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Jüdisches Volksblatt · 1905-01-27 · 4 (27.1.1905) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jeden Freitag. SiMtimr »«d Heraiiggeder: Jakod Kr»«sz. Inserat« übernehmen die firmen: M. vukes Nachf., kjaasenstein t- Vogler, Rudolf Masse, M. pozsonqi, A. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen. Expeditionen im Auslände. Einzel - Nummer in Wien SV Heller. Nerschleißstelle,, unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Herma,»»: Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, 11/3, Untere Altgartenstraße 9; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse. Kr. 4 Wien, 27. Jänner 1905 (21. Kchrlral 5665). VII. Jahrgang. Redaktion: II/8, Levpvldsgasse 2a. Telephon Nr. 14723. Sprechstunden: tn Wochentagen von 4 bis 0 Uhr nachm. Postadresse: Jüdisches BolkSblatt, Wien. 11(3. wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir un» dringend. — Manuetlkipte weräen nicht ru'ileiige»teiit. Postsparlassen-Konto 847037. In da» vbbonement kann man täglich eintrelen. h --M Administration: II/8, Leopoldsgast» 2. Telephon Nr. 14723. SlbonuernentS-PreiSr Für Wien u. Oesterreich- Ungarn s. Frankozustellung: Ganzjährig . . . . K 12 - Halbjäh'ig . . . .K 8.— Vierteljährig . . . K 3 — Für das gesamte Ausland samt Franlozustellung: Ganzjährig . . . K 13.88 Halbjährig . . .K 0.33 Vierteljährig. . . K 8.42 Wir und Rußland. Ein Agitator im priesterlichen Gewände führte den russischen Muschik, der sich bisher mit stumpfen Sinnen treten ließ, der ohne Murren schier seinen Rücken der Knute darbot, ein begeisterter, fchwärmerischeMpostel devMenschlichkeit zog an der Spitze einer Armee ihrer Kraft unbewußter Sklaven vor den Kaiser; wissend, daß der einem reaktionären Milieu entsprossene, retrograden Einflüssen unterworfene Selbstherrscher sein Ohr freiheitlichen Forderungen verschließen werde. Die Masse wälzte sich durch die Petersburger Straße. Nichts Böses wollend. Nicht imponierend durch den sie bewegenden Geist, denn diese Leute wollten nichts als das Eine: vor das Antlitz des Weißen Zaren treten, um Klage zu führen gegen« den ihin unterordneten Cinovnik; aber den um den Besitz der Gewalt Bangenden schreckerregend wegen ihrer großen Zahl, wegen ihrer Einheitlichkeit nach außen hin. Und die Pächter der Gewalt ließen auf die nichts Böses Wollenden schießen. Jetzt aber kmn's zum Widerstand; ein Widerstand, gleich dem der Hyäne, die, bis an den Rand der Höhle getrieben, den vorne stehenden Verfolger niederrennt, weil sie nicht mehr rückwärts kann. Man nennt das eine Revolution. Dann aber erhebt sich der von der Hyäne im ersten Anprall uiedergerannte Verfolger und die nicht mehr in äußerster Notwehr befindliche Hyäne wird wieder demütig. Man sagt dann: die Reaktion hat wieder die Oberhand bekommen . . . Fast macht es den Eindruck, als ob der Feuilleton. Gin Warchen! Komm her! In dir fließt jüdisches Blut. Ein trautes Märchen sollst du erfahren. Set;' dich zu miv uud merk dir's gut: Es war vor vielen Jahren, Da lebte voll Glück im Morgenland Ein Volk, das sein Glück als Last empfand. Sie wurden verdorben und frevelten kühn, Da strafte der Herr sie ob ihrer Sünden; Nun zieh» sie schon tausende Jahre dahin Und können die Heimat nicht nnederfinoen. Ihr Herz wurde alt und matt ihre Hand Bor Sehnsucht nach ihren» Heimatland. Ihrer» ei,»st so stolzen Nacken geblickt, So irre»» sie, verkan»»t »rnd verstoßen, D»»rch alle Lande, »»»»begllickt, Die arinen, gequälten Heunatlosen, Noch iininer hoffend, daß es gelingt Urrd einer die Heiinat wieder erringt. Und einer kon»n»t — der bringt das Glück lind bringt ihnen wieder die alten Zeiten. Der flihrt sie in die Heimat zurück. Eine Träne seh' ich deinen» Auge e»»tgleiten °? Sie kan» ans dem Herzen, dem übervollen. „Dies ist kein Märchen, »venn nur »vollen." Thekla Blech. Denkst du noch . . . (Ch e derträu m c v e i.) Denkst bu noch au das kleine weiße Häuschen mit dein Strohbache, bort iu bem engen, abgelegenen Gäßchen, nicht weit von oern Aufstand des Priesters Gapon beendet sei. Die russischen Machthaber scheinen wieder zu Atem gekommen zu sein. Wohl züngelt die Flamme des Aufruhrs an allen Ecken und Enden des Reiches. Das: ist aber nicht die mächtige Flamme der Revolution, und wem; es auch wahr ist, daß nur ein Teil dessen in Europa bekannt wurde, was seit Sonntag in Rußland geschah, so darf doch auch nicht vergessen! werden, daß die der Sensation dienende bourgeoisePresse die Nachrichten aus Petersburg über alle Maßen aufbauschte. Vier Tage sind seit dem Sonntag verflossen. Die in Petersburg entfachte Flamme war nicht groß genug, um das ganze Reich zu erfassen. Und in einem Monat wird den Muschiö wieder das alte Joch drücken und in späteren Zetten wird vor: der Ofenbank herab Väterchen den Kindern mit scheuer, unterdrückter Stimnre von dem Frühlingssturm erzählen, der einst Rußland durchbrauste, ohne doch die Lust zu reinigen. Wer die weiche, geduldige Art der Slaverr kennt, wird diese pessimistische Auffassung von der Situation begreifen. Nach den Ereignissen vom Sonntag wird vielleicht das begonnene Reformwerk intensiver fortgesetzt werden. Möglicherweise toirb der Autokratie auch ein Mäntelchen umgehängt werden und Gutgläubige werden das dürftige Kleidungsstück Konstitution nennen. Aber dieselben reaktionären Gewalten wie bisher werden den Willen des Volkes knebeln. Oder glaubt man vielleicht, eine bisher indifferente Masse, die ihrem Führer folgte, nicht wissend, warum und wohin, werde eine Verfassung erringen, die wirklich den Ausdruck Bache?! Wie ein blühender Kranz umringt es das Gärtchen mit jungem Nettig, Zwiebeln und Schoten. ES ist Samstag nach „Tisch". In der Heller», geräninigen Stube ist es so still, daß man »na' das Summen der Flieger: hört. An dem Tisch, den» weißen, gescheuerter: Tisch sitzest du und „schaukelst" dich über den: Traktat „Kidrrschir:". Durch die rot- und blaugefärbte Tischdecke, die die Fra:: des Rabbi vor das Fenster gehängt, konnnen die Sonnenstrahler: herein urrd Übergießer: alles mit weicher:, matten, zauberischen Färber:. Es war ein warmer Junitag und du fühlst dich etwas matt r:ach der ungewöhnlich reicher: Sabbatrnahtzeit. Einige Male schon hast du den Abschnitt begonner:, den der Rabbi dir für heute aufgegeben, doch es geht nicht. Deine Lippe»: bewegen sich ur:d du murmelst leise und gedankenlos: „Tann Rabanar:, die Rabbis haben gelehrt...", doch deirre Blicke rvanderr: runde unb träumend durchs Zimmer. Dort in dem halbdunklen Alkoven, auf dem Bankbrett schlummert die Rebbezin, hier nicht weit vor: dir ans dem Bette, das aufgeschlagene „Sefer Chasidirn" ans den: Polster neben sich, urrd die Brille auf die Stirr: geschoben, schläft leise der Rabbi, unb drüber:, dir gegenüber, die„Baal-Schem"-Erzählunger: ir: der schlaff im Schoße ruher:der: Hand, sitzt Gitele ... Giteles Haar gläuzt wie Gold uud ihre Lipper: erinnern dich au frische Beerer:. des Volkswillens repräsentiert? Und damit beginnen wir I u d «e n an den Ereignissen in Rußland Interesse zu gewinner:. Denn da sich das russische Volk seinem Schicksal nicht zu entwinden vermag, dürfen auch wir Juden an die wahrscheinlichen Folgen des jüngsten Aufstandes rricht allzu große Hoffnungen knüpfen. Die alten Götter werden in Rußland wirksam bleiben und der Jude wird nach wie vor der Paria sein. Denn nicht das gutmütige russische Volk gelangte zur Herrschaft, sondern die bisher gewaltigen Böswilligen werden das Leben in Rußland unter einer neuen Flagge Vergifter:. Und der Zar wird so wie bisher darüber weinen, daß Gott ihn: so wenig Kraft gab, um seine edler: Absichten zur Tat werden zu lassen. Es ist darum töricht, zu glauben, der Aufstand werde eine entscheidende Besserung in der Lage der russischen Juden herbeiführen. Die Verfolgung wird sich vielleicht nicht mehr in denselben schroffen Formen äußern. Aber der Druck wird bestehen bleiben wie bisher. Und so wie immer werden auch in einen: konstitutionellen Rußland jene Elemente, die an unsichtbaren Fäden ziehen, urn das gutmütige, aber gedankenlose Volk nach dieser oder jener Seite zu lenken,; so wie in Homel und Kischenew Werder: auch jetzt im Dunkeln wirkende Kräfte am Werk bleiben, um den Unmut des Volkes in Judenabschlachtungen sich entladen zu lassen. Es ist das bequemste und billigste Mittel. Und wer weiß, ob es rricht gelingen wird, auch dem gegenwärtiger: Aufstand die in Rußland übliche Richtung geger: die Juden zu geben. Freilich, irr den Reihen der russischen Ar- Leise, ganz leise murmelnd bewegen sich die Lippen urrd du sichst wie ihre'Augen ruhig urrd regelmäßig hinr:nd herstreifer: über die Zeile»: der „Schervache-Baal-Schem" (Ruhmestaten des Baal-Schem). Hie und da blickt sie auf und eure Auge,: begegrrer: einander, dann fühlst du, daß es dir warn: wird und daß dein Herz rascher zu klopfe,: beginnt urrd du senkst schnell die Anger: auf deinen Traktat Kiduschin und sagst: „Tarn: Rabanar:, die Rabbis Haber: gelehrt . . ." Wie eine Art wachender: Schlafes liegt es auf deinen Augen urrd beinern Sinn und dir scheint es fast, du träurnst. d SSoit der Straße her ertönt Gesang. Es ist eir: ruthenisches Liedchen und die Stimnre ist eine weibliche, weich urrd traurig. Du verstehst das Lied. Es ist vor: einem „Bächlein, das einsam irrt durch Berg und Tal". Die Stimme entfernt sich urrd die Töne werde»: schwächer und schwächer. Deir: Blick fällt wieder auf Gitele. Eure Anger: begegrrer: einander aufs neue. Doch jetzt läuft es plötzlich rvie eir: leises Zittern durch dein Herz. Eir: Gedarrte komrnt dir in den Sir:»:, eir: dunkler, urrverständlicher Gedanke, urrd unwillkürlich flüsterst du: „Ma jafit urna nimmt, — wie schön bist du, rvie süß bist du, Liebe mit deirren Wonnen!" ... Du hast der: Vers gestern im „Hohelied" gebetet, später am Abend hast du ihr: mit deinen: t Vater gesungen. Warum korrrirrt er jetzt dir plötzlich ir: der: Sinn?

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