren Ritus nicht ilotwendig, die Gebete können in jeder Sprache vorgebracht werden, so daß die Kilider mit der heiligen Sprache nicht „belästigt" und „überbürdet" werden sollen. Ja, Rabbi, wenn inan Ihre theologische Bildung und Ueberzeugung prüft, dann sieht man, daß Sie stets, schon vor Ihrer „ rabbin isch-ap os tol i scheu Mission", diese Maximen verfochten haben, daß Sie — wie vertrauenswürdige, ehrenwerte Personen bezeugen können — es mit der jüdischen Religion nie besonders.' ernst genommen haben! Ihre ganze „rabbinische" Vorbildung, Ihr ganzes Benehmen vor Ihrer Wahl zum Rabbiner zeigte schon, was man von Ihnen! zu halten habe! Was ein Häkchen werdenwill, krümmt sich beizeiten! Dr. Ottokar Kraus absolvierte das Gymnasium iul Jungbunzlau, ohne sich, vorher um die jüdische Religion besonders gekümmert zu haben. Die hebräische Sprache war für ihn scharr damals' eine Sache, bie,. er als überflüssig betrachtete und seine religiöse'Äufführung war niemals eine solche, wie sie , ein angehender Rabbinatskaudidat zu befolgen hat. Er schrieb am n:r und den jüdischen Feiertagen in der Schule, seine Verköstigung entsprach auch nicht den jüdischen Speifegesetzen und religiösen Satzungen — insbesondere das Gebot der. Tephilin — war ein Gegenstand seiner Belustigung. j Die theologische Bildung des. Apostels Dr. Kraus ist auch 'würdig, einer Betrachtung unterzogen zu. werden. In Berlin hospitierte er durch zwei Jahre an der dortigen theologischen Lehranstalt, doch erhielt er einen nicht zu verkennenden Wink, die Anstalt, zu verlassen, da seine Fortschritte in bebraicis seinen jetzt gepredigten Prinzipien ganz und gar entsprachen. Nun ging Dr. Kraus nrn*" Prag und es ist nickst bekannt, daß er hier jüdisch-theologischen Studien -abgelegen wäre, durch die er sich die Befähigung zur Bekleidung eines Rabbinerpostens angeeignet hätte, und auf einmal wurde der staunenden Welt die Nackriebt, die Kultusgemeinde in Beneschau bave als Nachfolger des Vlastimil den Ottokar Kraus gewählt.*) Man erwartete sofort ein Heldenstück, da die laxen religiösen Anschauungen des Rabbiners bekamst waren, dock er übertraf sich selbst. Er will sich auf den Reformator der jüdischen Religion ausspielen; es scheint in seinem Kopfe ein Wahn zu spuken, er müsse, wie Luther, ein Mann werden-, von dem die gesamte Nachwelt sprechen wird. Luther schaffte daS Lateinische aus dem Ritus ab, Dr. Kraus verlangt die Ausmerzung des Hebräischen; Luther verlangte aber das Studium der Bibel von seinen Anhängern. Dr Kraus jedoch beschränkt sich auf den pfäfftscheu Formalismus und will, man solle die zarten Gemüter der Kinder nicht mit — seiner Ansicht nach —- überflüssigen Sachen überanstrengen. Woher das Kind aber seine religiösen Anschauungen schöpfen soll, aus welchem Born es seine Moral und die- Ethik -der jüdischen Religion sich an* *) Diese Daten wurden uns von einer Persönlichkeit, die das Vorleben des Rabbiners Kraus genau kennt, zur Verfügung gestellt. (Anmerkung der Med. der Mitteilungen.) eignen soll, dazu gibt der Apostel des Neujudentums ohne Judentum keine Anleitung. Luther wurde in die Reichsacht gelegt, dem Missionär der „Jednota" wird es aber gewiß nicht zu kommen, daß sich mit feiner Person Kreise befassen, die ernste Anlsichteu über Juden und Judentum haben. * * * Dr. Kraus reist nun im Aufträge der „Jednota" in ganz Böhmen herum, um für seine umstürzlerischen Ideen Anhänger zu werben. Wir wünschen nur, daß er recht viel herumvoden und herumreisen möchte; er wird durch seine Reden hoffentlich das Gegenteil seiner Bestrebungen erreichen!: Das Judentum in Böhmen, dem die „Jednota" schon so viel Schaden angetan hat, wird nur gestärkt und gekräftigt werden und die wahren Diener der Religion werden mit um so größerem Eifer an die Arbeit gehen, um das wieder gutzumachm, was frevelhafte Hände zu zerstören versucht haben. x. Das neue jüdische Liederbuch. „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über". Aus den Liedern eines Volkes spricht seine Seele und was sie bewegt, Leid und Freud, Hoffnung und Verzweiflung. So wird auch in Zeiten nationaler Erhebung das Lied zur trefflichen Werberin neuer Kampfgenossen. Es ist drum kein bloßer Zufall, wenn zugleich mit dein Einsetzen einer jüdischen Nationalbewegung in Westeuropa einer ihrer bravsten Vorkämpfer Dr. Heinrich Loewe in Berlin 1894 zuerst das „L iede r buch für j ü d i s ch e V e rein e" herausgab, ein Werk mit der offenen Tendenz, „durch Hinweis auf die gemeinsame tränenreiche Geschichte und das Ahnenland, zugleich das Land unserer Zukunft, die Einheit der Gesamtjudenheit zu kräftigen und jüdisches Lebn zu wecken und zu pflegen". Diese erste Auflage ist mir leider nicht zur Hand. Der 1897 auf dem Baseler Kongreß, neuerstandeue Zionismus zog alsbald alle nationalen Kräfte an sich. So edierte Dr. Loewe schon 1898 in Hugo Schildbevgers Verlag zu Berlin und im Aufträge der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland" die zweite, wesentlich v e x ä n d ie r t e Auflag e seines Liederbuches. Dieses zerfällt in zwei Teile, deren kleinerer bloß 30 jüdische Liedertexte, teils Uebertragungen aus dem Hebräischen, teils Bundeslieder zionistischer Studentengruppen enthielt, doch fast allesamt nach deutschen Weisen sangbar, während den größeren Teil ein Dekl-amatvrium füllte, das im Ueberfluß Eigenbau des Herausgebers und auch, viele Gedichte christlicher Lyriker, wie Lenau und August Jausten, doch durchwegs jüdischen Inhalts, brachte. Dieses Lieder buch, obwohl es kaum, seinen Namen verdient, entsprach dem Können seiner Zeit und wurde viel begehrt. Doch allerorten warb der aufstrebende Zionismus neue Barden, sehuf neue Liedertexte und Gedichte. Letztere fanden in eigenen Gedichtbänden und- Almanachen Unterkunft und so konnte Max Zirker, als er 1901 im Aufträge des führenden jüdischen Turnvereines „Bar Kochba" in Berlin an, die Umarbeitung des Loeweschen Merkchens schrit, das Deklamatorimn völlig ausschalten. Doch noch eine zweite, tiefgreifende Aenderung mußte dieses im Selbstverläge des genannten Vereines erschienene „V e r - e i n s l i e d e r b u ch f ü r I u n g - I u d a" erfahren. Sein reim jüdischer Charakter ward insofern durchbrochen, als neben den auf 46 vermehrten jüdischen Liedertexten nunmehr auch 60 deutsche Liedertexte „allgemeinen Inhaltes" aufscheinen. Diese immerhin, fragliche Bereicherung wußte der Herausgeber damit zu entschuldigen, daß Judas Leier, nur erst von Schmerz und Hoffnung wiederklinge, während den auch in unseren Herzen quellenden Gefühlen für Gottes freie Natur, Liebesglück und -Leid, Reben- und Gerstensaft e i n st w eilen nur des Deutschen uns vertrautes Lied Ausdruck leihen könne. Jedenfalls hat sich Zirker redlich bemüht, nur solche Lieder zu adoptieren, die unserem jüdischen Empfinden nicht gradeaus widersprechen.