Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Jüdisches Volksbltftfc Seite 8 Bttrgerschttldirektor mosaischer Konfession. Dieser Tage erschien im Prager offiziösen Abendblatts der Konkurs für den Posten eines Bürgerschuldirektors mosaischer Konfesfion in der Altstädter Knaben-Volks- und Bürgerschule. Ein seltenes Dokument österreichischer Schulgeschichte voll pikanter Ironie, gleichzeitig für uns eine wehmütige Reminiszenz an den leider so früh verstorbenen Moritz Mautner, der als erster jüdischer Bürgerschuldirektor diese Stelle vom Jahre 1896 bis zu seinem am 80. Juli 1904 erfolgten Tode bekleidete. Und wiederum muß diese Stelle mit einem Juden besetzt werden. Würde dieser Fall nicht das traurige Verhältnis, in dem die Juden zur heutigen Volkschule stehen, beleuchten, würde er nicht das Zerrbild einer antisemitischen Schulverwaltung offenbaren, wahrlich, man müßte sich darüber köstlich amüsieren, wie die Machthaber an der Nase geführt werden. Dieser Fall wäre die beste Beleuchtung für die Moral: „Wer einem anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein." Nach dem Erscheinen der „freiheitlichen" Volksschulgefetze des Jahres 4869 waren die Klerikalen unablässig tätig, die Volksschule wiederum in ihre Klauen zu bekommen, um wieder die seligen Zeiten des Konkordats heraufzubeschwören. Vieles haben sie auch durchgesetzt. Schon die Schul- und Unterrichtsordnung des Jahres 1870 brachte einige Einschränkungen. Den Hauptschlag gegen das Reichsoolksschulgesetz aber führten die Klerikalen durch die Schulgesetznovelle des Jahres 1880. Die Schulpflicht wurde durch Einführung der Schulbesuchserleichterungen herabgesetzt, der Stoff aus den Realien auf das „für die Schüler Faßlichste und Wissenswerteste" beschränkt und auch in diesem Sinne die Besetzung der Schulleiterstellen „geregelt". Mit Rücksicht aus die Anstellung der Lehrpersonen heißt es im § 48 deS Reichsvolksschulgesetzes : „Der Dienst an öffentlichen Schulen ist ein öffentliches Amt und für alle Volksbürger gleichmäßig zugänglich, welche ihre Befähigung hierzu in gesetzlicher Weise nachgewiesen haben." Und es wurden auch Juden angestellt. Die meisten jüdischen Lehrer, die heute im öffentlichen Schuldienste stehen, haben ihre Anstellung zu dieser Zeit, also unmittelbar nach Erlaß des Reichsvolksschulgesetzes, erhalten. In den Lehrerbildungsanstalten gab es damals massenhaft jüdische Kandidaten, die, soweit sie nicht im öffentlichen Schuldienste ein Unterkommen fanden, an den damals noch bestehenden jüdischen Schulen zur Verwendung gelangten. Und heute — es wird einem ordentlich bange über diesen Fortschritt! Die Juden haben ihre eigenen Schulen aufgelöst, an den öffentlichen Schulen sind die jüdischen Lehrer so selten wie weiße Raben. Heute stellt man sie überhaupt nicht mehr an. Schon zu Ende der siebz'ger Jahre wurde daS Gesetz in der geistvollen Weise ausgelegt, wie sie heute Lueger ausgelegt hat: „Der Jude kann angestellt werden, aber er muß nicht angestellt werden." In der Schulgesetznovelle wird die Erlangung von Schulleiterstellen für Juden vollständig unmöglich gemacht oder zu verhindern gesucht. Es heißt da: „Als Schulleiter können nurLehrpersouen bestellt werden, welche auch die Befähigung zrlr Erteilung des Religionsunterrichtes jenes Glaubensbekenntnisses Nachweisen, welchem die Mehrzahl der Schüler der betreffenden Schule nach dem Durchschnitte der vorausgegangenen fünf Schuljahre angehört. Diese Bestimmung widerspricht dem erwähnten § 48, sie widerspricht sogar dem Artikel 3 der Staatsgrundgesetze: „Die öffentlicheu Aemter sind für alle Staatsbürger gleich zugänglich." Eigentlich war die Spitze der Verordnung ursprünglich mehr gegen die Protestanten als ggen die Juden gerichtet. Denn einem Juoen eine Schulleiterstelle zu geben, daran hat früher niemand gedacht. Aber da geschah das Ungeahnte, Unerhörte in Prag und in Wien! Da füllten sich in den Judenvierteln und in den von den Juden dichter bewohnten Bezirken die Schulen mit jüdischen Kindern. Denn merkwürdigerweise, obwohl die Juden uicht mehr in der Judenstadt leben müssen, so wohnen sie trotzdem außerhalb des Ghettos auch in geschloffenen Mafien, in bestimmten Gafien und Stadtteilen. Manche Gassen sind zum größten Teile von Juden bewohnt, während andere ganz judenrein sind. In diesen Schulen erlangten die jüdischen Kinder numerisch das Uebergewicht und man mußte sich über kurz oder lang dazu verstehen, auf Grund der Verordnung, die die Juden von den Schulleiterftellen ausschließen sollte, Juden anzustellen, man muß jetzt Juden suchen, suchen im wahren Sinne des Wortes, denn die Bewerber sind dünn gesäet und jedem kann man doch nicht die Leitung einer Volks¬ und Bürgerschule anvertrauen. Da sollte man denken, daß die jüdischen Kinder an solchen Schulen, wo sie in der Mehrzahl sind, wo ein jüdischer Leiter ist, vor Judenhaß geschützt sind, daß auf sie bei der Fassung des Stundenplanes oder im Schulleben überhaupt Rücksicht genommen wird. Vor allem unterliegen sie natürlich auch den Bestimmungen, die für die anderen Schulen Geltung haben. Der Unterricht beginnt also auch mit einem christlichen Gebete, in den Schulräumen hängt das Kreuz. Kurz, es herrscht darin der ganze katholisch-klerikale Geist unserer heutigen Volksschule. Es ist eher zu beobachten, daß durch die Ansammlung von Judenkindern, und zwar solcher aus niederen Schichten, die zu ihrer Judennot noch den Druck des allgemeinen Elends zu fühlen haben, der Judenhaß sich steigert. Dazu tritt noch in Prag der national e H a ß, da diese Schulen a l s d e u t s ch e dem Stadtrat und der Bevölkerung ein Dorn im Auge sind. So haben wir Judenschulen mit einem jüdischen Lehrer, die von antijüdischem Geiste erfüllt sind, in dem die Kinder systematisch dem Judentum entfremdet werden, in denen sie vom Judentum nur in den Religionsunterrichte hören. Und dieser Religionsunterricht bildet ein trauriges Kapitel für sich. Außerdem gibt es in Prag noch andere Schulen, an denen die Juden stark vertreten sind. Das sind Privatanstalten, und zwar die Privatschule des Piaristenordens, die Waisenhausschule zu St. Johann dem Täufer und die evangelische Schule, die von Kindern aus reichen Judenhäusern besucht werden, oder wohin auch minder bemittelte Juden die Kinder schicken, die nobel tun wollen, und die Kinder christlichen Priestern zur Erziehung zu geben, gehört entschieden zur Noblesse. Da könnte einem über Schulverhältnisse der Juden das Herz brechen. Die Juden haben ihre Schulen aufgelöst und schicken die Kinder dafür in katholische oder evangelisch-konfessionelle Schulen. Die Folgen bleiben natürlicherweise nicht aus. Sie sind bekannt. Es wäre müßig, darüber heute noch zu schreiben. Aber nur ein Mittel gibt es, alle diese Fehler gut zu machen: die jüdische Schule. Schon wurde in letzter Zeit wiederholt dieser Ruf laut. Hier einzusetzen, wäre eigentlich Pflicht unserer Kultusgemeinden! Doch kann man von diesen das Verständnis für die großen Forderungen der Zeit voraussetzen? Wollten die Juden in Oesterreich eine rationelle Politik betreiben, dann könnten sie mehr verlangen als zwei Schulleiterstellen, die ihnen durch die Verkehrtheit eines klerikalen Schulgesetzes zufallen. Die Errichtung jüdischer Schulen soll künftig noch die jüdische Oeffentlichkeit beschäftigen. Es ist ein neuer, junger Morgen in Juda angebrochen. Er wird dem kranken Judentum auch das Heilmittel bringen: eine jüdische Schule für jüdische Kinder. —er. Agramer Brief. Nach längerer Zeit melde ich mich wieder. Die Verhältrnffe bei uns sind daran schuld, daß die Intervalle groß find. Kein rechter Schaffensdrang ist vorhanden und wo einer vielleicht was tun wollte, stößt er auf Indolenz und Verständnislosigkeit und toird mißgestimmt. Die Auswüchse des Affimilantentums hindern die Schaffensfreudigen so zu arbeiten wie sie wollten. Wir haben gerade in letzterer Zeit in dieser Hinsicht manche unangenehme Erfahrung gemacht. Wird da ein jüdischer Verein ins Leben gerufen, der weit — weit von wahrem Judentum entfernt ist, und ruft die Juden um Beiträge an. Und da geschieht es, daalte Herren, die wohl bisher wenig von ihren patriotischen Gefühlen verraten haben, aber in den Kultnsgemeinden sitzen, jnngen Leuten, die sich ihrer Pflichten gegenüber dem Vaterlande mit Liebe bewußt sind, Lektion im Patriotismus erteilen, indem sie den Appell damit beantworten, daß sie für „siparatistische" Zwecke nichts hergebeu. Solche Gemeinden stehen, dem Schicksal sei dank, vereinzelt da. So kompromittiert sich das Assimilantenturn. Zu de» bestehenden politischen Parteien haben sich noch zweie in Kroatien gebildet: die sogenannte Bauernpartei und die fortschrittliche oder Realistenpartei. Was wir Juden von diesen zu erwarten haben ist eine Frage der Zukunft. Soviel ist Tatsache, daß einzelne markante Persönlichkeiten der erstere« den jüdischen Nationalismus selbstverständlich finden. Die letztere» behaudeln — so scheint es — die jüdische Frage als eine offene Frage, doch auch da sind einzelne Führer offen sympathisch für den Zionismus eingetreten. Den Rat, den ein Mitarbeiter des „F. V." vor kurzer Zeit gegeben, daß sich die Juden den sogenannte» „Realistenparteien" an schließen sollten, schein tmirauchfürdiekroatischeu Verhältnisse gut zu sein; doch ist es nicht ratsam in dieser Hinsicht zu präjudizieren. Innerhalb der Judenheit ist nichts Bemerkenswertes zu verzeichnen. Für unsere Verhältniffe ist der Ausdruck „Judenheit" noch verfrüht. Wir sind keine Einheit und in den einzelnen Unternehmungen gibt es auch keine Einheit. Unser Agramer „Literarischer Verein" läßt Vorträge halten, von denen der Vortrag des Tilsiter Rabbiners Dr. Adolf Ehrlich über Reuchlins Verdienste für das Judentum bemerkenswert war. Dann veranstaltete er einen Diskuffionsabend über den Nutzen oder Schaden des Zionismus, ein Thema, das n cht einmal berührt wurde, sondern statt dessen über das Sein oder Nichtsein der jüdischen Nation gesprochen wurde. Abwehrende Handbewegungen seitens der Affimilanten waren zumeist die Beweise gegen dere» Sein, sonst aber Sophismen und ganz elende Definitionen über den Begriff der Ration. In dem Vereine fehlt der Spiritus agens, die echt jüdische Note, obwohl es die Leiter ganz gut sehen konnten, daß man bisher mit ihr die schönsten Erfolge erzielte. In der nächsten Zeit hält stuck, iur. Schick einen Vortrag über „die Juden in Dalmatien" (Siehe Beilage: „Die Inden in Dalmatien einst und jetzt".) und Rabbiner Doktor Kaufmann aus Virovitica „über die Kabbala", also zwei Zionisten. Der „jüdische Mädchenverein" eröffnet seine Vorträge im Februar zum ersten Male. AnS der Eröffnungsfeier wird man schwerlich auf den jüdischen Charakter des Vereines schließen können, jedenfalls ist aber dieser von ihm zu erwarten. Bedauerlich ist cs, daß unsere jüdischen Vereine so vorsichtig die kroatische Farbe hervorheben, mehr und ängstlicher als die rein kroatischen Vereine. Aber sieht eS nicht eben dadurch anS als wenn die Betonung der kroatischen Gesinnungen eine hohle Phrase wäre, da die geschaffenen Vereine ihren Daseinsgrund mit der Arbeit für das Kroatentum argumentieren? Doch unsere Vereine, unsere ganze Bewegung in neuerer Zeit stehen im Stadium des Beginnes und so ist mancher Fehlschritt verzeihlich. Da lobe ich mir unsere jüdischen M i t t e l s ch u l v e r e i n i g u n g e n, die frei und offen, ohne Furcht, jedoch nicht ohne Tadel arbeiten. hiebt. Vereinsnachrichten. Wien. (Verein zur Hebung der Gewerbe.) Dieser Verein, der nebst seinen vielen ernsten Aufgaben auch die Volksbilöung auf sein Programm geschrieben, hielt am Sonntag derl 22. ö. M. im großen Festsaale des Niederösterreichischen Gewerbevereines einen Vortragsabend ab, der allgemeinen Vilöungszwecken bestimmt war. Der Herausgeber deS „Wiener Almanach" und Schriftsteller Herr Jagnes I ä g e r, soeben von einer Forschungsreise aus Island zurnckgekehrt, hielt bei übervollem Saale und großem Andrange von Zuhörern einen hochinteressanten Vortrag über Island und dessen Bewohner, sowie über den Handel und Gewerbe. An der Hand von 80 von ihm aufgenommenen, künstlerisch ansgesührten Bildern, versinnlichte er seine dort gemachten Wahrnehnnlngen und erntete hierfür wiederholt allseitigen und wohlverdienten Verfall. Die Zuhörerschaft rekrutierte sich teilweise anS Anhängern des Vortragenden Schriftstellers, znm Teile au- Freunden des Vereines. Unter den vielen Industriellen und Gewerbetreibenden bemerkte man auch den Präsidenten der Oesterreichtsch-ungart-