Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2432763-2433077-2433083--2804-2436705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 Jüdisches Volksblatt Nr. 6 haben, vergessen. In richtiger Erkenntnis der Situation muß man, ohne mit dein Bund in Fragen des Sozialismus übereinstimmen zu müssen, der Proklamation beipflichten, wenn sie sagt: Doch iüirD sie bürgerliche Gleichberechtigung für sich allein noch lange nicht das jüdische Proletariat in allen Rechten mit dem Proletariat der herrschenden Nationen gleichstellen. Um in der Lage sein zu können, alle seine seelischen .Strafte frei zu entwickeln, damit keine unberufenen Elemente sein Klassenbewusstsein verdunkeln, um mit ehernem Schritte dem heiligen Ideal des Sozialismus cnlgegcnzugchen, niitffcn die speziellen Forderungen des jüdischen Proletariats verwirklicht werden — die Forderungen aller unterdrückten Nationen: 1. Die Freiheit der kulturellen Entwicklung, verbürgt durch das Gesetz lind gesichert vom Staate und der lokalen Selbstverwaltung dttrch entsprechende Institutionen. 2. Das Recht, in allen staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen neben der Staatssprache sich seiner Sprache zu bedienen. Alle sozialdemokratischen Parteien stellen diese Forderungen in ihren Programmen auf. Das gesamte bewußte Proletariat muß für sie kämpfen. Das Proletariat der unterdrückten Nationen aber, dessen Interessen am meisten mit jenen Forderungen verknüpft sind, muß sie in seinem Kampfe besonders betonen, besonders auf ihnen bestehen. Indem es für die gemeinsame Sache des Proletariats kämpft, kann es auch nicht für einen Augenblick diese seine speziellen Forderungen aus dem Auge verlieren. Die Bundisten haben Glück, daß sie in Rußland und für das r u s s i s ch e Proletariat, und nicht in Oesterreich kämpfen. In O e st e r r e i ch würde es ihnen so ergeben wie den jüdischen Sozialdemokraten Galiziens, die innerhalb der sozialdemokratischen Partei für sich dieselben Rechte in Anspruch nehmen wollen, welche die Sozialdemokraten anderer Nationen bereits besitzen, und wegen dieser Bestrebungen gerade von ihren j ü d i s ch e n F ü h r e r n und Parteigenossen am heftigsten bekämpft werden. Der deutsche Handelsvertrag mit Rußland hat auch für die jüdischen Handelsreisenden aus Deutschland eine erfreuliche Begünstigung gebracht. Sie sind in bezug auf die Gültigkeitsdauer der Paß Visa sowie bezüglich der zu entrichtenden persönlichen Steuern ihren christlichen Kollegen gleichgestellt. Und dies geschah in Deuts * l a n d, wo Justizminister S ch ö n st e d t erst vorige Woche kurz und bündig erklärte, daß, solange er an der Spitze der Justizverwaltung stehe, die Zurücksetzung der Juden bei Vergebung von öffentlichen Aerntern im Justizdienste auch fernerhin praktiziert werden soll, in demselben Lande, wo bekanntlich ein Jude nicht einmal Unteroffizier werden kann. In O e st e r r e i ch aber, wo der Export zum großen Teile in Händen der Juden liegt, die den österreichischen Export sozusagen geschaffen und zu Ehren gebracht haben, hat die auswärtige Regierung trotz mehrfacher Petitionen feitenä verschiedener Handelskammern und anderer Körperschaften es noch nicht übers Herz gebracht, die tu den Staatsgrundgesetzen gewährleistete Gleichberechtigung aller Staatsbürger einer „befreundeten Macht" gegenüber zur Geltung zu bringen. Oder liegt vielleicht der Grund hierfür darin, daß unsere auswärtige Regierung nicht die Macht besitz t, das durchzusetzen, was Deutschland im Interesse des Reiches durchzusetzen vermochte? Es scheint fast so! Aus derzionistischenBewegung. In dem Streite zwischen Territorialisten und „reinen Zionisten" neigen sich die Chancen eines Sieges immer mehr zugunsten der „Palästinenser". Das hat der Verlauf der jüngsten Konferenz der Zionisten Englands am deutlichsten bewiesen. Die zwei als unverbesserliche Ugandisten erschienenen Mitglieder des A.-C., C o w e n und G r e e w b e r g, haben in längeren Reden kurz unbündig erklärt, daß die Zionisten sich mit Uganda auch dann nicht werden tveiter zu beschäftigen bratlchen, wenn das Ergebnis der Kommission ein befriedigendes sein sollte. Die Ausführung des Projektes sei Sache der großen philanthropischeu Gesellschaften, Man wird diese Ansicht der Führer der Ilgandisten erst recht verstehen, tvcnn man erfährt, daß in der oben erwähnten Konferenz sogar die E r - w ä h u u n g des Ugandaprojektes und der Frankfurter Austvanderungskoniferenz als „nicht zum Zionismus gehörig" beanständet wurde. Zeigt jedoch schon diese Wendung, wie wenig die Ugandisten auf eine Majorität beim Kongreß rechnen, so wird man sich über eine Aeußerung Dr. N o r d a u s einem Vertreter des „Jewifh Chronicle" gegenüber erst recht Wundern müssen. Ueber das Ostafrikaprojekt bcfmgt, antwortete Dr. Nord au: „Die Kommission befindet sich jetzt an Ort und Stelle und dürfte im Laufe des Monates März zurückkehren. Ihr Bericht wird am nächsten Kongreß in Beratung gezogen werden, und fällt dieser Bericht günstig aus, so muß das englische Anerbieten unbedingt 'angenommen werden. Ich denke mir den Vorgang dann so, daß die Jüdische K o l o n i a l - bank von der englischen Regierung einen Charter erwirkt. Diesen Charter werden wir dann den englischen Financiers zur Ausführung anbieten, wobei es ihnen überlassen bleibt, auf unsere Mitarbeit zu reflektieren oder zu verzichten. Sollten diese Finanzgruppen die Ausführung des Projektes ablehnen, so werden sie auch die Verantwortlichkeit für das Anwachsen der jüdischen Not zu tragen haben.(?!) Den Charter können wir erwirken, aber wir verfügen weder über das nötige Geld noch über die Menschen, welche wir dem Ostafrikaprojekt opfern könnten; die D u r ch f ü h r u n g d i e s e s P r o j e k t e s ist nicht Z i o - n i s m u s." Im weiteren Verlaufe des Interviews kam man auch auf die Autonomie de r Juden in Uganda zu sprechen, und Nordau meinte: „Ich habe die Autonomie n i e als etwas Unerläßliches b e - t r a ch t c t, aber mein Freund Herz! hat darauf bestandet I ch h a l t e sie b in chaus nicht für notwendig. Ich bin der Ansicht, daß, wenn die Kolonie aus einer jüdischen Bevölkerung bestehen würde, so wird man ihnen sicherlich auch die Schaffung eigener Gesetze gewähren, wie dies in allen englischen Kolonien der Fall ist. Das ist ja im Grunde genommen „Autonomie". Ihre direkte F o r - d e r u n g ist aber nicht nur überflüssig, sondern, schon wegen der Opposition, nicht ratsam." Ueber den künftigen Sitz der Leitung hat Dr. Nordau a u s w e i ch e n d geantwortet. Hierüber habe er sich noch keine, bestimmte Meinung gebildet. Seiner Ansicht nach handelt es sich mehr um Persönlichkeiten als um den Ort, und gerade in dieser Beziehung sei es noch nicht erwiesen, ob ein Wechsel in den Persönlichkeiten der Sache selbst vonnutzen wäre. Zum Schlüsse sei noch bemerkt, daß Dr. .N o r d a u auch bei dieser Gelegenheit entschieden erklärte, die F ü h r e r - schaft nicht ü b e r n e h nr e n zn können. Der Misrachi hat wieder das Wort ergriffen. Der Misrachi, der nach der Preßburger Konferenz Gegenstand heftiger Angriffe war. Die Beschlüsse der Misrachistenkonferenz in Rußland werden niemanden überraschen dürfen. Wir wagen hier den Ausspruch, vaß von allen Schattierungen, Fraktionen und Gruppen innerhalb der zionistischen Organisation der Misrachi seinen Prinzipien am treuesten geblieben ist und seine Zwecke mit eiserner Konsequenz verficht. Und deshalb darf man wohl behaupten, daß nicht von Uganda und dem Territorialismus her eine Gefahr für die Einheit des Zionismus droht, sondern von den religiös-nationalen Zionisten, vom Misrachi her. Wir werden hiev nur die eine, allerdings wichtigste Forderung des Misrachi erwähnen, nämlich, daß der k ü nftige Führer nur ein Mann sein d ü r f e, der die jüdischen R i t u a l g e s e tz e n i ch t „öffentlich" verletz t. Wie gesagt, diese Frage wird noch viel zu, schaffen geben und es wird notwendig fein, sich mit dieser nicht geringen! und sicherlich sehr verläßlichen Gruppe rechtzeitig auseinandevzusetzen, damit der Kongreß, der ohnehin stürmisch genug zu werden droht, nicht auch mit diesem Streit ausgefüllt werde. Für die Zionisten Ungarns wird sich in allernächster Zeit Gelegenheit bieten, zu zeigen, ob die Bewegung auf die Juden Ungarns rechnen dürfe oder nicht. Der in den nächsten Tagen stattfindende Parteitag der nngarländischen Zionisten und ihre Beschlüsse, über welche wir ausführlich berichten werden, ist aber nicht nur für die Gesamtorganisation, sondern auch für die weitere Gestaltung der Geschichte der Juden in Ungarn von eminenter Wichtigkeit. Die allgemeine politische Konstellation in Ungarn, der immer kühner hervvrtretende Antisemitismus schreit geradezu nach einer mannhaften, wohlgefügten und selbstbewußten jüdischnationalen Organisation! Es soll sich bald zeigen, ob die Juden Ungarns für eine solche reif sind oder nicht. Korrespondenzen. Leichenbegängnis der Frau Rabbiner Fürst. W i e n—E isenstadt. Am 2. ds Mts. verblich Frau Rabbiner Emilie Fürst, Gattin des Rabbiners dev Schifsschul („Adaß Jisroel"), nach langem Leiden im Alter von 48 Jahren. Ein Muster altjüdischer weiblicher Tugenden, ausgezeichnet durch hohen Geist, durch einen Idealismus, der sie ganz in der Erfüllung ihrer Pflichten und in Uebnng von Wohltaten ausgehen ließ, war sie der Trost ihres Vaters des Gaon von Eisenstadt, der in ihr das einzige Kind betrauert, eine Stütze ihres Gatten, dem sie durch 26 Jahre glücklichster Che die Bürden seines Amtes erleichterte. Sie war die zärtlichste Tochter, die hingebungsvollste Gattin, die opferfreudigste Mutter, die wärmste Freundin der Arnum und Trösterin der Gedrückten. Zudem war sie van einer Bescheidenheit, die sie ängstlich von Anerkennung flüchten ließ. Ein solches Weib mochte dem König Salomon bei seiner Hymne ans das Mederweib vorgeschwebt haben. Die Hochachtung, die die Verblichene allgemeirt genoß und die Verehrung, die Herrn Rabbiner Fürst entgegengebracht wird, äußerte sich bei dem Leichenbegängnis am Samstag, 4. Februar, abends, dem eine vieltausendköpfige Menge tiefergriffen anwohnte. Im Trauerhause sprach Herr Rabbiner Fürst mit tränenerstickter Stimme Worte des Dankes (eine Trauerede konnte des Rasch Chodesch halber nicht abgehalten werden), für 'das, was die Verblichene ihm zeitlebens gewesen. Der älteste Sohn sprach nach ihm und alle Anwesenden gaben ihrer Ergriffenheit durch lautes Schluchzen Ausdruck. Unter den Anwesenden bemerkten wir von dev Chewra Kadischa Herrn Vorsteher Jakob Kann und Amtsleitev Freistadt, von derKultusgemeiude Herrn Siegmund Kauders und Dr. Markus Spitzer, ersten Sekretär-Stellvertreter Dr. Adler, von dev Armenanstalt Herrn Vorsteher M. A. Pollak und die Vorsteher zahlreicher Vereine. Die Bestattung fand Sonntag in Eisenstadt statt, wohin sich der Gefamtvorstand des Adaß Jisroel und Thora Ez Chaim mit Herrn Rabbiner Assessor Baumgarten und einer großen Anzahl Freunde begab. Es beteiligte sich nicht nur die ganze Familie, sondern es kamen viel? Gäste von Wien, Preßbuvg, Tymau, Budapest, lauter Verehrer des hiesigen Rabbiners sowie des schwergeprüften Gatten. Nachdem der greise Vater, der im. Laufe von wenigen Jahren beide Kinder und seine Gemahlin verloren hat, mit tief ergreifenden Worten von dev Verstorbenen Abschied genommen hatte, sprach der älteste Sohn der Dahingeschiedenen. Kein Auge blieb trocken, als der Sohn an die Mutter die Abschiedsworte richtete, und die allgemeine Trauer wurde durch die Rede des zweiten Soh'nes und die erschütternde Klage!des Gatten nur — wenn es noch möglich war — gesteigert. Trotz des schlechten Wetters ließ es sich niemand nehmen, den .Kondukt bis auf den Friedhof zu begleiten, ein Beweis, welcher Wertschätzung sich die Dahingeschiedene in den hiesigen Kreisen — trotz ihrer längeren Abwesenheit, sie war über 20 Jahre verheiratet — erfreute.