Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2432763-2433077-2433082--2798-2436698- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
- Vilnius 1× ep/1000947
OCR text
Nr. 5 Jüdisches Volksblatt Htlfsrechtsamvälte .21 8 Privatrechtsanwälte .... 97 57 Zahnärzte . 8 7 Zahntechniker . 60 54 Hebammen. 52 27 Versicherungsagenten .... 45 17 Ueberhaupt vermögende Juden gibt es in Wilna 2887, mit Familien 14 600 ober 7 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung,' kleine Krämer mit 100 bis 1000 Rubel Kapital zirka 6000, und im ganzen Gouvernement 7887.") Handwerker gibt es im ganzen Gouvernement 12 246 Meister, Gesellen, Arbeiter und Lehrlinge 16 899, das heißt zusammen 31145 oder 2 Prozent der Gesamtbevölkerung (im Gouvernement Kursk bilden Handwerker nur 0,8 Prozent). In Wilna selbst sind 8181 Handwerker verzeichnet. Also wenn man zirka 10 000 Arbeiter und Handwerker und die Familie zu drei Köpfen annimmt, so kann man sagen, daß drei Achtel (öder wenn man die Familie zu fünf Köpfen annimmt, fünf Achtel) der Gesamtbevökkerung Wilnas von physischer Arbeit leben. Der Lohn eines Arbeiters oder Handwerkers ist geradezu klüglich. Besser bezahlte Arbeiter, Me Schriftsetzer, verdienen 240 bis 720 Rubel jährlich, Maschinisten 280 bis 600 Rubel, Graveure 380 bis 760 Rubel, Gießer 386 Rubel. Andere gelernte Arbeiter von 170 bis 670 Rubel jährlich. Der Verdienst eines einfachen Fabrikarbeiters bewegt sich zwischen 60 und 300 Rubel, der Wochenlohn einer Arbeiterin zwischen 76 Kopeken und 1,5 Rubel. Der Monatslohn eines Taglöhners überschreitet nicht etwa 16 Rubel. Bei solchen elenden Löhnen ist natürlich nicht daran zu denken, Ersparnisse zu machen. Die kleinste Aenderung — Alter, Krankheit, Invalidität oder Arbeitslosigkeit — bringt die ganze Familie in eine verzweifelte Lage, beinahe an den Bettelstab und jedenfalls ans Hungern. „Die offiziellen Volkszähler der Volkszählung von 1897, die von Kindheit an gewohnt waren, in jedem Juden einen „Ausbeuter" zu scheu, waren überrascht, als sie mit eigenen Augen sahen, in welchen Verhältnissen die Mehrzahl der Juden lebt: fürchterkiche Zusammendrängung, Elend, eine Menge Bettler, Leute ohne bestimmten Berus ... In einer Stube wohnen oft zehn Menschen, selten aber weniger als sechs vis acht,' eine ganze Familie hat nur ein Bett, wo natürlich nur der eitle Teil schläft, während die übrigen einfach aUf dem Fußboden liegen. Eine Familie von vier bis fünf Personen ernährt sich oft ganze Tage hindurch von 4 Pfund Brot und einem Hering. Alles geht barstrß und in Lumpen. Die Kinder abgemagert, fahl, mit Keimen von Schwindsucht und Entkräftung. Uttd solcher Elenden gibt es in Wilna etwa 20 0000, das heißt ehr Viertel der ganzen jüdischen Bevölkerung" (S. 42).") Die anormale ökonomische und rechtliche Lage der Juden hat zur Förderung der jüdischen Arbeiterbewegung geführt, und deshalb hält es der WilUaer GouvernMr ftir notwendig, mit Reformen vvrzugehen. Was schlägt er denn vor? Er will das Gesetz vom 3. (16.) Mai 1882 abgeschafft wissen, aber . . . das Ansiedklügsgebiet und alle arideren Beschrällkungsmatzregeltl müssen aufrecht erhalten bleibell! Der neue „liberale" Minister des Innern dachte aber rricht einmal daran, das zu machen, was der Wilnaer Gouverneur für notwendig erklärte . . . Das „Judenmanifest" vom 24. August 1904 brachte, wie wir schon gesagt haben, keine Aenderung in die Judengesetzgebung. Das Gesetz über die sogeirannte „Grenzzone" konnte nie in Wirklichkeit ausgeführt werden,' so wohnten dort am Anfang dieses Jahrhunderts bis 100 000 Juden. Dasselbe ist von den kleinen Fleckchen a*it sagen, in denen sich anzusiedeln jetzt den Inden „erlaubt" worden. Der Wilnaer Gouverneur, gewissermaßen auch mit der Zustimmung des ehemaligen Wtlnaer Generalgouvernours Swjatopolk-Mirsky, erkannte 5eu ganzen Schaden, den die JudengesetzgeHung den: Rayon zu fügt, fand die Aufhebung der Gesetze von 1882 für notwelldig. Und die Negierung? Sogar während der „liberalen" Aera dachte sie nicht daran, bell Juden Rechte zu gewähren ... so weit kann der „Liberalismus" einer antokvatischell Regierung nicht gehen! . . . Das Volk aufs gewissenloseste ausbeutend, sucht sie die ganze Schuld der Massenvewrmuug auf die Juden zu schieben, die Unzufriedenheit der Massen tll die Bahn des Rattoualitätenhasses zu Teufen. Die Politik divide et impera lvar imlller die Politik der Despoten und so ist die einzig mögliche Lösung der spezifischen „Judenfrage" in Rußland — die Befreiung Rußlands vom AVsolutismus. N. N. ') Diese Veröffentlichung hat einige Zeit vor deln Beginn der russischen Revolution stattgefunden. D. Red. “) Die weiteren Ausführungen knüpfen sich eng an den Bericht, die eigenen Bemerkungen des Verfassers sind jedesmal als solche besonders angegeben. :‘) Selbstverständlich spricht der Wilnaer Gouverneur nichts von der sogenannten „erweiterten Auslegung" der Gesetze, die darin besteht, daß die Polizei durch ihre Auslegung den Gesetzen oft einen ganz anderen Sinn verleiht. So zum Beispiel ist es den Jltden durch das Gesetz von 1882 verboten, sich in Dörfern anrusiedeln,' aber im Jahre 1898 sah sich der Senat genötigt, zu erklären, daß das „Herumsahren von Dorf zu Dorf", und im Jahre 1899, daß „die Ankunft eines Juden an Markttagen in einem Dorfe, um dort Handel in Getreide zu führen", nicht verboten sei,' oder daß „ein Jude durch zeitweilige Abwesenheit zur Ausübung des Militärdienstes seines Rechtes zum Wiederbewohnen des Ortes nicht verlustig geht" (1897); oder daß man die Kinder nicht von den Eltern trennen darf usw. Alledem waren die Juden durch die „erweiterte Auslegung" der Gesetze unterworfen worden. N. N. 4) Durch das Gesetz vom 20. Juni 1904 ist diese Grenzzone aufgehoben. N. N. °) Im Jahre 1895 erklärte der dirigierende Senat, die UebersiMung aus einem Haufe in ein anderes derselben Gegend „sei zulässig". Auch das hatte die „erweiterte Auslegung" der Gesetze durch die ländliche Administration verboten! N. N. °) Sie müssen ihn sich in ihren alten Gemeinden holen, die diese Abhängigkeit oft mißbrauchen. N. N. 7) Nach den Angaben der vor kurzem in russischer Sprache erschienenen „Sammetschrift von Materialien über die ökonomische Lage der Juden in Rußland" sind während der ganzen Dauer dieses Gesetzes nur 9—10 000 Handwerker ins innere Rußland übergesiedelt. Hieraus ist schon ersichtlich, daß das „Manifest" vom 11. (24.) August 1904, das von der liberalen bürgerlichen Presse so bejubelt wurde, kerne Aendernngen in die jüdische Gesetzgebung gebracht hat, worauf auch von der juristischen Zeitschrift „Prawo" (Nr. 36) hingelwiesen wurde. N. N. ®) Zu derselben Kategorie von Bestimmungen gehört auch eine ganze Reihe von Beschränkungen der Juden in ihren Rechten als Aktionäre, Kommanditisten, BaNkdirektoren, Verwalter von Immobilien der Aktiengesellschaften, als Genossenschaftsmitglieder, Börsenmitglieder, Börsenmakler. Ich führe als Beispiel nur einige BestiwttMngen der Negierung an. Die Schneiöergenossenschaft in Odessa darf nur Christen als Mitglieder aufnehmen. Unter den Direktoren der Libauer Börsenbank darf sich nur ein Jude besinden. Unter den Börsenmitglisdern beziehungsweise Maklern der Börsen von Odessa, Nikolajeff und Lodz darf die Zahl der Juden ein Drittel nicht übersteigen. In vielen Orten dürfen Juden überhaupt keine Börsenmitglie'öer oder Börsenmakler sein. (Siehe I. Hessen: „Die Judengesetzqebung", Petersburg 1904, S. 179—183 und 221. bis 228.) N. N. °) In Rußland gibt es Rechtsanwälte, die eine höhere Schule absolviert haben müssen, und solche, die nur ein bestimmtes Examen bestehen nrüssen. Die letzteren werden private Rechtsanwälte genannt. Zu diesem Examen werden aber die Inden nicht zugelassen. Die erste Kategorie heißt eigentlich „vereidete Rechtsanwälte, ein solcher kann aber nur derjenige werden, der eine Zeitlang Gehilfe bei einem Vereidigten mar. 'h Im vergangenen Jahre hat Swjatopolk- Mirsky diese Erlaubnis einigen sehr bekannten jüdischen Anwälten erteilt. ") Alle diese Angaben über die Zahl der Fabriken und Fabrikarbeiter sind der Enquete der „Jewish Colonization Association" 1898—99 entnommen,- siehe auch Ruppin: „Die Juden der Gegenwart", Berlin 1904, und „Materialien zur ökonomischen Lage der Juden in Rußland", 1904 (russ.). ") Den durchschnittlichen Gewinn kann man auf 0 Prozent annehmen: wenn nmn aber in Betracht zieht, daß ein Teil der Betriebe ganzen Gesellschaften gehört, so ist die durchschnittliche Einnahme eines Besitzers ungefähr auf 2800 Rubel anznschlagen (Der Bericht, S. 33). 8) „Es gibt buchstäblich kein Haus, in dem sich nicht einige Kaufläden befinden: unter solchen Umstünden nimmt die Konkurrenz geradezu schreckliche Dimensionen an . . . In der letzten Zeit machen noch zahlreiche Konsumvereine, private und glich verschiedener Korporationen — den Jubelt eine gefährliche Konkurrenz beinahe in allerr Kreisen des Handels llNd der Industrie." M) Ein ähnliches Bild des jüdischen Lebens gibt auch Brodowsky irr seinem Werke: „Das jüdische Elend in Odessa". Von zirka 160 000 Einwöhnern lebell 63 Prozent in bell denkbar elendesten Verhältnissen. 8500 Familien mit 48 000 Personen nehmen jährlich die öffentliche Armennnterstützung in Anspruch, 63 Prozent aller Toten »nüssell unentgeltlich bestattet werden und 20 Prozent m den niedrigst festgesetzten Prellen. Viele Kinder beschüftigell sich mit Annähen von Knöpfen auf Karton lind verdienen damit — sage und schreibe — 9 bis 15 Pfellnig täglich (zitiert bei ll. Ruppin: „Die Inden der Gegenwart", S.183). Emigration und Zionismus. Ueber dieses jetzt so aktuelle Thema hielt vorige Woche der bekannte Zibnist Assessor Dr. Gronemann-Hannover einen Vortrag. Dem Berichte, der uns über diesen interessanten Bortrag zugekommen, entnehmen wir folgende Stellen: Der Redner wies zunächst darauf hin, daß die Judenheit Westeuropas sich gegenüber der Judenfrage in Osteuropa in einem Zustande der Ratlosigkeit und Verwirrung befände. Die jetzige verwirrende Situation sei hervorgerufen durch den Massenandrang osteuropäischer Auswanderer. Wenn man sich nun frage, woher dieser Zustand der Verwirrung und Ratlosigkeit der westeuropäischen Juden gegenüber der von Osten drohenden Gefahr komme, so müffe man zunächst einen Rückblick auf die Geistesentwicklung des Judentums im 19. Jahrhundert werfe». Diese wurde hauptsächlich durch die Kämpfe auf religiösem Gebiete, durch die Kämpfe zwischen Orthodoxie und Reform, die sich um die Namen von Samson Rafael Hirsch einerseits und Abr. Geiger andererseits gruppierte, bestimmt. Der Redner geht dann näher auf diese Kämpfe ein nnd betont, daß dadurch den Juden vielfach die sozialen Gesichtspunkte verloren gingen, wenn auch die bekannte jüdische Wohltätigkeit dadurch in keiner Weise beschränkt wurde. Zur Beseitigung der auch noch jetzt vielfach herrschenden Verwirrung, die ihren Höhepunkt darin erreichte, daß man mit den zur Linderung der Not der osteuropäischen Juden bestimmten Geldern diese Aermsten der Armen, die in Amerika oder England keine Aufnahme fanden, einfach wieder in ihre Heiuiat zurücksandte, sie also wieder dem Elend zuführte, dem sie entflohen waren, zur Beseitigung dieser Verwirrung wurde zu Ende des verflossenen Jahres vom Hilfsverein der deutschen Juden ein« Konferenz nach Frankfurt a. M. einberufen. Auf dieser internationalen Konferenz zur Organisation der osteuropäischen Auswanderung, an der 24 verschiedene Vereinigungen des In- und Auslandes teilnahmen (von Hamburg waren Herr Gemeindevorsteher Moritz Marburg für da- Hilfskomitee für rusiische Juden und Herr Paul Laskar vom Israelitische» Verein für Obdachlose erschienen) wurde die folgende Resolution angenommen: „Davon ausgehend, daß in keiner Weise irgend etwas unternommen werden darf, was zur Auswanderung ermuntern könnte, wird beschlossen: 1. Daß die einzelnen Länder Vorsorge treffen, damit die osteuropäische Auswanderung von Land zu Land überwacht werde; 2. daß ei» spezielles Bureau mit dem Sitze in Berlin für Jnformationszwecke gebildet wird. Das Bureau wird seitens des Hilfsvereines der deutschen Juden und der Groß-Loge U. O. B. B. in- Leben gerufen. Was Deutschland anbelangt, so ist die in Frankfurt beschlossene Organisation als bereits durchgeführt zu betrachten. Längs der preußisch-russischen Grenze von Memel bis Ratibor hat der Hllfsverein der deutschen Juden an de« wichtigsten Grenzübergängen Schutzkomitees für durchreisende russische Juden ins Leben gerufen, die zum größten Teile bereits funktionieren und eine außerordentlich segensreiche Tätigkeit entfalten. Diesen Grenzkomitees schließen sich weitere Komitees in den Hafenstädten Hamburg und Bremen und in den wichtigsten Eisenbahnknotenpunkten, wie Dresden, Leipzig, Nürnberg, Aachen an. Auch die Zionisten haben an dieser Konferenz teilgenommen und obgleich sie in ihren Endzielen einen anderen Standpunkt einnehmen, sich dennoch zur praktischen Mitarbeit bereit erklärt. Der Redner geht dann näher auf die Emigrationsfrage du, die einen immer größeren Umfang annehme, haben doch im verflossenen Jahre allein 60.000 Juden die Grenze von Rußland überschritten. Die Frage, was soll mit den Jude« der osteuropäischen Länder geschehen, werde immer brennender und drohe auch für die westeuropäischen Juden sich zu einer Gefahr auszuwachsen, wenn man bedenke, daß selbst die Regierungen liberaler Länder mit dem Gedanken umgehen, Abwehrmaßregeln gegen die Einwanderung osteuropäischer Inden zu ergreifen. Die Hoffnung, daß eine politische Umwälzung im Osten eine Besserung in der Lage der Juden herbeiführen werde, sei eine trügerische, denn das Ziel der russischen Politik werde stets dasselbe bleiben, nämlich die Schaffung eines Einheitsstaates nach Sprache uud Glauben. Deshalb habe die russische Regierung schon im Jahre 1892 die Inden in ihrer Auswanderung unterstützt und tue dies auch heute noch. Die Frage der Emigration bleibe also bestehen. Wohin könnten die Juden sich nun wenden? Da sei in erster Linie England und Amerika das Ziel der russischen Emigranten,