Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Jüdisches Yolksblatt S i!o 5 , Herr Dr. Schor st c i n, Sekretär der Baronin Hirsch-Jubiläumsstiftung, gesagt, das; eine rationelle Zentvalisiernng der verschiedenen WohliätigkeitAvc reine bis heute nur wegen der g r e n z e n l o s e :: Eitelkeit der einzelnen. Vevcin.svorstände nicht zustande gekomrttcn ist, und daß es überhaupt eine utopistische Auffassung sei, alle diese Vereine unter einen Hut zu bringen. Viel für sich hat auch der Vorschlag 'dieses Redners, daß vor allen: ein Z c n t r a l k a t a st c r auzulegen sei über die Beteilung der Armen dnrch die Vereine. Vor diesem. Redner unterzog kais. Rat A n n i n g e r die unrationelle Weise, in welcher der Kull'usvorstand die jüdische Armenpflege besorgt, einer scharfen, aber gerechten Kritik. Er wies an der Hand eines Elaborates des gewesenen Präsidenten der „Union" P' a u l- Schiff nach, daß die Kultusgemeinde jährlich wachsende Summen für Arnrenpflegc ausgebe, hon welchen kaun: der geringste Teil eine praktische, rationelle Verwendung findet. Die - heutige Versammlung sei zu groß, um über diese wichtige Frage schlüssig zu werden. Er schlägt die Bildung eines Konütees vor, dessen Ernennung nach langer, unfruchtbarer Debatte Herrn Dr. Alfred Stern überlassen :yurde. Dr. Stern ist also der alte Witz wieder einmal gelungen: eine allem Anscheine nach lebensfähige Aktion ist in seine Hände geraten, um sie — für immer zu begraben! — b. — sz. Selten dürfte eine so große jüdische Gemeinde von gleich hartem Mißgeschick verfolgt sein, wie diejenige vor: Prag. Die Nachrichten, welche voi: hier aus über das Leben und Treiben der jüdischen Bevölkerung in die Oeffentlichkeit gelange::, sind so spärlich wie möglich. Dringt aber doch einmal ein Bericht in die jüdische Presse, so ist er unvollständig oder entspricht nicht den Tatsachen. Die Juden von Prag sind ein eigenes 'Völkchen, das gut studiert werden muß, wenn man eS richtig schildern will. Es beklagt sich beispielsweise in seiner Gänze, ausgenommen vielleicht die achtzehn Herren, die im Vorstande auf der Kultusrepräsentanz sitzen, und doch hat es die jetzigen bedauernswerten Verhältnisse dnrch seine hochgradige Indolenz mitverschuldet. Jahrzehntelang hat man sich hierorts un: die Repräsentanz nicht gekümmert, man ließ sie nach Belieben schalten und walten, was Wunder, wenn die achtzehn Herren sich unabhängig fühlten. Was kümmerte es sie, wein: das religiöse, wirtschaftliche und kulturelle Niveau der jüdischen Bevölkerung immer tiefer sank. Ihrer Wahl oder besser gesagt ihrer Kooptation waren sie seitens des Herrn Präses immer sicher. Die Ehrenstelle war also nicht gefährdet. Arbeit gabs nicht viel, denn außer der Vergebung der reichen Stipendien haben die Herren nichts zu tun gehabt, und wenn doch hin und wieder etwas sie aus der Ruhe zu rütteln drohte, so hat es der Herr Präses auf seine breiten Schultern geladen und die übrigen siebzehn Herren hatten nur die angenehme Pflicht, zu den rettenden Taten desselben ihre Zustimmung zu geben, was sie auch stets bereitwilligst taten. Ob aber dasjenige, was vom Präsidententische aus namens der Repräsentanz geschah, den gegebenen Verhältnissen entsprach, haben diese Herren entweder nicht verstanden, oder wollten es nicht verstehen. Und nun regt sich in allen Winkeln das jüdische Leben, verlangt nach Betätigung, drängt die Repräsentanz zur Arbeit und wird dessen erst jetzt ewahr, daß durch die vielen Jahre, während eren man die Geschehnisse im jüdischen Rathause — in Prag gibt es noch von der Zeit her, wo sich die jüdische Gemeinde politisch und jndiziell selbst verwaltete, ein jüdisches Rathaus — nicht kontrollierte, sich die Korporation — genannt ihre Kultusgemeinderepräsentanz — daselbst so ziemlich von der jüdischen Bevölkerung unabhängig gemacht hat. Die Wahlen, welche anderorts auf die Zusammensetzung der Vertretung von entscheidendem Einflüsse sind, haben hier gar keine Wirkung. Sie werden ganz einfach von: Präses gewählt. Dieser allein entscheidet über die Zusammensetzung unserer Gemeindevertretung und die Herren, die darin sitzen, sind sich dessen vollauf bewußt, daß sie den Ehrensitz nur ihn: zu verdanken haben und hüten sich sehr davor, seine Gunst zu verscherzen.^ Die natürliche Folge dieses Umstandes ist eine unbegrenzte Alleinherrschaft. Eine Autokratie, selbst wenn sie von einen: Genie ausgeübt wird, kann nicht zum Wohle des Ganzen gereichen. Deshalb wird von jener Seite, die zurZeit den Gärungsstoff innerhalb der ganzen Judenheit abgibt, dahin gearbeitet, das Wahlsystem abznändern. Sie plant zu diesem Behuf eine große und allgemeine Aktion, von der sie sich einen durchschlagenden Erfolg verspricht. Es handelt sich ganz bestiinmt nicht darun:, einen oder gar zwei Männer einer bestiinmten Richtung in den Vorstand zu bringen. Was könnten sie dort im besten Falle zustande bringen? Selbst zugegeben, daß sie den MutHätten, den Erbgesessenen Opposition zu inachen; gewiß könnten nur Geringfügigkeiten der Erfolg sein und das lohnt nicht die aufgewendete Mühe. Wir bedürfen in dieser schweren Zeit einer Gemeinde: ertretuug, die ihre Aufgabe höher stellt, als diejenige einer Armenverwaltung und dergleichen ist. Auf diesem heißen Boden müssen Männer in der jüdischen Gemeindestube Sitz und Stimine haben, die für das, was den Juden fehlt und in der Zukunft nottut, Herz und Gefühl haben, aber auch den Mut und die Tatkraft, es anzustreben und zu erringen, und die im gegebenen Falle Selbstverleugnung genug besitzen, in diesem Kampfe ihre Ehrensitz'e aufs Spiel zu setzen. Also nicht allein Personen sind es, die in Frage kommen, sondern das System, und diese zu ändern, dazu werden sich schon die jetzigen Machthaber nolens, volens bequemen müssen. Für diese Saison hat die Leitung unserer Gemeinde sich den Anschein geben wollen den Wünschen der Gemeindemitglieder insoweit zu entsprechen, daß sie Vortragsabende veranstaltete. Sie tat eß in ihrer gewohnten Weise so unzweckmäßig, daß dieselben einer Farce gleichzuhalten sind. Das Mißlingen jedoch wird ihr sehr zu der Ausrede dienen, weshalb sie nichts zur Moralförderung der jüdischen Religion und Wissenschaft beiträgt. Und diesen Erfolg hat sie der Inszenierung der Vorträge nach zu schließen, von Vorneherein im Auge gehabt und er ist nicht ausgeblieben. Aber auch in allen übrigen Richtungen ist sie unfähig den Wünschen der jüdischen Bevölkerung zu entsprechen, weil sie vollständig isoliert dasteht und einer Koterie zum Wohlgefallen wirkt. Welche schöne Erfolge hätte die hiesige Repräsentanz den Prager Juden bringen können, wenn eine große Zeit nicht kleine und kleinliche Männer vorgefnnden hätte. Auf so eine Rarität der Juden in Böhmen soll hier hingewiesen werden. In der Renegatenfabrik „Ceska zidovska Jednata“ enannt, sitzt ein sogenannter Rabbiner, der ie Freiheit hatte dafür sich einzusetzen, daß das Hebräische ans dem Religionsunterrichte in den Schulen eliminiert werde. Es fand sich keiner in der Versammlung, der dem famosen Rabbiner zu Boden geschlagen hätte; ja es fanden sich welche, die allerdings den Taufbecken als die einzige Rettung vom Uebel betrachten, ihm Recht gaben "und für die rettende Idee im ganzen Lande Propaganda machen. Der Name dieses Herrn lautet: Dr. Ottokar Kraus »Rabbiner" in Beneschau bei Prag. Es scheint eine Gemeinde zu sein, die den Rabbiner hat, den sie verdient, oder sollte es umgekehrt besser passen? Nicht minder besitzen wir einen Pfefferkorn, Brimanus usw. in neuer Auflage. Ein Individuum, das vielfach schon Schiffbruch gelitten, bemüht sich mittels eines wöchentlich erscheinenden Pamphletes, die Juden aller :nöglichen Verbrechen zu beschuldigen und dabei sich als orthodox-jüdisch zu gerieren; allerdings mit den: Vorbehalt, daß es seinen einzigen männlichen Sprößliuy hat taufen lassen. Dieses Individuum :v:rd gewiß der hiesigen jüdischen Bevölkerung noch viel, sehr viel zu schaffen geben und unseren desolaten Genwindeverhältnisse:: allein ist es zu danken, daß dieses Geschwür am jüdischen Leibe noch fortwuchert. Zum Schlüsse sollen hier die Vorkommnisse, die von allgemeinem Interesse sind, Raum ftnden: Eine ganze Reihe von Vorträgen, die zumeist von vielhnndertköpfigem Publikum besucht waren, fanden hier statt. Es sprachen Dr. Gutt::: a n n aus Breslau über das Judcntun: zur Zeit der Reforination in „A f i k e I e h u d a", Dr. Adolf K u r r e i n aus T e p t i tz über „H e r z l s T e st a ::: e n t" in:Jüdischen Volksverein, Dr. Adolf Bergmann aus Pardubitz im Jüdischen Fraucnverein über das Thema „Mit und ohne Charter", Dr. Hans Gideon Heym a n n aus M ü n ch e n über „Gegenwart und Zukunft der jüdischen Wirtschaftspolitik", Dr. Nathan G r ü n über die Synagogen Prags; dieser letzte Vortrag bot besonders den Historikern viel Interessantes, das bisher noch unbekannt war. Der Gelehrte verdient besonders hervorgehoben zu werden, weil er offenbar über die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Prag der bestunterrichtete Mann ist. Der Vollständigkeit wegen möge hier des Mißgeschickes gedacht werden, welches den Verein „Afike Jehuda" in betreff des Redners Dr. Gugenheimer-Kolin betroffen hat. Es dürfte für die Wahl der Redner insofern maßgebend sein, daß n:an sich in Zukunft in bezug auf die Fähigkeiten derselben besser unterrichtet. B. J. Czernowitzer Brief. Anläßlich öer Eröffnung ihres 10. «Semesters hatte die akademische Verbindung „Hebronia" am 21. v. M. im neuen Mufikvereinssaale einen Stiftungskvmmers veranstaltet. Vom Professorenkollogrum erschienen der Rektor und. die Professoren Adler, Ehrlich und Kellner. Nach Erösfnung des Kommerses ergriff stud. phil. I. Pilpel das Wort zur Tendenzrede und erinnerte wie mit dem Auflodern der Flammen des iy Trünnner gesunkenen Tempels jene gewaltige Lendensgeschichte des jüd. Volkes beginnt, führte uns vor Augen, wie der unstete Ahasver gepeinigt und geplagt durch das fanatische Mittelaller irrt, erzählte uns, wie wenig Verständnis die ,/aufgeklärte Neuzeit" dem gefolterten Volke entgegenbringt. Erst spät, spät, als Wunden über Wunden geschlagen worden, erstand ein Mann, der den Mut hatte, zu sagen, daß die Juden eine Nation sind wie die anderen Völker, daß auch sie ein Recht haben, auf eigener Scholle zu arbeiten und zu ruhen. Nun, diesen Mann, diesen Helden, Theodor Herzl, hat der Tod zu früh aus unserer Mitte gerissen. Des verwaisten jüdischen Volkes Tröster zu sein, des erst verstorbenen Helden hohe ideale Intentionen voll und ganz zu befolgen, ist Aufgabe der jungen Juden geworden. Und diesen jungen Juden schließt sich die „Hebronia" an und will tun, was in ihren Kräften liegt. Nachdem stud. jur. Lazarowitz eine Rede auf die Alma mater Hielt, ergriff der Rektor unter großem Jubel das Wort zu einer längeren, mit Beifall ausgenommenen Rede, in welcher er unter anderem ausführte: „Ich brauche Ihnen nicht erst zu versichern, daß ich als akademischer Lehrer jederzeit mich freue, wenn unserer Alma water in so schöner Weise gedacht wird. Vor allem, meine Herren, lassen Sie mich für die schöne Rede, die auf unserer Alma mater gehalten wurde, den besten Dank ausfprechen. Bringen Sie unserer Alma mater nur Liebe, Achtung und Sympathie entgegen und Sie können versichert sein, daß Sie in jedem Lehrer einen aufrichtigen FrenNd und Förderer Ihrer schönen Bestrebungen finden werden. Meine Herren von der „Hebronia"! Mögen auch die Lebensziele den einen hierhin, den andern dorthin führen, im letzten End: streben Sie doch alle nach einem Ziel. Sie wollen alle für das Wohl Ihres Volkes wirken und ihm eine sonnige gütliche Zukunft bereiten. Auf daß Ihnen dies gelinge, möchte ich als Ihr Rektor Ihnen einen schlichten Rat erteilen. „Lernet dienen," rufe ich Ihnen zu, vor allem Gott dienen. Ihm dienen, heißt richtig den Lebenszweck erfüllen. Was Sie tun und treiben, tun Sie es im Hinblick auf Gott. Dienen Sie auch den: Vaterlande. Jeder von Ihnen soll es als seine Pflicht erachten, dem Vaterlande seine Taten zu weihen. Zeigen Sie, meine Herren von der „Hebronia", daß Sie nicht vergeblich die Geschichte Ihres Volkes studiert, die so reich ist an glänzenden Beispielen des Patriotismus." — Es sprachen dann noch jur. Kaßner l„Hasmonaea"), stud. jur. Schwitz („Emmunah"), stud. jur. Klttn („Sojuz"j und sind. Phil. Gabor („Tikwah"). Nach Schluß des offiziellen Teiles kan: der Tanz, der die zahlreichen Anwesenden bis znm Morgengrauen beisamlneNhielt.