Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Synagoge, Schule und Haus. VeUagr px Nr. 2 drs „Jüdisches Volksblalt". Aus der Wiener Kultusstube. Sonntag den 6. d. M. fand die k o nst i t u i e r e n d e S i tz u n g des neuergänzten Kultusvorstandcs statt. Der Beginn war auf 10 Uhr angesetzt und wirklich trat pünktlich zur Minute als e r st e r und einziger Architekt Oskar M armorek ein. Er verriet sich dadurch als Neuling, dem noch nicht! bewußt ist, daß man's in der Seitmstetteng.isse mit der Erfüllung gemachter Zusagen nicht so genau nimmt. Ganz allmählich kommen die anderen Kollegen und es bilden sich traulich plaudernde Gruppen. Dort besprechen die Heren Architekten und Bauräte die Adaptierung, des Leopoldstädter Tempels, hier schwärmt Salo Cohn von den Eindrücken seiner jüngsten Amerikafahrt, in verschwiegenen Nischen hinwieder schlängelt sich Dr.Bloch an die Kultusräte heran und macht! für die originellen Vorträge seines Schwiegersohnes Tr. G r u n w a l d Reklame, und der neugewählte Dr. S ch n a b l, offenbar ein gründlicher Man, geht im Schmucke seiner schwarzen Mähne den langen Tisch entlang, die durch Tradition geheiligte Sitzordnung zu studieren. Gleich den Journalisten gähnen von den Wänden her die ihres Bilderschmuckes beraubten Goldrahmen, welche auf Täfelchen die Namen vergangener Kultusgrößen tragen. Ein Diener verrät, daß eben von diesen Gemälden Kopien hcrgestellt werden, um jene im Falle der Vernichtung durch einen Brand zu ersetzen. Hochlöbliche Vorsicht! Wenn man nur auch gegen die V e r n i ch t u n g der Nachkommenschaft jener K u l t u s g r ö ß e n durch d i e l e i d i g e T a u f e sich versichern könnte! Doch N u h e, eben hat Herr Kultuspräsident Dr. Alfred Stern, es ist pünktlich eine Stunde Verspätung, geklingelt, ein jeder nimmt seinen Stuhl ein und da stürmt auch der adelige Kewaltsrat Theodor Ritter v. Taufsig als letzter zur Türe herein und plaziert sich links oben in der Millionenecke neben seinen Dtan- 'desgenossen, den kaiserlichen Räten Hirsch und Lieben, neben Auspitz und Kuffner. Am unteren Ende des langen Beratungstisches fitzt dem Dr. Stern Wade gegenüber sein Schmerzenskind kaiserlicher Rat Wilhelm P o ll a k und in dessen nächster Nähe die anderen unbotmäßigen Elemente E l t b o g e m, K a ud e r s und Dr. Markus Spitzer, dem Architekten Marmorek hat man seinen Platz zwischen den Fachgenossen S t i a ß n y und G o l d s ch m i d t einerseits und Dr. Adolf S t! e i n andrerseits angewiesen. Dr. Stern führt etwa folgendes aus: Ich begrüße die Wiedergewonnenen und die Neugewählten, die sich gewiß mit gleicher Arbeitslust unseren umfangreichen und bedeutsamen Aufgaben widmen werden. In der letzten Wahlerversammlung sind viele Wünsche nach Ae n d e r u n g der Geschäftsgebarung und sohin! der Statut'en laut geworden: „Ich glaube nicht, daß wir uns d a m i t beschäftigen sollen, sondern daß w i r a u ch i n n e r h> a l b d e s S t a t u t e s gut arbeiten können." (Ei, ei, wird also auch die im offiziellen Wahlprogramm feierlich verbürgte Statutenänderung, die uns endlich den Zehnkronen-Wahlzensus bringen soll, wieder wegeskamotievt werden?!) Eine unserer Hauptaufgaben war, das Gleichgewicht im Budget herzustellen und beim ordentlichen Budget ist uns das gelungen. Das Defizit von 44.000 K. nach dem Voranschlag für 1906 braucht uns nicht zu schrecken, da dank der vorsichtigen Budgetierung erfahrungsgemäß das Defizit in der Schlußabrechnung verschwindet. Schlechter steht es um die außerordentlichen unaufhörlich steigenden Erfordernisse. „Mit Statutenänderungen und E xe g e s edarüber können w i r eine Kult us g em einde nicht dirigieren." Da gibts andere wesentliche Aufgaben. Vor allem die Mikwahfrage, die so oder so gelöst werden muß, dann die F r i e >d h o f s f r a g e, denn unser Belegraum am Jentralfriedhof geht zu Ende und auch für die durch Sperrung des Währinger Friedhofes betroffenen westlichen Bezirke muß gesorgt sein; drittens müssen wir uns zu dem Verlangen der Bethausvereine nach neuen Rabbinern stellen. Wir haben 16 Gemeinderabbiner. Ich glaube mit vielen Vorstehern, damit sei des Guten schon zuviel getan. Viertens müssen wir zwischen den vielfach widerstrebenden Anforderungen der B c thausvereine und der Bezirkskomm i f s i o n e n den goldenen Mittelweg ausfindig machen. Fünftens muß, da wir keine philanthropische Gesellschaft sind, die W o h lt ät> i g k ei ts p f l e g e sich in den Grenzen des Statuts „nach Maßgabe der vorhandenen Mittel" halten; im übrigen genügt es, wenn die Kultusgemeinde „anregt". Wir brauchen unser Geld für eine aus mehreren Bezirken dringend urgierte Aufgabe: Die Schaffung würdiger, wenn cnuh nicht prunkvoller „B e tst ä t t e n" und für den Bau eines r e prüfe n t a t i v e n T e m p c l s in der Inner e n Stadt, „wo es die meisten Juden (wieso?) und die größten Einnahmen gibt". (Ah so!) Auch ein neues Amtshaus brauchen wir, da das jetzige unwürdig ist und die Amtierung beengt. Wenn auch Vergangenheit und Bestrebungen der Kultusvorsteher auseinandergehen, angesichts der drohenden Gefahr, die nicht mehr bloß gegen unser Erwerbsleben, sondern direkt gegen die jüdische Religion, die Schechita und den Religionsunterricht sich kehrt, müssen vnr Zusammenhalten, denn: „Wir alle sind die Kinder eines Mannes!" Nachdem Dr. Schnabl seitens der neugewählten Kollegen für die Bewillkommnung gedankt, verliest Dr. Stern nachstehende statistische Daten für das Jahr 1904: Es gab 16.656 Einläufe, nicht inbegriffen tausende kurzerhand erledigte, Unterstützungsgesuche, von den E i n n a h m e n überstiegen die Kultussteuer samt Jrnmatrikulationsbeitrag mit 1,170.000 K. das Präliminare um 20.000 K., die Boerdigungsgebühren mit 243.000 K. um 40.000 K., die Friedhofstaxen mit 281.000 K. um 88.000 K., hingegen blieben die Posten „Betsitze in Gemeindetempeln" mit 97.000 K. um 4700 K. und die Trauungstaxen mit 46.000 K. um 1600 K. infolge der Konkurrenz seitens der Vethausvcheine hinter. dem Präliminare zurück. Es gab 874 Eheschließungen (wovon 627 in Gemcindetempeln, 327 in Vereinsbethäusern), weiters 108 Zivilehen (!), 18 Scheidungen, 104 Trennungen, 2927 G ebürten (wovon 364, gleich 12 Prozent, uneheliche, jedoch die Kinder aus bloßrituellen Ehen mitgezählt), 1969 Todesfälle, 670 Aus- (!) und 147 Eintritte. Unter den hierauf verlesenen Spenden ragt eine Bettstiftung von 12.000 K. hervor, die Kultusvorsteher Kau d e r s anläßlich seiner heute gefeierten silbernen Hochzeit gestiftet hat. Dr. Stern gratuliert dem Jubilar, der herzlich dankt. Nun folgen die N e u w a h l e it. Dr. Gustav K o h n wird mit 26 von 28 Stimmen zum 1. Vizepräsiden ten wiedergcwählt. In seinem Dankwort verweist er anstatt auf ein Programm darauf, daß er schon 20 Jahre im Vorstand, 17 Jahre im Vertreterkollogium und 3 Jahre im Präsidium wirke. Der kaiserl. Rat Moritz Hirsch wird mit 27 von 28 Stimmen zum 2. V i z e p r ä s id e n t e n wiedergewählt. Einige Aufregung verursacht nun die Wahl der acht Vertreter, bezw. die Besetzung jener einen, durch das Avancement Hirsch' freigewordenen Stelle. Als Bewerber stehen einander Wilhelm v. Kn f f n e r und Salo Cohn gegenüber, beide schwere Juden. Doch von oben poussierte man K u s f n e r, wohl weil er von der Kurie der Hüherbesteuerten, vom „Großgrundbesitz", entsandt ist und weil er durch die erst vor ein Paar Jahren erfolgte Taufe seiner Tochter einen feudalen Sinn bewährt hat, der dem Cohn mit seinen noch immer jüdischen Kindern abgeht. Die bewußten unbotmäßigen Elemente allerdings hielten es wieder für unlogisch, daß man den Gremialvorsteher Leopold P o l l c ck wogen der Taufe seines Sohnes aus dem Kultusvorstand hinausgeworfen habe und nun den v. K u f f n e r weger der Taufe seiner Tochter gar noch ins Vertreterkolleg hinaufbefördere. Vergebens suchte auch Ritter Theodor jene Starrköpfe umzustimmen. Es wurden schließlich zu Vertretlern wiedergewählt: Katzau mit 27, Baurat S t i a ß n y, v. T a u s s i g mit je 26, Oberfinanzrat Rappaport, Dr. Steiner mit je 26, Dr. Berger mit 21 und Baurat v. G o l d s ch m i d t mit 19 Stimmen und neugewählt der liebe v. Kuffner mit 19 Stimmen. Wie sagt nur Punkt 2 des offiziellen Programmes der letzten Kultuswahlen?! „Wir verlangen und gewärtigen von allen jenen Männern, welche durch das Vertrauen ihrer Brüder als deren Führer und Anwälte an die Spitze unserer ehrwürdigen Gemeinde . . . gestellt sind daß sie . . . das a l l m ä hl i ch schwindende jüdische Solid a r i t ä t sg e f ü h l m i >t> a n e i f e r ndem Beispiele wecken und durch Bekennen un!d Betätigung ihres jüdischen! Gemeingefühles die nur allzu dringend erforderliche Widerstandskraft unserer von außen vielfach bedrohten Gemeinschaft stärken und fördern." Bravo dem Papier, daß es so geduldig ist! In der Minderheit blieben Salo Cohn mit 12, Dr. Spitzer mit 6, Weil mit 3, Dr. S t e i n mit 2 Stimmen, A u s p i tz, K u r a n d a und Marmorek mit je einer Stimme. Sodann wurden die Vorschläge des Präsidiums bezüglich Einreihung der Vorsteher in die einzelnen Kommissionen angenommen. Architekt M a r m o r e k sitzt im M i kw a h-, im T e m p e l b a u- und im B a u - k o m i t <e e. Auch die vorgeschlagenen 102 Vertrauensmänner zur Komplettierung der Bezirks-, bezw. Schätzungskommissionen wurden wunschgemäß ernannt, darunter die Heren Samuel M e i s e l s und Nationalfondskommissär Johann K r e m e n e z k y. Hierauf begann die eigentliche Arbeit — unter Ausschluß der O e f f e n t l i ch k e i t Michel. Vermischte Nachrichten. Israelitische Kultusgemeinde Wien. Donnerstag den 19. Jänner 1905, präzise halb 8 Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architektenvereines, 1. Bez., Eschenbachgasse 8, ein Vortrag des Herrn Dr. Max Grunwalö statt. Thema: „Aus Prozeßakten des Mittelalters". Mit Vorführung von Lichtbildern. Eintritt frei ohne Karten. Türkisch-israelitische Knltusgemeinde Wien. Am 26. v. M. fanden in der hiesigen türkischisraelitischen Knltusgemeinde die Ergänzungswahlen in den Vorstand statt. Es'erscheinen gewählt zum Präsidenten Herr Markus M. Nusso, zum Beirat Herr Moses de Majo (neu). Wien. (Hebräische Sprachkurs e.) Durch das Entgegenkommen des Herrn Dr. Levp. Kahn als Obmann des Hebr. Sprach-vereines ist es dem Vereine zivn. Hochschüler „Theodor Herzl" in Wien gelungen, einen großangelogteu hebr. Elementarsprachkurs unter der Leitung des Herrn Schriftstellers M. Berkow i e z zu eröffnen. Der erste Unterricht, bei dem eventuell die endgültige Stundeneinteilung festgesetzt wird, findet Sonntag, den 16. d. M., von 10—12 Uhr vormittags statt. Einschreibungen im Lokal des „Theodor Herzl" (2. Bez., Förstergasse 8) jeden Abend nach halb 8 Uhr. Wien. („Esra", Verein der wirklichen ReligionsleHrer der Wiener Knltnsge m e i n d e.) Der Verein „Esra", der zu seinen Mitgliedern nur jene männlichen Lehrpersonen zählt, welche den Religionsunterricht zu ihrem ausschließlichen Berufe gewählt haben, und in erster Linie die Hebung der gei-