Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Jüdisches Volksblatt Seite 8 ihres Volkstums gegen, die großrussische Zusammenfassung in ein Staatswesen auflehnen und ihre nationale Unabhängigkeit! errungen haben werden. Ich will auch in den polnischen Arbeiterun>rlchen «ine Folgeerscheinung der Petersburger Ereignisse sehen und annehmen, der russische Muschik verehre nach den blutigen Tagen in Petersburg den Zaren nicht mehr als ein Gott überordnctes Wesen. Und ich will endlich mit Acher hoffen, die Konstitution sei aus dem Wege. Und nun? In seiner stillen Studierstube hat sich der .Gelehrte Acher ein schönes Bild von der Konstitution und ihrer Wirkung aus die Verhältnisse der Inden in Rußland zurechtgezimmert. Es gebe keine Scheinkonstitution und die Errichtung dessen in Rußland, was wir seit den Märztagen haben und Deutschland seit dem Jahre 1870, ist Acher eine Heilsbotschaft für die ganze Welt — das heißt, wenn's dazu kommt. Weil ich dieser Meinung nicht bin, nichscheisiere ich mit der Kühnheit Wiener Aestheten, weil ich von einer Konstitution, die uns in Europa nicht gehindert hat, von den uns umgebenden Völkern los- und nationaler Unabhängigkeit nachzustreben, weil ich vondieser in eine schönere Form gekleideten Rechtlosigkeit der Völker nicht hoffe, daß sie den Juden, Rußlands das bringen werde, was wir durch Verwirklichung der Zionsidee erlangen wollen, überspanne ich den Golusbegriff, suche für nationale Wünsche nach außenliegenden Begründungen und mache unseren nationalen Gedanken von der Liebe oder dem Hasse anderer Völker abhängig. Dstß ich der Liebe oder dem Hasse der uns umgebenden Völker einen Einfluß auf die Gestaltung unseres nationalen Empfindens einräume, bekenne ich gerne. Denn dieser Haß in seinen verschiedenen Spielarten ist es doch, der uns den Antagonismus zwischen uns und den Anderenempfinden lääßt, den Abstand markiert und ihn uns zum Bewußtsein bringt, der unser bestes Agitationsmittel bildet, unseren wirksamsten Weckruf nach nationaler Zusammenfassung. Bestreiten aber muß ich, daß die Konstitution in Rußland der Welt Heilsbotschaft kündet, weil eben dieselbe Konstitution auch bei. uns als Heilmittel versagt hat. In wenigen Staaten nur ist die Konstitution ein logisches Glied in der staatlichen Entwicklung der Völker. Namentlich in Rußland wird sie nichts sein als ein dem Absolutismus abgerungener Fetzen ohne anderen Sinn, als im besten Falle durch kindisches -Getöse einer Schar glücklicher Mandatsjäger die Aufmerksamkeit des Volkes von der Tatsache abzulenken,, daß noch immer dieselbe absolute Gewalt wie früher die Geschicke der Völker -entscheidet. Will Herr Acher vielleicht behaupten, daß unsere Parlamente in Werden doch zwanzig Zeilen genug sein. Kannst dir dann zu Haufe dafür die „Manischtana" vorlefen. . . Der Kritiker: Aber min, zum Teufel, das neue Drama „Die Juden" aus dein Russischen . . . Der T h e a t e r r e d a k t e u r: Ach so, im Jubiläumsihoater . . . ach, da können's auch hundert Zeilen sein . . . aber ich bitte dich, gerate nicht in Pairoxysmen wie beim Shylock, weil vielleicht der Nowak ein bissel zu viel gejüdelt hat. Der Kritik e r (wild): Aber: mehr gejüdelt wie du hat er gewiß nicht... Nicht einmal als Shylock! Aber es war ja gar nicht im Jubilällmstheater ■— russische Dilettanten haben das Stück aufgeführt. Der T h e a t e r r e d a. k t e u r: Wer lvas kümmern uns — russische Dilettanten? Der Kritik e r: Aber sie habenuns doch eiugeladen — und schließlich sind es doch Abonnenten — Der T h e a t e r k r i t i k e r: Na, bann gib's unter „Antworten der Redaktion"! Der Kr i t i k e r: Du, ich hau dir . . . Der Lok a l r e d a k t e u r: Na, na, Messer weg, meine Herren! Ich mache einen Vermittlnugsvorfchlag: Schreib' eine Notiz für den lokalen Teil — nicht zu viel — wie halt über eine Dilettauteiworstelluug. (Heimlich zum Theaterredakleur:) Dem.Nachvedakteur sagen wir halt, er soll's weglasseu — wegen Platzmangels. Das heißt: eine Idee! Aus ihrer Zusammensetzung den Ausdri.uk des Willens der Volksmehrheit bilden und daß sie es sind, die den: absoluten Königtum die Herrschergewalt abgenommen haben? Nein, Herr Acher! So wie überall wird auch in Rußland ohne Konstitution und mit ihr das „Martyrium" für uns Juden das „einer ewigen- .Nacht" sein, wenn es uns nicht gelingt, die J-dce zu verwirklichen, der wir Zionisten nachstreben. Gerade ich, der ich einen Erfolg unserer Bewegung nur von den proletarischen Massender Judenheit erhoffe, weil ich weiß, daß der Satte stets weniger empfindsam ist für soziale Schmach als der Hungernde, gerade ich bin gewiß der letzte, das große Befreiungswerk der Menschheit zu bezweifeln und zu belächeln; auch liegt es mir fern, dieses Werk in schweren Entscheidungsstunden um tausende Kämpfer zu bringen-. Zum Unterschiede von Ihnen, verehrter Herr, glaube ich aber, daß diese Entscheidungsstunde für das große Befreiungswerk der Menschheit noch in weiter Ferne liegt. Der in Rußland tobende Kampf ist nicht! der Kampf des Volkes umdie Freiheit, sondern der, den unsere Liberalen vor fünfzig Jahren gekämpft haben. Von den Resultaten dieses Kampfes ist für unsere Brüder in Rußland nicht viel zu hoffen. Denn so wie jetzt die absolute, wird auch die konstitutionelle Regierung die Juden stets als Ableiter für erregte Volksleidenschaften benützen. Gilt es aber einmal den großen Befreiungskampf, dann werden sicherlich auch wir nicht fehlen. Sehen wir doch auch jetzt schon unsere Brüder, gute Freundschaft halten mit den wirklichen Trägern des freiheitlichen Gedankens in Rußland, mit den Sozialisten. Darum müssen wir auch einen ganz anderen Standpunkt einnehmien den Kämpfen der polnischen Arbeiterschaft gegenüber und es gutheißen, wenn die jüdischen Arbeiter in Polen ihren christlichen Genossen im Kampfe gegen ökonomische Unterjochung treu zur Seite stehen. Aber man kann nicht wollen, daß unsere Brüder in Rußland ihre Mission darin sehen sollen, sich von einem priesterlichen Wirrkopf den Gewehren und Nagaiken der Kosaken entgegenführcn zu lassen. Otto Kraus. Politische Wochenschau. Die Vorgänge in Rußland haben, wie es nicht anders zu erwarten war, 'in allen freiheitlichen Kreisen der Welt lebhaften Widerhall erweckt. Was O e st e r r e i ch 'betrifft, ging es am stürmischesten in 5k r a kaü zu, wo unter Führung, des polnischen Sozialdemokraten Abg. D a s z y n s k i eine antirussische Demonstration arrangiert wurde. Die Demonstration artete infolge des Eingreifens' des Militärs zu einem kleinen Straßenkantpfe aus, dessen mammmmsammmBmoatxBBBsmBeamatmammamBamammKmBmm _ ... s „Juden" kann doch der Druckfehlerteufel sehr leicht „Inder" machen . . . itzcht? Sollen berichtigen, wenn sie können! Der T h e a t e r r e d a k £'e u r: Oder wir lassenden Titel des Stückes ganz weg! Wen interessiert's schließlich, ob Dilettanten dieses oder j-encs Stück gespielt haben? Hat es nicht irgend einen Nebentitel? Der Kritik e r: .Nein, es heißt „Jewrei" im Original und nicht anders! Der L o k a l r e d a k t e u r: „Jewrei"? Aber, lieber Freund, warum hast du das tricht gleich gesagt . . „Jewrei"? Mit Vergnügen! W e r s o l l d e n n d a w i s s e n daß d a s „D i e I u d e n" b ebcutct. . .? O. da kannst du mit Wonne statt fünf Zeilen auch sechse schreiben- . . . hoffentlich haben die Mitwirken den keine jüdischen Namen- .... sonst darf ntan nicht alle nennen .... Zweite Szene. (Fünf Jahre früher und wörtlich wahr.) Der V e r a n t w o rtli ch e: Ja, Herr Polizeikommissär, den- Antor des Artikels gegen Lueger nennen lvir natürlich nicht! Das Mannskript haben Sie auch uicht gefunden . . . Sie müssen! sich's schoit mit der bloßen Konfiskationgenügen lasseit... Aber — wissen Sie was — Herr Kommissär, damit Sie sich nicht umsonst bemüht haben, wollen Sie eine R a r i t ä t sehen? Ja? (Oeffnet eine Tür.) Wissen Sie, lvas das für eine Rarität hier ist? Ein G o i! A. Z. Folgen den Abg. Daszynski veranl-aßten, das ganze „russische Problem" im Nahmen eines Dringlichkeitsantrages eineu eingehenden Besprechung zu unterziehen. Dm düsteren Schilderungen der russischen Verhältnisse zn widersprechen, haben wir Inden am allerwenigsten Gnind, und es ist sicherlich anerkennenswert, daß Daszynski sich dieser, im österreichischen Parlamente gewiß undankbaren Aufgab« unterzog. Was lvir an den Ausführungen D a s z y n k i s auszufchen haben, ist die Art, wie er die I u d e n f r a g e in diesem Problem für die Zwecke fein e r Partei i tt Oest erreich ausnützte. Daszynski berührte auch K i s ch i n e lv, und behauptete, daß die Greuel vonKischenew gegen das„jüdische Lumpenproletariat" gerichtetwaren, er verschwieg auch nicht, daß der Studmtmstreik in Kongreßpolen auch die Aufhebung der Benachteiligung der jüdischen Schüler bezwecken, wolle; als er aber von den Kämpfen! der in Rußland lebenden Nationen sprach, da meldete sich in ihm der polnische Sozialdemokrat, da kennt D a s z y n s k i nur zlvei unterdrückte, geknechtete Nationen: die Polen und die F i n n e n. Daszynski lveiß ganz gut, daß auch die Jude n in Rußland einennationalen Kampf führen, und daß der Kampf der R u t h e n e n auch ein nationaler ist. Wir verweisen nur auf die weiter unten besprochene Proklamation des "Bundes". Verst ä n blich ist uns ja dieses Verschweigm des nationalen Momentes im Kampfe der Judm in Rußland, beim hätte Daszynski — wie es die Wahrheit verlangt — dies zugegeben, so wäre sein ablehnendes Verhalten dem Verlangen dev j ü d i sche n S o z i a l d e mo kr a ten G cv- I i z i e n s, eine nationale Gruppe bilden zu dürfen, erst recht unverständlich. * q; * Aus der großen Masse vonpolitischen Kundgebungen, welche von den freiheitlichen Parteien Rußlands in den letzten zlvei Wochen heraus gegeben, wurden, ist für uns diejenige des „Bundes" sicherlich die wichtigste. Sie ist doppelt wichtig: als D o k tt in e n t jüdisch e n G e i ft es und als ein Beweis dafür, wie rii ckschrit t li ch, wte weni g freihe i t l i ch unsere S o z i a l d e m'o traten in Oesterreich sind. Der Bund ist eine proletarische Organisation und steht auf dem Boden der Sozialdemokratie. An den wenn! atich vorläufig geringen! Erfolgen der russischen Freiheitskämpfer hat der Bund den hervorragendsten Anteil. Aber indem er für die bürgerliche und politische Gleichberechtigung aller kämpft, kann und darf er nicht jener speziellen! Forderungenvergessen, lvelche das Judentunt infolge der Sonderstellung, in welche es auch die „freiheitlichsten" Völker gedrängt Buntes Feuilleton. Die Londoner Ostend-Polizei lernt Jüdisch. Im „Daily Telegraph" lesen wir die Nachricht, daß eine große Anzahl von Polizeimämlern der „H"-Division, d. i. der Division vom Ostend, der znmeist von Juden bewohnt ist, Unterricht in tüdi'scher Sprache nehmen, damit sie sich mit den eingervanderten Juden, welche der Landessprache noch tlicht mächtig sirid, leichter verstütldigen können. Andere Polizeibeamte lernen deutsch sprecherr. In New Nvrk ist matt allerdings schon weiter, da werdetl in den jitdischetr Vierteln znmeist Mische Pvlizistetl angestellt. Jüdische Bibliotheken in Rußland. Die Schulkommissiotr der Petersblirger Bildungsgesellschaft „Rtefizei Haskalah" beschäftigt sich jetzt ittU einem Plane ztir Förderung des Bibliothekswcsens im jüdischelt Anfiedlungsrayon. Veraitlaßt hierzu lvlirde die Gesellschaft hauptsächlich durch die viel eit Gesuche, lvelche aus den jüdischett Zentreu kamen, in welchen um Errichtung von. Bibliotheken! gebeten wurde. Auf Gnmd der bisherigen! Berichte läßt sich annähernd konstatierelt, daß in der „Tscherta" gegenlvärtig 108 ausschließlich für die jüdische Bevölkerung bestimmte Bibliotheken, enthaltend russische, hebräische im-b jüdische Bücher, bestehen. Von diesen Bibliothekettlauten 71 auf den Namen votr Privatpersonen, 10 sind im Besitze von Avutemluterstützuugsverein-en tiud die übrigen gehören verschiedenen Getncindeanstaltm tmd hulnaltitären Vereinen. Die meisten Bibliotheken befinden sich in den nordwestlichen Gouverneinents. Bemerkenslvert ist auch, daß die meisten Vereine im Gegensätze zu früheren Zeiten zumeist | it d i s ch e Literatur verlangen.