Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Jüdisches Volksblatt Seite 5 der zwischen seinen sozusagen zionistischen Intentionen und seinen Vorschlägen für die Neuorqanisation besieht". . . „Angesichts der Tatsache nun, daß von seiten der Territorialisten bereits ein ernsthafter Kampf gegen Palästina inszeniert wird, daß das Vorgehen der Ugandisten wirklich geeignet ist, nicht nur die Einheit des Zonismus zu gefährden, sondern in jedem Falle, selbst wenn sie „auch für Palästina" sind, die zionistische Bewegung wirklich aus der Bahn zu werfen, angesichts vieler unleugbaren Tatsachen, die wir noch des weiteren zu beleuchten gedenken, mahnen wir dringend alle Zionisten, klar zum Gefecht zu machen...". Ebenso interessant sind die Ausführungen des Lemberger „Wschod" zur Frage. Da heißt es unter anderem: Es wurde die Zentralisierung der Bewegung beschlossen. In diesem Komitee müssen alle Richtungen im Zionismus vertreten sein. Für die diplomatische politische Arbeit wird Dr. W o l f f s o h n als Repräsentant der Bank und des Parteifonds oorgeschlagen. Ferner sollen für die Palästinaarbeit die Herren Prof. Dr. Marburg, Dr. Oppenheimer und Dr. Soskin gewählt werden. Herr Jng-nieur U s s is ch k i n soll die Zionisten des Ostens vertreten, der in der Stadt, wo das engere A.-C. seinen Sitz hat, wohnen muß. Zum Führer der zionistlschen Politik sollte mc-n Dr. Max Nord au wählen. Der Sitz des engeren A.-C. ist von Wien nach Beil l n zu verlegen. Dem Kongresse ist die Anstellung eines ständigen Generalsekretärs in der Person des Dr. Mozkin vorzuschlagen, der eine gründliche Statistik der zivnlstlschen Bewegung und Organisation ausarbeiten soll. Das engere A.-C. soll ein allgemeines Organisgtlonsstatut ausarbeiten. Die r u s s i s ch e n B l a t t e r sprachen sich fast ausnahmslos — gegen die Verlegung des Sitzes der Zentralleitung nach Land o n aus, ohne konkrete Vorschläge zu machen. Sehr befremdet hat es in zionistischen Kreisen, daß der derzeitige Vorsitzenoe des A.-C., Herr Architekt Oskar Mar in o r e k, für die Kundgebung seiner Absichten kein geeigneteres Organ gefunden hat als die — „Oesterreichische Wochenschrift" des Dr. B l o ch. Man erinnert sich unwillkürlich an jene nnerauicklichen persönlichen Angriffe gegen die Führer der Zionisten, welche vor noch nicht allzu langer Zeit eine . ständige Rubrik in diesem offiziellen Moniteur der Assimilation bildeten, und man hat noch nicht vergesset: daran, daß Dr. Bloch es war, der die Mitteilung von emer a n g e b - l i ch e n F ä l s ch u n g d e r B i l a n z der Na t i o n a l b a n k skrupellos und in gehässiger Weise abdruckte. Viele wollen sich noch eines Ausspruches des Architekten Marinorek erinnern, der besagte, daß die Assimilation nur dann werde niedergcrungm werden können, wenn die „Oefterr. Wochenschr." unmöglich gemacht und der verderbliche Einfluß des Dr. Bloch gebrochen sein wird. Im übrigen sagt Herr M a r m orek u. a. folgendes: „Die zweite Streitfrage im Leben der zionistischen Partei war die diirch den Tod Herzls notwendig gewordene Neugestaltung der Parteileitung. Hie Zentralisation, hie Dezentralisation, das waren die Losungsworte, und hoffentlich wird die gefundene Lösung die Vorteile der beiden Richtungen vereinigen. Es wurde beschlossen, daß das Aktionskomitee, welches auch fürderhin aus fünf Mitgliedern bestehen soll, aus drei Mitgliedern zusammengesetzt sein soll, welche in einer Stadt wohnen, die der Sitz des Zenrralbureaus sein wivd, während zwei weitere Mitglieder des engeren Aktionskomitees außerhalb des Sitzes dieser Zentrale wohnen können. Dadurch wird sich die Gelegenheit ergeben, daß auch Gesinnungsgenossen, welche außerhalb des Sitzes der Zentrale wohnen, in die Parteileitung gewählt werden können. Außerdem hat die Konferenz viel praktische Arbeit geleistet, insbesondere in bezug auf verschiedene Gründungen in Palästina: die einer Farm in Verbindung mit der Kischenewer Waisenschule, und einer wirtschaftlich-praktischen Versuchsstation in Palästina. Außerdem konnte man befriedigende Berichte hören über die zionistische Bewegung in der ganzen Welt, deren stetes Wachstum und Vertiefung." Mitteilung des Laudeskomitees. Unser Gg., Herr Samuel Moh« wurde zum Obmanne der Bezirkskommission der israelitischen Kultusgemeinde für die Bezirke XU bis XV gewählt. An die GefittnuugSgenossen! Wegen beruflicher Ueberbürdung ist Herr Dr. S. Krenberger nur Montag und Mittwoch um 7 Uhr abends im Kongreßbureau zu sprechen. Erklärung. Da mein Fernbleiben von der Sitzung des großen A.-C. mehrfach zu Mißdeutungen Anlaß gegeben hat, erkläre ich hiermit, daß lediglich berufliche Gründe, deren zwingende Natur das L.-K. durch einhelligen Beschluß anerkannt hat, mich an dem Besuche jener Sitzung verhindert haben. Wien, 17. Jänner 1905. Doktor SalomonKrenberger, Obmann des österr. L.-K., Mitglied des großen A.-C. Das Lemberger Distriktskomitee versendet soeben seinen Kassabericht vom Jahre 1904, dem wir folgende Zahlen entnehmen: Im vergangenen Jahre wurden in Ostgalizien 1253 Schekel gesammelt. Dem A.-C. wurden hiervon 60 Prozent, das sind KI. 626.50, und dem L.-K. K. 187.96 zugewiesen. Die Administrationsspesen betrugen K. 218.77. Die Agitation für die Lemberger Kultuswahlen kostete K. 87.— und die Trauerkundgebung für Dr. Herzl K. 106.60. Für Nationalfondsmarken wurden K. 243 eingenommen. Bei der Administration des „Wschod" liefen K. 2387.41 für den Nationalfonds ein. Bern. Hiesige Zionisten haben sich zu einer Organisation zusammengetan, die in ihrer konstituierenden Versammlung folgende Resolution gefaßt hat: „Angesichts der stets um sich greifenden territorialistischen Gefahr organisieren sich die Zionisten Berns, ohne daß ihre Beziehungen zu den bestehenden Vereinen dadurch geändert werden, zu; einer Gruppe zwecks selbständigen Vorgehens in zionistischen Fragen und Bekämpfung des Territorialismus in allen seinen Schattierungen'und haben die Gesinnungsgenossen in anderen Orten ei«e ebensolche Organisation ins Leben zu^rufen.* Korrespondenzen. Fortschritt? (Zur Generalversammlung des Mädchen- und Frauenvereines »Bikur Chaulim".) Es ist wohl an der Zeit, wieder einmal reinen Wein einzuschenken. Wir Zionisten vergessen gar zu gerne, wo wir uns befinden, wir hören von d*r Ausbreitung unserer Bewegung uud vergessen, daß wir in Wien eine lächerlich geringe Gruppe bilden. Wir reden so viel von allem Möglichen, waS berufene Einzelne allein regeln können, wir machen Politik, reden viel und tun wenig. Der Zug ins Große hat uns kurzsichtig gemacht und wir stolpern in Wien, weil wir Wien nicht sehen. Die Entschuldigung, daß wir — iw Verhältnis zur großen Judengemeinde Wiens — klein sind und deßhalb unsere Kraft schnell verbrauchen, ist schlecht angebracht. Seien wir eben nicht alle Polit-ker, sondern wenden wir «nS lieber der Kleinarbeit zu. Heute lächelt jeder zweite Zionist, wenn von Agitation die Rede ist. »Darüber find wir hinaus!" DaS ist ein gewaltiger Fehler, ebenso wi« der, eine Sache anzuparken und sie dann ihrem Schicksal zu überlassen. 'Da aber unsere Zionisten znm Teil auch aus Mode-, Sport- und Auchzionisten bestehen, bei denen der Zionismus weder VeruunftSnoch Herzenssache ist, so haben wir einen doppelten Fehler begangen: wir agitieren nicht und noch mehr, wir dulden dieseu seichton Zionismus nnd lassen ihn verflachen. Daß wir in der Tvynbeehalle, dieser vortrefflichen zionistischen Schöpfung, längst nichts mehr zu sagen haben, ist eine sattsam bekannte Tatsache. Und wie wir diese Position verloren haben, so verlieren wir nach und nach andere wegen unserer kolossalen Nachlässigkeit. Es ist so weit gekommen, daß Assimilanten nicht nur sich nicht gegen uns wehren, sondern in unseren Vereinen gegen uns aggressiv Vorgehen. Und wenn wir uns nicht ermannen und nicht einen ganz entschiedenen Kampf in den Vereinen, im Hause, beim »Schwarzen" gegen die Verfluchung uud Assimilation führen, so wird uns die Ueberraschung zuteil werden, daß organisierte Zionisten Wortführer assimilatorischer Bestrebungen werden und entgegen unserer Manier, mit offenem Visier zu kämpfen, zuerst Verstecken spielen, um früher oder später vielleicht ganz ins Feindeslager zu übergehen. Ein ganz krasser Fall hat sich gestern ereignet und pikanterweise in den geheiligten Hallen der israelitischen Kultusgemeinde. In der Generalversammlung des Mädchen- und FrauenvereineS »Bikur Chaulim" wurde vom Vorstände der Antrag gestellt den Namen „Bikur Chaulim" in „Krankenbrauch" umzuwandeln. Die Väter dieses Vorschlages sind zwei Herren (Leuchtmann Julius rekte Isaak und der Journalist Porges). Nun wäre eS ja schließlich kein Unglück wenn der Verein einen deutschen Namen führen würde, seinen Zweck, Kranke zu unterstützen könnte er auch so verfvlgen. Man muß aber die näheren Umstände und die Motive für die „Umtaufe" kennen: Bor allem ist zu bedenken, daß der Verein eine nationale Schöpfung ist, der wenn er auch nur humanitäre Zwecke verfolgt, den Nationalismus de facto auf seineFahne geschrieben hat. So bestand er zwei Jahre, seine Mitgliederanzahl wuchs und endlich schien er reif, in bessere Kreise eingeführt zu werden. „Bikur Chaulim"! das ist so jüdisch wie — wie, na etwa wie Isaak oder Kohn! DaS geht doch nicht recht an, also schnell ans Taufen. In ganz harmloser Art erörtert Herr Leuchtmann — und so überzeugend spricht er, man sieht, es kommt von Herzen — wie er noch vor 15 Jahren in Frankfurt Isaak geheißen habe, nun aber Julius heiße, wie auch jeder anständige Kohn, der in Budapest in „bessere" Kreise kommen will, sich K o m l o s nenne. Nein wirklich, in besserer Gesellschaft kann man auch gar nicht von »BikurChaulim" reden, während „Krankenliebe" in feineren israelitischen Familien bald ein bekannter Name werden würde. Sein Genosse Herr PorgeS bewies ebenso haarscharf, daß die Presse ihre Blätter dem „BikurCh aulim" nicht widmen könne, ein „Krankenbesuch" sei leichter hineinz«- schmuggeln. Der energische Protest, die entrüsteten Pfui- und Echlußrufe überraschten anscheinend die Herrschaften »nd die Präsidentin fand sich sogar bewogen zu ermahnen, man möge doch bedenken, „in welchem Saale* man sich befinde! Die zionistischen Redner, die fast überhaupt nicht zu Worte kommen konnten, da man sofort ohne Debatte abstimmen wollte, fanden bei der Mehrzahl der Anwesenden kein Verständnis, ja ein Redner wurde von einer jungen Dame durch den Zwischenruf — sie tippte sich dabei auf die Stirne — »in welchem Jahrhundert leben Sie eigentlich?* unterbrochen. Nun dieser Geist war vorherrschend. Es ist t.aurig, beschämend, wenn man auch diesen „niederschmetternden* Zwischenruf belächeln kann. Aber was dikse junge Dame — die zukünftige Hüterin einer jüdischen Familie — zu sagen den Mut fand, haben hundert andere gedacht, und eben gegen diese Assimilationsbestrebungen in jüdischen Vereinen sind diese Zeilen gerichtet. Heute wurde die jüdische Fahne begraben, morgen werden wir, »dem Zuge des XX. Jahrhunderts" folgend, in die Statuten den Paragraphen »ohne Unterschied der Konfession" eingefügt sehen .... DaS war nur s, e i n Beispiel. Wir könnte» noch welche anführen. Mit einer Majorität von 22 Stimmen drangen die Assimilanten durch, waS ihnen nicht gelungen wäre, wenn wir zahlreicher vertreten gewesen wären. Als Pikanterie sei hinzugefügt, daß organisierte Zionistinnen für den A ssim i l a n t e n an t ra g stimmten. Auf also, lassen wir das Politisieren und wenden wir uns der stillen, kleinen Arbeit zu, lassen wir unS zumindest nnsere Positionen nicht rauben. Caveant consules! Thau. * Vom Vorstande des Vereines erhalten wi» über die Versammlung folgenden offiziellen Bericht: In der schönen und segensreichen Institution de-Mädchen-»nd Frauen-Verein „Bcknr Coaulim" (Krankenbesuch), welche am 15. Jänner eine außerordentliche Generalversammlung abhielt, machte sich eine kleine Gruppe sehr bemerkbar durch feindselige Haltung und machte es eben selbst zur Notwendigkeit, die Verbesserung und Verschärfung der Statuten durchzuführen und den Verein von Freundschaftsarbeit zur Bereinsarbeit zu führen; denn eS kam merkwürdigerweise vor, daß zur Erreichung persönlicher Zwecke gelegentlich Titel angelegt wurden, wie Kleider aus einer Leihanstalt, und wieder zurückgelegt noch erreichtem Zwecke. Diese Partei hat durch planmäßige Züge gegen die starke, ehrliche Majorität sich dadurch