Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Tatsache, daß der Zionismus in seinem Ursprünge alle religiösen und politischen Gegenwartsmomente aus 'seinem Arbeitsprotzramme ausschaltete, war jedenfalls ein taktisch glücklicher Griff, insoweit es sich darum handelte politisch und religiös von einander grundverschiedene Massen unter eine Grundrichiung zu bringen. Das war die eine gute Seite dieser Taknk. Dieses Vorgehen hatte aber auch andere schlechte Seiten, deren Folgen sich nun, da der Schöpfer des politiklosen politischen Zionismus seine Augen für immer schloß, sich in einer für die Organisation äußerst unangenehmen Weise fühlbar machten. Er stellt sich nunmehr heraus, daß der Drang nach einer politischen Betätigung, welche die Verbesserung der eigenen Lage in gegenwärtiger Zeit und auf gegenwärtigem Aufenthaltsorte Feuilleton. Anschluß an den Osten. Eine Nation ist, selbst als einrossige, eine viel zu große Gemeinschaft, als daß man das nationale Empfinden, Bewußtsein und Streben ihrer Glieder lediglich als Ausfluß der Blutsverwandtschaft erklären könnte. Ist sie mehrrassig, so ist dieser mystische Eiklärungsgrund ganz hinfällig. Und in keinem Falle darf, or auf fortgeschrittene Völker angewendet werden. Da- Nationalgefühl der Franzosen z. B. kann unmöglich mehr in dem geistlosen Sippentrieb bestehen wie etwa das Stammesgefühl irgend eines Tartarenstammes. ES müßte dann auch vom wirtschaftlichen Egoismus viel seltener verletzt werden. Blrlmehr ist daS Nationalgefühl der Angehörigen großer, entwickelter Vö.ker nur als nationaler Individualismus zu erklären, das heißt: ÄlS der natürliche Trieb, die Eigenart des eigenen Volkes, diese Quelle der eigenen kleinen Eigenart, gegenüber den andersgearteten Völkern mit ihre« andersgearteten Individuen zu behaupten und zu schützen. Wenn z. B. dem Deutschen seine deutsche Art zu leben, da» Leben aufzufassen und zu gestalten nicht als ein besonderes Gut erschiene, es läge kein Anlaß für ihn vor, sein Deutschtum zu betonen. Denn dann unterschiede sich dieses ja in nicht» von de« Wesen anderer Völker, respektive von dem «Ügemein menschlichen Wesen. Daraus folgt aber auch umgekehrt: Wenn eS ein Volk gäbe, das bei geistiger Fortgeschrittenheit seiner Glieder diese nicht» als einen gemeinsamen anstrebt, jedem Individuum in solchem Maße innewohnt, daß er die erste beste Gelegenheit ergreift, um zum Ausdrucke zu gelangen. Daß gerade die Juden und in besonderem Maße die Juden in Oesterreich sich zu einer solchen politischen Betätigung am meisten gedrängt fühlei-, muß wohl bei Kenntnis der Verhältnisse in diesem Reiche als etwas natürliches angesehen werden. Hat doch gerade der Jude alle seine Kräfte aufzuwenden, um seine politische und wirtschaftliche Stellung zu verbessern oder wenigstens nicht verschlechtern zu lassen. Und sind doch gerade in Österreich die nationalen Verhältnisse so verworren und so ungeklärt, daß der Jude stets auf der Hut sein muß, um nicht von den streitenden Parteien aufgerieben zu werden. Tatsächlich hat sich nun auch in den extrem zionistischen Kreisen die Anschauung Bahn gebrochen» daß. ein Eingreifen in die politischen Tagesfragen unerläßlich geworden und daß es von den lokalen Verhältnisse« der einzelnen Länder, Bezirke, ja sogar oft der einzelnen Gemeinden abhänge, welche Taktik bei diesem Eingreifen zu befolgen sei. Es ist nun sehr zu beklagen, daß diese bessere Einsicht bis jetzt von Seite der österreichische« Parteileitung noch keme programmatische Formulierung erfahren' hat. Dadurch nämlich, daß die Fragen der innerösterreichischen Politik innerhalb der zionistischen Partei entweder ganz unberücksichtigt blieben, oder die Stellungnahme zu ihnen höchstenals ein geduldeter Sport betrachtet wurde, ist eS nun dahin gekommen, daß die einzelnen Mitglieder I geschichtliche« Namen, aber keine Eigenart deS LkbenS zu bieten hätte, dann bestünde für diese Glieder kein vernünftiger Beweggrund mehr, na.ional zu sein. Sie müßten sich vielmehr beeilen, ihre Volkszugehörigkeit loS zu werden. Auf die Juden angewendet: ES hätte gar keinen Sinn, die Judenfrage, d. h. die Frage, wie sich die änderen zu den Juden stellen, „national" lösen zu wollen, wenn .es kein nationales Gut mehr gäbe, um deffevtwillen man eben Jude bleiben will, wenn daS „ Judesein" nicht eine Art positiver Genugtuung, eine gewisse sichere Lebensfreude brächte, die man sich nicht rauben lasse» will. Wozu sich als „Juden" retten, wenn man selbst gar kein Gewicht mehr darauf legt, es auch wohl gar nicht mehr zustande bringt, Jude zu sein? Immer mehr westliche Nationaljuden legen sich diese bangeFragevor. Sie fühlen, daß sie mit ihrem Nationalismus nicht auf jüdischem Kulturbode« stehen und daß es gilt, diesen Boden wieder unter die Füße zu bekommen. Es ist selbstverständlich, daß sie sich ihn von dort holen wollen, wo sie Millionen ihrer Slammesgenvssen in sicherem Besitz auf ihm stehen sehe» — dort, wo neben der alten jüdischen Traditio» eine junge jüdische Kulturbotschaft in zwei eigenen jüdischen Sprachen verkündet wird. Und es ist kein Wunder, daß eS sie mehr zu den hebräischen Klängen zieht, die für ihre geschichtliche Erfahrung die einzigen sind, in welchen lebendiges Volkstum dahinrollt; diejenigen auch, die sie an ihre politischen Ideale erinnern, diejenigen, in denen gewaltige Männer gesagt und gesungen haben, deren Name von allen Zeiten und Völkern gepriesen wird. der Organisation auf eigene Faust innerösterreichrsche Politik machen, und zwar nicht immer solche, welche dem Geiste des Nationalismus entspricht. Das böse an dieser sportmäßigen freien politischen Betätigung ist eben der Umstand, daß solche polirische Ennunziationen nicht als die Ansicht der betreffenden Einzelperson angesehen und bewertet werden, sondern daß Uneingeweihte und speziell die assimilatorische Tagespreffe solche Kundgebungen stets als den politischen Kurs der Gesamtpartei hinstellen und dadurch Verwirrung hineintragen, nicht nur in die Kreise der anderen Nationalitäten, sondern auch in die eigenen Rethen. Eine solche Verwirrung hat erst jüngst das offene Schreiben des Dr. Emil Margulies aus Teplitz an den Führer der Deutschen Fortschrittspartei in Böhmen, Dr. Eppinger, angerichtet. Dr. Margulies spricht im Namen des Zionismus. Ob mit oder ohne Mandat ist uns unbekannt. Aber daß die Ideen, welche Dr. Margulies in seinem Sendschreiben an Dr. Ep in ge r entwickelt, den Grundideen des Zionismus in nationaler Richtung schnurstracks zuwiderlaufen, ist heute jedem Zionisten einleuchtend. Dr. Margulies behauptet nämlich im Namen der Ziontsten folgendes: Der Zionismus sei eine unpolitische Bewegung. Der Nationalismus, z« dem sich die Zionisten allerdings bekennen, sei nicht identisch nnt dem Nationalismus der Völker, unter denen die Juden leben. Denn eS fehle ihm die Beziehung zum geschloffenen Territorium, ferner fehle den Juden untereinander auch die Kongruenz der wirtschaftlichen und sozialen Gewiß wäre nur zu wünschen, daß es den wenigen gelänge, de» Trägheitswiderstand der vielen zu brechen und das Hebräische in die westliche Judeuheit in annähernd dem Geltungsausmaße, dar eS im Osten hat, einzuführeu; daß es ,hne« gelänge, den westlichen Juden diese merkwürdige, nicht gesprochene und doch lebende Nationalsprache zu übermitteln. Aber das dürfte ein frommen Wunsch bleiben. Auch im Osten hat nicht der Wille, nicht die aufopfernde Tätigkeit begeisterter und begabter Männer allein das moderne Hebräisch geschaffen. Wenn nicht daS hebräische Eprachgut in seinen alten Grenzen und mit seinem alten Inhalt den Massen erhalten geblieben wäre, wenn die geschichtlichen Umstände diesen Massen nicht auch sonst ihre nationale Eigenart, und zwar triebkräftig, bewahrt hätten, wenn nicht die verachtete jüdische Mundart die Existenz deS eigenen jüdischen Volkstums gesichert hätte — das Hebräische hätte sich dort nie zu seiner heutigen Ausdrucksweise entwickelt. Und eben weil im Westen alle diese Vorbedingungen nicht vorhanden find, ist ein gleicher Erfolg hier kaum zu erhoffen. ES ist ebenso unwahrscheinlich, daß die Juden deS Westens je hebräisch schreiben, alS daß sie je jüdisch sprechen sollten. An eine Erfüllung deS Westjudentums mit positiver, durch eigene Sprache gesicherter Nationalität ist kaum zu denken. Was aber tun? Woher den vernünftigen Grund des Nationalismus, woher die Ueberzeugung nehmen, daß all dieser nationale Aufschwung mehr ist al» eine Seifenblase? Nun, ein halbwegs ausreichender Ersatz kann nur in verständnisvollem Anschluß an den Osten