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Jüdisches Volksblatt · 1905-01-27 · 4 (27.1.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdisches Yelksblatt Nr. 4 beiier, die den, Bajonetten, ihre entblößte Brust entgegenstreckten, befanden sich auch Juden. Auch sie folgten dem Ruf nach Freiheit, auch ihr Blut färbte den Jännerschnee an der Newa. Und dieses Opfer soll vergeblich sein? Die Geschichte der Juden ist. reich an vergeblichen Opfern. Auch in Ungarn standen im Jahre 1848 die Juden auf Seiten der Revolution; die italienischen Einigkeitskämpfe fanden manchen begeisterte:: jüdischen Mitstreiter und überall war es so, wo es galt, für die Freiheit und gegen die Finsternis zu kämpfen. Und trotz allem vermochten wir die Kluft zwischen uns und den Anderen nicht zu überbrücken und nach wie vor sind wir die Gehaßten und Verachteten, in: besten.Falle aber Geduldeten. Sollen wir daraus die- Lehre ziehen, nicht mehr an den Freiheitskämpfen der uns umgebenden Völker tcilzunehmen? Nein. Denn, wo die Unterdrückten, Entrechteten stehen,, ist 'auch unser Platz. Aber wir dürfen von diesen Kämpfen nicht zuviel für uns erhoffen und müssen dessen eingedenk bleiben, daß es gilt, eine Stätte-zu schaffen, wo wir für u n s e r e Freiheit kämpfen können. O t t o K r a u s. Die Erweiterung Wiens und die Knltusgemeinde. Von Jakob Krauß. Das Gesetz über die Erweiterung Wiens durch Floridsdorf und mehrere Donaugemeinden hat bereits die kaiserliche Sanktion erhalten. Diese Erweiterung der Großgemeinde Wien involviert auch die Erweiterung der Wiener Kultusgemeinde durch das jüdische Gemeinwesen von Floridsdorf. Durch die Eingemeindung der Floridsdorfer Kultusgemeinde in die Wiener Kultusgemeinde beschließt eine aufstrebende, von Jahr zu Jahr anwachsende und sich immer kräftiger entwickelnde jüdische Kommune ihre selbständige Tätigkeit, um dem immer mehr um sich greifenden Zentralisierungstriebe der Großkommune zum Ovwr zu fallen und zu einem untergeordneten Teile einer großen Verwaltungsmaschinerie'zuwerden.'' Uns kann das Verschwinden dieser jüdischen Gemeinde als selbständiger Verwaltungskörper umsoweniger mit Freude erfüllenals cs sich hier um einen, wie schon oben erwähnt, gesunden Organismus handelt, der nach Ueberwindung mancher schwerer Kinderkrankheiten sich zu einem kräftigen autonomen Gemeinwesen entwickelt hat, dem bei Belastung seiner selbständigen Funktionen noch eine große und wichtige Rolle in der Geschichte der Juden in Niederösterreich zugefallen wäre. Andrerseits fällt die In „Rasch:" hast du einmal die Erklärung gelesen, daß mit diesen Worten die Thora gemeint sei, ein anderer Komentar hat entdeckt, daß es die Kneseth-Jsrael, das Judentum sei, die das Lied besingt. Doch wie kommt dazu deines Rabbi reizendes Töchterlein, wie kommt Gitele dazu?... In deinem Kerzen läßt sich eine Stimme hören. Es ist, scheint's dir, eine Antwort auf diese Frage, doch du verstehst sie nicht. Es ist wohl eine Antwort in einer jener „Siebzig Sprachen", die deine achtzehnjährige Unschuld noch nicht gelernt. Doch es ist eine Antwort. Und wie das Wiegenliedchen das Kind beschwichtigt, obgleich es davon kein Wort versteht, so wirkt bie sanfte, geheimnißvolle Sprache auf dein junges Herz. Und während deine Augen, wie von magnetischer Kraft angezogen, auf der jungen, blühenden Gestalt haften, wird es vor dir hell und immer heller, und auf einmal kommt es dir in den Sinn und du sagst mit unhörbar zitternder Stimme: „Jtti m'Lebanon kalla" („Mit mir von: Libanon, o, Braut"). Du hast die Worte niemals gründlich verstanden. 21:: jedem Freitagabend, wenn du, das Hohelied betend, an diese Stelle gelangt warst, hieltest du inne, blicktest auf vom Gebetbuch und wandtest, gedankenumrauscht, deinen Blick in die Ferne. Woran dachtest du? Dir war es selbst ein Rätsel, eine Phantasie, ein unbegreiflicher, doch zauberschöner Traum. Doch jetzt — ach Änglicderung der Floridsdorfer Gemeinde m die Wiener in eine Zeit, wo im Zentrum der Wiener Kultusgeweinde der G e i st der Autokratie herrscht, der den frischen, arbeitskräftigen und ( arbeitslustigcn Geist der Selbständigkeit nicht verträgt, weshalb wir auch die Befürchtung nicht zu unterdrücken vermögen, daß das gegenwärtige Regime in der Scitenstettengaste m seinen zentralistisch-autokratischen Bestrebungen die Floridsdorfer Gemeinde nicht nur annektieren, sondern alle ihre Kräfte, welche sie zu zielbowußtem, selbständigem Arbeiten befähigten, lähinen wird. Die Floridsdorfer Kultusgemeinde bringt nicht nur eifrige Mitarbeiter für das Wohl des Judentums, sondern auch eine Anzahl von g u tfundierte'n Institutionen und Anstalten mit, deren sich die größte Gemeinschaft nicht zu schämen braucht. Die Geschichte der Floridsdorfer Kultusgemeinde führt uns in den Anfang der Fünfziger-Jahre zurück. Um diese Zeit wurde in Strebersdorf ein Minjanverein gebildet, welcher dann im Jahre 1861 nach Floridsdorf überficdelte, woselbst dann ein eigener Bethausverein gegründet wurde. Es existiert noch das Gründungsprotokoll, auf welchem Herr Moritz G r ü n w a l d, Vater des jetzigen Kultusvorstehers, der sich auch später um den Aufschwung der Floridsdorfer'Kultusgemeinde große Verdienste erworben hat, als Mitbegründer und erster Rasch Hakohol unterzeichnet ist. Im Jahre 1861 zählte der Bethausverem nicht mehr als 20 von der Regierung anerkannte Mitglieder. Im Jahre 1876 zählte der Bethausverein bereits 80 Mitglieder. Am Neujahrsfeste dieses Jahres (1876) wurde auch der n e u e T e m p e I eingeweiht, welcher mit einem Kostenaufwandc von 40.000 K. errichtet wurde. Im Jahre 1877 schritt die rührige, für öffentliche jüdische Zwecke stets opferwillige Gemeinde an die Errichtung eines eigenen Friedhofes. Die Kosten wurden durch öffentliche Sammlung aufgebracht. Doch reichte das Ergebnis dieser Sammlung bloß für den Ankauf eines Friedhofsgrundes hin, tvährend die Leichenhalle ein kleines, primitives Gebäude darstellte.'" ■ Ein Jahr später gelang es, dank der unermüdlichen Opferwilligkeit der Gcmeindemitglieder, eine entsprechende Leichenhalle aufzuführen. Die jüdische Gemeinde nahm in den Achtziger-Jahren einen immer größeren Aufschwung, so daß der Friedhof und die Leichenhalle den Anforderungen nicht mehr entsprach und in den Neunziger-Jahren durch Ankauf anschließender Grundstücke erweitert und die Leichenhalle, den modernen Ansprüchen entsprechend, vollständig umgebaut werden mußte. wie klar es ist — wie gut du sie verstehst, die süßen, göttlichen Worte!" „Mit mir vom Libanon, o, meine Braut, mit mir vom Libanon wirst du kommen, herunterblicken von: Gipfel Amanas, von: Gipfel des Snir und des Hermon" ... Und auf der höchsten Spitze des Berges Hermon stehst du und neben dir eine junge, zarte, blühende Gestalt. Hand in Hand steht ihr beide, und es lacht und strahlt auf euch glänzender Sonnenschein. Um euch blüht und rauscht und duftet der Palmenwald. Unter euren Füßen blüht und rauscht und duftet das lange, weiche Gras. Und über euren Häuptern, durch saftiges Grün, winkt mit tausend Lächeln euch zu der reine, blaue Himmel ... Du beugst dich zärtlich über die neben dir stehende Gestalt, du streichelst sanft zur Seite das goldig glänzende Haar, das halb ihr Gesicht bedeckt... Gitele... Gitele... Du drückst an Hein Herz die zarte, warme, zitternde Gestalt, sie legt das Goldköpfchen an deine stürmende Brust und erhebt den Blick zu dir aus den großen, braunen, feuchten Augen ... Gitele... * * * Doch was ist das?... Ein halb unterdrücktes Lachen schreckt dich aus deinem süßen Traum. Wieder Gitele... Des heiligen „Bal-Schem" Possenreißer hat einen so guten Witz gemacht, daß Gitele den schlummernden Vater vergessen hatte. Von: Hofe gegenüber kommt Matuscheks Stallknecht heraus und reitet seine Pferde Doch noch immer ruhten die schaffende« Führer der Floridsdorfer Judengemeinde nicht. Der Friedhof stand frei, zum Teile durch Holzplanken umzäumt da. Es fehlte der Stätte der ewigen Ruhe.die äußere Würde, das äußeye Wahrzeichen des unabhängigen Eigentumsrechtes der Gemeinde. Und so arbeitete ma« emsig weiter, immer kleiner wurde die verunstaltende Holzplanke und immer langer die solide Einfriedungsmauer, und es mag in den Schöpfern dieser Institution ein eigenartiges Gefühl wach geworden sein, als sie im Äo'rjahre nach vollständiger Einfriedung des.npnmehrigerr - tzroßeN :Leichenfeldes an die-Einweihung des Friedhofes und der prachtvollen Leichenhalle schritten: sie fiel zusammen mihdem ersten Stadium der Einverleibungsaktion. Wichtig ist es, zu erwähnen, daß der Friedhpf nstt allen Baulichkeiten lastenfreies E i g e::- t u m d e r K u l t u s g e m e i n d e b i lb.el. Ebensolche Wandlungen, wie der Friedhof, hat im Laufe der Jahre auch der T ey: P \ l durchgemacht. Mit dem Anwachsen der^Mitgliederzahl mußte auch der Tempel immer mehr vergrößert werden. Die erste größere Arwciterung erfolgte im Jahre 1896, dm güch durch die Erweiterung der Bezirksharrptmannschaft der" Sprengel der Kultusgemeindevergrößert wurde. Diese erste Tempelerweiterung verursachte 10.000 K. Kosten, und acht Jahre später, also vor zwei Jahren, mußte der Toprpcl wieder mit einem Kostenaufwande von 800l),K. erweitert werden. "’/J Für die Schaffensfreude der Floridsdorfer Juden spricht auch der Umstand, daß die- Gemeinde im Jahre 1898 ein eigenesB sa mten h a u s mit Kanzlei und Sitzungssaal errichtet hat, welches sich an den Tempel airschließt. j Als Kultusgeme i rt d e wurde die Floridsdorfer Judengemeinschaft im Jahre 1880 aktiviert und im Jahre 1891 zur Bezirk s g e m e i n d e erhoben, indem ihr die Gemeinden Korneuburg und die Hälfte her Gänserndorfer Bezirkshauptmannschaft ■ an gegliedert wurde. Der Kultusvorstand besteht aus demerweiterten Ausschuß von. 32 Mitgliedern, aus '"deren Mitte der engere Vorstand mit 16 Porstehern gewählt wird. : Von den bisherigen ersten Vorstehern nennen wir den Gründer Moritz G r ü nw a l d, Josef B u ch w a l d, Emanuel G r ü nwald und den jetzigen ersten Vorsteher Doktor Jakob König, der sein An:t mit. seinen: Kollegen Herrn Emanuel G x ü n w a I d seit einer Reihe von Jahren bekleidet. Bei diesen beiden letztgenannten Vertretern der Floridsdorfer Gemeinde müssen wir einige Augenblicke verweilen. Die Verdienste zum naher: Teiche. Man hört deutlich sein „Wischto! Wlv!" Die Henne, die bis jetzt neben dem Ofen in tiefes Sinnen verloren ruhig gesessen, hat sich nun erhoben und ruft liebevoll ihre Küchlein herbei. Und mit zärtlich piependen: Geplapper kommen sie alle hergelaufen durch die offene Tür — wie gute gehorsame Kinder. Die gute Nabbifrau erwacht und bringt mit verschlafenen Augen ihre Perücke, in Ordnung, und mit einem singartigen Gähnen ist nun auch der Nabbierwacht. Er hebt den zur Erde gefallenen »Sefer-Chasidim" auf, küßt ihn andächtig und reibt sich die .Augen. Und du, von: Berge Hermon herabgestürzt zurück zum Traktat Keduschin, wirfst noch einen Blick auf Gitele, verschluckst einen tiefen Seufzer und beginnst dich wieder zu schaukeln und mit gedämpfter Stimme zu singen: „Tann Rabanan — Die Rabbis haben gelehrt... Aj. F. Buntes Feuilleton. Internationale Förderung des neuen Sprachstudiums. In: Anschluß an die Kölner Tagung des Deutschen Neuphilologenverbandes kam eine internationale Vereinigung neusprachlicher Lehrer zur Förderung ihrer Fach- und Berufsinteressen zustande. Inzwischen ist auch für die Schüler der verschiedenen Länder ein neuerWeg gesunde!: und gangbar geworden, auf

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