Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite* 2 Jüdische« Volksblatt Nr. 3 Interessen, denn sie gehören den verschiedensten Klassen an. Dagegen bestehe jene Kongruenz zwischen ddn Interessen des einzelnen Juden und denen der politischen Parteien im Staate. Deshalb können die Zionisten auch mit den nationalen Parteien gehen, weil diese ein politisches und wirtschaftliches Programm haben. Die deutschen Juden sind mit festen Banden der Sprache und Kultur an das deutsche Volk gekettet. Auch die Zionisten unter den deutschen Juden haben ein Interesse daran, daß ihre Kinder in deutschen Schulen herangebildet werden, daß die Kultur, die sie umqibt, deutsch sei. Darum unterstützen sie, auch ohne sich für Deutsche auszugeben und als solche sich im Vordergründe des nationalen Kampfes zu betätigen, wovon sie schon der Takt abhalte, die nationale Politik der Deutschen, beziehungsweise die der Deutschen Fortschrittspartei. Diese Ansicht hat der Zlonismus nicht einmal in seinen Uranfängen, nicht einmal in jener Epoche vertreten, als die G genwartsarbeit und die innerpolitische Betätigung aus dem Arbeitsgebiete programmatisch ausgeschlossen waren. Heute wagt es auch der eingefleischteste Assimilant nicht mehr zu behaupten, daß „den Juden untereinander die Kongruenz der wirtschaftlichen und sozialen Jnteressin fehle". Ebensowenig wird es heute ein ehrlicher Politiker auf sich nehmen wollen, den Juden anzuralen, daß sie bedingungslos und unentwegt die nationale Politik der Deutschen beziehungsweise die der Deutschen Fortschrittspartei unterstütze. Wir wollen hier gar nicht darauf eingehen, daß die Proklamation einer solchen Politik die Lage der vielen Hunderte Juden, welche im tschechischen Sprachgebiete wohnen, unhaltbar machen würde, wir wollen hier auch nicht ausführlicher darauf Hinweisen, daß dre Bestrebungen der Deutschen naturgemäß dahin gerichtet sein müssen, ihren nationalen Besitzstand zu erweitern, also auch die Juden zu entnationalisieren und zu Deutschen zu machen, aber wir erlauben uns bloß die bescheidene Anfrage: Wodurch hat die Deutsche Fortschrittspartei sich einen Anspruch auf die Unterstützung der Juden erworben? Etwa dadurch, daß sie durch ihre politische Unfähigkeit den Antisemitismus im Reiche gezüchtet und großgezogen hat? Oder etwa durch ihre gegenwärtige unehrliche Haltung den Juden .gegenüber? Die Deutsche Fortschrittspartei hat sich zum Leben'unfähig erwiesen und die Juden haben kein Interesse daran, ihr zu neuem Scheinleben zu verhelfen. Das, was Dr. Margulies empfiehlt, ist nichts weniger als was die Affimilanten in Böhmen in die Tat umsetzen. Daraus, ob nun die Juden sich im Vordergründe des nationalen Kampfes der Deutschen betätigen oder ob sie deren geheime Schleppträger sind, darauf kommt es nicht mehr an. Da ist es vielleicht noch ehrlicher, wenn man, wie die Assimilanten, seiner angeblichen Ueberzeugung offen und freimütig folgt. Nach dieser Begriffsverwirrung, an welcher Herr Dr. Margulies, wie es gefunden werden. Im Anschluß, in innerer Anlehnung! Nicht etwa im bloßen Zusammenarbeiten zu irgend einem praktistischen Zweck, — und sei es auch der höchste, — das ohne gegenseitiges Verständnis immer wieder bald ein Gegeneinanderarbeiten wird! Wir müssen den Mut finden, auf unseren letzten eingebildeten Wert, als stellten wir eine Art geistiger Aristokratie der Judenheit vor, zu verzichten. Nicht die Ostjuden haben sich uns anzuschließen. Nicht nur deshalb nicht, weil sie fast das ganze Volk sind und wir ein geringfügiger Volkssplitter. Vielmehr, weil sie auf uns nicht angewiesen sind. Die allgemeine Z vilrsation besorgen sie sich selbst, und von nationaler Kultur können sie bei uns nichts,' absolut nichts finden. Wir müssen bei ihnen suchen, weil sie haben, was uns fehlt: Em Judentum, bei dessen Er, wähnung man an mehr denkt als an Geburtsschein, ein paar charakteristische Tugenden und Fehler. Antisemitismus und dergleichen. Wohl können Nur dieses ihr Judentum nicht willkürlich in uns reproduzieren, doch wir können es verstehen, cifof^n lernen, damit die versteckten Aehnlicl ketten in uns anklingen und das Gefühl geistiger Einheit, wenn auch noch so schwach, in uns wach werde. Und wir müssen dies schon deshalb, um ein praktisches Zusammenarbeiten nicht für ewige Zeiten aussichtslos werden zu lassen. Kein anderer Weg führt aber zu unseren Brüdern, als indem wir sie in ihren Lebensbeziehuugen. in ihren Stimmungen und Empfindungen, ihren Eigenheiten und SonderUchketten kennen lernen. Wrr müssen sie handeln scheint, leidet, wird eS niemand mehr überraschen, wenn er von der Deutschen Fortschrittspartei verlangt, daß sie in dem Kampfe innerhalb, der Judenschaft vollkommen neutral bleibe. Dieser Wunsch ist wahrlich überflüssig. Die Deutsche Fortschrittspartei war bisher nicht nur in diesem Kampfe, sondern auch im Kampfe des Judentums mit den anderen Religionen undNationalitälen so sehr neutral geblieben, daß sie das Terrain den offenkundigen Gegnern des Judentums vollständig überließ und ruhig zusah, wie die Judenschaft des Reiches wirtschaftlich und sozial niedergerungen und zugrunde gerichtet wurde. Nicht von den anderen Nationalitäten verlangen wir, daß sie sich neutral verhalten, viel wichtiger ist, daß wir Juden uns im Streite der Nationalitäten neutral verhalten. Zum Glücke steht Dr. Margulies auch innerhalb der zionistischen Organisation mit seiner Schwäche für die Deutsche Fortschrittspartei vereinzelt da. In den anderen Ländern des Reiches ist man auch bertits allmählich zur Einsicht gelangt, daß die Juden ihre bisherige politische Untätigkeit oder, was noch schlimmer ist, ihre falsche politische Tätigkeit verlassen und eine den Verhältnissen angepaßte jüdische Pol-tik inaugurieren müssen, um auch die übrige Gegenwartsarbeit, das ist die wirtschaftliche, soziale und kulturelle, mit Erfolg durchführen zu können. Es liegt nun an der Zentralleitung der österreichischen Zionisten, den nunmehr unaufhaltbaren Trieb nach politischer Betätigung in einheitliche geregelte Bahnen zu leiten. Diesem chaotischen Zustande muß ein Ende bereitet werden, wenn die Gesamtpartei darunter nicht leiden soll. Dem politischen Freischärlerwesen muß Einhalt g-boten, das Veriäumte muß nachgeholt werden und dies könnte am besten dadurch geschehen, daß die hierzu berufene Kommission der Landeszentrale die ganze Fragv zum Gegenstände eingehenden Studiums macht und auf diese Weise sich in einem Programm einigt, welches für die einzelnen Distrikte maßgebend sein müßte. Für die Prvklasnation eines solchen Programmes wäre der nächste Parteitag das geeigneteste Forum. Wird jedoch in dieser Frage auch weiterhin Unklarheit herrschen, so läuft die Partei Gefahr, daß sir sich in Oesterreich zersplittert und ihre weitere Entwicklung unmöglich macht, wett sie es verabsäumt hat, ihren Anhängern eine gegenwarispolitische Richtung zu geben, durch welche sie sich bis zur Erreichung des Endzieles hinüberhelfen könnten, abgesehen davon, daß mit politisch ungeschulten Elementen auch das schönste Endziel unerreichbar bleibt. sehen und sprechen hören — wenn nicht von Angesicht zu Angesicht, so doch durch die Vermittlung ihrer Literatur, in Uebersetzaugen und auch im Originale. Wir dürfen uns nicht vom Klange ihrer Sprache abschrecken lassen, die uns an's „Jüdeln" erinnert. Dann werden wir bald erfahren, wie Recht jener Redner am zweiten der jetzt in Wien und hoffentlich bald auch anderwärts eingeführten „Jüdischen Abende" hatte, als er sagte: „Man jüdelt wohl in Wien, Prag und Budapest. Aber man spricht jüdisch in Warschau, Wilna und Kiew." Dann werden wir nicht lange dem merkwürdigen Aberglauben huldigen, daß eine Sprache, die von 10 Millionen Menschen gesprochen wird, deren schöne und nützliche Litteratur von Tag zu Tag wachsen und schon zu Tausenden von Bänden gediehen sind, in der Hunderte von Zeitungen und Zeitschriften erscheinen, die in ihrem Reichtum und ihrer Elastizität, in ihrer freien, frischen Weise eine der modernsten Sprache ist, — daß diese Sprache keine Sprache, daß sie ein „Jargon" ist. Wir werden verstehen lernen, warum tausende und aber tausende in dieser Sprache ein Palladium der ostjüdischen Eigenart sehen, das einzig die Kraft hat. sie auch in den Tagen der Freiheit, die nun erwartet und hoffentlich kommen wird, lebend zu erhalten. Wir werden begreifen, daß sich sogar eine mächtige und bei den großen Ereignissen im Zarein eiche besonders stark beteiligte Gruppe der internationalen Sozialdemokratie, der „Bund", unter dem Zeichen dieser Sprache vereinlgl hat, und daß innerhalb dieser Gruppe von vielen die Forderung nach jüdischer Amts- und Gerichtssprache erhoben wird. Zur Statistik der Juden in Wie«. Von Dr. Arnold Ascher. Arbeiten mit vielen Ziffern gehören allerdings nicht zu jenen, welche überall Interesse erregen. Gleichwohl kann nicht geleugnet werden, daß in gewissen Beziehungen wenige Ziffern oft eine viel beredtere Sprache führen und dem denkenden Beobachter ein selbstständigeres Urteil ermöglichen, als es spaltenlange Artikel bis weilen vermöchten. Aus diesem Grunde war es mit Freude zu begrüßen, daß im 'Vorjahre sich in Wien ein Verein für jüdische Statistik konstituierte, der allerdings bisher seine Tätigkeit wohl w e n i g e n tfa l t et e. Nach wie vor wird bis auf weiteres jeder, den Daten betreffend die Statistik der Juden interessieren, auf jene Publikationen angewiesen sein, die zunächst allgemeine Erhebungen veröffentlichen, darunter aber immerhin auch eine große Zahl von Ziffern über Juden enthalten. Zu diesen Publikationen gehört das „Statistische Jahrbuchs der Stadt Wien", das selbstverständlich nicht olle, speziell die jüdischen Mitbürger interessierenden Angaben aufweist, gleichwohl aber eine Fülle anregender Mitteilungen enthält. So verlockend es auch sein mag, sowohl an eine Reihe angeführter Daten, wie auch an die seit 1895 nicht mehr angeführten Daten über die Armenbeteilung an Juden seitens der städtischen Armenräte und deS Armendepartements (bis zum Berichte über das Jahr .1895 war die Konfession der Beteilten veröffentlicht worden) einige Konklusionen zu knüpfen, seien für diesmal bloß die Ziffer« angeführt. Zum besseren Verständniffe des nachfolgenden sei vorausgeschickt, daß die Volkszählung vom 31. Dezember 1900 folgende Ergebnisse aufwies: Es wohnten in Wien im 1. Bezirk 58.503 11. Bezirk 37.075 2. 144.365 12. „ 75.102 3. w 138.0N4 13. „ 64.564 4. » 59.996 14. „ 80.989 5. // 106.647 15. „ 45.380 6. u 61.74M- 16. „ 148.652 ”7r ' 69.163 . 17. . ' 90.410 8. „ 50.897 18. „ 85.797 9. u 94.582 19. „ 37.302 10. ff 127.626 20. „ 71.445 zusammen 1.648.335 ZivilpersonendazuakiiveMilitärpersonen 26 633 Hauptsumme 1,674.957 Der Konfession nach wurden vermittelt: Römisch-Kath. Zivilpersonen 1.441.640 Militär. 20.251 zusammen 1,461.891 Mosaisch 146.136 790 146.926 Evangelisch A. K. 47.226 967 46.213 „ H. K. 5.192 959 6.151 sonstige u. unbekannte 8.141 3.635 11.776 Dann erst werden wir vor unseren Augen dieses ganze große Zehnmillionenvolk diesseits und jenseits des Weltmeeres in seiner jungen, mutigen Eigenart, in seinem ganzen kecken Daseinsstolz und Daseinstrotz aufsteigeu sehen. Und alle nationalen Theorien werden uns aus der Romantik ins Leben /reten und unser Volk wird Wirklichkeit für uns werden . . . Ob es so kommen wird? Ob wir noch Kraft und Einsicht genug in uns haben, um die innere» Beziehungen zum Ostjudentum, diese positivste Grundlage alles jüdlschnationalen StrebenS im Westen, zu schaffen? Das muß sich zeigen. Mathias Acher. Der Antisemit. Skizze von O. P. „Exzellenz, der Mann ist 'vicklich vom Unglück heimgesucht worden! Er sah uuch miilriderregend aus. Ich versprach ihm, zu ittn, was in meinen schwachen Kräften steht. Wie ich nur schon erlaubte, Eurer Exzellenz zu sagen, abgesehen von den harten Schicksalsfchlägen, die über den Unglücklichen kamen, auch uoch die Pardon! — ungerechte Zurücksetzung seine- Sohnes im Stnatsdk'nst. Auch er selbst ist allen Schikaiten der Behörde ausgesetzt/' Der Minister trommelte nervös mit dev weißen, wohlgepflegten Hand auf der Schreibtischplatte. „Ja — äh — mein lieber Rat," Erwiderte er näselnd, „das ist alles sehr schön. Woll'n