Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Vr. 3 Jüdisches Yolkiblait Seite 3 Auf Grund der Wahrscheinlichkeitsberechnung wurde die Bevölkerung berechnet für Mitte des Jahre- 1902 mit ... . 1,726 604 1903 „ . . . . 1,761.931 1904 » . . . . 1,797.992. Hier ist vor ollem die Zahl der arbeitslosen Juden hei vorzuheben: 2132 männliche, 1156 weibliche, zusammen 3288. Al» arbeitslos waren nach der Belehrung zur Ausfüllung der Bolkszählungsfragebogen nur solche Personen anzugeben, die Arbeitnehmer (also Arbeiter, Taglöhner, Gesellen, Gehilfen, Dienstboten, Angestellte) sind und die, obwohl sie einen Erwerb oder Verdienst suchen, am 31. Dezember 1900 ohne Arbeit, ohne Stelle oder Beschäftigung waren. Im nachfolgenden seien die aus dem letzterschienenen Berichte über das Jahr 1902 erhobenen Daten angeführt. In diesem Zeiträume erfolgten durch die Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde 841 Trauungen; Zivilehen wurden geschlossen: 4 wo beide Brautleute mosaisch, 48 wo der Bräutigam mosaisch, die Braut konfessionslos, 36 wo der Bräutigam konfessionslos, die Braut mosaisch war. Ehelösungen wurden 30 einverständlich von Tisch und Bett, 19 ohne Einverständnis vollzogen; in 63 Fällen erfolgte die Ehetrennung. Die Zahl der Geburten betrug 1902 1354 männliche, 1275 weibliche, also zusammen 2629; außerdem wurden 224 Todgeburten gezählt. Die Zahl der Todesfälle war 1081 männlich, 887 weiblich, zusammen 1968 (darunter starben 282 an Tuberkulose), 69 Personen starben gewaltsamen Todes; davon waren Selbstmorde: 34 männlich, 11 weiblich. Als Ursache des Selbstmordes wurde erhoben: Langwierige oder unheilbare Krankheit bei 6 Männer, 5 Frauen. Geistesstörung 2 Männer, 2 Frauen. Liebesgram, Eifersucht 5 Männer, 2 Frautli. Schlechte Fortgangsklasse bei 4 Knaben, Stellenverlust 1 Mann. Erwerbslosigkeit, Not 4 Männer. Schlechter Geschäftsgang 6 Männer. Mißliche Familienverhältniffe 2 Männer, 1 Frau. Lebensüberdruß 2 Männer. Unbekannte Ursache 1. Infolge Verunglückung fanden den Tod 13 Männer, 10 Frauen. In den Heimatverband wurden ausgenommen 839 jüdische Männer und 90 Frauen, darunter allerdings nur 62 männliche und 4 weibliche Personen freiwillig; alle anderen hatten hierauf gesetzlichen Anspruch. Das Bürgerrecht, das in Wien im Jahre 1900 an 407, 1901 an 409,1902 an 8V0 Personen verliehen wurde, wurde uatürlichm keine einzigen Juden erteilt. Bon besonderem Interesse find wohl die Daten über die Konfessionsänderungen. Im Jahre 1902 traten aus dem Judentum 336 männliche, 265 weibliche Personen. Ihrem Berufe nach waren: Oeffentliche Beamte (einschließlich der Offiziere und Militärbeamten, jedoch ohne die Post-, Telegraphen-, Telephon- und Eisenbahnbeamten des Staates) 10 Männer, 1 Frau. Die Frauen sind nach dem Berufe des Mannes verzeichnet.) Männer Fr. Mädchen Oeffentliche Diener ..... 3 0 0 L hrpersonen ....... 2 1 4 Sonstige freie Berufe (darunter Advokaten, Notare, Aerzte, Ingenieure, Architekten, akademische Bildhauer. Maler, Redakteure, Journalisten, Sch iftsteller, Musiker, Sänger, Schauspieler) . . 73 23 17 Selbständige Gewerbsleute . . 11 2 5 Höhere Angestellte bei Gewerbsleute» 4 0 1 Niedere „ „ „ 33 3 11 Gewerbsleute ohne nähere Bezeichnuug ....... Selbständige Handeltreibende . . 2 0 28 11 12 2 Höhere Angestellte bei Handeltreibend.. 42 10 2 Niedere Angestellte bei Handeltreibenden. 28 0 3 Ohne nähere Bezeichnung . . . 8 0 0 Höhere Angestellte bei Verkehrs- Unternehmungen . . . . . 2 0 0 Niedere Angestellte bei Verkehrs- Unternehmungen . . . . . 8 1 0 Mit persönlichen Dienstleistungen beschäftigt. 1 0 19 Haus- und Rentenbesitzer . . . 1 0 1 Unbestimmter Beruf .... 5 1 2 Berufslose: Studenten, Schüler . 61 0 3 Mädchen bis 30 Jahre .... 0 0 74 Sonstige Berufslose . . . . . 14 12 27 Von den 601 Personen, die aus dem Judentume austraten, waren ledig: 259 männliche, 175 weibliche Personen; verheira'et : 68 männliche. 66 weibliche; geschieden: 4 mä> nliche, 13 weibliche; unbekannt 3 männliche, 1 werbliche Person. Im alter zwischen: 14 und 20 waren 61 männliche 37 weibliche 20 „ 30 160 •i 137 // 30 „ 40 77 „ 56 V 40 „ 50 22 ■>;■ 21 1# 50 „ 60 8 6' // 60 , 70 6 -i 6 1/ über 80 Jahre 0 »: 1 V unbekannt 2 männliche, , 1 Weibliches. Vom Judentum traten über zur römischkatholischen Küche 152 männl. 161 weibl. Pers. altkatholischen Kirche . 0 „ 1 „ grich.-orient. » 0 „ 1 „ evang.-(Augsb.) » -73 61 „ evang.-(helvet.) „ H „ 13 „ konfessionslos wurden 82 „ 24 „ ohne Angabe 15 „ 4 , Zum Judentum traten über aus der römischkatholischen Kirche . . 7 männl. 29 weibl. Pers» evang. (Augsburger) Kirche 6 „ 4 „ v (Helvetische) » « 1 „ 2 » zusammen 14 männl. 35 weibl. Pers. hievon waren ledig . . 10 männl. 27 weibl. Pers. verheiratet .... 4 „ 4 „ verwitwet.0 „ 2 „ geschieden.0 „ 2 „ Im Alter zwischen: 14 und 20 Jahren standen . . . 1 Mädchen 20 „ 30 . . 7 männl. 25 weibl. Pers. 30 „_ 40 . . 7 „ 5 , 40 „ 50 . . 0 r 1 , 50 „ 60 . . 0 „ 2 .. über 80 Jahre . . 0 „ 1 „ Die Anzahl der die Hoch-, Mitteland Volksschulen in Wien besuchenden jüdischen männlichen und weiblichen Personen betrug: 1. An der k. k. Universität.1742 2. K. k. Konsulakademie ...... 0 3. K. k. Technische Hochschule .... 658 4. K. k. Hochschule für Bodenkultur . . 7 6. K. k. Akademie der bildenden Künste . 15 6. Israelitische theologische Lehranstalt . . 39 7. K. u. k. Militär-Tierarznei-Jnstitut. . 7 Bon den Mittelschulen besuchten: Gymnasien ........ 1786 Realschulen.. 1459 Juden. Höhere Mädchenschulen besuchten 286 jüdische Mädchen (exklusive der in einem Prlvaünstitute eingeschriebenen Mädchen, welches die Muttersprache und das Glaubensbekenntnis ihrer'Schüler nicht angab); verschiedene Fortbildungskurse frequentierten 233 Mädchen. Die Lehrer- und Lehrerin nenan st alt wurde von keinem einzigen jüdischen Schüler, wohl aber von 16 Schülerinnen, das Konservatorium von 261 Schüler und Schülerinnen besucht. Eine erfreuliche Tatsache liegt in dem Umstande, daß die fachlichen gewerblichen Fortbildungsschulen von 221, bte allgemein gewerblichen Fortbildungsschulen für Lehrlinge und Gehilfen von 220, die der Mädchen von 270 und die gewerblichen Vorbereitungsschulen von 199 Juden, beziehungsweise Jüdinnen besucht wurden. Von besonderem Jntereffe dürfte es sein, die Details der erstangeführten Ziffer (221) zu ersehen; es besuchten die fachliche Fortbildungsschule der Anstreicher und Lackierer 1, Bäcker 9. Buchdrucker und Schriftgießer 16. Drechsler 7, Fleischhauer 24, Friseure 14, Gastwirte und Kaffeesieder 7, Glaser, Glashändler und Glasschleifer 3, Juweliere, Gold- und Silberschmiede, Graveure 8, Kleidermacher 10, Kupferschmiede 1, Optiker 1, Posamentierer und Bandmacher 18, Schlosser 12, Schuhmacher 5, Spängler 10, Tapezierer 15 Uhrmacher 20, Wäschrwarenerzeuger 10, Weber 15 Wnker 1, Zimmer- und Dekorationsmaler 6 Zuckerbäcker 6 Knaben. mal — äh — seh'n, was sich machen Jcifjt. Aeh ■— geb'n Sie mal die Papiere her. So -- äh .— ich werde vielleicht mal gelegentlich —" „Pardon, Exzellenz, der Arme bedarf dringender Hilfe . . . Exzellenz! Soll man sagen können, daß jemand, an Eurer Exzellenz bewährtes Gerechtigkeitsgefühl vergebens appelliert habe?!" , Der Minister lächelte geschmeichelt; ein feines, nnmerkliches, ein Diplomatenlächeln. Er nickte wohlwollend und blätterte in den Dokumenten, die er eben erhalten hatte. ( Dann öffneten sich seine kleinen Augen weit, er lvnrde aufmerksam; Vas Lächeln schwand, sein Gesicht bekam einen unbeschreiblichen Ausdruck des Hasses. Scharf sagte er: „Ja — äh — mein Lieber, wie konnten Sie mir nur mit dem kommen?! Natürlich! Recht geschieht ihm! Noch ärger! Aeh - ich echauffiere mich — äh —. Dem kann ich nich helfen, will ich auch uich. Nein, mein lieber Freund! Der Mann ist doch — Jude!!" Buntes Feuilleton. Gin Bild des Elends. Wie groß da- Elend in Rußland jetzt ist, davon gibt folgende im „Hazofeh" erzählte Prozeßverhandlung ein anschaulich trauriges Bild: „Was hat Ihnen der Angeklagte gestohlen?" frug der Friedensrichter den Kläger. „Seit einigen Tagen", antwortete der Gefragte, »kam der Angeklagte täglich früh morgenin mein Geschäft und verlangte Gegenstände zum Kaufe, von denen er wissen mußte, daß sie in meinem Geschäfte nicht zu haben sind. So oft er dann das Geschäft verließ, machte ich die Bemerkung, daß entweder ein Laib Brot oder 1—2 kleine Wecken fehlen. Anfangs wollte ich nicht glauben, daß er der Dieb sei, ich hatte auch keinen Verdacht auf ihn, da sich jedoch diese Fälle wiederholten, fing ich an, ihn aufmerksam zu beobachten, und richtig habe ich ihn in flagranti erwischt ..." »Außer Brot hat er Ihnen nichts gestohlen?" frug nun dex Richter. „Nichts!" „Wasagst du dazu?" frug nun der Richter den Beschuldigten. „Herr Richter!" brachte der Angeklagte stammelnd hervor, »ich habe die Brote tatsächlich gestohlen. Doch mögen Sie mir glauben, Herr Richter, daß ich davon auch nicht einen Biffen gekostet habe. Sollte ich auch Hungers sterben, ich könnte kein gestohlenes Brot genießen. Aber meine Kinder darben seit Wochen und ich brachte es nicht übers Herz, zuzusehen, wie die kleinen Würmer dahinsiechen und nahe daran sind, Hungerz« sterben..." „Ihrhabt doch Wvhltätigkeitsanstalten, welche jetzt Brot an eure Armen verteilen. Warum wandtest du dich nicht an diese?" warf der Richter ein. »ES ist wahr!" antwortete der Angeklagte. »Aber diese Anstalten verteilen da- Brot nur an Arbeiter, welche jetzt arbeitslos sind, ich aber war kein Arbeiter, sondern nur Verkäufer auf der Straße..Der Richter faßte ein Herz und entließ den Angeklagten mit einer Rüge. Haydns „Schöpfung" hebräisch! Gleich den vielen anderen Institutionen, die mit der Henry Jones-Logo (Hamburg) in Verbindung stehen, ist auch das Gemeinschaftsheim und die Lesehalle nach dem neuen Logenheim in der Hartungstraße übergesiedelt. Die Eröffnungsfeier der diesjährigen Zusammenkünfte fand im großen Festsaale statt, der bis mtf den letzten Platz gefüllt war. Der erste Teil des Programmes bestand aus der „Schöpfung" von Haydn in der Ursprache. Der Vorstand hatte einzelne Rezitative und Arien aus der Schöpfung ins Hebräische Übersetzern lassen, um sie hebräisch singen zu lassem Dieses Unternehmen soll bezwecken, dem jüdischen Publikum zum Bewußtsein zu bringen, daß Werke der Kunst ans der frühesten Zeit aus jüdischer Initiative hervorgegangen sind. Ferner soll durch die Darbringung der Schöpfung mit hebräischem Text das Werk den osteuropäischen Juden nähergerückt werden. Die Uebersetzung der Rezitative, Arien und Chöre in hebräischer Sprache war von dem hiesigen Schriftsteller Herrn S. Goldschmidt ausgeführt worden. Die Leitung des Werkes hatte Herr Musikdirektor D. Beit übernommen, der, wirksam unterstützt von namhaften Solisten, das grandiose Werk vorzüglich zu Gehör brachte. Der zweite Teil des Programmes bestand aus der Vorführung von Lichtbildern von Werken hervorragender jüdischer Maler und Bildhauer. Me Ausführung und Darstellung der Bilder unterlag Herrn Max May. Die Einleitung und der verbindende Text war von dem Präses der Henry Joues-Lvge Herrn Gustav Tuch verfaßt und wurde voll dein Mitglied des Demtschen Schauspielhauses Herrn James Kunert ( gesprochen. Die Darbietungen fanden allseitigen