Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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X 3.42 Verschleißstcllen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegen genommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile I I; Verlag „Zion Wien, J1/3, Untere Angartenstraße 9; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse. _ Ur. 5 reu, 3. Februar 1905 (28. Kchekat 5665). Vl!. Jahrgang. Achtung t Ad 6. Februar befindet stch die Redaktion und Adminifiealion unseres Klattes 9. Kex, Kernitengafie 4. — Chsrkotv-Wilna-Wie«. J. Kr. In Charkow wurde zuerst der Versuch gemacht, sich gegen einen Zentralw i l l e n i in Zionismus, aufzulehnen und an der gesamten Arbeit des Judentums jenen Anteil für sich in Anspruch zu nehmen, welcher unseren russischen Brüdern schon deshalb gebührt, weil sie in der großen jüdischen Frage nicht nur Subjekt, sondern auch Objekt sind. Bis Charkow sollten sie allerdings nur Objekt bleiben und damals, glaube ich, fiel jenes harte Wort: „Uns russischen Juden ist es ganz gleichgültig, ob wir die Schutzjuden des einen oder des airderen sind. Wir wollen den Versuch machen, unsere eigenen Beschützer und unsere eigenen Schützlinge zu sein." Damals mißlang dieser Versuch. Mau beugte sich vor dem Willen desjenigen, der der Wille der Gesamtorganisation war. Wie unrecht man damals handelte, als man jene unverbrauchten Energien, welche sich in der angezüchteten Arbeitslust unserer russischen Brüder kundgab, niederdrückte, das beweist heute die Konferenz von Wilna. Die Achtung vor dem Führer hat sich in Pietät umgewandelt, das Wort von dem einen Zentralwillen der Gesamtorganisation gehört der Feuilleton. Jüdische Künstler. (Z u r A u s st e l l u n g i m I ü d i s ch e n M u s e u m.) Im Jüdischen Museum in der Praterstraße sind gegenwärtig einige Werke der Maler Hirszenberg und N e u m a n n und des Bildhauers S a l z m a n n ausgestellt. Die auch im Vorwurf sich ausdrückende jüdische Note finden nur stark betont eigentlich nur bei Hirszenberg, der von den dreien zweifellos der reifste Künstler ist. Die Gemälde Hirszenbergs ttitb Reumanns sind ausgestellt, um das jüdische Publikum für die Idee eines Palästinapanoramas zu erwärmen und zur Gewährung der dazu erforderlichen Kredite anzueifern. Ueber den künstlerischen Wert von Panoramenbildern mag man verschiedener Meinung sein; ihr agitatorischer Wert steht außer allem Ziveifel. Wenn auch oft nicht durch künstlerische Mittel, sondern durch Trues, die ein durch die Kunst allein wirken Wollender vermeiden wird, gelingt es diesen Panoramenbildern doch ganz wunderbar, die Illusion der Natur hervorzubringen. Und das ist für die Zwecke der Agitation, die Interesse erwecken will für die Länder am Jordan, die Liebe zeugen will in den Herzen der Unseren für die schier vor Ewigkeiten verlassene Heimat, das ist für die Propaganda der Palästinaliebe das Entscheidende. Nicht Geschichte an, die Einzelenergie geht allmählich auf diejenigen über, denen ein Zusammenarbeiten für das gemeinsame Ziel von Anbeginn an ernst war und uur auf den Moment warteten, wo sie diese Arbeit aufnehmen könnten. Und da zeigt sich ein eigenartiges Symptom. Man lernt erst heute den Einfluß kennen, welchen die Macht Herzls auf seine engere und weitere Umgebung ausgeübt hat und da sieht man, daß je entfernter die einzelnen kleinen Zentren des Zionismus liegen, desto selbständiger und ungetrübter reifte sich der zionistische Gedanke zu jener Idee aus, als welche sie wohl nicht von den Führern aber von dem Anhänge ursprünglich gedacht war, und je enger sich der Kreis um die Zentrale schließt, desto schwerer vermögen sich diejenigen, die diesen Kreise bildeten, dem Banne jener großen Persönlichkeit zu entwinden und em selbständiges..Arbeiten zu beginnen. , Hier einige Beispiele! Als sich das Grab über dem Führer wölbte, da war sich jeder Zionist und auch jeder außerhalb dieser Organisation stehende Jude der Schwere der eingetretenen Situation bewußt. Man wußte, daß die mit großer Mühe und viel taktischer Geschicklichkeit aufgebaute Organisation einer schweren Krise entgegengeht. Nicht nur der ungelöste U g a n d i s m u s, der sich inzwischen zu einem Territorialismus auswuchs, sondern auch viele andere Fragen lokaler Natur trugen zur Häufung der Schwierigkeiten bei. Dann setzte die Ma ssen emig r ation aus künstlerischen Erwägungen heraus, sondern den Zweck im Auge behaltend, muß auch der jüdische Kunstkritiker mit warmer Empfindung für die edle Idee eintreten, der Judenheit die alte Heimat in dem die Natur am getreulichsten vortäuschenden Panoramenbilde vorzuführen. Und nun zu den ausgestellten Werken. Das große Werk Hirszenbergs „Sie wandern" an erster Stelle. Schon die in „Ost und West" veröffentlichten Reproduktionen des Gemäldes mit den vorangehenden Studien übten eine starke Wirkung auf mich aus. Mochte auch das kritisch wägende Auge an dem einen oder anderen technischen Mangel haften bleiben; der Gesamteindruck war doch: das schuf ein von einer gewaltigen Idee bewegter Künstler! Die farblose Reproduktion vermag nur Qualitäten eines Bildes anzudeuten. Ich war darum sehr erfreut, als ich las, das Original werde hier ausgestellt werden; war aber enttäuscht, als ich vor das Gemälde trat. Das Unendliche des nicht endenwollenden Stromes der Auswanderer, das sich in der Reproduktion so gut ausdrückte, kam beim Original nicht heraus. Und Mängel, die man bei der Reproduktion nur ahnen konnte, drängten sich hier auf den ersten Blick aus. Einem Künstler wie Hirszenberg darf man solche Wahrheiten angesichts eines trotz aller Fehler gewaltig wirkenden Bildes ins Gesicht sagen. So empfinde ich als Fehler die allzu starke Betonung des Details, die den Künstler zur Theatralik drängt, manche der Figuren aus Rußland ein, welche zunächst von den Einwanderungsstaaten mit einer Verstärkung der Einwanderungsgesetze beantwortet wurde. In Rußland wütet nicht nur ein mörderischer Krieg, der auch von unseren Brüdern unerschwingliche Opfer an Geld und Blut fordert, sondern auch im Innern dieses Reichskolosses gährt und siedet es und wiederum sind es unsere Brüder, die an dieser lokalen Bewegung einen großen Anteil haben. Und wie hat sich allen diesen Erscheinungen gegenüber der Zionismus gezeigt? Zunächst was die Emigration betrifft. In allen Ländern hat man die iminente Gefahr einer solchen plan- und ziellosen jüdischen Volkswanderung erkannt. In allen Ländern mit Deutschland voran, wurden Schutzmaßregeln ergriffen, in Rußland selbst waren es die Zionisten, welche die Regelung der Frage selbst in die Hand nahmen und nur in Wien, wo einst der Wille des Zionismus lebte und wirkte, in Wien, das bis zum Tode Herzls der Brennpunkt des jüdischen Lebens war, in Wien, wo noch der engere Kreis Herzls lebt, geschieht für die Emigration nichts. Wohl hat sich das Aktionskomitee an der großen Konferenz in Frankfurt beteiligt, wohl hat es dort auch ein Mandat zur Organisation und Regelung des Auswanderungswesens, soweit es Oesterreich betrifft, übernommen und dennoch liegt dieses Gebiet nirgends so verwahrlost da, wie gerade in Oesterreich, wo eine regellose Ueberflutung von ziellosen Wanderern geradezu eine Katastrophe für die inländischen Juden bedeutet, posenhaft erscheinen läßt und dem Werk die Einheitlichkeit in der Wirkung raubt. Zu sehr individualisiert sind die einzelnen Figuren, zu aufdringlich in ihrem Leid vor den Beschauer hingepflanzt. Von Konstantin M e un i er, glaube ich, ist ein Bild, das eine Volksmasse in Bewegung darstellt. Da verschwindet die einzelne Individualität und wir haben nur die Masse, das Volk vor uns. Der Maler hatte die Aufgabe, auszudrücken, daß der Einzelwille in der Masse aufhört als solcher zu sein, um sich mit dem Kollektivwillen der Masse zu verschmelzen. Nicht der Einzelne ist mehr Held; alle zusammen, die jeder für sich nichts sind und nichts bedeuten, nichts wollen und nichts können, die Gesamtheit ist der Held, den wir „Volk" oder „Nation" nennen. Das darzustellen vermochte auch Lilien in seiner berühmten Zeichnung „Väter und Söhne". Nicht gelungen ist das Problem Hirszenberg — in der Beleuchtung, die sein Bild im Jüdischen Museum fand. Ich wünschte, das Bild wäre nicht ausgestellt worden, als so beleuchtet. Denn als um vier Uhr nachmittags der Diener das elektrische Licht abdrehte und uns hinauskomplimentierte — da ragten die wandernden Juden H ir sz en b e rH s in das Dämmerlicht hinein, gespenstisch schier, aber so voll einer ergreifenden, erschütternden Tragik, daß man den Blick nicht von ihnen wenden konnte. Das ganze große Leid Judas begann zu sprechen und aus den vier einfachen Holzrahmen erklang ein schauriges