Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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dir. 5 ^üäisoiisg VolicsblLit Seiko 2 chenen Studentemievsammlung abgegeben wurde, oder, noch deutlicher, in dem Artikel: „Wir und Rußland", der an -er Spitze -er vorigen Nummer dieses Blattes abgedruckt war. Speziell diesem Aufsätze mutz ich die Bedeutung eines Dokumentes zubilligen. Alles einem höheren Zwecke untergeordnet, der diese Unterordnung gar nicht verlangt. Alles, auch die Konsequenz! In den einleitenden Worten wird mit der n-ietzscheisierenden Kühnheit wienerischer Aestheien ein bißchen Jenseitsstehen markiert. „Man nennt das eine Revolution" . . . „Man sagt dann: Die Reaktion hat wieder die Oberhand bekommen". Gleich darauf wird aber lediglich die russische Revolution blamiert: „In einem Monat wird den Mnschik wieder das alte Joch drücken und in späteren Zeiten wird vor: der Ofenbank Herab Väterchen den Kindern mit scheuer, unterdrückter Stimme von dem Frühlingssturm erzählen, der einst Rußland durchbranste, ohne doch die Luft zu reinigen." Dann wird die Konstitution eingeräumt. Aber sie wird natürlich nur ein der Autokratie umgehängtes Mäntelchen sein. Judenabschlachtnngen werden weiter stattfinden. Und wer weiß, ob es nicht gelingen wird, auch dem gegenwärtigen Aufstand die in Rußland übliche Richtung gegen die Juden zu geben'?" Nach dieser bangen Frage wird dies Problem ans einem russischen wieder ein allgemeines. Alle Revolutionen werden aufgezählt, in welchen die Juden mitbluteten, und geklagt: „Trotz allem vermochten wir die Kluft zwischen uns und Len anderen nicht zu überbrücken und nach wir vor sind wir die Gehaßten und Verachteten, im besten Falle alber Geduldeten." Dann ein bißchen Captatio benevolentiae: „Sollten wir daraus die Lehre ziehen, nicht mehr an den Freiheitskämpfen der uns umgebenden Völker teilzunehmen? Nein. Denn wo die Unterdrückten, Entrechteten stehen, ist auch unser Platz." Und schließlich die Pointe: „Aber wir dürfen von diesen Kämpfen nicht zuviel für uns erhoffen und müssen dessen eingedenk bleiben, daß es gilt, eine Stätte zu schassen, wo wir für unsere Freiheit kämpfen können." Nun ist es Heraus! Ich kann mich hier nicht ausführlich mit dem nationa'ljiMschen Problem selbst beschäftigen. Ich kann mich nicht auf eine Untersuchung einlassen, inwieweit durch Überspannung des Golusbegrifses und der Zionstdee Grundfehler der zionistischen Bewegung gegeben sind. AVer das ist hier auch nicht nötig. Hier genügt es, wenn ich frage: Ist es nicht unwürdig Und unnütz für nationale Wünsche nach außenliegenden Begründungen zu suchen? Laden wir nicht eine intellektuelle Schuld aus uns, wenn wir den nationalen Gedanken von der Liebe oder dem Hasse anderer Völker abhängig machen? Wie kommt anderseits das große Befreiungswerk der Menschheit dazu, bezweifelt, belächelt in schweren Entscheidungsstunden um tausende Kämpfer gebracht n Erfüllung. David kehr nach langem Irrfahrten und vielen Enttäuschungen krank und gebrochen, entzweit mit sich selbst, ohne inneren Halt und ohne wirkliche Neigung zu seinem früheren Leben zu seiner Familie zurück. Das Siück wurde gut gespielt und fand großen Beifall. —a—.—u—. Die Approvisionierrmg PortArthrrrs durch einen Juden. Wir lesen im »Jewish Exponent * (Philadelphia): Die großartige Leistung des Juden Ben Weil bei der Approvisionierung der Truppen anläßlich der berühmten Belagerung von Mafeking kommt einem unwillkürlich in den Sinn, wenn man folgende Geschichte liest, welche jetzt durch die Presse geht. Es wird nämlich behauptet, daß die Approvifionierung von Port Arthur durch einen Juden namens M. Günsburg erfolgt sei. Auch mit Kohle wurde dis Festung durch ihn versehen. Günsburg soll aus Odessa stammen und ursprünglich den Namen Meß geführt haben. Vor ungefähr 24 Jahren war Meß in eine politische Affäre verwickelt, entkam jedoch rechtzeitig auS Rußland. Später besserten sich seine Verhältnisse und er ließ sich in Nagasaki nieder, wo er einen rasch anfblühenden Handel eröffnet« und den Namen Günsburg annahm. Vor siebzehn Jahren traf eS sich, daß der russischen Flotte die Kohle ausging, da dijapanischen Behörden wegen einer schon damals herrschenden Spannung -wischen den beiden Mächten im fernen Osten die Lieferung von japanischer Kohle an die russische Flotte untersagte. In dieser peinlichen zu werden, — weil ein paar jüdische Intelligenzler nicht genug Judentum, nicht genug Geöuld und nicht genug Blick besitzen? Wenn wenigstens alles reinlich vor sich ginge! Wenn sich wenigstens der Entschluß, bei Sette zu stehen, wirklich mit aufrichtiger Anerkennung des Kampfes vertrage! Aber gerade das ist nicht der Fall, so wenig es die Betreffenden sich und anderen etngestehen wollen. Von Neutralität, wohlwollender Neutralität, ja sogar selbstloser Bundesbrüderschaft wird gelegentlich gesprochen. Aber in Wirklichkeit Hat die Angst, es könnte doch irgendwo den Juden besser gehen und dadurch -er Assekuranz-Zionismus illusorisch werden — die Seele schon vergiftet. Und es kommen die Verächter- und Spöttergodanken, die unaufrichtigen Folgerungen zum Vorschein, die ja nur gehässige Kinder unfrommer Wünsche sind: Was in Petersburg vorging, war gar keine Revolution. Armer Trubetzkoj! Wie hast du dich getäuscht! Die Nachrichten sind aufgeVanscht. Da dies auch der Standpunkt der Regierung ist, folgt eine sozialisierende Phrase: „Von der der Sensation dienenden bourgeoisen Presse." Was jetzt in Rußland vorgeht, keine Revolution! Es ist zum Lachen. Weil Trepow für einrn Augenblick obenan ist? Weil die Petersburger nicht jeden Tag sich totschießen lassen wollen? Als ob nur die blutigen Tage zur Revolution gehörten, und nicht auch die der Sammlung? Als ob nichts vor dem 22. Jänner, nichts nach ihm in Rußland geschehen wäre, was man außerordentlich nennen müßte. Was denn wäre Revolution, was denn wäre Umwälzung, fiebernde Gesundung, wenn nicht dieses Emportauchen von ungeahnten persönlichen und Massenenergien an tausend Ecken? Als das immer wieder Auförechen dieser reichen Kraftquellen, aUs welchen die Erhebung jahrelang gespeist werden kann und durch die sie zuletzt Siegerin bleibt über alle, auch die stärksten Gewalten? Siegerin auch nach 'innen — nicht bloß Schneiderin eines Mäntelchens für die Autokratie! Ein Volk, das eine große Revolution erlebt hat, geht gereifter aus ihr hervor - schon deshalb, weil die, Reifung in,. dem Volke schon vorgezeichnet sein mutzte, 'damit die Revolution beginnen könnte. Und es reist dann in den Verfassungsformen, die es sich in langen hin- und herwogenden Kampfe errungen Hat, imUrer mehr und mehr. Es gibt strenge genommen keine Scheinkonstitution. Im Munde vorwärtsöringender Politiker ist sie ein Stimulus, ein berechtigtes Losungswort im Kampfe gegen gefährliche Genügsamkeit: sonst eine Phrase, hinter der sich die Undankbarkeit gegenüber der Entwicklung, die Unfähigkett birgt, die Allmählichkett, das Werden zu begreifen und zu ertragen. Das gilt von den Russen nicht minder als Situation bot nun Günsburg freiwillig seine Dienste an. Infolge seinvr guten Beziehungen zur japanischen Regierung gelang es ihm, die nötige Kohle für die russischen Schiffe zu beschaffen. Diese Gelegenheit benützte nun Günsburg. sein Geheimnis zu lüften. Auf Empfehlung deS Befehlshaberder Flotte richtete er ein Gnadengesuch an den Zaren. Das Gesuch war von Erfolg begleitet, denn GünSburg erhielt nicht nur Amnestie, sondern auch eine Auszeichnnng und das Recht, in Rußland Handel zu treibe». Seit dieser Zeit ist Günsburg der Hauptlieferant für die russische Flotte im fernen Osten. Russisches Theater. Am Dienstag abends faüd im Saale des kaufmännischen Vereines eine vom russischen Leseveretn veranstaltete Vorstellung des Tschtriko loschen Schauspieles „Die Inden" statt. Die Darsteller (Dilettanten) erzielten einen starken Erfolg. Namentlich Frau Test und die Herren Iakovlew, Zvezditsch und Rode erhoben sich über dilettantisches Niveau. Eine ausführliche Besprechung des gedankenreichen Werkes behalten wir uns vor. Ok. Eine Statistik der Feuerbestattungen im Deutschen Reich ergibt für das Jahr 1904 eine weitere Zunahme. Die Gesamtzahl der Einäscherungen betrug 1361; das sind 307 oder 28 Prozent mehr als im Jahre zuvor und doppelt so viel als im Jahre 1901 Voran geht noch immer Gotha (301); es folgen Hamburg K81), Jena (189), Mainz (166), Heidelberg (155), Offenbach (123), Mannheim (74), Eiserlach (56), Karlsruhe (46). Von den eingeäscherten Personen waren 908 männlich, 473 weiblich. Der Konfession nach von den anderen Völkern. Wenn sie wirklich ein ,/gutmütiges" Volk sind — was ich gerne glauben will, so werden sie nach erfolgreicher Revolution gewiß mehr Gelegenheit haben, als bisher, diese Gutmütigkeit auch an den Juden zu üben. Und gelangt auch nicht das Volk als solches zur Herrschaft, zu mehr Herrschäst wird es gelangen. Auch spricht nichts dafür, daß „die bisher gewaltigen Böswilligen das Leben in Rußland unter einer neuen Flagge vergiften werden!" Sie werden jedenfalls weniger „vergiften" und sie werden nicht mehr dieselben Böswilligen sein. Gerade für die Juden bedeutet die Konstitution einen größeren Sprung, als für die anderen Bevölkerungsfchichten Rußlands — einen Sprung aus tiefster Knechtschaft auf eine für sie besonders Hohe FMHettsstüfe. Daß sie ihn außer mit freiwillig auch mit unfreiwillig vergossenem Blut werden bezahlen müssen, wer wollte es leugnen. Aber wenigstens werden es nicht Martyrien einer ewigen Nacht, sondern der Morgendämmerung sein, die letzten oder vorletzten, nicht Martyrien ohne Ende! Darum, mäkeln wir nicht an den gewaltigen Ereignissen! Erweisen wir uns wert, sie erlebt zN Haben! Freuen wir uns der Heilsbotschaft für die ganze Welt! Wahrlich, sie geht auch uns an. W i r Haben es besonders nötig, daß der mächtigste Hort des Sklavengedankens stürzt! Mathias Ach er. Politische Wochenschau. Der Ausfall der ungarischen Reichstagswahlen und ihre Konsequenzen auf die künftige staatsrechtliche Gestaltung des Verhältnisses der beiden Neichshälften zu einander, stehen heute im Vordergründe des Interesses. Es gehört sicherlich nicht zu den angenehmsten Beschäftigungen, als Hiobsbote recht zu behalte::. Aber wir müssen darauf verweisen, daß unser Blatt seit dem Regierungsantritte Szells die heute eingetretene Situation vorausverkündet und sich durch die teuer erkauften jüdischen Nobilitierungen durch den Grafen Tisza nicht hat beirren lassen in der Auffassung, daß das chauvinistische Hervortreten der Juden auch in Ungarn jene Folgen zeitigen müsse, welche die politische Unklugheit der Juden in anderen Ländern hervorgerufen hat. Heute sind wir in Ungarn schon so weit, daß an eine Regierung ohne Zuhilfenahme der antisemitischen Volkspartei kaum zu denken ist. Daß die Konzessionen, welche der „Liberalismus" an die Reaktion zu machen gezwungen sein wird, sich fast ausschließlich um den Judenpunkt drehen werden, ist heute allen klar, waren 1050 evangelisch, 142 katholisch, 108 jüdisch, 44 freireligiös, 37 unbestimmt. Der Berwaltungsgerichtshof über die Wechselmann-Stiftung.) Aus Budapest wird uns gemeldet: Ignaz RUter v. Wechselmann hinierlietz testamentarisch zwei Millionen Krone:: zu dem Zwecke, daß aus den jährlichen Zinsen armen Lehrern — zur Hälfte christlicher, zur Hälfte israelitischer Konfession — sowie deren Witwen lebenslängliche Unterstützungen geiwährt werden. Das Gebührenbemessungsamt hat nach dieser Stiftung eine Erbstener von 200 090 L bemessen. Gegen diesen Zahlungsauftrag erhob im Namen öcr die Stiftung verwaltenden Pester israelitischen Neligionsgemeinde der Advokat Dr. Alexander Fraenkel Beschwerde beim Berwaltnngsgerichtshose. Der Verwaltungsgerichtshof, unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alexander Wekerle, hat der Beschwerde Folge gegeben und die Stiftung -er Zahlung der geforderten 200 000 L enthüben. Damit sind 36 arme Lehrer zu einer lebenslänglichen Unterstützung gelangt. Warschau. Auf Grund der offiziellen Statistik veröffentlicht die „Nowoje Wremjcr" über die Juden in Warschau die folgenden Zahlen: Auf 772 000 Einwohner zahlt die Stadt gegenwärtig 276 000 Juden, ist also die größte jüdische Gemeinde in Europa und nach New Aork die größte der Welt. In Warschau leben 60 060 jüdische Familien. Von diesen zahlen nur 7390 eine Kultussteuer von 2—500 Rubeln jährlich. Die übrigen Familien leben in großem Elend. Durch die ökonomische Krise im letzten Jahre waren 13 000 jüdische Handwerker brotlos. Der „Deutschei Verein zur Hebung der jüdischen Arbeit" hat im vergangenen Jahre 30 000 Rubil zur Linderung der Not unter den Juden beigetragen.