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Jüdisches Volksblatt · 1905-02-10 · 6 (10.2.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
6 (10.2.1905)
Date
1905-02-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite ü Jüdisches Volksblatt INr. 6 schärfsten bekämpfen. Von diese m Gesichtspunkte aus, und nur dieser ist der richtige, die Sachlage beurteilt, können wir mit Beruhigung die.Behauptung aufstellen, daß das Programm der jüdischen Volkspartei geradezu ctneit Siegeszug durch all die Reihen im jüdischen Lager gemacht hat, welche es als ihre Rufgabe betrachteten, die in dem Programme niedcrgelegten Prinzipien 31t bekämpfen und zu widerlegen. Und dies geschah nach beiden Seiten.. Die jüdische Volkspariei hatte die Genugturmg, daß die zionistische Organisation Oesterreichs schon auf ihrem B i e l i tz e r Partetage die Notwendigkeit der Gegenwartspoltik und die Betätigung in dieser Richtung zum Beschluß erch'-. (m der Bukowina, wo die Verhältnisse am günstigsten liegen, hat man aus diesem Beschlüsse bereits die praktischen Konsequenzen gezogen, und gerade die Zionisten der Bukowina waren es, welche anr meisten dazu beitrugen, daß der auf Basis der Jüdischen Volkspartei gegründete Jüdische Volksverein in C z e r n 0 witz sich zu einem politischen Machlfaktor der Hauptstadt der Bukowina und des Landes selbst entwickelte. In Galizien hat Wohl die Entwickelung in dieser Richtung einen langsameren Weg genommen, aber man ist auch dort bereits beim p r a k t i s ch e n Eingreifen in die Gemeinder a t s w a h l e n v 0 n L e m b e r g angelangt. Die Führer dieser Bewegung sind Zionisten. In B ö h m e n und M ä h r e u. häufen sich die Fälle immer mehr, in denen die Zionisten eine praktische Bcteiliguug an den Wahlen wünschen, ja mitunter fordern. Erst in jüngster Zeit haben wir eine zionistische Stimme aus Böhmen vernommen, welche ebenfalls zur imwrpolitischnc Frage mit ganz konkreten, praktisch durchzuführenden Vorschlägen Stellung nimmt. Daß die praktische Kolonisation Palästinas im zionistischen Lager immer mehr Anhänger findet, ist wohl jedermann bekannt. Womöglich noch g r ö ß e r e Erfolge als in der zionistischen Partei hat das Programm der jüdischen Volkspartei im Lager der Assim i l a n t e n aufzuweisen. Man denke nur an jene stürmischen Versammlungen der „Union", in welchen die Führer dieser Gruppe und gerade der Referent der jüngsten Versammlung, mit wahrem Feuereifer für „D e u t s ch t u m" und „deutschen F 0 r t s ch r i t t" kämpften. Man erinnere sich daran, daß das I i - b e r a l e C e n t r a l - W a h l k 0 m i t e e sozusagen nach dem Rezepte der „Union" zusammengesiellt wurde, und daß die „Union" sogar die administrative Arbeit des liberalen Central-Wahlkomitees mitbesorgte. Die Koriphäen des fortschrittlichen Deutschtums lager-. treu in der „Union" ihre Glück verheißenden er, empfinden Millionen unserer Brüder im fernen Rußland. Empfinden so, weil das Leben jegliches nüchterne Räsonnement aus ihren Gehirnen gehämmert hat. Die Handlung des Stückes sollte erzählt werden. Es ist aber schwer, da mit der Handlung dem Leser ein Teil der das Werk belebenden Empfindungswelt gemittelt werden soll. In einigen Worten kann das eigentlich Dramatische gesagt werden: Lija muß sich Beresin versagen, weil sie ihr Judentum nicht aufgeben kann; Nachmann weist sie blutenden Herzens zurück, weil sie ihn stets ma* als Lehrer verehrt, doch nie geliebt hat. Im letzten Akt zeigt uns der Dichter die Greuel der Judenverfolgung. Und während draußen der Mob die Juden totschlägt, kämpft Leiser mit feinem Sohne Baruch um das Judentum. Ich fennc in der ganzen dramatischen Literatur keine Szene von tieferer Wirkung. Die große Bitterkeit eines zerqnälten Lebens ringt in Leiser nach Ausdruck diesem Sohn gegenüber, dem der Schimmer einer schönen Menschlichkeitstheorie mehr gilt als die Lehre, die dein alten Juden das Leben mit Gewalt in die Seele gemeißelt hat. Er stößt den Sohn von sich, wenn auch alles in ihm zugrunde geht darüber vor Schmerz. Leisers Figur wächst ins Giganteske. (5in König Lear des Judentums. ( Sie morden und plündern draußen. Schon nähern sie sich der Wohnung Leisers. Nachmcmn stürzt herein und fordert zur Flucht auf. Aber Leiser geht nicht und betet zu Gott. Inmitten des Grauens und des Schreckens der anderen. Sein Lockrufe an die Inden ab. Die nationalen Parteien wurden mit allen ihren Forderungen ans das energischeste bekämpft, während den Juden in allen: Ernste der Anschluß an diejenigen Nationalitäten empfohlen wurde, in deren Miste sie leben. Henke haben, sich auch in der „Union" die Verhältnisse, lvenn auch nicht vollständig, so doch w e s e n t l i ch geändert. Heilte gibt der Referent der „Uiiion" schon zu, daß die Juden wegen ihres Judentums gehaßt seien, und deshalb auch ihr Judentum vor fremden Einflüsse,i wahren müssen. Heilte steht die „Union" mit in der Bewegung drinnen, welche eine R e f 0 r m d e r K u l t u s p 0 l i t i k i in Sinne d e r nationalen F ordern n g e n anstrebt. Kurz, die „Union" besilidet sich ans dem Wege, lvenn auch am Anfänge, in der Richtung, welche das Programm der jüdischen Bolkspartei bezeichnet hat. Das sind Erfolge vielleicht nicht einer Partei, aber sicherlich einer Idee, eines Programm es. Nicht um das Aushängeschild, das zu Ehren gelangen sollte, hat es sich den Begründern der Volkspartei, den Verfassern ihres Programmes gehandelt, sondern um den Sieg einer Idee, eines grundlcgenden Systems, und dieser Sieg ist zum großen Teile errungen. Wir und Rußland. Eine Erwiderung. Dev in der vorletzten Nummer erschienene, den Petersburger Ereignissen gewidmete Artikel bewog den um die jüdische Renaissance so hochverdienten Aestheten Mathias A ch e r, nicht nur den von mirPertretenen Standpunkt zu bekämpfen, sonderiz auch mich als den Schreiber des Aufsatzes persönlich anzugreifen; von der Feststellung dessen kann und darf mich weder meine Verehrung für den Literaten Acher, noch der vornehm polemische Ton seines Angriffes abhalten. Weist ich aber meinen Standpunkt nicht aus dem ’ distinguierten Dämmerlicht theoretischer Spekulation heraus wählte, sondern zu meinen p r.o g r a m m atischen Ausführungcns Wrängt wurde durch die Wucht des uns umtosenden Lebens und durch das Festhalten an jener1 Erkenntnis, die uns das Bewußtsein unseres Volkstums gab und uns in weiterer Entwicklung Zionisten werden ließ, weil ich sehe, wie Acher in russischen Dingen von jenen Gedanken bewegt wird, die bei uns den „Liberalismus", zeugten, und weil ich so wenig ideal veranlagt; bin, in der Verpflanzung des bei uns verkrachten „Liberalismus" nach Rußland eine Gefahr für unsere Bewegung zu sehen, stelle ich der Autorität Achers meine geringe Kraft, aber innige Ueberzeugung entgegen. Sinn ist nach innen gekehrt. Der Mob dringt ins Zimmer, Leiser wird zu Boden geworfen, der Lija verteidigende Beresin wird überwältigt und Lija erschießt sich, um Schande von sich zu wenden. Der sterbende Leiser: „Nichts ist mehr da! Der Wind kam von der Miste her und fegte . . . fegte alles wog!..." Der tiefe Inhalt des Werkes ist mst den wenigen Worten nicht erschöpft. Es sollte nur die Anregung gegeben werden, das für uns Juden so bedeutsame Werk eines Russen kennen zu lernen.*) Eine kritische Studie kann diesem Zwecke weniger dienen als der Versuch einer, lvenn auch nur cmdeutungsweisen Wiedergabe. Jedenfalls aber wäre zu lviinschen, daß „Die Juden" auch in deutscher Sprache hier zur Aufführung gebracht würden. Wie dies erinöglicht werden könnte, soll ein nächstes Mal gesagt lverden. Omega. Die Nicht-Juden. (Ort: Die Redaktion eines Wiener Tagblattes. — Zeit: Jetzt und früher einmal. — Personen: Viele. — Persönlichkeiten: Wenige.) Der Kritiker: Großartig war's, Kinder. Dieser Tschirikow ist doch ein Kerl! Ueberhaupt die Russen! Seit dem „Nachtasyl" hat mich nichts so gepackt. Ich glaube, ich schreibe ein Feuilleton für Sonntag. *) Eine deutsche ttobersetzuirg erschien im Berlage I. Marchlewskt u. Ko., München. Warn lvir die schlvärinerischen Theorien Achers in die russische Praxis übersetzen, so geben lvir auf, worum gerade Acher als einer der Ersten kämpfte: den Glauben an die Möglichkeit, für unstr Volk politische und nationale Unabhängigkeit und eine rechtlich gesicherte Heimstätte zu erringen. Für Acher hat die „Befreiung" Rußlands nicht nur für die ganze Menschheit, sondern auch für das jüdische Volk erlösende Bedeutung. Meine soziologischen Kenntnisse reichen nicht aus, um erfassen zu können!, wie der Uebergang der Macht von den russischen Hoskreisen auf eine privilegierte parlamentarische Clique, die ganze Menschheit zu erlösen vermöchte; und -cs ist auch nicht unsere Sache, dem nachzuspüren. Der Frage aber, inwieweit der' Firmawechsel der russischen Machthaber, der Uebergang vom Absolutismus zur „Konstitution", für uns Juden von erlösender Bedeutung sein kann, seien einige Worte gewidmet, weil diese Frage cs ist, die von mir nicht in der Weise beantwortet wurde, wie Herr Acher als liberaler Mensch es wünschte. Ich will der Geradlinigkeit der Polemik zuliebe aimchmen, daß der Bittgang der in Demut ihren Zaren verehrenden Arbeiter und die darauf folgende Schießübung der Kosaken wirklich eine Revolution war, wenngleich es im Jahre 1789 in den Straßen von Paris und in den Herzen und Köpfen der Pariser anders ausgesehen hat als jetzt in Petersburg und wenn auch das Sturmjahr 1848 deu inneren Strömungen als auch den äußeren Erscheinungen nach nicht die geringste Aehnlichkeit hatte mit bcrt Jännertagen des Jahres 1905. Ich will auch vergessen, daß die Petersburger Ereignisse nichts weniger als von den russischen Revolutionären, denen kein moderner Mensch seine Sympathien versagen wird, veranstaltet wurden und daß ein mir ungemein verdächtig erscheinender Pope, der im besten Fall ein blindwütiger Fanatiker ist, die unbewaffneten Arbeitermassen den Gewehren und Nagaiken der Kosaken entgegenfühxte; dies konnte vernünftigerweife nur das eine bewirken, die Reputation der durch die Ereignisse in Qstasien diskreditierten bewaffneten Macht vor den Völkern Rußlands wieder herzustellen. Ich will auch vergessen, daß die Handvoll liberaler und revolutionärer Elemente in Rußland durch eine ganze Welt von den Millionen des russischen Volkes getrennt ist und daß nirgends so tief der Unterschied geht zwischen der Weltanschauung der Intellektuellen und der bürgerlichen und der bäuerlichen Bevölkerung als in Rußland. Nebenbei betont fei nur. daß eine „Befreiung" der russischen Völker erst erfolgen wird, bis die unter an gemeinsames Joch gespannten Völker sich im Bewußtsein Der F e u i l l e t 0 nr e da k t e u r (eintretend) : Worüber, lieber Freund? Der Kritiker : Ueber „Die Juden". Der F e u i l le>t 0 n r e d a k t e u r : Was ist das? Ein antisemitischer Roman? Dann sei vorsichtig! Tadle nicht, du weißt ja- Der Kritiker: Aber nein, im Gegenteil . ... es ist ein Drama und schildert die Leiden der Juden, ihre Hoffnungen für die Zukunft . . . zuletzt ein Judenmassaker. Der Feuilletonredakteur: Und darüber willst du ein Feuilleton schreiben? .Noch dazu im Sonntagsblatt? Du meinst wohl, wir sind die „Oesterreichische Wochenschrift"? Ich weiß nicht, Kinder, was ihr doch eigentlich für Leute seid! Meiner Seel, zum Hinwerden. Diese Idealisten werden ihr Lebenlang keine anständigen Journalisten! Morgen, wirst du anr Ende noch «einen, Leitartikel über den Zionisnms schreiben und ihn auf dev ersten Seite in hebräischer Quadratschrift, Garmond mit Durchschuß, setzen. .Na, ich wünsche glückselige Auswanderung! Der Kritiker: Aber ich Litt' dich, hör' auf mit die dmmnen Witz! Gut — ich werde ein gewöhnliches Referat schreiben — hier darf man ja das Maul nicht mehr aufmachen, bevor man nicht „Gelobt sei Jesus Christus" gesagt hat! (Ruft ins Nebenzimmer:) Du, laß mir im Theaterteil fünfzig Zeilen Raum, ich schreib' über „Die Juden". Der Theaterredakteuv: „Die Jüdin"? dlber, lieber Freund, fade alte Oper!

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