Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. 4 Jüdisches Volksblatt Seite 3 dieser beiden Männer um das materielle Aufblühen des jüdischen Gemeinwesens, um die Herstellung des Friedens, der lange Jahre hindurch aus der Gemeinde gewichen war, und nicht zuletzt um die Förderung des Genieinsinnes unter den Gemeindemitgliedern sind so groß, daß man es nur mit Schmerz mitansehen kann, wie ihnen jetzt die Expansionsgelüste der Wiener Kommune die selbständige Leitung entreißt. ' Die Zahl der Kultussteuerzahler in Floridsdorf beträgt heute 500, welche sich aus 'einem gesunden, arbeitsfveudigen Mittelstände, 'in welchem auch die Jntelligenzberufe stark pertreten sind, rekrutieren. Wir sprachen oben von dem Frieden in -er Gemeinde, der nicht immer vorherrschte. Die Floridsdorser Gemeinde hatte noch vor acht bis neün Jahren einen sehr traurigen Ruf wegen .-es Unfriedens, der dort herrschte. Gegenstand ' -es Streites war, wie in vielen jüdischen Gemeinden, der Rabbiner. Wir wollen bei -iesim traurigen Kapitel in der Geschichte der Floridsdorser Kultusgemeinde nicht länger ver- ' weilen und der historischen Wahrheit entsprechend bloß konstatieren, daß mit der Berufung des jetzigen Bezirksrabbiners Dr. M. Rosen- ' m a n n diese unselige Epoche ein Ende nahm. Dr. Rosenmann wurde im Jahre .1897 von Bisenz nach Floridsdorf berufen. Er 'Witt sofort mit kluger Umsicht zur Beseitigung -er Vorgefundenen Uebelstände, und seinem ‘ Eifer und seiner Liebe zur heiligen Sache, die er vertrat, sowie der allseitigen wissenschaftlichen und rabbinischen Bildung, mit der er ausgerüstet kam, gelang es auch, allmählich das Vertrauen zu seiner Person und der Würde, die er bekleidete, zu gewinnen. Dann schritt er an feine segensreiche Arbeit. Der Religionsunterricht in den Schulen, die seiner Leitung unterstellt wurden, ist als mustergültig bekannt; das Schechitawesen unter seiner Aufsicht befriedigt auch die rigorosesten Ansprüche, wie sich das ganze Wesen dieses in allen Schichten der Bevölkerung hochgeschätzten Mannes durch einen streng konservativen Zug auszeichnct. . Dr. Rosenmann verstand, dieses Interesse für jüdisches Leben auch in die breiten Bevülkerungsschichten zu tragen, und diesem Bestreben ist es zu verdanken, daß in Floridsdorf heute eine gut besuchte und vortrefflich geleitete Talmud-Thoraschule für Knaben und eine hebräisihe Fortbildungsschule für Volksschülerinnen besteht. Mit besonderer Genugtuung heben wir es hervor, daß es Herrn Dr. Rosenmann gelungen ist, in Floridsdorf einen sonntäglichen Vortragskursus für fortgeschrittene Mädchen einzuführen, in welchem er selbst Vorträge über jüdische Literaturgeschichte und jüdisch-rituelles 'Leben hält. Es spricht sicherlich für den großen dem sie in unmittelbare Berührung mit dem Leben der fremden Sprachen kommen können.; Ein erster Versuch dieser Art war der bekanntlich vor mehreren Jahren eingerichtete internationale Schülerbriefwechsel, der seitdem nach Neberwindung einiger Kinderkrankheiten zusehends gedeiht und in Deutschland, Frankreich, England und Amerika gepflegt wird. Für Deutschland entstand in Leipzig eine Zentralstelle, bei der in den ersten vier Jahren über 7400 Meldungen zur Teilnahme an dem Briefwechsel einliefen, während in demselben Zeiträume die Londoner Zentralstelle 13 000 Anmeldungen hatte, die Pariser sogar ungefähr '17 600, darunter etwa 12 000 für französischenglische, 4600 für französisch-deutsche Korrespondenz. Auffallend ist an den mitgeteilien Zahlen die starke Beteiligung aus Frankreich. Hier hat man den internationalen Briefwechsel mit Eifer aufgenominen, ja die neue französische Lehrordnung vom 31. Mai 1902 nennt ihn ausdrücklich unter den pädagogischen Mitteln, deren der Unterricht sich mit Erfolg bedienen könne. Aus Frankreich kam denn auch die Anregung zu ernenn neuen beachtenswerten Versuche auf diesem Gebiete. In Paris hat sich ein Verein angesehener Männer der Wissenschaft und des Handels gebildet, der sich die Aufgabe stellt, zwischen französischen und ausländischen Familien für eine kürzere Zeit, etwa für die Dauer der großen Ferien, den Austausch erwachsener Kinder zu vermitteln (Soeiete d'echange international des enfants et des jeunes gens pour l'etude des langues etranmoralischen Einfluß, tvelchen Dr. Rosenmann auf seine Gemeindemitglieder ausübt, daß diese Kurse, deren Besuch niemandem zur Pflicht gemacht wurde, von den zukünftigen Müttern Israels stets gut besucht sind. Diese Einführung, welche unseres Wissens in Oesterreich vereinzelt >dasteht, ist sicherlich nachahmenswert. Die Floridsdorser Kultusgemeinde sowie ihre einzelnen Mitglieder versäumen es auch nie, ihrem Rabbiner, der auch ein glänzender Redner ist, ihre Anhänglichkeit wieder zu bekunden. Die jüdischen Frauen Floridsdorfs stehen der Betätigung im öffentlichen jüdischer Leben ihren Männern nicht im geringsten nach. Sie haben sich zu einem jüdischen Frauenverein gruppiert, welcher unter der Aegide der gegenwärtigen Präsidentin Frau Ernanuel Grünwald auf dem Gebiete der Wohltätigkeit geradezu Hervorragendes leistet. Außer den großen Leisämgen an Unterstützungen aller Art haben sie auch die Frage der jüdischen Pfleglinge in echt jüdischem Geiste gelöst. Me Präsidentin des Vereins und ihre Vorstandskolleginnen setzen mit Unterstützung des Rabbiners Dr. Rosenmann alles daran, daß diese Pfleglinge nicht nur dem Leben, sondern auch dem Judentum erhalten bleiben. So beschließt ein gyt geleitetes, konsolidiertes jüdisches Gemeinwesen seine selbständige Tätigkeit. Möge dieses neue Glied in dem großen Verwaltungsmechanismus, dem es nunmehr eingefügt wird, gleichzeitig eine neue Richtung und gesunde Aera inder Großkultusgemeinde Wien bedeuten. Ueber die eventuellen Aenderungen statutarischer oder sonstiger Natur, welche durch diese Eingemeindung in der Wiener Kultusgemeinde hervorgerufen werden, wird sich ein nächster Artikel beschäftigen. Politische Wochenschau. 8. K. Ein trauriges Bild bietet das wieder zusa m mengetretene Abgeordnetenh a u s. Alle Fraktionen des Abgeordnetenhauses rechts und links fnd Trümmer, die ohne ein bestimmtes Ziel, , ohne dauerndes Programm hin und herschwanken. Der maß- und ziellose Chauvinismus hat alle Parteien Oe st er reichsdesorganisiert und das öffentliche Leben vergiftet. Was kann der Ministerwechsel daran ändern? Er hat nicht einmal die schon lange nach Ministerportefeuilles lechzenden Aspiranten der verschiedenen Fraktionen befriedigt. Es steht also die Fortsetzung der bisherigen parlamentarischen Komödie mit einem einfachen Szeneriewechsel nach einer kurzen Ruhepause bevor. Und die Auflösung des Parlamentes, die von verschiedenen Seiten geres). Im ersten Jahre gingen nach dem uns vorliegenden Berichte 66 Meldungen aus Frankreich, 70 aus England und Deutschland ein, wovon 60 zu einem Austausch der Kinder geführt haben. Könnten wir nicht etwas ähnliches mit unseren Kindern behufs Erlernung der hebräischen Sprache versuchen? Das jüdische Theater in Rußland. Bekanntlich sind die jüdischen Theateraufführungen in Rußland seit dem Jahre 1882 verboten. Die beteiligten Kreise machten seit dieser Zeit alle Anstrengungen, die Aufhebung dieses Verbotes zu erwirken, doch blieben diese Versuche bisher erfolglos. Nun melden die russischen Blätter, daß ein gewisser F i s ch s o h n die Erlaubnis erwirkt habe, in O d e s s a ein jüdisches Theater zu eröffnen. Fischsohn hatte sich mit seinem Ansuchen direkt an den Zaren gewendet. In seinem Bittgesuche setzte Fischsohn den moralischen Wert eines gut geführten jüdischen Theaters auseinander. Nach einigen Tagen langte auch der Erlaß herab, in welchem das alte Verbot aufgehoben wird. Fischsohn hat sich nunmehr, wie das „Jüd. Tagbl." zu melden weiß, an die bedeutendsten jüdischen Schauspieler gewendet und sie zu einem Engagement in Rußland eingeladen. Es heißt auch, daß a u s l ä n d i s ch e n jüdischen Schauspielern der Aufenthalt in Rußland gestattet sein wird, wenn sie an einem jüdischen Theater engagiert sind. Magyarisierung der Juden in Ungarn. Jur ersten Halbjahre 1904 wurden in Ungarn zugewünscht, von anderen attaedroht wird, falls das Ministerium Gautsch auf Widerstand im Abgeordnetenhause stößt, was würde sie an dem derzeitigen Wirrsale ändern! Gewiß würden so manche von den derzeitigen „Volksvertretern" von den ihnen so ans Herz gewachsenen Abgeordnetenbänken verschwinden, die eine und die andere Fraktion Mandate verlieren zugunsten einer nationalen Konkurrenzfraktion, aber das Gesamtbild des österreichischen Parlamentes bliebe dasselbe. Man hat es seit dem Sturze des Ministeriums T a a f f e wiederholt mit Ministerwechsel und Parlamentsauflösungen versucht, man hat bald nach „rechts" bald nach „links" geschwenkt, man hat auch Experimente mit Koalitionen der sogenannten , gemäßigten", „staatserhaltenden" Fraktionen versucht und wahrlich die „Erfolge" aller dieser Experimente der altösterreichischen Politik sind nicht darnach angetan, jenen Sirenenklängen folgezuleisten, welche Fortsetzung des grausamen Spieles mit den Lebeninteressen Oesterreichs und seiner Völker fordern. Comoedia finita est! * * * Nicht eine bestimmte Regierung allein, nicht bloß das Programm einer Partei hat Sch i f f b r u ch erlitten, sondern vielmehr die ganze bisherige Regier ungs- Methode, die seit dem Jahre 1867 dies- und jenseits der Leitha geübt wurde, die Programme ausnahmslos sämtlicher Parteien in beiden Reichshälften haben sich als falsch, als u n v e r e i n b a r mit den Existenzbedingungen des polyglotten Völker st aates Oesterreich erwiesen. Und erst dann, wenn man „oben" und „unten" zur Erkenntnis gelangen wird, daß ein Weiterwandeln auf den bisherigen Verfassu n g sgru n d l a g e n, ein Regieren nach den alten Parteischablonen unmöglich ist, daß endgültig gebrochen werden muß mit der gegenseitigen Verhetzung der Nationalitäten und Rassen, der Konfessionen und Klassen, daß das Donaureich im Sinne der nationaleil Autonomie sozialösterreichisch regiert werden muß; erst dann werden wir am Anfänge der Lösung des österr. Problemes stehen. Derzeit aber sind Staat und Volk in den Banden einer Anzahl von Koterien, die die Wirren im österreichischen Kaiserstaate verewigen wollen, von Beutepolitikern, die das große Wort führen in den verschiedenen parlamentarischen Vertretungskörpern, und die ein lebhaftes Interesse besitzen, die Bevölkerung zu täuschen über den eigentlichen Ausgangspunkt und die Quelle der am Marke des Reiches und des Volkes seit Jahrzehnten bereits saugenden sammen 1874 Namensmagyarisierungen bewilligt. Hiervon entfallen 1079 auf jüd ische A s s i m i l a n t e n. die sich ihres guten alten Namens schämten. Die übrigen 796 verteilen sich auf 662 Katholiken und 143 Protestanten. Die Beschäftigung der Neomagyaren ist bei 619 Personen nicht angegeben, 294 sind Studierende, 90 Staatsbeamte, 67 Lehrer, 48 Eisenbahnbeamte, 40 Kommunalbeamte. Judenansiedlungen in Portugal. Aus Lissabon (Portugal) wird geschrieben: Als in diesem Jahre die Lissaboner neue Synagoge, ein vornehm schöner Bau, eingeweiht wurde, da waren die „Spitzen" der Militär- und Zivilbehörden, der Vertreter des Königs und Abgesandte der Geistlichkeit . anwesend und die Zeitungen brachten Artikelserien über die Feier und über die Gebräuche der „Sephardim". Diese Sympathie im Lande für die Juden soll nun nach dem Plane eines Redakteurs des „Seculo", der größten (demokratischen) Lissaboner Zeitung, dazu benützt werden, im Landesinteress e ru ssische Juden allmählich zum Ackerb a u heranzuziehen. Der fruchtbare Boden Portugals wird nur sehr schwach bebaut, denn die heimischen Bauern sind nicht arbeitsam, unweite Strecken vortrefflichen Ackergeländes liegen brach. Den Juden sollen Parzellen unter der Bedingung zugeteilt werden, sie nicht eher zu verlassen, bis sie sie durch Bezahlung selbst erwerben können. Ob sich der Plan in absehbarer Zeit auch nur in kleinem Maßstabe verwirklichen lassen wird, steht dahin.