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Jüdisches Volksblatt · 1905-01-27 · 4 (27.1.1905) · page 9

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Wissenschaft, Kunst und Literatur Vellage pi Br. 4 des „Jüdisches Volksülatt". Grirortslag. Heut' fand ich die Stube mit Flieder geschmückt Und blühenden Kirschenzweigen. Ich holte die Geige aus dem Fach, Ein Frühlingslied zu geigen. Weiß Gott — das Lied gelang mir nicht Troh Kirschenblüten und Flieder. Eh' ich's versah, griff meine Hand Die alten Leidenslieder. Erst leiseund bebend, dann schluchzend und wild, Kol Nidrei-das brünstige Klagen... Da Hab' ich mit abgewandtem Blick Die Blüten hinausgetragen. Wien. Otto Abeles. Meininger und das Judentum. *) II. Die Irreligiosität bczw. Unfrommhcit der Juden. „Der absolute**) Jude ist seelenlos" — das ist der Grundgedanke der Lehre Weini ng e r s vom Judentum. Dabei ist ihm Seele nicht das Psychische im Menschen, ob es nun als unmaterielle Existenz oder als bloßer Sammelbegriff aufgefaßt wird, nicht ein in den verschiedenen Personen verschiedenes und verschieden reiches Etwas oder Nichts. Nein, ihm wird das geistige Leben erst, insofern es „von Gott ist" und dem Göttlichen mit Verständnis gegenübersteht, zur Seele. Und er muß darum die Menschen, die dieses nach Abkunft und Fähigkeit eigenartigen Geistes entraten, für seelenlos erklären. Damit gibt er, der sonst gegenüber fundierter Wissenschaft die grundsätzliche Verschiedenheit von Mensch und Tier mit fast wildem Eifer verteidigt, diesen seinen Standpunkt einer Marotte zuliebe wieder auf. Und degradiert seinen gegen die Atheisten mit so viel Entschiedenheit behaupteten Gott von einem Weltengott zu einem nur in engen Kreisen wirksamen und sich offenbarenden Teilgott. Weil aber die Juden für diese Absurdität eines Teilgottes oder einer halben Gottlosigkeit niemals, sondern immer nur für einen All-Gott oder eine ganze mutige Gottlosigkeit zu haben waren, deshalb wahrscheinlich müssen sie sich gefallen lassen, von Meininger irreligiös gescholten zu lverden. Und nicht etwa bloß dafür, daß durch sie die „Bejahung alles Ewigen aus den Daten des niederen, nie abzuleitenden, nie zu erweisenden höheren Lebens im Menschen" niemals erfolgt. D e r Vorwurf wäre nicht so schlimm, es ist ja noch nicht ausgemacht, daß dieses metaphysische Bejahen wirklich das Wesen der Religion bildet, wie Meininger will. Sieht er sich doch selber genötigt, dem Begriffe der Religiosität den der „Frömmigkeit" als „umfassenderen" gegenüberznstellen. Weit schwerer wiegt, daß er den Juden auch diese „Frömmigkeit" abspricht. „Frömmigkeit" ist das," sagt er, „was dem Juden mangelt. Wäre er nur ehrlicher Materialist, wäre er nur bornierter Entwicklungsanbeter!" Oder in anderer Form: „Glaube ist alles! Mag ein Mensch an Gott glaubest oder, nicht, es kommt nicht alles darauf an: wenn er nur wenigstens an seinen Atheismus glaubt. Das aber ist es eben: Der Jude glaubt an gar nichts, er glaubt nicht cm seinen Glauben, er zweifelt an seinem Zweifel." *) Ein erster Artikel erschien in Nr. 5.'! dieses Blattes vorn M. Dezember v. I. **) Der erste Artikel führte, wie erinnerlich, den Nachweis, -atz Meininger trotz seiner gelegentlichen gegenteiligen Behanptnngen nicht den ,/absoluten Inden", nicht die „platonische Idee -es Judentums", sondern die wirklichen Juden meinte. Dieser Nachweis wird daher auch hier als geliefert vorausgesetzt. Am deutlichsten wird, was er den, Juden vorwirft, dort, ivo er sagt: „Dagegen waltet noch über einem gänzlich ametaphysischen System wie dein des Avenarius eine weihevolle Sorgfalt, ja selbst über die relativistischen Anschauungen von Ernst Mach ist eine vertrauensvolle Frömmigkeit ausgebreitet. Der Empirismus mag nicht tief sein, jüdisch ist er darum nicht zu nennen." Doch die „Begründung"? Sic wird mit den köstlichen Worten: „Soll ich dies nun noch begründend" eingeleitet, mit den ebenso köstlichen.: „Es wäre wohl ctiufj sonst klar" abgeschlossen und besteht in den folgenden paar Fragesätzen: „Soll ich ausführen, wie der Jude ohno Eifer im Glauben ist und darum die jüdische Konfession die einzige, die um keinen Proselyten wirbt, der zum Judentum Uebergetretene dessen Bekenner:: selbst das größte Rätsel und die größte Verlegenheit? Soll ich über das Wesen des jüdischen Gebetes hier mich verbreiten und seine Formelhaftigkeit, seinen Mangel an.jener Inbrunst, die nur der Augenblick geben kann, betonen? Soll ich endlich wiederholen, was die jüdische Religion ist: Keine Lehre von Sinn und Zweck des Lebens, sondern eine historische Tradition, zusammenzufassen in dem einen Uebergang durchs Rote Meer, gipfelnd also in dem Danke des flüchtenden Feigen an den mächtigen Erretter?" Auffällig ist vor allem, wie sich Meininger in dieser „Begründung" vom „umfassenderen" Frömmigkeitswieder fast ganz auf das engere Religionsterrain zurückzieht — was nichts anderes als triebhafte Flucht vor einem Zuviel an Verantwortung und vielleicht auch vor einein Zuwenig an Wissen bedeutet. Allerdings bietet ihm auch das engere Feld Gelegenheit genug, seine intellektuelle Skrupellosigkeit und seine Unwissenheit zu erhärten. Meininger kannte von. Den Juden offenbar nur eine schmale Schichte — vielleicht ging er aus ihr hervor — und auch diese nur durch die Brille seines humorlosen Fanatismus, die jedenfalls das Schwarze noch schwärzte. Allen übrigen jüdischen Volksschichten des Westens, geschweige des Ostens, stand er unwissend wie ein Kind gegenüber. Er verstand die Sprache von neun Zehnteilen des jüdischen Volkes nicht, konnte ihre Dichter nicht lesen, kannte ihre in: Westen entwesentlichten Gebräuche nicht einmal oberflächlich, hate also gar nicht die Mittel, um in ihr Denken, Empfinden und Bete:: cinzudringen. Und nah::: sich heraus, alle n Juden „Eifer im Glauben" oder „Inbrunst" abzusprechen! Auf derselben Stufe der Gerechtigkeit und Uuterrichtetheit steht seine Würdigung des geschichtlichen Judentums. Wie auch anders! Wer auf der einen Seite nie Vergangenheit genug hat und sich auf der anderen über jüdische Tradition entrüsten soll, muß diese in ausnahmsweise tiefe Schatten tauchen. Und kommt dann zu Behauptungen, wie etwa der, daß die jüdische Tradition „in den: einen Uebergang durchs Rote Meer zusainmenzufasfen ist", „also" „in dem Dank des flüchtenden Feigen an den mächtigen Erretter gipfelt". Gegen eine solche Methode kann es keine andere Abwehr geben, als ihre Natur leichtsinnigen Drauflosbehauptens und -Berblüffens festzustellen. Nur, was Meininger von der jüdische:: Religion als solcher sagt, ihrer Abneigung gegen Proselyten, und daß sie keine Lehre von Sinn und Zweck des Lebens ist, sondern eine historische Tradition, erträgt eine grundsätzliche Entgegnung. Und diese soll in der gebotenen Kürze hier versucht werden. Das Wort „Religion" wird ebensowohl für die religiöse Erfülltheit eines Menschen als für gesellschaftlich anerkannte religiöse Systeme gebraucht. Das religiöse Problem bestand, wenigstens bisher, in der Aufgabe, ein religiöses Systen: zu finden, das die religiöse Erfülltheit der Massenmenschen verbürgt. Die Aufgabe war keine leichte und ist bisher in keinen: einzigen Falle befriedigend gelöst worden. Nicht ohne Grund, denn „Religion" in der einen und „Religion" in der anderen Bedeutung des Wortes sind geradezu Widersprüche. „Religion" im ersten Sinn ist ein innerlichstes, individuellstes, subjektivstes Gut des Menschen. „Religion" im zweiten Sinne eine durchaus äußerliche, durchaus gesellschaftliche, durchaus objektive Form. Eine Ausgleichung dieser Widersprüche ist gar nicht möglich. Höchstens kann man von einem „guten" Religionssystem verlangen, daß es eine freundschaftliche Neutralität beobachte, d. h. die Entfaltung der innerlichsten religiösen Gefühle möglichst wenig störe, vor allen: das Individuum nicht in ihm fremde Seelenbahnen zwingen wolle. Diese Neutralität aber ist gerade von einen: nationalen Religionssystem mit größerer Wahrscheinlichkeit zu erwarten als von einem universellen. Während dieses keiner wirklichen Menschenart angepaßt und daher geneigt ist, alle Welt seelisch zu knechten, gestattet jenes dem Individuum, sich in seiner von der Nationalität unwillkürlicher- und natürlichermaßen bestimmten Weise religiös auszuleben. Darum zeigt ja auch die universelle Religion zumindest die gleiche, wenn nicht größere Neigung, aus lebendiger Fortentwicklung in starre Tradition zu versinken, als die nationale. Und sie kann, sobald sie einmal diesen: Schicksal verfiel, an seelischen Verkrüppelungen der Anhänger der anderen weit überlegen sein. Natürlich spielen in den einzelnen Füllen der Nationalcharakter, die Wirtschaftsstufe, die geographische Lage bezw. das Klima eine mehr oder minder ändernde Rolle. Es ist also nichts als eine der vielen Majoritätsüberhebungen, die in der Welt ihr Unwesen treiben und durch ihre ewige Wiederholung zuletzt auch Leute aus der Minderheit .anstecken, wenn angenommen wird, daß die innere Religiosität des Individuums durch das Christentum besser gewährleistet werde als das Judentum. NeunzchnHundert, fünfzehnhundert und tausend Jahre Christetum haben die Durchschnittsarier zumindest nicht religiöser und „frömmer" gemacht, als sie in einem anderen Religionssystem geworden wären oder als die Durchschnittsjuden bei ihren: Judentum geworden sind. Wer nicht die Brille Meiningers anhat, wird hinter dem groben Religionsmaterialismus katholischer und evangelischer Bürger, Bauern und Adelsleute der meisten Mtionen zumindest nicht mehr „Verständnis für die Idee der Gnade", nicht mehr „Inbrunst" u. dgl. suchen, als hinter dem Ritus der so verschrienen Juden. Der wird auch finden, daß Menschen höherer seelischer Artung, ob Juden oder Arier, ob dieser oder jener „religiösen" Organisation zugehörig, in! gleicher Weise „fron::::", mitunter auch religiös sind. Er wird ihre innere Heiligkeit, ihren reinen Enthusiasmus, ihr Edelmenschentum ohne Unterschied gelten lassen. Endlich wird, wer nicht von den: Kinder-- trotze Meiningers gegen die Entwicklungslehre besessei: ist, in den religiösen Genies des jüdischen Stammes nicht bloße Kontrast- und Ueberlvindungserscheinungen sehen, sondern sie als imponierende Zuchtergebnisse und damit als die vollgiltigsten Beweise für den edleren Seelenstoff des ganzen Volkes erkennen. Und doch ist den Grundbehauptungen Meiningers über die angebliche Irreligiosität oder „Unfrommheit" der Juden noch eine gewisse Klarheit, eine gelvisse Ausgeprägtheit des an sich falschen Gedankens zuzubilligeu. In den Folgerungen verläßt ihn auch dieser. In rasenden: Tempo, sich lnehrfach überkugelnd, ein Sklave seiner eigene!: Gedanken- und Bilderassoziationen, ohne Uebcrgänge und ohne Selbstkontrolle, gelangt er zu Sätzen, lvie etwa die folgenden : „Der Jude ist nie ganz durchdrungen von seinen: Jubel, aber ebensowenig fähig, völlig von seinen: Unglück erfüllt zu lverden. Er nimmt sich nie ernst und darun: niinint er auch keine anderen Menschen, keine andere Sache wahrhaft ernst."

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