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Jüdisches Volksblatt · 1905-01-13 · 2 (13.1.1905) · page 11

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
2 (13.1.1905)
Date
1905-01-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 2 Jüdisches Volksblatt Schulpantoffel für Kinder. Die Gefahr der nassen Füße ist allbekannt. Unter nassen Füßen, richtiger nassem Schuhzeug, leiden am stärksten die Schulkinder. Auf dem Wege zur Schule erkälten sich die Kinder höchst selten. Wenn sie aber in der Schule stundenlang mit durchnäßten Schuhen au den Füßen sitzen müssen, dann sind Erkältungen allerdings schwer vermeidlich, insbesondere bei blutarmen, schlecht genährten Kindern. In Holland hat man nun, wie die „Zeitschrift für Schulgesundheitspslege" berichtet, hier einen Ausweg gesunden. In Amsterdam hat sich nämlich ein Komitee gebildet, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, bei nassem Wetter dafür zu sorgen, daß. die Schulkinder trockene, warme Füße haben. Da gutes Schuhzeug bei den Kindern der ärmeren Klassen selten ist, so werden die Füße bei Regenwetter während des Ganges zur Schule in der Regel durch und durch naß. Es liegt auf der Hand, daß die Kinder dadurch gesundheitlich in ernste Gefahr gebracht werden. Deshalb will oas Komitee in allen Volksschulen eine größere Anzahl Pantoffel für die.Kinder, die nasse Füße zur Schule mitgebracht haben, bereithalten. Die Pantoffel müssen natürlich immer in der Schule bleiben. Das Komitee hat seine Tätigkeit vor zwei Jahren begonnen. Im ganzen wurden im ersten Jahre 287, im zweiten 968 Paar Pantoffeln äugekauft. Außerdem schenkte eine wohltätige Dame dem Komitee für seine Zwecke 319 Paar, so daß ihm also 1277 Paar zur Verfügung stehen. In fast allen öffentlichen Schulen und auch in einigen Nrivatschulen sind die Pantoffeln des Komitees in Gebrauch. Es wäre zu erwägen, ob diese Einrichtung nicht auch anderswo nachgeahmt werden könnte. Jugendbibliotheken. Der ungarische Unterrkchtsminister Dr. Albert Berzeviezu hat für sämtliche staatlich subventionierten Gemeindevvlksschulen Iugendbibliotheken, mehr als zweitausend an der Zahl, und zwar von verschiedenem Typus, organisiert. Auf Grund der von den Schulinspektoren eingetroLenen Vorschläge wurden vom Minister 2187 Bibliotheken verschiedener Typen bestellt. Auf diese Weise gelangen ungefähr 219 009 Bücher in die Hand der ungarlündischen Jugend. Die größeren Komitate, wo die staatlichen Anstalten in größerer Dichtigkeit vorhanden sind, bekomu>en ungefähr 40—60,- die meisten Bibliotheken erhalten das Komitat Csongrad (133) und Nyitra (94). Für das Kultnrbedürfnis der einzelnen Komitate ist es bezeichnend, daß zum Beispiel für das Pefter Komitat auf Vorschlag des Schulinspektors 36 Bibliotheken vom dritten Typus bestellt wurden. Die Kosten dieser Bibliotheken werden zürn Teil aus den Einschreibegebühren, zum Teil Staatshilfe beschafft. Ohne Staatshilse, aus den Einschreibegebühren allein können 1122 Schu- .lcn die Bibliothekeneinrichten. -588 Schulen, werden teils ans den Einschreibegebühren, teils ans Staatsmitteln binnen 0 Jahren den Kaufpreis tilgen. 447 Schulen sind lediglich ans die staatliche Unterstützung angewiesen. Archie NvoseveLt über Jungens. In der Zeitschrift „The Peoples Frienö" findet sich eine niedliche Mitteilung, die erkennen läßt, wie Präsident Noosevelt seine Kinder erzieht. Eine vornehme Amerikanerin hörte bei Gelegenheit eines zufälligen Besuches in dem Hause einer Bekannt ten, daß Archie Noosevelt dort sei und mit dem Söhnchen des Hauses spielte. Die Dame wollte die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, das Söhnchen des Präsidenten kennen zn lernen, und wenn möglich ans diesen einen großen Eindruck zu machen. Sie tat dies zunächst in der unangenehmen Weise, daß sie den kleinen Archie genau über das examinierte, was er in der Schule gelernt hatte. Präsident Noosevelt schickt nun sein Söhnchen in eine „öffentliche Schule" und die Dame schien darüber verwundert zu sein und dies teineswegs für standesgemäß zn halten, denn sie fragte den kleinen Kerl, ob er nicht in der öffentlichen Schule mit vielen Jungens zusammenkomme, die aus gewöhnlicher Familie seien und sich deshalb ungebildet und roh betrügen. Ohne einen Moment zu zögern, antwortete der kleine Archie: „Papa sagt, es gibt große und kleine Jungens und es gibt artige und unartige Jungens, und eine andere Sorte von Jungens kenne er nicht." Archies Examen durch die unbernfene Examinatorin war mit dieser Antwort abgeschlossen. Die russische Sprache in den Chedarim. Der Odcssaer Bürgermeister bat an das russische Bildnngsmmisterium ein Gesuch gerichtet, in welchem die Abschaffung des Gesetzes vom 6. März 1903, wonach der Unterricht in russischer Sprache in den Cbedarim untersagt wird, verlangt wird. In der Begründung deS Gesuches heißt es. daß, je mehr Verbreitung die russische Sprache unter den Juden finden würde, desto rascher die 'Absonderung schwinden wird, welche gegenwärtig zwischen Juden und Russen herrscht. Jüdische Stiftungen für die Universität Oxford. Die Universität Oxford, die der Rhedessttstung bereits viel verdankt, erfuhr durch Lord Nosebery. daß die Erbverwalter des Rhodesschvn Vermögens sich entschlossen, der Professur für Pathologie eme Stiftung von je 200 Pfund Sterling auf fünf Jahre zu machen. Nachträglich wurde ferner r ekanntgemacht, daß Mr. Alfred Beit mit Bedauern gehört habe, daß an der Universität Oxford keine Vorkehrungen getroffen find, um daS Studium der Kolonien zu betreiben, und daß er deshalb, um solche Studien zu ermöglichen, di« nötigen Mittel zur Verfügung stellt zur Errichtung einer Profeflur und zur Anstellung von Hilfslektoren. Herr Beit stellte ferner einen jährlich durch eine Arbeit über die koloniale Geschichte zu gewinnenden Preis zur Verfügung. Schließlich schenkten die Herren Beit und Bernher (Juden) zusammen der Universitätsbibliothek eine wertvolle Sammlung solcher Bücher, die auf die Geschichte und Geographie der Kolonien Bezug haben. Errichtung eine- RiesenschulgebäudeS in New York. Wie aus New York gemeldet wird, haben die dortigen Schulbehörden beschlossen, nach dem Muster der „Himmelskratzer" ein Schulgebäude zü errichten, welches einen Fasfungsraum für nicht weniger als 8000 Schulkinder haben soll. Diese größte Volksschule der Welt soll zehn Stockwerke hoch sein und 160 Schulzimmer enthalten. DaS Gebäude wird aus feuerfestem Material errichtet, eine große Anzahl von AuSgängen und Lifts wird die rasche Leerung der Räume ermöglichen. Der Bauplatz befindet sich im dichtbevölkerten „Tenementdistrikt" der Ostseite, welcher fast ausschließlich von Eingewanderten bewohnt ist. Grundsteinlegung für ein Monument zn Ehren der israelitischen Unionskämpfer in New Uork. Unter imposanten Feierlichkeiten ist auf dem Salem Fields-Friedhof i» Cypreß Hills der Grundstein zu einem Denkmale für die israelitischen Soldaten gelegt worden, die während des Bürgerkrieges als wackere Unionsstreiter den Heldentod gefunden haben oder später gestorben sind. Die Feier fand unter den Auspizien der „Hebrew Union Veteran Association“ statt, die im Jahre 1896 organisiert wurde, um das Gedächtnis an die gefallenen und zur großen Armee abberufenen Kameraden allezeit heiligzuhalten und treue Vaterlandsliebe zu üben. Es war denn auch dieser Veteranenverband, der den ersten Anstoß zur Errichtung eines würdigen Monumentes gab, und in heller Begeisterung hat seither die israelitische Bevölkerung der Metropole reichlich beigesteuert, um ihre Heldensöhne in dankbarer Erinnerung zu ehren. Das Denkmal ward nach einem Entwurf des Architekten I. F. Wal sh hergestellt mit einem Kosteuaufmaude von 15.000 Dollars, während die Temple Emanu-El-Gemeinde das benötigte Grundstück auf dem Friedhof im Werte von 7000 Dollars angekauft und dem einschlägigen Komitee zur Verfügung gestellt hat. Bei der Feier führte Herr Nathan Straus den Vorsitz. Außer Veteranen in G. A. R.-Uniform hätte sich -- ein' zahlreiches Publikum, darunter auch viele Damen, um dir mit dem Sternenbanuer geschrnückte Rednertribüne gruppiert und lauschte anvächtig den patriotischen Worten der Festredner. Die alten Kriegshelden kamen mit gesenkten Fahnen und unter gedämpftem Trvmw.elklang angerückt und nachdem zuvörderst die Jugendkapelle der „Hebrew Sheltering Guardian Society“ einen Trauermarsch gespielt hatte, wies Herr Straus in passender Ansprache auf die weihevolle Bedeutung des Abends hin. „Wir haben uns hier an heiliger Stätte versammelt," Hub Redner au, „um den tapferen Unions kärupfern, die unseres Glaubens waren, den ihnen gebührenden Tribut der Dankbarkeit zu zollen. Wir wollen ein Monument errichten, das der Nachwelt ihre Heldentaten verkünden soll und damit gleichzeitig auch die allezeit opferwillige Vaterlandsliebe unserer Rasse. Und wie auf blutiger Wahlstatt, so haben wir Inden auch im Frieden als gute Bürger stets treu zum Sternenbanner gehalten. Hoffentlich ist die Zeit nicht mehr ferne, daß Kriege überhaupt nicht mehr geführt zu werden brauchen. Keine Negierung, welche es auch immer sein möge, hat das Recht, andere Nationen ans Eroberungssucht mit Krieg zu überziehen und nur dem Volke allein. steht es zu, über Krieg und Frieden zn entscheiden. Den Gefallenen zum Gedächtnis sei das Morucui'.nt gewecht, dessen Eckstein wir jetzt zu legen im Begriffe stehen/ Nachdem Herr StrauS seine Ansprache beendet, sprach Rev. Dr. Samuel Schulmann das Erüffnuugsgebet und weitere Ansprachen hielten sodann Schulkommissür Jacob W. Mack, General Daniel E. Sicklex, General Honoration E. Y i« g und Stadtratspräsident Ehas. V. Fornes, während Ex-Rcgister Ferdinand Levy die eig ntliche Ecksteinlegung vornahm. Ein Schlußgebet von Rev. Dr. H. Pereira MeudeS und ein Musikvortrag der H. S. G. S.-Kapelle brachten die eindrucksvolle Feier zu Ende. Kopenhagen. Hier starb der praktische Arzt Dr. Martin Trier. Dr. Trier gehörte dem in Kopenhagen bekannten Geschtechte Trier an. das so viele ausgezeichnete Mitglieder zählte, die meistens als Aerzte ihre Tüchtigkeit, nnt großer Menschenliebe verbunden, in den Dienst der Wohltätigkeit stellten und sich unvergeßliche Namen erwarben. Ein verurteilter Antisemit. Dieser Tage hatte sich vor dem Schwurgerichte in Trieft der verantwortliche Redakteur deS antisemitischen Blattes „Jl Sole", Anton D e l p i n, wegen Ehrenbeleidigung und Verleumdung gegen Herrn Renzo Prister zu verantworten. Im „Sole" war in mehreren Artikeln Prister beschuldigt worden, als Leiter des Stellenoermittlungsamtes des Triefter Privatbeamteuvereines nur jüdische Bewerber berücksichtigt zu haben. Delpin wurde zu drei Monaten verschärften Kerkers verurteilt. Die Taufe ist auch kein Geschäft mehr. Aus Sarospatok, der Hochburg der Protestanten in Ungarn, erhalten wir von unserenKorrespondentenfolgendecharakteristische Meldung: Der Klub der hiesigeu evangelischen reformierten Hochschule beschloß, ein hier erscheinendes protestantisches Tagblatt aus seinen Klublokalitäten zu verbannen, weil das Blatt zufolge seiner Haltung nicht verdient, als Organ der Protestanten zu gelten". Interessant wird dieser Bericht dadurch, daß der Redakteur des Blattes („Magyar Szö“ Magyarisches Wort), Herr Eduard P a l y i, ein getaufter Jude ist, der nun in größter Verlegenheit ist, was er nun mit seinem Protestantismus anfangen soll? Am Ende tauscht er sie rasch in einen einträglicheren Katholizismus ein. Was wir von ihm wünschen, ist nur, daß er um des Himmels willen nicht zum Judentum zurückkehre. Hamburg. Herr Gustav Tuch, der langjährige Vorsitzende der Henry Jones-Loge (U. O. B. B.) sowie zweiter Vorsitzender des Repräsentantentollegiums der deutsch-israelitischen Gemeinde in Hamburg, beging am 22. Dezember tu voller geistiger und körperlicher Frische seinen siebzigsten Geburtstag. Außer seiner Mitwirkung bei der Eduard Kley-Stiftung, die sich die Versorgung alter unverheirateter Lehrer und Lehrerinnen zur Aufgabe gesetzt Hat und deren Vorstand der Jubilar seit mehreren Jahren angehört, sei hier vor allen Dingen der Gründung der „Toynbcehalle" (Israelitisches Gemeinschaftsheim und Lesehalle) gedacht, die ebenso wie die übr gen gemeinnützigen Institutionen der Henry Jones- Loge der Jnttiative des Jubilars ihre Entstehung verdanken. Es sind dies der „Israelitische humanitäre Frauenverein", die „Israelitische Haushaltungsschule", Knaben- und Mädchenhorte usw.,' auch der „Hamburgische Verein für jüdische Geschichte und Literatur" zählt den Jubilar zn einem seiner eifrigsten Vorstandsmitglieder. Die Wirkung der Taufe. Der „Vorwärts" geißelt treffend die christliche Pose unserer getauften oder vorläufig noch nngetauften Juden, indem er schreibt: Herr, siehe dein Volk an! So möchte der wahre Christ oft ausrnfen, wenn er vernimmt, daß der Teil der Bevölkerung, der nicht imstande ist, für die Mosaik der Kirche mit der weggemeißelten Kamelinschrift die einzig erwünschten größeren Spenden zu geben, sich immer mehr von der Neligivn der Väter abwendet und dem glaubenslosen Umsturz huldigt. Noch blüht die zarte Blume inniger Glaubens- und Bekenntnisfreuöigkeit, und wer je am praktischen Christentum gezweifelt hat, der soll sich jetzt die Liste der deutschen Männer betrachten, die sich beim Vau der Kirche zu Grunewald durch reiche Spenden hervorgetan haben. Orgel, Kirchenfenster, Kronleuchter, Taufgerüt, Altar, Glocken, alles ist freiwillig dieser Kirche von christlicher (?) Hand gegeben worden. Unter den frommen Spendern werden jetzt offiziell genannt die Bankiers Franz und Robert Mendelssohn, der Bankier Neuburger, der Konsul Nachod und der Bankdirektor Dernburg. Ist es zuviel gesagt, wenn wir behaupten, daß aller ReligivnSfeindschaft zum Trotz das deutsche Gemüt in den hier genannten Männern sich bewährt und der christlich-germanische (!!) Geist bei ihnen in strenger Nafsenreinheit eine Pflegestatt findet! Die jüdische Bevölkerung in den süddeutschen Bundesstaaten. In Württemberg leben unter 2 086 000 Einwohnern 12 600 Juden (1,7 Prozent). Davon wohnen in Stuttgart (190 000 Einw.) 3200 Juden, in Heilbronn (40 000 Einw.) an 1000 Juden, in Cannstatt (30 000 Einw.) über 600 Inden, in Ulm einschließlich Neu-Ulm (vayr.) unter 45 000 Einwohnern an 800 Juden. Die übrigen sind auf kleine Städte und Landgemeinden verteilt. Die Verwaltung der jüd. Interessen im Königreich untersteht der „Israelitischen Oberkirchenvehöröe". Außerdem bestehen 13 Nabbinatsbezirke und das Stadtrabbinat Stuttgart. — Im Königreich Bayern leben unter einer Gesamtbevölkerung von 0 200 000 Seelen 00 000 Juden. Analog der Einteilung des Königreiches in acht Regierungsbezirke ist die Organisation der jüdischen Gemeinden anfgebaut. Außer Oberbayern mit Münchens 0000 jüdischen Einwohnern hat Miltelfranken die stärkste jüdische Bevölkerung mit 13 500 Inden,' davon haben Nürnberg (270 000 Einw.) 6700 Inden und Fürth (00 000 Einw.) 3100 Juden. Eiugeteilt ist Mittelfranken in die Distriktörabbinate Ansbach und Schwabach, das Rabbinat für Stadt und Distrikt Fürth und das Stadtrabbinat Nürnberg. Nächst Mittelfranken hat die stärkste jüdische Bevölkerung der Regie-

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