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Jüdisches Volksblatt · 1905-01-27 · 4 (27.1.1905) · page 10

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt Nr. 4 Oder: „Der Jude ist nie schwärmerisch, aber er ist auch nicht eigentlich nüchtern; er ist nicht ekstasisch, aber er ist auch nicht trocken. Fehlt ihm der niedere wie der geistige Rausch, ist er so wenig Alkoholiker als höherer Verzückung fähig, so ist er darum auch nicht kühl und noch in weiter Ferne von der Ruhe überzeugender Argumentation: seine Wärme schwitzt und seine Kälte dampft. Seine Beschränkung wird immer Magerkeit, seine Fülle immer Schwulst,." Statt uns bei diesen Wortspielereien weiter aufzuhalten, wollen wir uns einer anderen Seite des jüdischen Wesens in Weiningerscher Beleuchtung zuwenden. (Wird fortgesetzt.) M a t h i a s A ch e r. Achad-Haam.*) Von Dr. Paul Weisengrün. I. Ein seltsamer Zauber geht von diesem Buche aus. Ich hege die feste Ueberzeugung, daß kein anderes Erzeugnis der hebräischen Literatur oder des Jargonschrifttums auf einen westeuropäischen Juden so stark einzuwirkeu vermag. Achad-Haam ist der große Essayist des jüdischen Volkes im Osten. Er besitzt die seltene Gabe, über schwere und komplizierte Diuge plastisch zu schreiben und Formeln aufzustelleu, deren Gedankenschwere gleich« sam latent ist. In einigen wenigen knappen Strichen vermag er die Probleme zu umgrenzen und in einer wundervollen Sprache, die noch iu der Uebersetzung durchschimmert, überkleidet er das Intellektuelle seiner Ausführungen mit einem naturgemäßen Aufputz echt gefühlsmäßiger Stimmung. Hierzu gesellt sich noch ein Umstand: all die hebräischen Belletristen, die Jargonlyriker uud Jargonerzähler, die Wir aus Ueberfttzungen kennen, sprechen in ihren »menschlichen Dokumenten" mehr indirekt von unseren Leiden und Sorgen. Handelt es sich hier doch um Kunstprodukte. Achad-Haam redet ganz unmittelbar und ergreifend von jener »seelischen Judenvot", die den Westen mit Recht so überaus interesiiert. Gerade aus der intellektuellen Natur seiner schöpferischen Leistuage« fließt die seltsam verbindende nnd auch den Westler mitreißende Kraft. Achad-Haam, das heißt zu deutsch : Einer aus dem Volke. Das ist unser Essayist im wahrsten, tiefsten und edelsten Sinne des Wortes. Einer, der bei aller und trotz aller Individualität mit dem Volkstum aufs tiefste und innigste verknüpft erscheint... Ich kenne keinen Schriftsteller, der so tief im Judentum wurzelt, der so echt jüdisch denkt. Denkt, das Wort muß unterstrichen werden. . . Jüdisch fühlen gar manche. Mehr als einer darunter, der auch die künstlerische Form für daS tiefjüvische Empfinden sckon gefundeu hat. Ab« so echt jüdisch zu denken in der intellektuellen Leistung, so verwachsen zu sein mit seinem Volke, das trifft kein anderer. Nicht der Schwung, sondern vor allem der Geist der Propheten wird hier wieder lebendig. Achad-Haam scheint im engsten Zusammenhänge zu stehen mit den großen Gehirnen, die wir früher hatten, in den früheren Zeiten des Golus und in der Periode, in der langen, langen Periode, die dem Golus vorausging. Dabei hat dieser Mann wenig von jener Geistesverkrüppelung mit auf den Weg bekommen, die eine unausbleibliche Folge jahrhundertlanger geistiger Verknöcherung zu sein pflegt. Keine dialektischen Kunststückchen, keine formalen Spitzfindigkeiten. Nichts von dem bekannten „intellekkuellen Artistentum^, das so viele jüdische Schriftsteller im Osten und Westen so unvorteilhaft auszeichnet. Ein moderner Prophet, echt und groß und wahr — das ist Achad-Haam. Das tiefe Verknüpftsei« mit seinem Volke stempelt Achad-Haams intellektuelle Natur nicht zu einer Eigenart zweiter Güte. Er ist einer aus dem Volke und ist doch immer ganz er selbst. Hierbei ist seine Eigenart nicht ganz frei von Einseitigkeit. Achad-Haam wiederholt sich des öftecrn. Auch ist sein Horizont tief, aber nicht weit genug. Die wahre, große »Universalität", die das Schöpferische gleichsam potenziert, fehlt ihm. Darum ist Achad- Haam, der sich uns als moderner Geist repräsentiert, nicht bis zum tiefsten Kern der sozial-psychischen Seite des Judentums vorgedrungen. Ebenfalls aus *) Achad-Haam, AuSgewählte Essays, autorisierte Uebersetzung von Prof. I. Frtedländer, Jüdischer Verlag, Berlin. diesem innersten Motiv heraus steht Achad-Haa«, der durchaus auf dem Boden der Entwicklungslehre steht, nur einen Teil der wirtschaftlichen Zusammenhänge. Achad-Haam ist auch Philosoph. Ein ernster, tiefer, etwaschwermütiger Philosoph. Al- Philosoph nicht so modern wie als Soziologe. Er ist im Grunde seines Wesen- Metaphyfiker durch und durch. Es läßt sich nicht bestreiten, daß seine Grundrichtung schließlich auch einen mystischen Anstrich bekommt. All diese Seiten seine- Wesenstehen wohl damit im Zusammenhang, daß bei ihm der Psychologe, der Nachempfinder und Nachspürer seelischer Zustände erdrückt wird vom »reinen Denker^. Achad-Haam hat den Nationalisten in sich überwunden, nicht aber den allzustarken Intellektualisten. Dieser Psychischen Grundnote entspricht die Grundtendenz des Werkes. Seltsamer Weise kann man nämlich hier, obwohl es sich um verschiedene gesammelte Essays handelt, von einer Grundtendenz, von einem geistigen Werke rede«. Die Grundtendenz läßt sich in wenigen lapidaren Zügen aufzeichnen. In all diesen Esiays kehrt ein Gedanke wieder, erklingt ein Leitmotiv: Wir brauchen ein innere- Judentum, wir müssen eine neue jüdische Kultur, gestützt auf eiue „innere Umformung* des Judentums uns mühsam erringen. Achad-Haam ist nicht nur ein Kulturzionist, er ist der tiefste, echteste, wenn auch einseitigste Vertreter dieser Richtung, er ist der „Kulturzionist an sich". Gleich der erste Aufsatz offenbart uns diese Grundtendenz am deutlichsten. Der Artikel heißt: Nicht dies ist der Weg." Er erschien zum ersten Mal im März 1889. Um ihn ganz zu verstehen, muß man einen Blick werfen auf die Lage des damaligen Zionismus. (Ein zweiter Artikel folgt.) Zwei Iargonlyriker. Unter den Jargonlyrikern, denen es an Talent nicht gebricht, ragen zwei bedeutende Dichter hervor, die einer jeden Literatur, sogar der reichsten, zur Zierde gereichen würden. Diese sind: Samuel Frug «nd Morris R o s e n f e l d. Der erste ist ein gewaltiges Talent, der bereits in seiner Jugend von I. L. G o r d o n gelobt wurde und der über ihn im „Haafif* gesprochen hat. Er hat auch eine große Ähnlichkeit mit dem hebräischen Dichtergeuie. Derselbe peflimistische Zug, der sich bei Gordon iu seinen Gedichten zeigt, tritt auch bei Frug zutage. Er hat ebenso einen beißenden Spott, eine schonungslose Satiere und sarkastische Ausdrücke wie Gordon. Es hat fast den Anschein, daß der berühmte russische und Jargondichter den Gordon nachahme. Schon B r a i n i n hat bemerkt, daß diesen beiden Dichtern manche gemeiusame Züge eigen sind, durch die sie sich auszeichnen. Unter anderen Eigeuschaften bemerkte er auch, daß beide an kein« glänzende Zukunft des jüdischen Volkes glauben,ziemlich gleiche Skeptiker find, wo sie über die jüdische Lage in der Gegenwart sprechen, dagegen sehen sie in der Vergangenheit allen Glanz. Pracht und Herrlichkeit, in der Gegenwart nur Trauriges, Schlechtes, Widriges und Ekelerregendes, und so stellen sie auch das Horoskop für die Zukunft. Es scheint sogar, daß der berühmte Frug an Satire und Sarkasmus viel mehr besitze als der hebräische Dichter I. L. Gordon. Was diesen aber von Frug unterscheidet und auszeichnet, ist daS, daß er rin großes jüdisches Wissen besaß, den Talmud und di, Midraschim überaus gut kannte, während Frug in jüdischem Wissen nicht sehr bewandert ist und auch nicht ein so ausgedehnteeuropäisches Wissen besitzt wie Gordon. Was Frug aber über Gordon stellt, sind seine kühne Phantasie, seine größere Natürlichkeit Und sein melodisch-rbythmisches Reim. Seine Intuition ist auch oft größer uud tiefer als die des hebräischen Dichters und er zeichnet sich dabei durch eine ungeahnte Frische, Formengewandtheit, lyrische Gefühlsergüsse und eine hochdramatische Liedergestaltung aus. Wenn er uns das Altertum mit dem Tempel uud allen Herrlichkeiten, die das Judentum besaß, malt, ister ein Optimist; seine Darstellung ist strahlend, anmutig und poesievoll. Wenn er uns aber die Gegenwart zu malen beginnt, steht er vor uns als ein unerbittlicher Jupiter, der seinen Donner über das Haupt der Schuldigen entlädt, er zeigt ein schreckliches, widriges Gesicht und das ganze Gedicht klingt wie eine Anklage, wie eine furchtbare Philippika, und überall sehen wir die düstersteu Bilder, die traurigsten Gestalten, bis zum Aeußersten verzweifelte Typen, und wir haben schon beim Lesen einen Seelenkamps durchzumachen und wir verfallen ebenfalls in einen grauen Pessimismus. Wo er aber die Zukunft dejüdischen /Volkes betrachtet, selbstverständlich vom dichterischen Standpunkte, klärt sich manchmal sein Blick, die ganze Umgebung heitert sich auS und wir haben vor uns von Zeit zu Zeit ein überraschend schöne- Bild, das uns nicht selten entzückt und begeistert. WaS ihn aber charakterisiert, ist seine große Reife, sein hoher Ernst und seine tiefen, philosophisch-dichterischen Anschauungen. Man darf aber nicht vergessen, daß dieser treffliche Jargondichter wirklich betrübt ist, wenn er die jetzige Lage di-s Judentums sieht. Der Zionismus im vollen Sinne des Wortes (der Kulturzionismus) hat in ihm einen seiner besten Kämpfer, obwohl e» sich wenig in die Politik mengt. ES bleibt ihm daher nichts Jüdisches fremd, er hat Sinn und Auge für alle Fragen des Judentums uud das wichtigste behandelt er in seinen Gedickten. Er schreibt außer Jargon noch Russisch, ja in dieser Sprache schreibt er bedeutend mehr als im Jargon und doch ist er uns teurer durch seine einfachen Jargonlieoer als durch manche seiner erhabensten und formvollendetsten Gedichte iu russischer Sprache. Doch in beiden diesen Sprachen hat er meistendas Höchste, Reifste und Größt« erreicht, was ein gediegener Dichter nur erreichen kann. Denn so wie er den Jargon beherrscht, mindestens so gut beherrscht er die russische Sprache. Und in dieser Sprache hat er Schätze geliefert, die nie ihren Wert verlieren werden und die immer die Zierde der russischen Poesie bleiben werden, um neben Puschkin, Zukow - ki und dem heutigen MerejkowSki zu stehen. Wenn ich auch alle seine russischen Gedichte leider nur auhebräischer Uebertragung kennen gelernt habe, so bin ich doch imstande, durch die treffliche Uebersetzung des Jakob Kaplan ihren Wert vollkommen zu erkennen, um ein genaues, richtiges Urteil zu fälle». Wir wandern mit ihm die ganze Geschichte J-raelS in ibren wichtigsten Phasen durch; wir spaziere« mit ihm in den verschiedensten Oasen und Wüsten, Gärten und Weinbergen, Höhen und Flächen, wir durchwaten Flüsse und Teiche, Meere und Ozeane und bleibt unsere Phantasie nicht ' unbeweglich, kommen wir sogar zu den höchsten Himmelssphären und wir vermeinen den göttlichen Lobgesang der Seraphim, der Erzengel zu vernehmen und angenehme Lüftchen fächeln und berühren liebkosend unsere Wangen. Welche Länder das Judentum ttur durchwandert hat, dorthin leitet uns seine Phantasie, in allen Weltteilen macht ec uns durch seine Einbildungskraft heimisch und bekannt und wir haben vor uns einen Dichter, der dichterisch denkt und denkend dicktet und die tiefsten Reflexionen besitzt. Ihm ganz gerecht zu werden, erlaubt der kurze Raum, den ich mir hier gesetzt, nicht und ich werde verpflichtet sein, um die Lücke auszufüllen, darüber in kurzer Zeit eine genaue Studie zu veröffentlichen. Der zweite Iargonlyriker ist der gefeierte Morris Rosenfeld, der sich jetzt iu New Port aufhält. Als Kind armer Eltern und als armer Schneider konnte er sich selbstverständlich keine bedeutenden Kenntnisse erwerben. Er führte in seinem Leben einen schrecklichen Brotkampf. Wir sehen ihn in Holland, England «nd andern Länden, wie er sich bald durch Schleifen von Diamanten, bald durch Schneiderei sein Brot verdient und waer gelitten «nd gefühlt, das sagen uns seine Gedichte, die mit Blut geschrieben find. In seiner Dichtung bemerken wir, wie daS individuelle und dasoziale Element harmonisch verknüpft sind und wie sie einander berühren. Sein Reim uud sei« Rhythmus ist oft schöner, gewandter und formvollendeter, als der Reim und Rhythmus des Frug. steht dem letztere« aber nach in der Reife, epischer Ruhe, Reflexion uud Tiefe. Seine Gedichte, über sein Leben locken »n- Tränen aus den Augen und wir sehen unS versetzt nach Amerika, in jene» materiellen Weltteil, wo die Menschen wie die Maschinen und die Maschinen wie Menschen («ach dem vorzüglichen Ausdrucke HeineS) sich gebärden. Wir glauben das Klappern der Räder, da- Summen der Transmissionen, da- Keuchen und das Stöhnen der unermüdlichen Maschine zu vernehme«. DaS Elend der Arbeiter kennt er vortrefflich durch eigene bittere Erfahrung «nd seine Arbeiterlieder berühren uns so schmerzlich wie die Gedichte des Georg Herwegh. Während aber der letztere in Wut auSbricht und Revolutionär wird, ist Rosenfeld nur verzweifelt, ratlos uud verfällt in die Melancholie der meisten jüdische» Dichter. Die mühselige Plage der Arbeiter stellt er künstlerisch dar, er verfehlt nichts, er mischt die schwärzesten Farben zusammen, um unS das traurigste, düsterste

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