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Jüdisches Volksblatt · 1905-02-10 · 6 (10.2.1905) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
6 (10.2.1905)
Date
1905-02-10
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6 Jüdisches Volksblatt Seite 5 Die Juden in Marokko unter österreichischem Protektorat. siOrigiualkorrespondenz des „Jüdischen Volksblatt".) London, Alt fang Februa r. Englische Blätter beschäftigen sich, jetzt mit einer interessanten Angelegenheit, welche das Schicksal zweier in M a r o k k o lebender Juden betrifft, die Gelegenheit hatten, zu erfahren, wie wenig sich ein Jude auf die Dankbarkeit und Anerkennung der österreichisch-ungarischen Negierung verlassen darf und welch antisemitischer Geist im Ministerium des Aenßern herrscht. Die ganze Angelegenheit, welche noch lange nicht endgültig abgeschlossen ist, läßt sich in folgenden! zu sammen fassen: Der König von Spanien hat in der ersten Hälfte des Monates Jännev dem Juden Reuben Elmaleh das Privilegium der spanischen Zuständigkeit erteilt. Diese Auszeichnung erfolgte in Anerkennung der großeit Dienste, welche E l m a l e h in seinem Aufenthaltsorte M o g a d o r der spanischen Negierring erwies. E l m a l e h erhielt bereits im Jahre 1889 von der Königin-Regentin den Titel eines „Caballero de la Real Orden de Isabel la Catolica" (Kavalier des königlichen Ordens der katholischen Jsabella). E l m a l e h war bis zum Juli des vorigen Jahres auch Ge - s ch ä f t s t r ü g e r O e st e r r e i ch s inT a nger, welchen Posten er 18 Jahre inne hatte, nachdem er denselben von seinem verstorbenen Vater sozusagen als Erbe mitübornahm. Bis zum vorigen Jahre lebte E l m a l e h . auch unter d e m S ch u tz e O e st e r r e i ch s. Es ist nun interessant und jedenfalls ein echt österreichischer Zug, daß E l m a l e h, der, wie erwähnt, fast zwei Dezennien die Interessen Oesterreichs in selbstlosester Weise vertrat, mit dem Momente, als er aufhörte, der offizielle Vertreter der österreichischen Interessen in Marokko zu sein, auch die ö st e r r e i ch i s ch e Protektion g e k ü n d i g t w u r d e. Elmaleh ergriff gegen dieses Vorgehen alle ihm Angebote stehenden Rechtsmittel und wendete sich vor kurzem in .dieser Allgelegenheit mit einem Memorandum a n d e n K a i s e r v o n O e ll e r r e i ch. Dieses Schriftstück lvurde durch eine einflußreiche L o n d o n e r Persönlichkeit vermittelt, doch scheint es iiirfit von dem allseits erwarteten Erfolge begleitet gewesen zu sein, denn Elmaleh sah sich veranlaßt, sich um das s p a n i s ch e Bürg e rr e ch t zu bewe r b e n, was ihm, wie eingangs erwähnt, in anerkennender Weise gewährt wurde. Dieser Akt des Königs von Spanien ist um so anerkennenswerter und bedeutsamer, als es ja bekannt ist, daß der Aufenthalt von Ausländern in Marokko ohne den Schutz irgend einer europäischen Macbt verschiedene Gefahren mit sich führt. Die österreichische Negierung scheint den zu Haufe landesüblichen Antisemitismus überallhin zu tragen, . wo sie eine Interessenvertretung W, denn nicht nur E l ni a l e h wurde von seinem Posten h i n - w e g g e e k e l t und beinahe ins Unglück gestürzt, noch ein anderer Jude, der der ö st e rr c i ch i s ch e n R e g i er u n g e b e n f a l l s große D i e n ll e g e l e i st e t hat, wurde in eine ähnliche Situation gebracht. Es ist dies der Konsularagent in Rabat, Jakob B e n a ti c» r, der in jüngster Zeit von seinem Posten durch den neuen österreichisch-ungarischen Geschäftsträger verdrängt und d e r ö st e r r e i - ch l s ch e n P r o t e k t i o n f ü r v e r l u st i g e r k l ü r t w u r d e. Die Familie B e n a t - i a r steht auch schon seit ungefähr 67 Jahren in D i e n st e n der ö st e r r e i ch i s ch -u naa -- rischen Negier u n g. Dem Vater Jakobs, R a f a e l B e n a t t a r, lvurde im Jahr 1901 dieser Pollen übertragen, nachdem sein Bruder, M o s e s B e n a t t a r, der diese Stelle seit dem Jahre 1881 inne hatte, gestorben war. Moses B e n a t t a r hatte diese Stelle von seinem Vater Josef geerbt, der diesen Posten seit beni Jahre 1 8 3 7, also während voller 44 Jahre inne hatte. Der jetzige Konsularagent, Jakob B e n a t t a r, ein äußerst gebildeter Mann, konnte die a n t i s e mitischen A l l ü r e n des neuen Geschäftsträgers nicht vertragen und wendete sich mit dem Ersuchen an unser Ministerium des Aeußern, die Angelegenheit zu untersuchen rmd dem Beschwerdcfiihrer Recht widerfahren zu lassen. Auch dieses Gesuch scheint nicht den gewünschten Erfolg gkhabt zu haben, denn B e n a t t a r, der in V r a y a, der Hauptstadt der C a p e V e r o e- Inseln, welche zu Portugal gehören, geboren wurde, entbehrt jetzt jedes e u r cp ä i s ch e n S ch u tz e s und hat s i ch n n seine englischen Freunde gewendet, u m ihm i n d e r E r l a n g u n g d c r Protektion Englands behilflich z u s e i n. Brief aus Rumänien. Löbliche Redaktion! Die rumänische Ministerkrisis, von der wir in unserer letzten Korrespondenz erwähnten, hat ihre Lösung gefunden: Das liberale Ministerium ist gefallen. Von unserem jüdischen Standpunkte — obwohl wir an der rumänischen Politik nicht teilnehmen dürfen, weil wir doch als „Fremde" betrachtet werden — müssen wir diesmal ein „Gam ze le towu" ausrufen. Nie ist ein rumänisches Ministerium zu einer gelegeneren Stunde gefallen als jetzt. Diesmal jubelten wir auf, wie wenn eine uns freundlich gesinnte Regierung ans Ruder gelangen sollte. Wir haben von der neuen Regierung nichts zu erwarten, aber eine drohende Gefahr, die Vertreibung aus den Dorf- und Marktgemeinden, hat mit dem Falle der Negierung ihr Ende gefunden. Wie sich unsere Leser erinnern, hatte der Präfekt von Bakau das Kommunalgesetz dahin interpretiert, daß er den Juden seines Distriktes, die in Dörfern und Märkten wohnen, mit der Ausweisung drohen konnte und diese Drohung durch Verordnungen und Maßregeln auch durchführen wollte. Der Präfekt hatte kein so großes Unrecht. Das erwähnte Gesetz konnte man gewissenhaft so deuteln, wie er es wollte, und die jüdischen Journalisten hatten ja seinerzeit darauf hingewiesen, daß man einmal das Gesetz in einer solchen Weise zuungunsten der Inden deuteln werde. Nun ist die Regierung gefallen und mit ihr alle ihre administrativen Organe, auch der Präfekt von Bakau, der einen Präzedenzfall Hervorrufen sollte. Die neue Regierung wird höchstwahrscheinlich das ganze Gesetz einer Revision unterziehen, denn so verlangen es ihre Interessen. Ob auch dann solche zweideutige Paragraphen in das neue Gesetz sich einschleichen werden, ist schwer anzunehmen, denn gewiß wird die konservative Regierung nicht die jüdische Frage in einer oder der anderen Weise heraufbeschwören. Die liberale Regierung bereitete den Juden noch eine neue unheilvolle Überraschung. Dies war das neue Schulgesetz für privaten Unterricht. Deshalb, weil die katholischen Nonnen ein paar rumänische Mädchen von ihrem Glauben abwendig machten, sollte ein neues Gesetz strengere Kontrollmaßregeln treffen und diese sollten eben zugrunde richtend auch auf die jüdischen Schulen wirken. Es ist nicht zu vergessen, daß die Juden keine Aufnahme in den Staatsschulen finden, und so mußten sie seinerzeit sich selber Schulen errichten und mit schweren Opfern erhalten. Infolge der Gesetzvorlage des Unterrichts- Ministers H a r e t hättey drei Viertel der jüdischen Schulen keine Mittel mehr gefunden, ihren Unterhalt zu bestreiten, so daß sie geschlossen werden müßten und die jüdischen Schulen auch den elementarsten Unterricht entbehrt hätten. Das wäre doch ein Ideal für die rumänischen Staatsmänner: die Ignoranz der Juden. Ob sie das auch erlebt hätten, ist eine andere Frage. Alles, glaube ich, kann man den Juden rauben, aber sie zu Analphabeten zu verurteilen, ist schwer, wenn es noch so große Opfer verlangen sollte. Auch dieses Gesetz wird durch den Fall der liberalen (!) Partei seine vernichtenden Wirkungen nicht mehr ausüben können. Somit ist den Juden durch den neuen Regierungswechsel gedient worden. Die neue Regierung „an sich" ist aber nicht besser wie eine andere, nur ist zu erwarten, daß sie nicht noch mehr zur Verschlimmerung der jüdischen Lage beitragen wird. Im Gegenteil, allem Anscheine nach wird sich die neue Regierung die Mühe geben, zur Klärung einiger dringender jüdischer Fragen beizutragen. Sie hat durch ihren Gewährsmann, den Finanzminister Take JoneSeu, während der Oppositionszeit dem Auslande Versprechungen gemacht. Da die konservative Regierung überhaupt bestrebt ist, fremde Kapitalien ins Land zu ziehen, kann ihr die öffentliche Meinung des Auslandes nicht gltichgültrg sein. Die wichtigste Reform wäre sicherlich die des Schulgesetzes. Diese Reform hätte den Zweck, die vollkommen unentgeltliche Zulassung der Juden in die Staatsschuleu zu gestatten. Das wäre etwas, aber nicht alles, was einer dringenden Lösung seitens der Negierung bedarf. Denn kommen heute solche retrograde Gesetze auf die Juden in Anwendung, so ist es nur, weil die gesetzliche Lage der Juden im rumänischen Staate eine willkürliche ist. Sie zu „Fremden" zu stempeln — in einem Lande wo sie seit Generationen leben, in einem Lande wo sie allein Handel und Industrie hineingebracht haben und noch heute deren stärkste Vertreter sind, in einem Lande, zu dessen wirtschaftlicher Hebung sie nicht nur mit allen ihren Kräften und der ihnen innewohnenden Begabung be,getragen haben, sondern auch mit ihrem Blute;üc die Unabhängigkeit des Landes gekämpft haben und auch heute allen Pflichten Nachkommen, unter anderem der der Militärpflicht — sie zu „Fremden" zu stempeln, sagen wir, ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Die neue Regierung scheint aber den rumänischen Juden Vertrauen einzuflößen; nur so ist es erklärlich, daß die jüdischen Reservisten sich wieder zu bewegen aufangen und ihre alten Vereine wieder ins Leben rufen, die bestrebt sind, die Erlangung der Naturalisation für alle jüdischen Reservisten der rumänischen Armee zu erlangen. Vor einigen Tagen fand in Gal atz eine Versammlung der Vertreter dieser Vereine statt und es wurde beschlossen, so rasch als möglich eine wohlmvtivierte Petilion anszuarbeiten, welche die wesentlichen Fvrderrrugen der eingeborenen Inden enthalten soll. Diese Petition soll dem rumänischen Parlamente vorgelegt werden, um auf diese Weise eine Besprechung der Judenfrage im Parlamente hervorzurnfen. Mit der Ausführung der Petition wurden die Herren Dr. Inger, Dr. Sotec und Mandelbaumsämtliche aus Braila, beauftragt. In unserem nächsten Briefe werden wir die geschichtliche Entwicklung und Organisation der Rrservistenvereiue näher besprechen. Bukarest, Jänner 1905. Dr. H. B. Brief aus Frankreich. Löbl. Redaktion! Die französischen Juden haben diese Woche den, 25jährigen Bestand der „Societe des etudes juives" gefeiert. In diesem Vereine finden wir alle großen Männer der französischen Juden, die nicht nur gute französische Bürger sind, sondern mit Stolz und Liebe sich zum Judentum bekennen. Dieser Verein hat den Zweck, über die Ergebnisse aller Forschungen auf dem Gebiete der j ü d i s ch e n Miss e n sH a f t zn beraten. Die von jüdischen und christlichen Gelehrten gehaltenen Referate erscheinen dann in der Monatsschrift des Vereines „Revue des Etudes inives". Der Verein stand iin letzten Jahre unter der Leitung des Herrn Edouard von G o l d - s ch m l d t. Bei der letzten Wahl wurde Dr. Henri von R o t h s ch i l d zu feinem Nachfolger gewählt. Der Verein wurde am 10. November 1879 durch einen Vortrag des Großrabbiners von Frankreich, Zadoc K a h n, seinerzeit Großrabbiner von Paris, eröffnet. Die wichtigsten Mitarbeiter des Vereines waren seit jener Zeit die großen jüdischen Gelehrten: Isidore Loeb, Arsene-James D a r m st e t e r, Joseph D e r e n b o u r g, David K a u f f m a n n usw. Von den christlichen Gelehrten erwähnen wir: Simeon L u c e, Rubens D u v a l, Ernest Rena n und der berühmte Geschichtsschreiber G u i z o t. Von den christlichen Gelehrten, die heute an den Bestrebungen des Vereines Mitarbeiten und ihn durch wissenschaftliche Arbeiten fördern, nennen wir: Anatole L e r o y - B e a u l i e u, Maurice V e r n e s, R e v i l l e u. a. Me N e v u e des Vereines bringt gewöhnlich Studien über Beiträge zur jüdischen Geschichte und jüdische Dogmatik. Sie beschäftigt sich auch mit biblischer Exegese, hebräischer Philologie und Numismatik.

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