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Jüdisches Volksblatt · 1905-02-03 · 5 (3.2.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
5 (3.2.1905)
Date
1905-02-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdisches Volksblatt Nr. J die ja bekanntlich im östlichen Teile des Reiches ihre eigene, wenn auch kleinere Auswanderungsmisere haben. Die Zionisten beschäftigen heute eine Anzahl wichtiger organisatorischer Fragen, von deren glücklicher Lösung die Existenz der Organisation abhängt. Und was sehen wir da. In Deutschland, das am spätesten für den Zionismus gewonnen ward, sind alle diese Fragen ständig auf der Tagesordnung. Sie werden öffentlich diskutiert. Führer und Anhang pflegen einen regen öffentlichen Meinungsaustauschund kommt der Kongreß, so wird sich eine, wenn ich so sagen darf, deutsche Meinung über all diese Fragen herauskristallisiert haben und wir werden genau wissen, in welcher Richtung man auf die Zionisten Deutschlands zu rechnen hat. Das bevormundete Rußland spricht heute laut und offen seineil Willen aus und trotz der politischen und wirtschaftlichen Krise, innlitten welcher die Juden dort leben, bringen sie uns praktische, bei anderen Völkern nur in ruhigen Zeiten denkbare Vorschläge für die Entwirrung unserer Krise. Ebenso kennen wir heute schon die Majoritätsstimmung in England, Frankreich und Amerika. Und in Oesterreich? Und in Wien? Da sieht es aus, als ob alles, was Zionismus bedeutet, mit Herzl auf dem Döblinger Friedhofe begraben läge. Kleinlichkeit und Ratlosigkeit herrschen an Stelle des Willens und der Energie. Die Führer hüllen sich in Schweigen oder ziehen sich auf die Schmollbank zurück und der Anhang schweigt ihnen nach und bleibt untätig. Man muß sich angesichts dieser krankhaften Zustände wahrlich fragen, ist Wien überhaupt noch der Sitz des Aktionskomitees? War es wirklich Wien, aus dem vor noch nicht einem Jahre das Judentum der Welt beherrscht wurde? Ist es wirklich in so krassem Masse wahr, daß Herzl ganz allein gearbeitet hat, daß von der großen Summe seiner Energie auch nicht ein Atom auf seinen Wiener Beirat überging? Während aus dem großen zionistischen Kreise tagtäglich neue wichtige Kundgebungen und Willensäußerungen vernehmbar sind, begnügt sich das Zentrum damit, alle diese Willenskundgebungen als „Nergeleien" hinzustellen, ohne aber seinen eigenen Willen kundzutun. Und diese Erschlaffung, dieser Mangel an Initiative, der sich bereits zu einer zionistischen morbus viennensis herausgebildet hat, teilt sich — und das ist vielleicht das größte Unglück — auch den übrigen zionistischen Kreisen Oesterreichs mit. Fragen der Gesamtorganisation, Fragen, welche die Juden als Bürger Oesterreichs betreffen, sie gehen ast spurlos an den Zionisten vorüber und Seufzen und Stöhnen, unterdrücktes Schluchzen und hysterisches Lachen — sie wandern, sie wandern . . . Nun erst wurde ich mir der großen Kunst Hirszenbergs bewußt. Ein kluger Ausstellungsregisseur, oer weniger Geschick darin bekundet hätte, alles zu tun, um die Mängel von H i r sz e n b er gs Kunst hervorzuheben und seine Qualitäten zu verbergen, ein kunstverständiger Arrangeur hätte nicht Hirszenberg um seine besten Wirkungen gebracht. Das Gemälde bedarf einer abgetönten, dämmernden Beleuchtung; es im Zwielicht elektrischer Glühkörper und einseitig einfallenden Straßenlichtes zu zeigen, ist geradezu barbarisch. Nicht so sehr wie Hirßenberg werden die anderen Künstler durch die scheußliche Beleuchtung des jüdischen Museums geschädigt, da sie im Umfang kleinere Werke ausstellten. Da sind die Landschaften Abr. Neumanns. Bilder, die inniges Genießen heischen. Deren Stimmung nicht ersaßt werden kann im Kinderlärm. Ich war leider am Sonntag nachmittags dort; mit mir offenbar alle Kinder der Praterstraße, die in den Sälen umher tollten und sich offenbar durch die wenigen Leute, die gekommen waren Kunst zu genießen, nicht sonderlich gestört fühlten. Einigermaßen durch den Kinderlärm hindurch empfand ich die feine Stimmung der Landschaften Neumanns. Bilder, wie man sie gerne im Studierzimmer,in der Beschaulichkeitdienenden Räumen hat. Gleich rechts vom Gemälde Hirßenbergs hängt eine Berglandschaft. Melancholisch im ihre Lösung wird anderen Kreisen überlassen. Dann dürfen wir uns aber auch nicht darüber beklagen, daß dieseLösung nicht in nationalem Sinne erfolgt und nicht nat i o n a l e Interessen fördert. Dann ^dürfen wir uns auch nicht darüber wundern, daß in nichtnationalen Kreisen Wiens und Oesterreichs überhaupt triumphierend darüber gehöhnt wird, daß die nationale Idee in Oesterreichs keine Erfolge aufzuweisen habe. Wir müssen heraus mit unserem Willen! Die Aera der Kompromisse muß ein Ende nehmen! Wir müssen unsere Stimme erheben, sowohl in Fragen der Gesamtorganisation als auch in Fragen unserer Lage im Lande selbst. Die morbus viennensis greift in erschrecklichem Masse um sich; sie droht den ganzen zionistischen Körper zu verzehren. Sie droht aber auch unsere politische,wirtschaftliche und soziale Stellung hierzulande vollständig zu untergraben. Das Serum gegen diese tötende Krankheit besteht meines Erachtens, nicht sosehr in der Frage wer unser Führer sei, als in unserem eigenen Wille n und unserer eigenen Widerstandskraft. Wir scheinen aber noch nicht reif genug zu sein, um ohne Führung vorwärts" zu kommen und deshalb hören wir gar oft den Ruf: Le roi est mort, oü vit le roi? Der Führer ist tot, wo lebt der Führer? Ja, wo weilt der Führer? Ich befürchte, daß wir an dieser Frage zu Grunde gehen werden. Die Juden und die russische Revolution. In Nr. 50 dieser Zeitschrift vom 9. Dezember v. I. habe ich unter dem Eindrücke der Semftwobewegung einen Artikel „Rußland erwacht" veröffentlicht. In diesem Aufsätze versuchte ich die erlösende Bedeutung der Befreiung Rußlands für die ganze Menschheit und für das jüdische Volk zu würdigen. Seitdem sind jene neuen Ereignisse eingetreten, deren erhabene Schauerlichkeit, deren leuchtende Größe eine Woche lang Europa in Atem hielt^T-^ Ereignisse, welche die Hingebungsvollsten, die'edler Wallungen Fähigsten und wahrlich auch nicht die Dümmsten aller Völker in der einen stabten und freudigen Empfindung vereinigte: Rußland erwacht! Ich habe diesem Jubel mit ganzer Seele gelauscht und, sofern dies noch möglich war, meine Ueberzeugung in ihm gestärkt. Nun hätte ich es gerade deshalb lieber unterlassen, noch einmal über die russische Revolution zu sprechen. Es ist ja keine Not an Mann. Die Edlen, von denen ich sprach, deren Stimme durch das Echo des Proletariats der ganzen Welt mäch- Ton, ein klein wenig an die majestätisch stillen Alpenlandschaften Segantinis erinnernd. Weniger majestätisch wohl, von,ungleich zarterer Empftndsamkeit jedoch. Man empfindet den tiefgehenden Unterschied zwischen dem gtaliener und dem Juden, die Beide als andschaftsmaler. Dichter sind. Auch in den sonnigenPalästinabildernkommtdas dichterische Element im Wesen Neumanns zum Ausdruck. Seine Art wird dem landschaftlichenMoment im geplanten Panoramenbild eine künstlerische Note aufdrücken. Noch einige Worte über den Bildhauer Geza Salzmann. Ein nationaler Künstler ist er nach den wenigen im Museum ausgestellten Prober: rricht. Jedenfalls aber ein Künstler, der in kleiner: Aufgaben große Begabung gezeigt. Seine Tierstücke zeichrren sich namentlich durch Humor aus, während sein Tirrtenfaß mit viel Schwung, wenn auch anatomisch vielleicht nicht garrz einwandfrei gearbeitet ist. Wenn Salzmarrn altjüdische Kunstformen studieren wollte, könnte er auf dem Gebiete des jüdischen Kunstgewerbes sicherlich Hervorragendes schaffen. Zum Schluß noch ein kleiner Wink: Das jüdische Museum besirrdet sich Praterstraße 23. Otto Kraus. Buntes Feuilleton. Sckolaum Asch im Krakauer städtischen Theater. Aus Krakau wird uns geschrieben : Seit einiger Zeit geht auf der Bühne tig verstärkt wirb, — reichen aus. Ihre frische Intuition, ihre ernste Sachlichkeit genügen, um gegenüber ihren Gegnern das geschichtlich Notwendigste durchsetzen zu helfen. Schließlich können ja weder die beschränkten, kleinen, noch die streberischen, großen Nutznießer, noch endlich die paar ehrlichen Narren des Stillstandes die Entwicklung aufhalten. Aber so sicher die Entwicklung der ganzen Menschheit ist, so sicher geht sie auch über Leichen. Und ganze Völker können, wenn sie vom Woge abirren, solche Leichen werden. Diese Gefahr sehe ich für das jüdische Volk heranz'iehen. Nicht so sehr in den sogenannten Asfimilanten selbst als vielmehr in jenen nationalen Juden, die alles tun, um das jüdische Volk von der Entwicklungslinie der Menschheit abzubrängen und hiermit die Assimilation auf diese Linie zu rücken, d. h. sie geschichtlich zu rechtfertigen. Angesichts einer solchen Gefahr und bei dem Mangel an Warnern halte ich es für meine Pflicht, mit meinen schwachen Kräften zur Stelle zu sein. Und ich erfülle diese Pflicht umso lieber, umso hoffnungsfreudiger, als gerade die letzten Tage ein leiseS Symptom der Besserung gebracht haben: Eine große Wiener zionistische Studentenversammlung hat den Opfern der russischen Revolution die Sympathie ausgesprochen. Ich sage: Ein leises Symptom. Denn so dankbar ich den Veranstaltern der Kundgebung bin, beruhigen kann sie mich nicht. Nicht etwa, weil sie eine vereinzelte Erscheinung ist. Nächst: Woche können ähnliche ziortistische Studentenresolutionen in anderen Städten gefaßt werden. Ich hoffe es sogar. Was mich der Demonstration nicht recht froh werden läßt, ist vielmehr die Beobachtung, daß ihr jener Geist heißer Unmittelbarkeit und begeisterter Ansschlietzlichkeit fehlte, der sonst in großen geschichtlichen Augenblicken aus entschlossenen jugendlichen oöep jugendlich veranlagten Menschen spricht. UNd ich frage mich: Warum? Warum wurde die Sache der Menschheit, die Sache Europas, die Sache zumindest der Revanche an so vielen Urhebern jüdischen Elends mit soviel bürgerlicher Ruhe und sozusagen im Nebengeschäste abgetan? Und ich mache die Entdeckung, daß ein Fremdes in allen den jungen Deelen nistet, ein eingeschmuggeltes Fremdes uNd Altes, das die heimische "junge Gedanken- und Empfindungswelt zu Boden drückt, nicht sich ausbreiten, nicht ans Licht läßt. Ich mache die Entdeckung, daß nicht das Junge und Eigene dieser jungen Seelen im jüdischen Nationalismus den Ton angibt, sondern gerade jenes Fremde nnb Alte. Und ich finde, daß sich die wahre Stimmung und Gesinnung der Jüdischnationalen nicht in der studentischen Sympathiebezengung für die Opfer der russischen Revolution, sondern gerade in gegenteiligen Aeufserungen offenbart. Z. B.: In dem Minoritätsvotum, das bet der befprodes hiesigen städtischen Theaters ein Stück in Szene, deffen Original in jüdischer Sprache erschienen ist und den Titel „Zurickgekimmen" führt. Das Stück wurde auch ins Hebräische übersetzt und nun erscheint es unter dem Titel: „Z biegiem fal“ (Wörtlich: „In Strome- Fluten") in polnischer Verkleidung als Kaffan« stück des hiesigen städlischen Theaters. DaS Motiv, welches uns der Verfasser, der bekannte jüdische Publizist Scholaum Asch hiervorführt, gilt eigentlich heute in der jüdischen Literatur nicht mehr als moder». Der Held, David, ist der Typus eines alten „Maskils", Aufklärer-, wie sie in den siebziger und achziger Jahren zu Hunderten erstanden. David, der schon verheiratet und Vater eines Kindes ist, hat sich seinen Geist im ununterbrochenen Talmudstudium geschärft. Plötzlich wird er sowohl deS Talmuds wie auch deasketischen Lebenüberdrüssig und er beschließt. Weib und Kind zurückzulaffen, in die werte Welt zu ziehen und „Licht und Freiheit zu suchen". Diese Szene ist besonders fein stilisiert. Modern ist die Zeichnung de» Schwiegervaters von David. Er ist wohl ein gotte-fürchtiger gelehrter Mann,aber erstellt seinem stürmischen Schwiegersöhne keine Hindernisse entgegen. Packend ist die Abschiedsszene zwischen Schwiegervater und Eidam. Er läßt ihn ziehen, doch prophezeit er ihm, daß sein» Mühe vergeblich sei, denn da draußen werde er weder Licht noch Freiheit finden; hingegen werde er sich selbst verlieren, indem er den Zusammenhang mit seinem jetzigen Leben zerreißt. WaS der Alte prophezeit, geht

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