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Jüdisches Volksblatt · 1905-02-10 · 6 (10.2.1905) · page 10

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
6 (10.2.1905)
Date
1905-02-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt Nr. ü K ö r p e r c m p o r w a ch se n wer d e n, s i c sollen die G r u n d e l e m e n t e unser e s k u n f t i g c it StaatSwcsens b i l d e n, se l l e r j e l b ft st a r k und k r ä ft i g sein. N i ch t H o f f n u n g s l o s i g k e i t, Verzweiflung, ein, letzter Nett u n g s s ch i m in e r, sondern- Liebe und B e g c i st e r u n g m ii f [ c n den Weg n a ch P a l ä st i n a weis e it. An bau Tage, an dem wir unsere Kinder in die jüdische Schule führen werden, haben wir den ersten Schritt nach unserer Heimat getan. Deshalb jfauiet das oberste Prinzip inunserem. Schub Programm: DieE r r i ch t u n g j üd i s ch e r S ch u l e n. Doch welche Mittel sollen wir ergreifen, um Zu diesem. Ideal, das vielen als unerreichbar erscheinen wird, zu gelangen? Jedenfalls in es sicher, daß die Entwicklung von dem heutigen Verhältnisse bis zu einer jüdischen Schule eine organische sein muß. Die Wandlung darf nicht sprunghaft erfolgen: sie wird zwar langsam, aber lückenlos vor sich gehen. Ein Umstand, den man bei der Agitation überhaupt nicht außer acht lassen sollte. Die Arbeit kann jofort beginnen und ist an die örtlichen Verhältnisse anzukn-üpfen. Unsere Kinder besuchen zum größten Teile die öffentliche Volksschule. Ihre Zahl betrug Ende 1900 in ganz Oesterreich 110 260. Wenn heute die Juden in Oestereich ein politischer Faktor wären, d. h. wenn sie eure nationale Politik betreiben würden wie die anderen Völker, so müßte der Staat für die Schulen dieser 110 269 jüdischer Kinder aufkommen und cs müßte bei einer Durchschnittszahl von 60 Kindern in einer Klasse 1837 jüdische Lehrkräfte anstellen. So aber können wir nicht eine einzige Volksschule beanspruchen, während andere, kulturell, vielleicht auch der Steuerkraft nach minder leistungsfähige Nationen Mittelschulen und Universitäten verlangen und sie auch bekommen. Die jüdischen Kinder besuchen fremdnationale Schuten, in denen noch dazu ein christlich-konfessioneller Geist herrscht. Diese ganze Einrichtung ist darnach angetan, das Kind dem Judentum zu entfremden. Der Unterricht beginnt mit einem christlichen Gebete, in der Schulstube hängt das Kreuz. Das Kind lernt den Sabbat und die Feiertage entweihen, um so eifriger werden dann die christlichen Feiertage gefeiert, auf die es sich im voraus schon unendlich freut. Das Kind bekommt aber doch Religionsunterricht, zwei Stunden in der Woche sind vorgeschrieben! Es gibt aber auch Schulen, in denen bloß eine Stunde in der Woche, eine Stunde in 14 Tage n, eine Stunde im Monat, se lb st solche, an denen überhaupt kein Religionsunterricht erteilt wird. Die Schuldtragenden sind die Kultusgemeinden, denen nach Paragraph 6 des Reichsoolksschulgesetzes die Besorgung und Ueberwachung des Religionsunterichtes zufällt. Es sollte in solchen Fällen, wo kein Religionsunterricht erteilt wird, eine Bestimmung des Paragraph 5 in Anwendung gebracht werden, in der es heißt: Falls eine Kirche oder Religionsgenossenschaft die Besorgung des Religionsunterrichtes unterläßt, hat die Landesschulbehörde nach Einvernehmung der Beteiligten die erforderliche Verfügung zu treffen. Aber selbst dort, wo der Religionsunterricht regelmäßig erteilt wird, entspricht er nicht vollkommen fernem Zwecke, und selbst wenn er in der besten Weise von dein tüchtigsten Fachmann erteilt ivird, kann er nicht alle schädigenden Einflüsse auf das Kind wett machen und noch dazu Liebe und Anhänglichkeit ans Judentum wecken, wenn das Haus mit seiner ganzen Macht ben Lehrer nicht unterstützt. Bis jetzt hat eines denn anderen die Schuld zugeschoben, von jetzt an müssen beide zusammen trachten, dem Nebel abzuhelfen. Schule und Haus dürfen einander nicht hindern, sonderir müssen harmonisch in der Bildung des Kindes zusammengehen. Es muß zwischen ihnen zu einer Aussprache fomtmn, damit sie ihre Ansichten austauschen und in Einklang bringen. Dies geschieht auf bcn Elternabenden. In allen größeren Orten f i n b von n ns e r e n V e r e i n en solche Elternabende zu veranstalten. Der Jüdische Volksvevein in Prag hat im vorigen Jahre auch einen guten Anfang gemacht und setzt Heuer die Reihe der Elternabende fort. Wenn vewe Teile von dem Bewußtsein erfüllt find, daß es sich hier um das Wohl der Kruder, umden Bestand des Judentums handelt, so müssen diese Abende zu ,einem Resultate führen. Wut der Veranstaltung der Elternabende tan» in jeder Gemeinde jo fort begonnen werden. Uever ein Thema ivird ivoht keilt Religionslehrr m Verlegenheit sein. Sicherlich lverden i)ic|c Abende zur Auffrischung des Interesses für die Erziehung und für das Judentum viel beitragen. Außerdem gibt es noch in Böhmen jüdische Schulen, die aber weit von dem entfernt jutD, was uns als Ideal vorschwebt. Nach dem Jahresberichte des k. k. Landesschulrates für das Schuljahr 1902—1906 betragt Die Zahl derselben 61. Seit dieser Zeit dürften aber wieder einige eingegangeil! jetu-. Wir wollen uns nicht an die'.jer Stelle über die guten und schlechten Seiten dieser Schulen ausbreiteu. Tatsache ist, daß deren Untergang, mag er aus was für einem. Grunde immer erfolgt sein, von vielen bedauert wird. Es ist aber auch nicht zu leugnen, daß viele dieser Schulen auf einer schwachen Grundlageruhten, da der erste Anstoß vonfeindlicher Seite genügte, um sie ins Wanken zu bringen.' Im Jahre 1897 haben viele Gemeinden wegen «ein paar eingeschlagener Fensterscheiben gleich ihre Schule aufgelöst. Die Folge davon war, daß mau ihnen im nächsten Jahre die Fenster wieder eingeschlagen hat. Diese Schuten haben sich jedem Fortschritt in pädagogischer Hinsicht verschlossen. Vielfach verfolgten sie auch g.rmanisatorische Tendenzen. F ü r u n s e r w a ch st aber jetzt die P flicht, d i e b e st -C h -e n-ö e n S ch ulen u n t e r a l l e n Umständen zustütze n und zu h a l t e n!u n d in die richtige Bahn zu leiten. Diese Arbeit kann nur von innen erfolgen. 1 Denn die Kultusgemeinde wird sich nicht in ihre Angelegenheiten von Fernstehenden Hineinreden lassen. In diesen Orten muß also vdr allem unsere Agitation mit voller Kraft rinsetzen undhier ivird auch die Arbeit nicht so schwierig sein. Denn in der Schule haben die J'üden dieser Gemeinden ein Zentrum. Es herrscht ein regeres Gemeindeleben, vielfach werden Unterstützungsvereine für arme Schulkinder gegründet. Die Kinder, die von entlegenen Ortschaften oft stundenweit zur Schule haben, halten den Kontakt zwischen der Gemeinde und den gänzlich isolierten Juden aufrecht. H a b e n w i r u n s i n d i e s e n Gemeinden einen Anhang g c - s ch a f f e n, s o k a rr n m i t d e m A u s b a u der Schulen sofort begonnen werde n. In diesemZusammlenhange darf man auch des Lehrers nicht vergessen. Wir haben in Böhmen bloß jüdische Religionslehrer, die zu ihrem Berufe mehr oder minder qualifiziert sind. Viele Klagen sind über die Religionslehrer laut geworden, die ganze Misere des Judentums hat man ihnen in, die Schuhe geschoben. Aber sei dem wie immer, sicher ist, daß jede Gemeinve den Lehrer hat, den sie verdient. Sie allein hat über dessen Aufnahme zu entscheiden und sollte sich nicht allzusehr von finanziellen Rücksichtenleiten lassen. Aber lassen wir das ewige Kritisieren und trachten wir darnach, daß es besser werde. Und Hoffnung auf Besserung ist vorhanden. Es soll eine Prüfungskommission eingesetzt werden, die über die Qualifikation der Bewerber zu urteilen hat. Die Lehrer in Böhmen haben unseren Bestrebungen ihre Sympathie ausgedrückt. Sollen wir uns diese erhalten, so müssen ivir ihre Aktionen nach Möglichkeit unterstützen. Die Lehrerschaft Böhmens hat einen Pensionsfonds, der nach einem fast 30jährigen Bestände statt der Normalpension von 600 fl. eine Quote von 45%, das sind 270 fl., zahlt. Mit dieser Summe soll sich der Lehrer abfinden, nachdem er 40 Jahre im Dienste der Gemeinde war. Wie er es zustande bringt, damit fein Leben zitfristen, ist seine Sache. Wenn nun alle Kultusgemeinden Böh^ micns mit einem Jahresbeiträge von 6 oder 10 fl. diesem Pensionsfou-ds beitreten — und so viel wird wohl jede Gemeinde erschwingen — so wäre dieser aktiv. U n s e r e Organisationen müssen also in den Orten, wodies b i s j e tz t noch nicht geschehen ist, mit allerMacht d a - r a u f b e st e h e n, b a ß d i e G e m e i u b e Mitglied des Pensionsvereins w i r d. Unser gegenwärtiges Programm in bezug auf die Schule wäre in den Hauptpunkten: 1) Es ist die Wiedererrichtung jüdischer Schulen anzustreben. 2) Die bestehenden- Schulen sind zu stützen und auszubauen.. 3) Behufs Förderung des Religionsunterrichtssind Elternabende zu veranstalten. 4) Di-e Lehrerschaft ist in allen ihren Aktionen zu unterstützen. Di-e Wiedererrichtung jüdischer -Schulen ist ein Gegenstand, der einer weiteve-n Ausführung für sich selbst bedarf. Wir übergeben dieses Schulprogvamm der Oeffentlichkeit, soweit sie sich für jüdische Angelegenheiteninteressiert, zur Diskussion. Es macht kein Anspruch auf Vollständigkeit oder absolute Richtigkeit. Je mehr Meinungen zu Worte kommen, destobestimmter un!d sicherer werden wir die Leitsätze ausstellen können. Mit der Arbeit muß sofort begonmn werden, denn sie muß geleistet werden, und je früher dies' geschieht, umso leichter wird es sein. Jerusalem, ging zugrunde, weit daselbst der Kinderlmterricht vernachlässigt wurde. Bis er wieder von uns aufgen-ommen wird, dann ivird es ivioder.aufgebaut werden. St. Die gesetzliche Lage dev jüdischen Kuttnsgenreinden in Kslgir«. In Belgien gibt cs eigentlich keine staatsrechtliche Religion. Der Staat bezahlt aber den katholischen, protestantischen und mosaischen Kultus, das heißt, er gibt das nötige Geld her, um eine gewisse, festgesetzte Zahl Von Kirchen, Tempeln und Synagogen mit ihrem' Kultuspersonal zu erhalten. Der Staat hat das ganze Landeinfür allemal in sogenannte Kirchensprengel oinget-eilt undnur innerhalb dieser genießen die Kultusgemeinden ein Recht auf die Unterstützung des Staates resp. der Stadtgemeinde-n und Bezirke. Ueber diese festgesetzte Zahl der Sprengel hinaus dürfen sich andere nicht bilden. Es steht Verschiedenen Gruppen frei, Kirchen resp. Synagogen zu erbauen, doch müssen solche selbst ihre Kultusauslagen befreiten und haben kein Recht, auf die Privilegien, die den anerkannten Sprengeln zuteil werden. Für die Juden gibt es in ganz Belgien nur fünf Sprengel, nämlich je einer in Brüssel, Antwerpen, Gent, Lüttich und Arlon. Jeder Sprengel besitzt eine Synagoge, einen Rabbiner resp. Prediger, einen Kantor, einen oder zwei Vorbeter und mehrere Amtsdiener. Das Budget dieser Kirchensprengel wird vom Kirchenrat festgesetzt und bedarf der Genehmigung des Staates. In dieses Budget gehören auch der Ban derSynagoge und die nötige Einrichtung.' Die Synagogen in B r ü s s c l und A n t w -e r p e n sind moderne Prachtbauten. Die erstere befindet sich in der Rue de la Regenee. eine der vornehmsten Straßen der belgischen- Hauptstadt, zwischen dem königlichen Palais-, den Hofmuseen und dem wegen seiner Architektur berühmten Brüsseler Justizpalais. Die A ntwerpener Synagoge befindet sich dagegen in' einer schmalen, mittelalterlichen Gasse im Herzen des alten Antwerpener Ghettos. Die größte jüdische Kultusgemeinde, wo es zum Unterschiede von den anderen viele russische Emivanderer, d. h. Ostjuden gibt, ist die in A n t w e r p e n. Unter diesen, zeigt sich seit einiger Zeit eine Bewegung behufs Gründung eines Bethauses, wo der konservative Ritus der Ostjuden vorherrschendsein soll. Wir wir schon oben bemerkt haben, stehen der Ausführung dieses Wunsches keine gesetzlichen Hindernisse im Wege. Die Hauptsache ist, daß 'sie die KultusauLlagcn selber decken-. Warum gibt es nur fünf jüdische Svrengci. und nur fünf jüdische Synagogen in Belgien? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir auf folgendes Hinweisen : In Belgien wird heute niemand nach seinem Glaubensbekenntnis gefragt. Es ist sogar verboten, solche Erklärungen von jemandem zu fordern. In den Matrikeldokumenteu gibt es keine Rubrik für Konfession. Man ivird bürgerlich geboren,

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