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Jüdisches Volksblatt · 1905-01-27 · 4 (27.1.1905) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische« Volksblatt x\Y. 4 nationalen und Rassenkämpfe. Solange man einzelne Erscheinungen, wie die Frage der Sprachenverordnnngen in Böhmen, die italienische Universität in Innsbruck, den kroatischen Miiüsterialerlaß w. zum Gegenstände von mehr oder minder lärmenden Onerelen macht und vom beschränkten Kirchturmstandpunkte aus den engen Zusammenhang aller staatsreehtlicknationaleu Streitigkeiten unter dem großen Gesichtspunkte des österreichischen Gesamtproblems übersieht und auch übersehen w i l l, solange kann man zu keinem richtigen Rezepte für den kranken österreichische:: Staatskörper und natürlich noch viel weniger zu einer Gesundung desselben gelangen. Da zerbrechen sich die verschiedenen Heilkünstler oder richtiger „Kurpfuscher" darüber den Kopf, wie. die O bstruktio n im österreichischen Reichsrate zw bannen sei, ob mit oder ohne A e n d er u n g der Geschäftsordnung des österreichischen R e i ch s r a t e s, mit oder ohne Auflösung. * * * Diese Heilkünstler mögen doch gefälligst den so bewunderten ungarischen Reich stag und die Vorgänge in den Ländern der ungarischen Krone etwas genauer betrachten. Dort existiert ja ein sogenanntes parlamentarisches Ministerium, das Kabinett Tisza, dort existierte ja im aufgelösten ungarischen Reichstag eine große Majorität, die Opposition gehörte derselben Nationalität, der magyarischen, an, nachdem elf Millionen deutscher, slawischer und rumänischer Bürger, die Mehrheit der ungarischen Bevölkerung, durch ein ultrareaktionäres Wahlgesetz mundtot gemacht waren und in der ungarischen Volksvertretung ihre Anschauungen nicht zur Geltung bringen konnte. Und siehe da, im aufgelösten ungarischen Reichstage herrschte dasselbe Chaos wie im Wiener Abgeordnetenhause, in Pest wurde ebenso obstruiert wie in Wien (der Nationalitätenkamps tobte wohl nicht im Reichstage, aber um so heftiger unter der Bevölkerung jenseits der Leitha) und'schließlich mußte das Ministerium Tisza zur Auflösung des arbeitsunfähigen ungarischen Reichstages schreiten. Und die Neuwahlen? Was können sie an dem Status quo ändern? Einige unbedeutende Verschiebungen im Kräfteverhältnisse der magyarischen Fraktionen dürften sie bringen, aber nach wie vor wird der ungarische Reichstag nicht das Sprachrohr der ungarischen Bevölkerung, sondern nur jener magyarischen Minderheit sein, welche einerseits die Entnationalisierung aller Nichtmagyaren und die politische und wirtschaftliche Herrschaft über Zisleithanien erstrebt. Darin sind alle magyarischen Fraktionen einig, die nur im Grade des Chauvinismus voneinander differiere):. Dieser nmgyarische Chauvinismus, welcher die ganz unnatürliche dualistische Verfassung im Jahre 1867 zum Schade:: des gesausten Donaureiches, Westösterreichs sowie der Deutschen, Slawe:: und Rumänen jenseits der Leitha durch den sogenannten österreichisch-ungarischen Ausgleich erpreßt hat, läßt weder Ungarn noch Zisleithanien zur Ruhe kommen, Aus derzionistischenBewegung. Die russischen Blätter nehmen, wie bereits berichtet, nach wie vor Stellung gegen eine Verlegung des Sitzes der Zentrale nach London. Aus diesem Anlasse wird auch ein entschiedener Kampf gegen den T e r r i t o r i a l i s m u s als solchen geführt. Am interessantesten in dieser Beziehung ist wohl die Stellungnahme der offiziösen „Hazefirah", in welcher N. S ok o l o w in einer längeren historisch belegten Artikelserie gegen den Territorialismus zu Felde zieht. Aber auch sonst ruht die Propaganda für den p r a k t i s ch e n Z i on i s m u s nicht. Teils Eigenberichte n, teils den jüdischen Blättern aus Rußland entnehmen wir hierüber folgende wichtige Mitteilungen : Wichtige Beschlüsse der Zionisten in Wilna. Vorigen Sonntag fand in Wilna eine Konferenzrussischer Zionisten statt. Unter den Einberufcrn befinden sich die Mitglieder des großen A.-C. 11 s s i s ch k i n. I. G o l db e r g und S ch e i n k i n, ferner Hillel Zlatopolski und S. Rosenbanm. Versarnmelt waren 47 Delegierte aus 22 Städten des ganzen Reiches. Die Konferenz hat folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Gegen den Territorialismus: Bezüglich der bestehenden Absicht, das Endziel des Zionismus in einem anderen Lande a u ß e r h a l b P a l ä st i n a zu verwirklichen, erklärt die Konferenz, daß ein solches Vorgehen gegen das h i st o r i s ch e I d e a l d e s Z io n i s m u s sowie g e g c n das B a feie r P r og r a in m v c r st o ß e. Die Konferenz sprach ferner die zum Beschlüsse erhobene Absicht aus, daß Fragen, welche die Acnderung des Baseler Programmes in welcher Richtung immer in sich bergen, ii b e r h a u p t nicht G e g e nst a n d d e r Beratung auf de m K o ngressebilden dürfen. 2. Die Ugandafrage: Die Konferenz beschließt: In Wort und Schrift darzutun, daß das Ugandaprojekt einerseits den Prinzipien des Zionismus z uw i d e r l a u f e, andrerseits nicht geeignet erscheine, die N o t der jüdischen Massen zu verringern. 3. Praktische Gegenwartsarbeit in Palästina: Der Kongreß beschließt: a) Behufs Dnrchfnhruistz des ersten Punktes des Baseler Programmes die praktische Arbeit i n Palästina sofort in Angriff zu nehmen und dem Kongresse die diesbezüglichen Vorschläge zu unterbreiten, b) Bis zum Kongresse in Palästina eine M i t t e l s ch u l e i n s L e b e n zu rufen, c) Mehrere auf die praktische Kolonisationsarbeit in Palästina bezughabende Vorschläge wurden zum Beschlüsse erhoben. 4. Die Konferenz stellt an den Kongreß die Forderung, der Hebung des nationalen G c i st e s im jüdischen Volke gesteigerte Aufmerksamkeit zu z u w e:: d e n. 5. Die Konferenz seht ein Propagandakomitee behufs Raltiierung und Organisation der Anhänger der gefaßten Beschlüsse ein. Den a u s f ü h r l i ch e n B e r i ch t über diese hochwichtige Versammlung und ihre Beschlüsse bringen wir inunserer n ä ch st e n ,N u m m e r, worauf wir unsere Leser schon heute aufmerksam machen. Vom Lemberger Distriktskomitee. Die diesjährige Lemberger Distriktskonferenz wird am 16. Februar in Lemberg mit nachfolgender Tagesordnung stattfinden: 1. Die Angelegenheiten des Distmkts und dte allgemeine Lage. Referent Herr Adolf Stand. 2. Der Stand der Bewegung im Distrikt. Referent Dr. Josef Rosmarin. 3. Tie Organisation der zum Lemberger Distriktskomitee gehörenden Vereine und die Agitation, Referent Dr. P. Pordes. Alle 3 D. - K. in Galizien beschlossen für Ende April oder anfangs Mai eine Konferenz aller, zmn Lemberger Distrikt gehörenden galiz ischen Vereine einzuberufen. Falls das Wiener L.-K. mit dieser Konferenz einverstanden ist, wird vom Lemberger D.-K. folgende Tagesordnung vorgeschlagen: 1. Die allgemeine Lage des Zionismus und die Palästina-Angelegenheit, a) Die Lage des Zionismus in Galizien. 0) Organisation, Agitation nnd Presse. 2. Unsere Taktik im Lande. (Allgemeines Referat.) Subreferate, a) Kultusangelegenheiten, b) Organisationsfragen. 3. Tie Kolonialbank und der Nationalfonds (Informatorisch agitcitori'sches Referat). 4. Emigrantenwesen. Bon der Ugandakommission. Wie wir voraussagten, traf die Kommissioir zur Erforschung des Ugandagebietes unter Führung des Majors Gibbons am 10. ds. in Momb a s s o ein, und wird zunächst das Terrain, welches für die Gründung einer jüdischen .Kolonie bestimmt ist, feststellen. Tie Expedition setzte noch am selben Tage ihre Reise nach Louidiani fort. Dies wird vorläufig die Endstation der Expedition sein. L o u d i a n i ist eine Haltestelle der Ugandabähg und ill, 60 Meilen von Mombassa entfernt, neben Port F l o - r encc gelegen. Korrespondenzen. Bon der Wiener Knltrrsgemeirrde. iAus -er Plenarsitzung des KnltnsvorstandeS vom 22. Jänner 1908 nnter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vorm.) Zu Beginn der Sitzung halt der Vorsitzende Präsident Dr. Alfred Stern dem dahingefchiedenen ehemaligen Präsidenten der Knltusgemeinde Herrn kais. Rat Heinrich Klinger einen längere» Nachruf, welcher von der Versammlung stehend angehört wird. Im Einlaufe befindet sich ein Dankschreiben, der Familie der verstorbenen Frau Joscsine Wölfler, Witwe nach dem Spitals-verwalter ka:s. Rat Dr. Bernhard Wölfler, in welchem den: Vorstande für die Veranstaltung des Leichenbegängnisses der Dank ausgesprochen wird; weiters ein Erlast der Statthaltcrci betr. die Errichtung einer Doktor Adolf und Emma Löwy-Stistnng mit dem Betrage von 100 000 bis 160 000 Kronen. Zum Mitgliede der Bezirkskommtssion für die Bezirke 12—16 wird an Stelle des ansgLsrhiedenen Herrn Salomo:: Beer Herr Samuel Bernhard gewählt. Konsiitnicrnng der Kommissionen. Gewühlt werden: Kommission 1 für KultnSttnd rituelle AngelegenHeiten: Dr. Maximilian Steiner, Obmann: Max Fleischer, Obmann-Stellvertreter. Kommission 2 für Unterrichtsangelegenheiten: Dr. Gustav Kohn, Obmann: Dr. Markus Spitzer, Obmann-Stellvertreter. Kommission 3 für Friedhofs- und Veeröigungsangelegenheiten: Theodor Ritter v. Goldschmidt, Obmann- Wilhelm Polläk, Obmann-Stellvertreter. Kommission 4 für das Spital: Wilhelm Knffner, Obmann,' Emanuel Hoffmann, Obmann-Stelloertreter. Kommission 6 für die Versorgungsanstalt: Salo Cohn, Obmann,' Dr. Benjamin Nappaport, Obmann-Stellvertreter. Mtkwahkomitee: Max Fleischer, Obmann,' Siegmund Kauders, Obmann-Stellvertreter. Tempelbau'komitce: Rudolf Auspitz, Obmann, Siegmund Tanssig, Obmann- Stellvertreter. Komitee für die Ausnahmen in die Versorgungsanstalt: Dr. Benjamin Rappaport, Obmann,' Salo Cohn, Obmann-Stellvertreter. Baukomitee: Siegmund Tanssig, Obmann: Max Fleischer, Obmann-Stellvertreter. Buch- RevisionAkomitee: Moriz Hirsch, Obmann: Jonas Weil, Obmann-Stellvertreter. Komitee betr. das Penfionsnornnrle für die Angestellten der israel. Kultusgemeinde: Theodor Rittervon Tanssig, Obmann: Leopold von Lieben, Obmann-Stellvertreter. Komitee für die Dr. Adolf Sacks sche Stiftung für Herz- und Aortalkranke: Dr. Josef Breuer, Obmann: Dr. Sal. Ehrmann, Obmann- Stellvertreter. Komitee für die Dr. Adolf Sackssche Technikerstistung: Moriz Edler von Knffner, Obmann: Siegmund Tanssig, Obmann-Stellvertreter. Herr Kultusvorsteher M a r m o r e k erbittet sich das Wort zu folgender Erklärung: Der verehrte Herr Präsident hat die neue Session unserer Körperschaft mll einer Programmrede eingeleitet, in welcher er uns einen Ausblick auf große und tiefeingreifende Aufgaben eröfsnete, deren Durchführung dem Kultusvorstande bevorstehen. Er hat aber gerade jene Reformen unerwähnt gelassen, welche die Plattform der letzten Wahlen gebildet haben. Als auf dieser Basis Gewählter sehe ich mich veranlaßt, zu erklären, daß ich aus Ueberzengung und Verpflichtung die Durchführung des Wahlprogrammes mit allem Nachdruck anstrebrn werde nnd hierbei bei der Majorität des Vorstandes um so weniger Widerstand zu finden hoffe, als dieses Programm nur ein Minimum der Wünsche der Wählerschaft öarstellt und geeignet ist, zum Wöhle der Gemeinde, zur Förderung des jüdischen Geistes, zur Hebung des Gemeinsinnes und znr Beseitigung vieler Nebelstände beizutragen. Dr. Moriz Nappaport'sche Preisausichreibe- Stiftung. Im Sinne des Antrages des Kuratoriums wird beschlossen, folgende Themen mit dem Dermin bis 31. Dezember 1907 ansznschreiben: 1. „Das Judentum zu Ende des jüdischen Staates" mit dem Preise von X 3600,—: 2. „Der Anteil der Juden an der österreichischen Finanzgeschichte in dem Jahrhundert nach dem 30jährigen Kriege" mit den: Preise von K 2500,—. Subventionen werden bewilligt: Dem Waisenvereine, der „Gesellschaft zur Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums", dem „Kaiser Franz Jpseph-Regiernngsjubiläumshospiz für arme Israeliten in Karlsbad" und dein Wohltätigkeitsvereine „Maskil el Dvl". Betreffs der Errichtung'einer B i l d n n g Sa n st a l t f ii r Religivnslehrer wird beschlossen, zunächst die österreichischen Kultusgemeinden in einem Zirknlarschreiben zu ersuchen, sich an der Aktion betreffend Errichtung einer Neligivnslehrerbildungsanstalt zu beteiligen. Gleichzeitig wird die Kommission 2 anfgefordert, binnen einer Frist von drei Monaten diesbezüglich eingehend begründete Anträge zu stellen. Es werden an 340 Parteien periodische Unterstützungen (Monatsnnd Onartalsgaben) im Gesamtbeträge von K 49319,84 bewilligt. Als prinzipielle Norm für die Jngerenz des K n l t n s v o r st a n d e ö bei B e st e l - lung von Vereinsrabbinern für subventionierte VetbauSvereine wird beschlossen, daß znr Kreierung der Stelle eines Rabbiners für ein Beretnsvet'haus überhaupt sowie zur Anstellung eines BereinsrabbinerS die Znstimm lt n fl des K ultns v v r st a n d e s e r f o r - derlich sei. Bei neu zu gründenden Bethausvereinen ist jeöeösalls ein diesbezüglicher Paragraph in das Statut aufzunehnlen. Schluß der Sitzung um brelvtertel 2 Uhr nachmittags.

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