Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Synagoge, Schule und Haus. Beilage jcu Vr. 6 des „Jüdisches Volksblatt". Kultusbriese, die ihn erreichen mögen. Lieber Freund! „Die Wiener Kultusgemeiude Hat gestern wegen Nichtzahlung der Kultussteuer gegen nrich Exekution geführt. Das ist zu stark l Mit welchem Rechte? ... Was hat mir die Kultusgemein>de bis heute geleistet? ... Ich melde noch heute meinen Austritt ans dem Judentum an . . , Ich kann nicht anders, lebe wohl! . . . ." Halt, lieber Freund, du kannst noch etwas anderes, als feige durchgehen. Es gibt bei uns sehr viel zu tun, und wir brauchen unsere Arbeitskräfte. Ich kenne dich und weiß, daß du nur in Unkenntnis der Sachlage daran bist, einen dummen und gleichzeitig unehrenhaften Streich zu begehen. Du stehst nicht allein, Tausende teilen deine Unwissenheit und kommen zu denselben Schlüssen wie du, und diese Tausende bilden die böseste Krankheit ntu unserem allerdings widerstandsfähigen Körper. Wir könnten uns eurer wohl leiicht entledigen, indem wir euch von uns gewaltsam abstoßen, wie man eine Pestbeule dom infizierten Körper entfernt. Aber du weißt, das ist nicht meine Art. Ich. will dich zu uns bekehren, indem ich dich — zur Arbeit einlade. Du lachst? „Gibt's denn da überhaupt etwas anderes zu tun als die unliebsamen Steuern zu bezahlen?" höre ich dich fragen. Ta ist eben der Haken! Es gibt viel zu tun, es gilt! ein großes Gemeinwesen, das durch den Unverstand, Leichtsinn und zum Teil auch durch Schlechtigkeit gewisser Parasiten, die sich ja au. jeden Körper herannagen, zur Beute einer Kligue zu werden droht, zu retten und zu einer blühenden Gemeinschaft von ehrlichen, selbstbewußten Menschen zu machen! Lockt dich ein solche?.' Berus nicht? -Wie oft bist du für Freisinn und Deutschtum in die Schranken getreten und hast dir den Hohn der Reaktionären geholt, hast aber dennoch wacker ausgehalten in den vordersten Reihen, bis du's einsahst, daß die Reihen der Mitkämpfenden sich allmählich lichten und du zum Schluß allein bliebest, als Wahrzeichen jüdischer Schwäche, jüdischer Selbstverleugnung und — politischen Unverstandes. Was ich von dir mm verlange, ist, daß du einen Bruchteil jener Kraft und jenes Eifers, die du für eine f r e m d e Sache aufwandtest, um dann verhöhnt zu werden, für deine e i g c n e, für die. Sache d e i tu es Volkes aufringst. Und dein Volk ist dankbar, es ist ztl dankbar! Für das geringste Versprechen gibt es sich ganz hin, für die leiseste Aussicht, e i tt ft frei atmen zu dürfen, hat es fein Gut und Blut geopfert . . . Undankbar war das Volk, dem du entstammtest, nur gegen sich selbst, gegen seine Tradition und seine Geschichte, gegen seine Märtyrer, die sich für ihren Glauben unid> ihren Stamm ztt tausenden, haben hinschlachten lassen. Und nun, an die Arbeit, mein Freund, sie ist nicht leicht, aber ich balte es mit unseren altetti Weisen, die uns lehrten, daß mau dem Andersgläubigen, der sich zum Judentum bekehren wolle, das Jndentnm und seilte Gesetze nicht allzu rosig schildern dürfe, nur wenn der zu Bekehrende in. Kenntnis aller Schwierigkeiten, Sorgetu und Qualen, die seiner harr.'«, auf seinem Uebertritt ztmu Judentum verharrt, soll er in den Verband des Judentums ausgenommen lverdeiu. Nieine Schilderung ist uicht verlockend, aber es liegt eben an. uns allen, daß stein Zuktmft ihreBerechtigung verliere! Die Knltnsgemeinde, oder, richtiger gesagt, der Knltusvorstand beherrscht das Leben des modernen Inden von der Wiege bis zur Bahre, ja noch darüber hinaus. Es wird daher notwendig sein, daß btt mir in meiner Schilderung des Lebens eines Wiener Juden von der Wiege bis zunt Grabe folgest, tun einen Einblick zti gewinnen in das große Tätigkeitsgebiet des Knltnsvorstandes, und beurteilen zu können, wo die Regenerationsar'beit einztisetzen habe. Schott am ersten Tage seines Lebens muß der jüdische Erdensohn, der das besondere Glück hat, in Wien. feilten ersten Schituerzensschrei auszustoßen, die Unzulänglichkeit unserer Kultnsverwaltung erfahren. Es soll an, dem Judenjungen die! Zirkumzision vorgenommen werden, dieses religiöse und nationale Symbol, das ihn noch unbewußt in die jüdische Gemeinschaft einführt. Das Recht der Vollziehung dieses Aktes wurde bei uns Juden stets als ein Ehrenrecht angesehen, welches nur vom jüdischen Standpunkte stets einwandfreien, selbstlosen Personen übertragen wurde. Ebenso waren es früher unsere namhaftesten Gelehrten, die besten Inden, die sich um dieses Recht bewarben. Eine Bezahlung wurde für die Ausübung dieser Pflicht nie verlangt und nie angenommen. Aber geradezu als Ehrenpflicht galt es, die Zrrkumzisi'on an Knaben armer Eltern vorzunehmen und gar mancher Mohel, der selbst unter den dürftigsten Verhältnissen lebte, gab sein Letztes her, um der armen Wöchnerin eine Erfrischung und .Kräftigung zu ermöglichen. Jtu vielen jüdischen Gemeinden ist dies heute noch der Fall. Jtt Wien ist es eben anders. Nicht nur daß der Kuultusvorstand sich überhaupt nicht bnntiuu kümmert, ob das jüdische Kind durch Einhaltung des Zirkumzisionsaktes „in den Bund Abrahams" eingeführt wurde oder nicht, sondern es trägt durch die Vernachlässigung seiner elementarsten -Pflichten dazu bei, daß immer mehr Juden sich dieser ihrer ersten Lebens-Pflicht eutschlageir und auf diese Weise dem künftigen „Staatsbürger mosaischen Glaubens" den. Weg zur Taufe babnen. Das Mohel h a tt dwer k gehört hier zu den freiritttelletu oder rituell freien Gewerben, und wir haben> hier eine Anzahl von Mohelint — Ehre den wenigen Ausnahmen die ihr Gewerbe in der unmenschlichsten, irreligiösesten, d. h. nnjitdischesten Weise ausbeuten.. Es sind zumeist Leute, die in irgetud einem Berufe Fiasko erlitten oder ihren medizinischem Berus an den Nagel hängten und ihr plötzlich! entdecktes Judentum in bare Münze umsetzen. Wenn man das Gebäret: dieser Individuen während dieses heiligen Aktes, bas Feilschen um jeden Sechser, das Zählen der anwesenden Gäste und ihre stille Bewertung nach der zu erwartenden Spende, das Augenverdrehen dieser Ignoranten beim Rcpitieren der vorgeschriebenen Gebete betrachtet, der wird sich vielleicht nicht wundern, daß die Fälle sich hänfett, in denen auch sonst tvankelmütige, aus der Schule der Assimilation hervorgegangene Väter auf die Ausübung dieses religiösen und nationalen Aktes lieber verzichten, als ihn durch solche Personen ausüben zu lassen. Der Kultusvorstand hat wohl die Einrichtnng getroffen, daß armen Familien auf Wunsch ein Mohel gratis beigestellt wird. In solchen. Fällen erhält der Mohel 6 Kronen per „Schnitt". Aber laß dir einmal erzählen, lieber Freund, welches Benehmen mancher dieser Herren bei eitler sogenannten „armen Stüde" an den Tag legt. Trifft er einen Menschen mit einem ganzen Rock an, so wird er ihm sicherlich ins Ohr raunen, daß er auf eilte „Spende" rechtue, oder, was noch schlimmer ist, er wird „für eine arme Wöchnerin" schnorren, ohne jemals jemandem über diese „Santmltmg" Rechenschaft ztt legen. Dieser letzte Punkt gehört überhaupt in ein sehr trauriges Kapitel unserer Knltuiswirtschaft. Da tvird im Namen der Religion, int .Nennen der Humanität die niedrigste Korruption betrieben. Ich könnte dir die haarsträubendsten Fälle erzählen. Merkt eitu Mohel — ich spreche mir von den korrupten, denn es gibt gottlob and) anständige — das; die Eingänge bei einer Ende nicht zufriedenstellend sind, so erinnert er sich Plötzlich, des „Vereines ztir llnterstützung armer jüdischer Wöchnerinnen", der unter Aufsicht des Kultusvorstandes steht, und sammelt für diesen „edlen Zlveck". Wer könnte bei einer solchen Gelegenheit für einen solchen Zlveck eine „kleine Spende" versagen! Aber wer hat noch je eine solche „Sammlung" kotrolliert? . . . Siehst du, lieber Freund, da gibt es gleich ztt tu«! Ich bin sonst nicht für Monopole, aber hat sich schon der Abusus bei uns Juden eingebürgert, daß man außer dev allgemeituen Kultussteuer für jeden religiösen Akt eilte besondere Steuer zu entrichten hat, so soll sie dem Gemeinwohl zustatten kommen und nicht zur Bereicherung einzelner Geschäftstüchtiger dienen. Die Gemeinde müßte diese ganze Angelegenheit selbst in die Hand nehmen und irgend etwas zur Erhaltung dieser Zeremonie unter den Juden unternehmen, denn die Unterlassung dieses Aktes bedeutet eine Lockerung des Judentums, die sich zu allererst an dem Bestände der Kuliusgerneinde rächt. Nächstens gehe weiter! Inzwischen denke an die Mahnungen deines I. Kr. Ern Entwvrs zn einem Schnlprogramm. Eine Institution ist es, die wir bis jetzt aus unserem Eroberungszuge außer acht gelassen haben, obgleich sie für die Bewegung von der weitgehendsten Bedeutung ist, nämlich die Schule. Schon. Goethe sagte, daß mit der erwachsenen Generation, nicht mehr viel anznfangjrn ist, weder in politischer noch in intelleklneller Richtung. Ta müsse mit Geduld gehandelt lverden und es ist mit der Schule zu beginnen, die Erfolge werden tuicht ausbleiben. Diese eminente Wichtigkeit der Sch,ule hat von allen politischen Parteien nur die klerikale voll und ganz gewürdigt und deshalb war sie jederzeit beschäftigt, die Bildung der Heranwachsenden, in ihre Hand zu bekommen. Denn die Schule bildet den zukünftigen Menschen; sie nimmt ans Jahrzehnte Einfluß aus den Werdegang von Generationen. Und weit tu, sichauch einzelne von dett, in der Jugend gewonnenen Eindrücken losreißen, so, geschieht dies gewaltsam, nicht ohne innere Erschütterung, tuicht ohiue inneren Kamps. Die Eindrücke aus der Jugendzeit sind die bleibendsten und im allgemeinen läßt sich ohne Anfechtung der Satz behaupten: „Was die Schule hat, der hat die Zukunft". So müssen auch wir die Schutte in unser Tätigkeitsgebiet heranziehen, sie muß fortan ein wesentlicher Faktor der Gegenwartsarbeit und unseres Kulturprogramines werden. In der jüdischen Schule, wje sie uns als Ideal vorschwebt, werden mir die Kinder erziehen, so wie wir sie einst brauchen werden, zu vollen und ganzetu Jutden. Von der Heiterkeit ihrer Kindestage sollen Haß un!d, Spott ferngehalten lverden. Sie werden lernen, ihr Haupt stolz zu erhebt tu und sich nicht zu ducken, um den Streichen auszuiweichen, sondern mannhaft sich bent. Gegner entgegenstellen. Unsere Kinder sollen eine klare und richtige Erketuntnis des Judentums enuPfanKn, von seiner glanz- und leidenvolletu Vergangenheit lverdetu. sie hören, aber -auch von seiner hoffmingsfreudigen Zukunft. Werden dort Sprache, Sitten und' Eigenschaften unseres Volkes dem kindlichen Geist in richtiger Weise zugeführt, wird nicht das Gedächtnis mit hohlem Formelkram überladen werden, sondern wird der Lehrer bestrebt fein, das Darbietende dem jugendlichen Gemüt näherzubringen, so wird es and) mit der Wärme des kindlichen Herzens empfangen lverden. Diesen: Judentum werden die Kinder und aud> bk Erwachsenen nicht indifferent oder gar feindlich gegenüberstehen, sondern es wird ihr ganzes Seiiu autsfüllen, es wird ins Leben nmgesetzi lverdetu, weil es lebensvoll gegeben und empfangetu lvuurde. Aber frühzeitig, so lange der Boden aufnahmsfähig und empfänglich ist, muß das Sanuenkorn eingepflanzt lverden. N i ch t w i r, dienoch m i t vielen F ä d e n a n diejetzigeScho l l e g e b tu tu d e tu s i n d, die i it f r i’t Here tu T a g e tu f r e nu d e uu Göttern geoP fert, lv e r d e tu d a s Land tt tu s e r e r S e h tu s ut ch t s e h e tu, s o n d e r tu s i e, d i c I n n g e tu, d i e K r ä ft i g e tu, Sie g e s tt tu d a n L e i b n n d