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Jüdisches Volksblatt · 1905-01-13 · 2 (13.1.1905) · page 10

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
2 (13.1.1905)
Date
1905-01-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
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JüdiscWß Volkßblatt Nr. 2 k I rtl ,!' stigen und materiellen Interessen derselben bezweckt, veranstaltete gestern in der Religionsschule der Kultusgemeinde einen Vortragsabend, für den Se. Ehrwürden Rabbiner Dr. D. Feuchtwang eine „Interpretation einiger Texte der heiligen Schrift" angekttndigt hatte. Lange vor Beginn des Vortrages rvar der geräumige Saal von der Lehrerschaft — auch eine stattliche Anzahl von Mittelschulprofessoren hatte sich eingefunden — sowie von den zahlreich erschienenen Gästen bis auf den letzten Platz gefüllt. Nach Begrüßung der Erschienenen durch den Obmann, Religionslehrer A. Rotter, wies dieser vorerst die Ziele und Tendenzen des Vereines „ESra" anseinaudersetzend, darauf hin, daß die Religionslehrer kat' exochen trotz der Ungunst der Zeiten und trotzdem es ihnen bisher leider nicht gelungen, ihre Position in materieller Hinsicht zu verbessern, dennoch den Mut nicht verlieren, vielmehr nach wie vor, unbeirrt von vorübergehenden Zcitströmungen, ihren Idealen treu bleiben sollen. Geistige Fortbildung müsse unter solchen Umständen allerdings das alleinige Stahlbad für den Religionslehrer bilden. — Redner begrüßt es ferners namens der „Esra" mit Freuden, daß gerade ans den Kreisen der Herren Mittelschulprofessoren die beherzigenswerte Anregung hervorgegangen sei, durch gelegentliche Diskussionen gemeinsame Angelegenheiten, durch eingehende Besprechung pädagogisch-didaktischer Fragen einen innigeren Kontakt in der Lehrerschaft herbeizusnhren und solcherart zur Hebuug und Förderung des vielgelästerteu Religionsunterrichtes sowie nicht minder zur Hebung des Ansehens der vielgelästerteu Religionslehrer beizutragen. iLebhastcr Beifall.- — Hierauf ergriff Herr Rabbiner Dr. D. F e u ch t m a n g, von den Anwesenden stürmisch aktlamiert, das Wort, um in rnehr als dreiviertclstünöigem Bortrage das 21. und 22. Kapitel des ersten Buches der Könige, die Geschichte voll Nabots Weinberg und die Prophezeiung Michajehus enthaltend, in geistreicher und höchst origineller Weise zu interpretieren. Indes die bescheiden angekülldigte „Interpretation" erweiterte si chalsbald zu einer lebendigen Schilderung der damaligen Zeit. Schon die klassische Uebersetzung der beiden Kapitel, die eine durchaus eigenartige Ansfassung bekundet, erregte die gespannte Ausmerksamkeit des Auditoriums. Diese steigerte sich in noch erhöhtem Maße, als der Vortragende den kulturhistorischen Hintergrund, das geistige und sittliche Milieu, wie es in den Tagen A ch a b s herrschte, in wenigen Zügen klar und anschaulich schilderte, die einzelnen dramatisch bewegten Szenen gleichsam wie aus einem Relief plastisch herausarbeiiele und in meisterhafter Weife mit einigen Pinselstrichen ein packendes Zeitgemälde vor das geistige Auge zauberte. Durch Heranziehung zahlreicher Stellen aus Talmud und Midrasch sowie deren geistreiche Deutung verftarrd es der Redner, der von ihm geschilderten Szenerie ein eigenartiges Kolorit zu verleihen und die ungeschwächte Aufmerksamkeit der Zmhörer bis zum Schlüsse zu erhalten. Langanhaltender, lebhafter Beifall lohnte die überaus anregenden Ausführungen des Vortragenden.k— Wie wir vernehmen, haben sich bereits mehrere hervorragende Gelehrte dem Verein „Esra", der zu seinem gestern erzielten Erfolge nur zn beglückwünschen ist, mit wissenschaftlichen Vortrügen bereitwilligst zur Verfügung gestellt. Wien. Bei der Donnerstag den 29. Dezember vorgenommenen Vorstandswahl des Vereines „Thvrath chesed", der sich zur Förderung des Talmudstndiums die Aufgabe gestellt hat, arme Wiener Talmudjünger, die in auswärtigen Jeschiwas studieren, zu unterstützen,wurden statutengemäß 8 Vorstandsmitglieder gewählt. Bei der Konstituierung des Vorstandes wurden designiert: Herr Isidor Frommer zum Obmann, Herr Emil Kritzler zum Obmann-Stellvertreter, Herr M. A. Fürst zum Kassier, Herr Isidor Löwy zum Schriftführer, Herr H. Kohn zum Kontrollor, die Herren Leopold Rosenbaum, H. Schiff, S. Diamant zu Ausschußmitgliedern. Töplitz. lM a i m v n i d e s - F e i e, r.) In hiesiger Gemeinde wurde der 700jährige Todestag Maimourdes' in zweifacher Weise im Gotteshanse gefeiert. Donnerstag, am 5. d. M., hielt rvie alljährlich die Ehewra Kadischa ihr feierliches Jom Kippur-Koton mit Büßpredigt. Zur Erinnerung an den großen Lehrer in Israel und dessen 700jährigen Todestag wählte unser ehrwürdiger Herr Rabbiner Professor Dr. Kurreiu den letzten der 18 Glaubensartikel über die Auferstehung der Toten zum Thema seines agadischen Vortrages, der sogenannten Derascha. Der Redner beleuchtete in allgemein verständlicher Rede die Wiederbelebung der Toten vom biblischen und talmndischen Standpunkte, gab die Maininnsche Auseinandersetzung in seinem Mtschnakommentar lSanhedrin M. 11) und in Mischne Tvra lMadda) und in seiner speziellen Abhandlung über die leibliche Auferstehung iMaamar techias hamcthimj. Diese Form der Rede, die wir nur einmal im Jahre zu hören bekommen, hatte nicht geringeren, ja mm: kanrl sagen, gerade wegen der Seltenheit noch viel mehr Beifall als die gewohnten glänzenden vratorischen Leistungen dieses Redners und zeigt, rvie richtig einst der sel. Dr. Iellinek, der kompetenteste Beurteiler, öder ihn schrieb: „Besonders preiswürdig ist die Gewanndtheit lDr. Knrreins), die Hagada oder den Midrasch zu verwerten. Das Abstruseste wird unter seiner Behandlung gefällig und gewinnend." Das sagte sich auch jeder nach Beendigung der Derascha. Freitag abends wurde vor einem zahlreich versammeltet: Publikum, unter welchem sich auch Christen befanden, die Gedenkrede gehalten. In drctviertelstttndiger Rede wurde das Leben, die wissenschaftliche, ärztliche und rabbinische Tätigkeit als Maggid der ägyptischen Juden und der edle Charakter -es weifen Rabbi vou Fostal in solcher .Klarheit und Uebersichtlichkeit dargelegt, daß die Zuhörer mit lebhaftem Interesse selbst der wissenschaftlichen Besprechung folgten. Zur Zeichnung des hohen Adels seiner Gesinnung wurden zahlreiche Belege aus seinen Briefen herangezogen, welche die rechte Stimmung hierzu gaben. Die Gedächtnisrede, die mit dem Bedauern schloß, daß iit der Gegenwart so wertig der jüdischen Weisen uird Gekehrten cs versuchen, die Ergebnisse der modernen Wissenschaft mit den Lehren des Judentums in Einklang zu bringen und Glauben und Wissen zu einen, weil dem Wissen in unserer Zeit zumeist der Glaube fehlt, machte einen liefert Eindruck auf die Zuhörer und ließ ein ehrendes Andenken für einen Großen tu Israel zurück bei vielen, die den Namen vorher kaum kannten. I. W. Olwütz. (M a i m o n i d e s - F e i e r.) Das Andenken Maimonides' wurde aitch in unserer Gemeinde dadurch gefeiert, ßda Se. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Oppenheim sowohl beim Freitagabend-Gottesdienste als auch am Sabbat-Nachurtttag beim Jugendgottcsdienste eine die Bedeuturrg und Verdienste des unsterblichen Mannes beleuchtende Predigt hielt, welcher die zahlreiche Zuhörerschaft mit besonderer Andacht lauschte. Kassel. Der in Kassel tagende, ans allen Teilen Deutschlands besuchte Kongreß des Verbandes jüdischer Lehrervereirre des Deutschen Reiches beschäftigte sich nach einem eingehenden Referat des Realschuldirektvrs Dr. Adler in Frankfurt am Main auch mit dem errvarteten Schnlunterhaltungsgesetz und nahm nach eingehender Debatte nachfolgende Leitsätze an: 1. Die allgemeine Staats schule, an der Kinder aller religiösen Bekenntnisse von Lehrern ohne Unterschied der Religion unterrichtet werden, ist auch für die deutscheu Lehrer jüdischen Glaubens die zu erstrebende Schulreform. 2. Bis zur Durchführung der allgemeinen Staatsfchule sind die jüdischen Volksschulen, die sich seit ihrer Begründung die Pflege deutscher Bildung und Gesittung und die treue Anhänglichkeit an den väterlichen Glauben zum Ziel gesetzt haben, wohlberechtigt,- ihre Erhaltung und die Errichtung neuer jüdischer Schulen muß schon im Interesse eines wohlgeordneten Religionsunterrichtes für die Kinder jüdischen Glaubens erstrebt und darf nicht von der Festsetzung einer bestimutten Schülerzähl abhängig gemacht werden. 3. Beim Aufsehen einer jüdischen Schule in eine andere (simultane oder christlich-konfessionelle) Schulform muß die Anstellung, mindestens eines Lehrers-jüdischen Glaubens) der den übrigen Mitgliedern des Lehrkörpers völlig gleichberechtigt ist und neben anderen Unterrichtsgegeuständen die Kinder jüdischen Glaubens in der Religion zu uNterwe'ksen hat, statutarisch festgelegt werden. 4. In Orten, die keine jüdische Volksschule aufweisen, haben die öffentlich-rechtlichen Träger der Schnllast für einen ordnungsgemäßen Religionsunterricht auch der Kinder jüdischen Glaubens zu sorgen. Orte, die nur eine geringe Zahl von Kindern jüdischen Glaubens answeisen, sind von Staats wegen in israelitische Religionsschulgemeinschästen znsammenzufassen,- der Lehrer einer solchen Gemeinschaft muß in der Regel einer öffentlichen Volksschule innerhalb derselben als ordentlicher Lehrer angehören. 5. Das Schnlunterhaltungsgesetz hat eine so klare Fassung zu erhalten, daß keinerlei Zweifel über die Einbeziehung auch der jüdischen Religionsgemeinschaft unter seine Bestimmungen entstehen können. Der Rabbiner im Dienste des praktisch-jüdischen Lebens. Die Amerikaner sind uns doch in vielem „über", das läßt sich einmal nicht bestreiten. Für sie sind die Bedürfnisse des praktischen Lebens in allen Fragen zunächst maßgebend. Dieser Anschauung huldigt auch das „Indischtheologische Seminar vor: Amerika" in New Avrk, indem es für das Jahr 1904—1906 einen Lehrkurs ftir praktische Philanthropie eingeführt hat, welcher für sämtliche Hörer obligat ist. Für diesen Lehrkurs wurden folgende Vorlesungen festgesetzt: 1. Die Tätigkeit der Erziehltngsvereinigullgen,' 2. Kinderschutz,- 9. Spitäler und Despellsarien r 4. Landwirtschaft und Verteilung der Juden tu kleineren Städten (Removal). 5. Förderung der Industrie und Technik unter den Juden,- 0. Alters- und Jnvalidenversorgung,- 7. Momentane Hilfeleistttna,' 8. Seelsorge bei Kranken und Sterbenden,- 0. Kolonisationswesen. Bei solcher Vorbereitung ist es dann kein Wunder, wenn die amerikanischen Rabbiner gleich vom Beginne ihrer Tätigkeit zn ihren Gemeindenntgliedern in engste Fühlung treten und wirklich Seelsorger und Berater des Volkes sind, ivas bei unseren Rabbinern nur iit den aller-seltensten Fällen der Fall ist. Neuer Distriktspräsideut. Zum Präsidenten des achten israelitischen Gemeindedistrikts in Ungarn wurde Neichstagsabgevrdneter Julius R o - s e n b e r g gewählt. In seiner Programmrede führte der neugewühlte Präsident aus, daß die ungarische Indenheit ihrer konfessionell-kulturellen und patriotisch ungarischen Pflicht nur dann entsprechen könne, wenn die begonnene autonome Organisation, welche keinen mit gesetzlicher Sanktion versehenen Abschluß erhielt, zu einem obligatorischen Organismus gestaltet wird. Einen Fehler begingen jene Regiernngsmänner, die die Frage der Jndenantonomie ungeordnet ließen und damit die Judenschaft der einzigen Waffe beraubten, die ihr vom Standpunkte ihrer kulturellen Entwicklung und einheitlichen Verschmelzung allein zu Gebote stand. Der Redner erklärte, zu wissen, daß maßgebenden Ortes die Neigung vorhanden sei, dieses Versäumnis gntzumachen. Die andere Aufgabe sei, daß im Kreise der den Verhältnissen entsprechenden Durchführung des G.-A. XX : 1848 auch die berechtigten Ansprüche der Inüenschaft Berücksichtigung finden. In pietätvollen Worten gedachte der Redner der Verdienste seines Vorgängers I. M. Deutsch und versprach, mit voller Hingebung der Sache seine Fähigkeiten zu weihen. Nach der Installation des Präsidenten wurde Dr. Felix Feldmann zum Präsiöenten- Stellvertreter gewählt. Strittige Fragen im israelitischen Gemeindeleben. Der ungarische Minister für Kultus und Nnterricht erließ in Angelegenheit der Entscheidung von im Leben öre israelitischen Neligionsgemeinden auftanchen-en strittigen Fragen eine Verordnung folgenden Inhaltes: „Im Leben der Religionsgemeinöen zwischen Israeliten auftauchende und — wenn sich die Parteien dem im israelitischen Kongreß- oder Orthoöoxen-Organisationsstatnt vorgeschriebenen Schiedsg'.richte nicht unterwerfen wollen — dem administrativen Verfahren zugehörige strittige Angelegenheiten sind in den Komitatsmunizipien in erster Instanz durch den Oberstuhlrichter sin Städten mit geordnetem Magistrat durch die Bürgermeister), in zweiter Instanz durch den Verwaltungsausschutz zu entscheiden. Die an mich (den Minister) zu richtende Appellation, beziehungsweise Bitte um Ueberprüfung ist in Evidenz zn halten. Bezüglich der Hauptstadt — beziehungsweise der Städte mtt Munizipalrccht — befinden sich die Verfügungen der in Rede stehenden Verordnung in Uebereinstimnmng mit dem Paragraph 1 G.-A. XX : 1901, daher für neuere Verfügungen Keine Notwendigkeit besteht." Neujuden in Rußland. Bekanntlich gibt es in Rußland zahlreiche jndaisierende christliche Sekten, die trotz der Unterdrückung seitens der offiziellen russischen Orthodoxie sich von Jahr zu Jahr ausbreiten,- weniger bekannt dürfte aber sein, daß in den letzten Jahren tausende von russischen Bauerrt wirklich zum Judentum übergetreten sind; wie das offizielle Organ der Missionsabteilung des russischen Heiliger: Synod mitteilt, finden sie sich besonders zahlreich imGonvernement Astrachan. Sie fühlen sich in Rußland im Golns und erwarten den Messias, der in Palästina ein großes Weltreich errichten wird. Viele warten aber nicht hieraus, sondern wandern schon jetzt aus, um sich in Kleinasien und Palästina als Ackerbauer anzusiedelu. In den jüdischen Kolonien in Palästina finden sich schon zahlreiche dieser „Gerim", so in Sedjera und Veth-Dagon, wo ein Drittel der Bevölkerung aus solchen Nenjuden besteht, die sogar schon hebräisch als Umgangssprache sprechen sollen. Berlin. Bei der an: 28. v. M. stattgefundenen Generalversammlung der „Bereilligung traditionell gesetzestreuer Rabbiner" waren 49 Mitglieder erschienen. Den Vorsitz führte Dr. Kvhn- Ansbach. Von den wichtigeren Beratnugsgegenstünden seien hervorgehoben: „Die religiöswissenschaftliche Fortbildung, mit besonderer Berücksichtigung des Jugendunterrichtes", Referent Dr. G. L a n g e, Realsthnldirektor in Frankfurt a. M.,' ferner „Tvanervvrschristen nach erfolgter Feuerbestattung", Referent Rektor Dr. Hoffman::-Berlin, und „Ueber daö Verhalten der Schächter gegenüber den aus der Veterinärkunde sich ergebenden Maßnahmen", Referent Distriktsrabbiner Dr. K oh n - AnÄbach. Der ungarische isr. Handwerks- und Ackerbanverein in Budapest vera::staltete Sonntag abends in: Jngendbetsaale (Sip-neza 12) sein Chanttkasest. Die Festrede hielt Religionslehrer Abraham Stern. Hierauf begrüßte Hofrat Armin Reumann den Arbeiter der Schlickschen Fabrik, Heinrich Fischer, der vor 26 Jahren ein Zögling des Vereins war. Aus der Pollackschen Stiftung wurden unter drei junge Meister und zwölf frei.- gesprvchene Lehrlinge 3600 Kronen teils in Sparkassenbüchern, teils in Gestalt von silbernen Uhren verteilt. Nach den: Vortrag eines Gelegenheitsgedichtes schloß Vorsitzender mtt Dankesworten an das Damenkomitee das Fest.

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