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Jüdisches Volksblatt · 1905-02-03 · 5 (3.2.1905) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
5 (3.2.1905)
Date
1905-02-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdisches Volksblafct Nr. 5 allen, nur nicht den Juden, die auch heute von ihrer falschen Pollnk nicht ablassen wollen. * .* * DieOefterreichisch Israelitische Union hat diese Woche die politische Lage" zur Diskussion gestellt. Tie Versammlung war ziemlich schwach besucht, die nationale-a Gruppen stellten ein bedeutendes Kontingent der Anwesenden,zum Zeichen dafür,das; dieseGrnppen es sind, ivo unter deil Inden lioch politisches Interesse anzutresfeil ist. Um so krasser erscheint aber die assimilatorische Verschlagenheit und politische Unmündigkeit des Oberassimilanten Sachs, der in dieser Versammlung darüber lamentierte, daß man feine jüdische Versammlung besuchen f'önnc, ohne dein Zionismus und Nationalismus zu begegnen. Die Herren voni Schlage Sachs werden. sich nunmehr all diese „traurige" Erscheinung ge-vöh neir müssen. Das Referat, welches Sekretär Fleischer erstattete, bedeutet einen erfrenlichell Fortschritt in de^. politischen Auffassung der Kreise der „Union" 4 Heute ivird schon zugegeben, daß die Juden' auch wegen ihrer Beteiligung an denr nationalell Hader gehaßt werden. Heute erblickt Herr Fleischer noch das Heil der Juden in allgemeinen Wahlrecht. Ist nlüil einmal soweit, die Ursachen des Nebels zu erkennen, so ist eine Verständigung über das Heilmittel auch nicht mehr weit. Wir haben bei dem Regierungsantritte des Freiherr» von Gautsch daraus hingewiesen, daß dieser Regierungswechsel auch eilce Aendcrang des Systems nach der reaktionäreil Richtung hin bedeute und daß für uns Inden sich die Sitllütion verschlechtern werde. Der erste positive Regierungsakt von Gautsch in dieser Richtullg gibt mrs Recht. Das Hansiergesctz,dieses Judengesetz,ivie es im Buche steht, ist lvieder in Fluß gebracht worden. Die ärmsten der jüdischen Existenzen werden durch dieses Gesetz schwer betroffen^ wie wir dies seinerzeit ausführlich bespräche»^ Das ist das erste „Geschenk" ivelches vom' Ministerium Gautsch den Jllden gemacht iv.wden soll. Die Juden werden es natürlich ruhig llnd geduldig hinnehmen» geht es doch ll lr r unl die Existenz armer Stammesbrüder, die kein Stincmrecht und kein — Geld haben. Auch die jüdische Presse ivird sich darüber ausschweigen und dieser wichtigen Sache nicht einmal deil Platz einräu: cn, den sollst eine Selbstverhimmelung des Tr. Stern oder die Nachricht von dem Beinbruch des Baron Rothschild eiilzuilehmeil pflegt. * * Die Lemberger Gemeinderatswahlen beschäftigen Heuer zum ersten Male auch die Zionist e n Lembergs in intensiver Weise, dadurch den Beweis erbringend, daß Las Eingreifen der Nationaljuden in die politischen Tagesfragen nicht länger Hinausgeschoben werden darf. Der „Wschvd", der trotz seines zionistischen Standpunktes, stets auch die Notwendigkeit der politischen Betätigung «betont, weist in seiner jüngsten Nummer nach, wie viel die Juden in Galizien versäumt haben dadurch, daß sie ihre wirtschaftlichen und sozialen Interessen bisher vernachlässigten. Diese statistischen Daten sprechen Bände. So schreibt das genannte Blatt: „Beim Lemberger Magistrate sind 149 Konzeptsbeamten angestellt, deren Bezahlung jährlich eine halbe Million Kronen beträgt. Das Manipnlatwnspersvnal, die Diener und Wächter (zusammen 297 Personen) bekommen 112 418 X. Unter all diesen gibt es nicht einen Juden. 14 Aerzte bekommen 54 583 K. Unter diesen gibt es e r st seit dem vorigen Jahre einen Juden. Auch bet der Marltpolizei (26 Personen, Jahresgehalt 26 568 X), bei der Feuerwehr (04 Personen, Jahrcsgehalt 55 480 K), bei den Straßenwächtern (29 Personen, Jcchresgehalt 25 950 X), bei den Gärtnern (10 Personen, Jahresgehalt 18 475 X), bei den Kanalräumern (11 Personen, Gehalt 11804 X) und bei deu Wald- Hegern (22 Personen, Gehalt 20 549 X), sind keine Juden. Die Administration des städtischen Schlachthauses kostet jährlich 165 475 X, die städtische Gasanstalt 828 072 X, die städtische Wasserleitung 517 530 X, die Verwaltung des Rathauses und ber städtischen Realitäten 19 078 X. Unter den obenerwähnten Angestellten gibt es ebenfalls nicht einen Juden. Auch 'bei den städtischen Lieferungen werden die Juden nicht berücksichtigt." Aus derziouistischenBetvegung. Der Kampf zwischen den Territorialtften und den „reinen Zionisten" nimmt immer größere Dimensionen an. Beide Parteien kämpfen mit gleicher Brhemenz und — leider — auch mit gleicher allzugrvßer Schälke. Man ist nun schon so weit, daß die eine Partei den Zionismris der anderen anzweifelt, wodurch die Situation nur noch verschärft wird. Die rührigere Partei ist jedenfalls die lerritorialistische. Unter dem Titel: ,Was will der Zionismus?'^^ sie ein Flugblatt hcraaSgegeben, das eine sehr kühne Sprache fährt. „Der Zionismus", beginnt das Flugblatt, „erstrebt, dem jüdischen Volke dasjenige zu geben, was ihm als Volk unter anderen Völker» mangelt und den Grund seiner anormalen Lage bildet, ein Land. Im Baseler Programm hat dieses Bestreben in den Worten Ansdruck gefunden: Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Das war der junge Zionismus, jung als politische Bewegung, die kaum erst zu lallen verstand; ihre Kraft nicht kennend und den Inhalt ihres Strebezieles nicht ermessend, verlangte sie viel und doch unendlich wenig, viel im Reiche der Träume, wenig für die Welt der Wirklichkeit. Der Zionismus hat gelernt! Cr hat gelernt, daß das große Ideal des wiedererstandenen Volkes auf dem Bodeu der alten Heimat nur für einegewisse Zeit z u g e lten hatte (?), indem die Masten, die noch schliefen, nicht leicht durch etwas anderes geweckt werden konnten als durch den grandiosen, sinnberückenden Traum des neuerstandenen Landes der Propheten." In diesem Tone geht es bis zu Ende, bis zur schließlichen Aufforderung an alle Vereine und Personen innerhalb der zionistischen Organisation gemeinsam für den Sieg des Territorialismus zu kämpfen. Wenn wir auch die Ansicht des Herrn H. Sachse („JüdischeRundschau") teilen, daß der Territorialismus eine Mischehe von Zionismus und Assimilation ist, die unfruchtbar bleiben wird, so dürfen wir doch die Gefährlichkeit dieser Agitation nicht unterschätzen und müssen es mit allen Mitteln zu verhindern trachten, daß der Zionismus zu unfruchtbarer Arbeit hingedrängt werde. Ueber die Frage dev Leitung spricht sich Berlhold F e i w e l tn der jüngsten Nummer der „Jüdischen Rundschau" aus. Nach einer längeren Kritik der bisherigen Tätigkeit des kleinen A.-C. und des Kongreßbureaus, in welcher besonders der Mangel' an geeigneten Fachmännern betont wird, fährt Herr F e i w e l fort: „Denn es ist keine Uebertreibung zu sagen, daß es schon jetzt für uns eine Reihe von Fragen und Agenden gibt, die komplizierter find, als die irgend eines kleinen Gemeinwesens. So lange wir das nicht erkennen und berücksichtigen werden, wird unser A.-C. — ich verbinde damit keinen beleidigenden Nebensinn — eine mehr oder minder diletantische Körperschaft, unser Kongreßbureau eine etwas kostspielige Rechen- und Schreibmaschine sein, und von beiden wird niemals — wie es notwendig wäre — wahre Produktivität und wirkliche Befruchtung der Organisation auSgrhen. Zur Beseitigung dieser Mängel schlägt Herr Feiwel zur Leitung der Organisation ein Dreimännerk o l l e g i u m vor, das in einer Stadt vereinigt sein sollte. Diesem Kollegium steht zur Seite: Bureau. Das Bureau besteht aus fachmännischen K r ä f t e n für die notwendigsten Agenden dcs Zionismus. Zu diesen gehören nach Meinung des Herrn Feiwel folgende Ressorts: 1. O r g anisation und Agitation (Kontrolle, Statistik, Verwaltung der Bewegung und Maßunhmen für ihre Ausbreitung) 2. Presse und Publikation (Ueberwachung, Unterstützung der Parteipresse, Kontrolle und Information der jüdischen und nichtjüdischen Publikationen, Agitations- und wissenschaftliche Schriften, literarische Propaganda. Archiv rc.) ein ungemein wichtiges Arbeitsfeld, das von uns leider bisher sehr vernachlässigt wurde. 3. Finanzielles. 4. Palästinaa g e n d e n und 5. Juristisches. Volkswirtschaftliches und verwandtes. Was die Besetzung des Ressorts betrifft, vertritt Herr Feiwel das sehr vernünftige Prinzip, daß man j das Augenmerk nicht auf die älteren, sondern auf die jüngeren Kräfte der Bewegung lenken müßte, die man bisher sehr zum Schaden der Bewegung nebenher gestellt hat — von wegen der „Repräsentanz*. Direktor Wolfsohn über die Lage. Ans Köln wird uns berichtet: In einer jüngst stallgehabten außerordentlichen Generalversammlung der „Zionistischen Bereinigung" von Köln sprach unter ander« auch Herr W o l f s o h n über die augenblickliche Lage des Zionismus. Es ist nicht zu leugnen, sagte Herr Wolfsohn, daß nach dem Tode Herzls eine Krise entstand und noch besteht, weil eben diese ganze Riesenarbeit dieser eine Mann vollbracht hat und ein Ersatz für ihn nicht leicht zu beschaffen sei. Nichtsdestoweniger wird der nächste Kongreß, der am 27. Juli d. I. in der Schweiz tagen wirv, Klarheit in allen Fragen schaffen. Das österreichische Landeskomitee hat beschlossen, sein hochverdientes Mitglied, den NationalfondSkommissär für Oesterreich, Dr, Hugo Benedikt, anläßlich seiner Vermälung in das goldene Buch des jüdischen Nationalfonds einzutragen. Durch die Institution, die Dr. Hugo Benedikt so gefördert, soll der treue und eifrige Arbeiter selbst geehrt werden. Korrespondenzen. Reform der jüdischen Armenversorgung. Seitdem die nationalen Parteien in Wien in Aktion getreten sind, haben sie nicht aufgehört, die Reform der jüdischen Armen Versorgung als einen ihrer wichtigsten Programmpunkte anzustreben und bei den maßgebenden Faktoren mit allem Nachdrucke zu fordern. Als diese Forderung zum ersten Male gestellt wurde, ward sie, wie alles Vernünftige, das von der Opposition kam, rundweg abgelehnt. Die Wiener Kultusgemeinde fuhr ungehindert fort, das Armenwesen in ihrem alten Schlendrian zu führen', und die eigentliche Armenversorgung, das wichtigste, nämlich die Kleinarbeit, die Fühlungnahme mit den Armen, der Privat- und Vereinswohltätigkcit zu überlassen. Die letztangeführte Art von jüdischer Philanthropie blüht gerade in Wien sehr üppig und hat bis heute sehr viel zur Linderung der Armut der Juden beigetragen, aber auch sehr viel zur Verarmung, zur Züchtung von Berufsschnorvern und Professionsbettlern. Dieses Nebel haben die Wohltätigkeitsvereine am frühesten erkannt und gegen dieses Uebel wendet sich auch die Bewegung, welche sich unter den namhaften philanthrophischen Vereinen in jüngster Zeit bemerkbar macht. Und es ist wiederum nur natürlich, daß der erste Schritt zur Verwirrung einer Reform der Wiener jüdischen Armenpflege aus jenen Bezirken ausging, in welchen die jüdische Not am größten, nach unten und oben ani drückendsten ist: aus den Bezirken Leopoldstadt und Brigittenau. Eine greifbare Form nahm dieses Bestreben nach einer Aenderung der bestehenden Armenmisere in dem Referat an, welches der kais. Rat Dr. S. K' o h n in der Sitzung der Bezirkskommission für den 2. und 20. Bezirk erstattete. Auf das Referat hier näher einzugehen, gestattet der Raum nicht, doch soll es noch einer eingehenden Besprechung unterzogen werden. Wir wollen hier vielmehr über jene Enquete berichten, welche der Kultusvorstand nach vielem Drängen und Drohen, daß die Angelegenheit ohn>e oder sogar gegen den Kultusvorstand beraten und durchgeführt werden würde, notgedrungen einberief. _ Es soll hier auch die autokratische, die Opposition brüskierende Art des jetzigen Kultuspräsidenten am genagelt werden, mit welcher sie es gut fand, die jüdische Presse, wenigstens die oppositionelle, also diejenige öffentliche Meinung, welche diese ganze Frage aufrollt und das größte Interesse an ihr bekundet, zu dieser Versammlung nicht ein lud. In der Versammlung,.welche am 29. v. M. unter Vorsitz des Kultuspräsidentcn Dr. Stern im Sitzungsfaale der Knltnsgememde stattfand, waren fast sämtliche namhaften jüdischen Wohltätigkeitsvereine vertreten. Es soll hier gleich bemerkt werden, daß außer dem Referat und 1 oder 2 Rednern höhere Gesichtspunkte über die Frage kaum laut wurden. Die Vertreter der einzelnen Vereine und Stiftungen haben vielmehr die billige, jedoch sicherlich nicht passende Gelegenheit ergriffen, um für ihre Vereinigung Reklame zu machen itub in ihrem Selbst lob darüber zu lamentieren, daß ihnen zu wenig Geld zur Verfügung stehe, m» den Anforderungen, welche die Annut in ihren Wirkungsgebieten all sie stellt, vollkommen gerecht werden zu können. Mit Recht hat daher

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