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Jüdisches Volksblatt · 1905-02-10 · 6 (10.2.1905) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
6 (10.2.1905)
Date
1905-02-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Bei Beantwortung dieser Fragen komnlt unseres Erachtens zunächst eine andere Frage in Betracht, und zwar, welche gide sich eine politische Gruppe steckt, und ferner, welche Vorbedingungen für die Erreichung dieses Zieles bereits vorgefunden wurden? Als die Jüdische Volkspartei vor ungefähr 8 Jahren die Notwendigkeit einer selbständigen jüdischen Politik proklamierte, fanb> sie die möglichst ungünstigen Vorbedingungen, für ein solches Endziel vor. Die große, auf nationaler Basis organisierte Gruppe der Zionisten stand auf denn intransigenten Standpunkte der voll- Feuilleton. „Die Juden". (Schauspiel in vier Auszügen von Eugen T s ch i r i k o w. In W i e. n zum ersten Male aufgeführt vom russ. Leseverein am 31 Jänner.) Des Uhrmachers Leiser Frenkel Kinder, Boruch und Lija, wurden von der Universität relegiert, weil sie an Unruhen teilgenommen haben. Der Vater beklagt es tief: Ich habe alles gelalt., damit Du einmal besser leben solltest als ich, Dein Vater, gelebt Hab' . . . Der ebenfalls relegierte Beresin, ein Christ, ist Boruchs Freund. Er liebt Lija und wird wiedergeliebt. Melamed Nachman liebt Lija ebenfalls; noch von der Zeit her, da Lija ein Kind war . . . Schon im ersteir Aufzug führt uns der Dichter in die Gedanken- und Empstndungswelt dieser Menschen. All' ihr Reden dreht sich nur das eine, was auch dein. Indifferenten von der Wucht der Verhältnisse aufgedrängt wird: um die Judenfrage.' Nachmann ist ein begeisterter Künder zionistischer Ideen. Jeder Nerv an ihm ist jüdisch und jeder Gedanke ist der großen Empfindung für sein Volkstum, unjtorgeordnet. Er glaubt an die Wiedergeburt seines Volkes. Wer feinem! Ideal nahetritt, ist sein Feind. Und da man von Assimilation spricht und davon, daß der Jllde Mitwirken müsse an den Kämpfen für die Wiedergeburt der ganzen Menschheit, schreit er: Die jüdische Jugend hat ihr Blut mit dem polnischen gemischt — in ständigen Untätigkeit auf dem Gebiete der inneren Politik. Auf der anderen Seite fand sie das andere Extrem vor, welches in der politischen Betätigung der österecichisch-ifraelitischen Union zum Ausdrucke gelangte. Diese in Bezug auf Mitgliederzahl ebenfalls nicht unbedetltende Gruppe von Jtiden betrieb wohl Politik, aber verwahrte sich gegen jede jüdische Politik und verfocht den Standpunkt, daß die Juden nur in der Unterstützung unfo Förderung der Deutsch-Liberalen ihr Heil zu suchen haben. Zwischen diesen beiden Gruppen erstand nun die jüdische Volkspartei, welche sowohl punkto Zionismus als auch in Fragen der inneren Politik das Prinzip des Praktischen, der Realität, des stir das Judentum Nützlichen und Durchführbaren inaugurierte. Getreu diesem Prinzinpe forderte sie einerseits praktischen Zionismus 'durch Förderung der Kolonisation Palästinas und seiner Nebenländer, andererseits einen engeu Zusammenschluß aller Juden hierzulande behufs Förderung ihrer politischen, sozialen und wirtschaftlichen Interessen. Von zwei Fronten bekämpft, schritt die jüdische Volkspartei an das Studium dev einschlägigen Fragen und mitten iw Kampfe nach innen und außen trat sie alsbald mit einem ihre Forderungen zusammenfassonden Progrannne vor die Oeffentlichkeit. Es muß hier zur Steuer der historischen Wahrheit konstatiert werden, daß dieses Programm noch von der einen Seite belächelt, von der anderen offen bekämpft wurde; es soll aber, hier ebenso festgestellt werden, daß dieses Programm keinen einzigen Punkt enthält, welcher auf die Absicht Schlachten, auf den Barrikaden! und auf dem Schafott . . . Als dann die Polen in Oesterreich Herren wurden, begannen, sie vor allem, damit, den „Jud", wie einen Hund zu hetzen! „Und dieser Hund hatte für sie sein Blut vergossen, ja! sein Blut! Wir verarmten, wir starben Hungers und . . . füllten die Lust- Häuser mit unseren Töchtern ..." Nicht oft fand ein Dichter gewaltigere Worte. Die Glut der Empfindung, die sich im Dialog ausdrückt, täuscht über den Mangel einer sich organisch entwickelnden dramatischen Handlung hinweg. Und so wie Gorki wirft auch Tschirikow all linsere Theorien, über das Drama uni, indem er starke, doch stets künstlerische Wirkungen auslöst, nicht durch den dramatischen, sondern durch den lyrischen und essentiellen Gehalt des Werkes. Denn weniger Handlung kann ein Schallspiel in vier Aufzügen kalinl haben als „Die Juden". Nach dem rein expositiven ersten Akte kommt es im zweiten Aufzug zu einer Szene zwischen Lija und Beresin von außerordentlicher lyrischer Schönheit. Beresin wirbt mn das geliebte Weib. Aber Lija weiß, daß diese Liebe sie um ihr Judentum bringen muß. Alles in ihr bäumt sich dagegen auf. „Mich rührt eigentlich unsere Religion nicht und vieles in ihr kommt mir — albern vor. Zuweilen aber, wenn ich höre, wie der Vater seine Gebete am Sabbat spricht, regt sich plötzlich etwas in meiner Seele . . . weit, weit! Dort . . . irgendwo .. . etwas Eigenes, Nahes, Trautes taucht auf, als wäre es mir um etwas leid . . . der jüdischen Volkspartei in die politischen Tagessragen durch Beteiligung an Wahlen usw. einzugreifen, schließen läßt. Der Zweck dieses Programmes war eingestandenermaßen nur ein erziehlicher, nur ein den Zusammenschluß aller jüdischen Parteien auf Basis der Programmpunkte vorbereitender. Wir mußten diese Tatsachen vorausschicken, um auf eine in der jüngsten. Versammlung der „Union" seitens des Referenten im Schlußworte gebrauchten Aeußerung bezüglich, der Erfolge der jüdischnationalen Politik entsprechend reflektieren zu können. Der Referent meinte, daß die Unhaltbarkeit der von der jüdischen Volkspartei inaugurierten inneröfterreichischen Politik schon durch ihre Erfolglosigkeit begründet erscheine. Wäre nun der Erfolg eines Gedankens einer das Alte niedertretenden und überwinden dem Idee nur daran zu messen, wie viele Personen sich offen und ehrlich zu dieser neuen Idee bekennen, läge der Maßstab für die Erfolge eines gegen alte Vorurteile kämpfenden Programm.es nur darin, ob und wieviele zum Zeichen ihrer Anerkennung ihres Programmes sich zur Leistung eines Jahresbeitrages aufraffen, dann hätte vielleicht der Referent der „Union" Recht, wenn er. von der Erfolglosigkeit der jüdisch-nationalen Politik und den glanzenden! Erfolgen der „Union"-Poli>tik spräche. So stehen aber die Dinge nicht! Die jüdische Volkspartei ist mit der Aufgabe hervorgetreten, auf die großen Massen politisch erziehlich zu wirken, und ihre als gut erkannten politischen Lehren auch in diejenigen Kreise hineinzutragen, welche sie am (leise) Und plötzlich preßt sich mir das Herz zusammen ... ich möchte weinen!" Ihr Liebhaber Beresin, der Nationalist, faßt seine Philosophie demgegenüber in die Worte: „Man muß alles niederreißen, was am Leben hindert!" So entbrennt in der Seele Lijas der Kümpf ihrer Liebe gegen ihr Judenempfinden. Die Liebe in jungen Herzen ist stark... Gleich' darauf prallen Nachmann und Beresin aufeinander. .Nachmann, findet dem Vertreter der Idee vom. allgemeinen Befreiungslverke der Menschheit gegenüber Worte, wie sie nur der jahrtausende alte Schmerz eines Volkes gebären kann: „I n die Seele eines Juden dringt man doch immer nur s o hinein: mit den Füßen, in schmutzigen Stiefeln!" Wer will sagen, daß dieser Nachmann, den Golusbegriff überspannt? Denn dieser ,Nachmann, kein klug philosophischer Kopf, aber einer, der unter Schmerzen spricht, kennt die Qualitäten derVertreter des russischenLiberalismus, die an des Inden Mithilfe im Kampf gegen den Autokratismus appellieren. Und da Beresin die Frage, was er tun würde, wenn man vor seinen Augen anfinge, die Inden zu morden, unbeantwortet läßt, ruft er aus: „Ich habe nie gesehen, auch nicht gehört oder, gelesen, daß die russische Intelligenz jemals den Versuch gemacht hätte, die Judenschlächterei aufzuhalten. Alle verstecken sich, alle beeilen sie sich, sich durch die Polizei bescheinigen zu lassen, daß sie Christen sind, daß ihr Eigentum christlich ist!" Es mag sein, daß Nachmann objektiv nicht die Wahrheit spricht. Aber so, wie

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