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Jüdisches Volksblatt · 1905-01-13 · 2 (13.1.1905) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
2 (13.1.1905)
Date
1905-01-13
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2 Jüdisches Volksblatt Seite 5 KorresMdenzen. Die nationale Autonomie in Mähren. Die jüd.-akad. Feriolverbmdung „M a sfada" veranstaltete am 1. Jänner in Preran eine Makkabäerfeier, welche sich zahlreichen Zuspruches erfreute. Nach der Begrüßung durch den Präses der Verbindung Herrn Phil. Oskar Donath ergriff Herr Dr. K a d i s ch aus Wien das Wort zur Tendenzrede und erntete durch seine fesselnden Ausführungen reichl i ch e n B e i f a l l. Der inoffizielle Teil, um den sich die Damen Frl. Nelly und Grete Beer, Frl. Olga May >e r und die Herren L e h r, ing. Weiß, jur. A. Donath und V. H o r n e r verdient! machten, als auch das darauf folgende Tanzkränzchen verliefen sehr animiert. Die Ausführungen des Herrn Dr. Kadis ch waren dahin gerichtet, anknüpfend an die Makkabäerfeier die modern e I u d e n f r a g e vom sozialen und u a - tionalen Standpunkte zu beleuchten: Wir feiern das Andenken der Makkabäer und stehen selbst im Kampfe gegen jene Schar, tvelchc der «Natur ihre Lebenslüge aufzudrängen sucht: die Assimilation des jüdischen Volkes. Nicht nur denn jüdischen Volke hat sie geschadet, sie hat auch nichts zur kulturellen Entwicklung der Menschheit überhaupt beigetragen, der Verständigung aber des jüdischen Volkes mit den anderen Nationen war sie ein H i n d e r n i s, nicht Vorraussetzung. Unsere Aufgabe, Aufgabe des bewußten Judentums ist es, an dem Fortschritte unseres Volkes in spezifisch-jüdischer, kultureller Hinsicht zu arbeiten, was jedoch andrerseits nicht hindert, mit dem Fortschritte aller anderen Völker auf sozialem und kulturellem Gebiete gleichen Schritt zu halten, ja an ihm zu partizipieren und ihn durch organischen Zusammenhang mit dem des jüdischen Volkes verschmelzen zu lassen. Und gerade i n M ä h r e n, wo der nationale Kampf einer Beendigung im Sinne der nationalen Autonomie zudrängt, ist es für das jüdische Volk ein Gebot, der Notwendigkeit, unbeschadet des Bestrebens nach Erwerbung einer H e i m st ä t t e für unsere heimatlosen Brüder im Osten, auch feiner eigenen jüdischen nationalen Individualität zur Anerkennung zu verhelfen. Als .Konsequenz unserer modernen nationalen Anschauung folgt unser soziales Glaubensbekenntnis. Und wie einst unser ehemaliges Staatswesen auf sozialer Basis aufgebaut war, was der Führer der deutschen Bodenreformer Adolf Domas ch k e in seinem Artikel „Die Bodenreform in Israel" so treffend auseinandergesetzt hat, so wollen wir auch für alle Zukunft der Fahne des sozialen FortschritteStreu bleiben, genall so, wie es Franz Oppenheimer auf dem Baseler Kongreß ausführte. O. H. * * * Samstag den 7. ds. veranstaltete der Proßnitzer rührige Einzelverein „Z i o n" einen Diskussionsabend, bei dem Herr Dr. Kadis ch - Men über das Thema: „Die Nationalitätenfrage und die Juden Oesterreichs" in äußerst fesselnder Weise sprach. Derselbe beleuchtete in kurzen Unlrissen die staatsrechtlich-nationalen Kämpfe ill der Monarchie seit 1867 und die fehlerhafte Politik der assimilatorischem Juden, insbesondere gegenüber den seinerzeitigen Bestrebliilgeil Adolf Fisch h o f s. Die Monarchie steht vor einer Neugestaltung. Minister- Wechsel und Parlamentsauflösungen oder Aenderling der Geschäftsordnung sind nicht imstande, die Gesundung des Staatswesens herbeizuführen, sondern nur eine Revision der Reichsverfassung im Sinne der nationalen A ll t o n o m i e. Der Referent erläutert nun eingehend das Wesen der nationalen Autonomie, bespricht die diesbezüglichen Bestrebungen der R e a l i st e n, der verschiedenen ruthenischen und südslawischen Gruppen und fordert, daß and); die I it d e n, besonders in Mähre n, wo die deutsch-tschechische Ausgleichsaktion im Zuge ist, ihre j ü d i s ch - Nation a l e Individualität auf Grund der nationalen A ll t o n o m i e geltend machen. Auf die mit großem Beifall begleitete Rede folgten mehrere Interpellationen von Seite der Herren Dr. Zweig, Löw, Löwi llstv., die der Referent glänzend und alle von neuem begeisternd beantwortete. Schließlich beantragte der Herr Referent folgende Resolution, die einstimmig angenommen wurde: „Die heute im Saale Kroutil versammelte jüdische Bevölkerung von P r o ß n i tz spricht die feste Ueberzeugung alls, daß die volksbewußten Juden Oesterreichs sich vom Nationalitätenhader fernzuhalten, dagegen mit aller Energie vom jüdischnationalen Standpunkt aus für die n a t i o n a l e Autonomie aller Völker der Monarchie und speziell des jüdischen Volkes als Vorbedingung der Beendigung des.Nationalitätenstreites und der Gesundung unseres Vaterlandes Oesterreich einzutreten haben." Mähnsch-Ostrauer Brief. (Original-Korrespondenz des „Jüdischen Volksblatt".) Ich habe des öfteren in zahlreicheil Artikeln in diesem und gesinnungsgenössisch verwandten Blättern darauf hingewiesen, daß die Judenfrage in Mähren keineswegs nur unter Berücksichtigung deutscher Partleistandpunkte erörtert werden soll, sondern daß vielmehr auch der andere Teil gehört werden muß, die tschechische Stimme lmd ihre publizistischeil Organe. Seit ungefähr zwei Jahren — d. i. seit der Gründling von spezifisch jüdischen Vereinen in Mähren — sahen die Tschechen ein, daß wir ein gewaltiger Faktor im politischen Organismus dieses Kvonlandes sind. Mehr denn je beschäftigen sich diese Zeitungen mit der Judcnfrage als solcher und mit dem Gegenwartsprogramm der Juden. Die in Bälde in Aussicht stehenden Gememdewahlen in Mährisch- Ostrau, diesem ungeheuren Jndustriebezirk der Monarchie und Wctterwinkel der politischen Piateien, gaben der Redaktion des „Ostravsky Dennik" („Ostrauer Tagblatt") Gelegenheit, sich mit der Psychologie der hiesigen Juden unter steter Berücksichtigung allmährischer Verhältnisse in einem Leitartikel zu beschäftigen. Manches wahre Wort ist hier geschrieben worden. Und wenn, auch die Drohung am Schlüsse lächerlich naiv erscheint, so will ich trotzdem die Verdeutschung den Lesern dieser Blätter nicht vorenthalten, in der sicheren Hoffnung, einen kleinen Beitrag zur Klärung der Stellungnahme der nordmährischen Tschechen zu uns Nationaljuden geliefert zu haben. Der „Ostr. Dennik" hat das Wort: „Wie in ganz Mähren, so sind auch die Ostraucr Juden im deutschen Lager zu finden. Wenn wir die Volkszählbogen durchsehen, so erkennen wir, daß diejenigen Juden, die sich nicht zu dcil Deutschen gesellen, wahrhaft weiße Raben sind.; Daß sich die Juden zu der „allgemeinen Umgangssprache" bkennnen, ist zu entschuldigen. Wir haben es nicht nötig, daß diese fremde Rasse unsere Bevölkerungszahl zu vermehren hilft. Das müssen die Deutschen tun, die ohne die Juden und tschechischen Renegateil mir eine Handvoll wären inmitten von hunderttausend Bewohnern des Ostrauer Bezirkes. Wir wolleil es geradezu nicht, daß sie Tschechen sind. Dies können sie auch nicht sein, ebensowenig wie sie als Deutsche gelten können. Sie sind eine Nation — und können d e sh a l b n i ch t A ll g e h ö r i g e a n> d e r e r «Nation e n sein. Wenn sie sich aber als Deutsche bekennen,^ so sündig e n sie g eg eil i h re eige ll e N a t i o n. Alleill die Ostrauer Judell stehen nicht nur auf Seite unserer deutschen Gegner, sie stehen ganz offenkundig im Dienste der germanischen Hegemonie. Bei den Wahlen gehen sie einig gegen uns, ihre Vertreter ill der Ratsstube zeichneil sich durch tschechenfeindliche Tendenzen aus, ihre Kapitalisten germanisieren aufs fanatischeste. Daß die tschechische Mehrheit in Ostrau unterdrückt! wird, ist das traurige Verdienst der Judenheit. Bei allen Wahlen sehen wir die jüdische Anbiederung an die Deutschen. Für sie agitieren sie aufs eifrigste, damit die tschechische Mehrheit unmöglich gemacht werde. Nur den Judell alleill verdanken die Deutschen ihre „Siege". — In der Ratsstube sind die jüdischen Gieineinderäte unsere größten Gegner. Herr Professor S ch w a r z ist ein größerer Tschechenfresser als Herr Dr. R i ch t e r. In den Witkowitzer Eisenwerkenwird ein großer Druck bei Einschreibung der Slhulkiilder tschechischer Zunge allsgeübt. Die mächtigen und rcicheil Juden germanisieren aus purem Uebermut. Die „kleine il" I u d e n a u s Z w an g. Zu den inächtigeil zählen wir die Gewerke. Ihr Einfluß bei den Schülciuschreibungen läßt sich bloß durch Aufklärung der tschechischeil Familien und Arbeiterorganisationen brechen. Die „kleinen" Juden silld das eigentliche Siegesheer der delltschen Mehrheit. Infolge ihrer Zahl sind sie bei d e u W a hl e n ein wichtiger Faktor. Obwohl sie an den deutschen Dingen kein Interesse haben, wühlen sie dennoch stets gegen uns. Ihre iln Dienste der Deutschnatiionalen stehenden Vertrauensmänner zwingen sie dazu. Diese armen Juden sind in ihrer Mehrheit kleine Krämer und wünschen eine wahrhafte Volkswirtschaft in der Gemeinde, aber keineswegs eine Gewerkenwirtschaft. Alls diese Juden könnten wir mit Erfolg bauen, damit sie — wenn schon nicht nlit uns wählen, da ja unser Programm ein allgemein wirtschaftliches ist — doch nicht gegen u n s wähle n . Jetzt, vor den Wahlen, ist diese Frage akut. Schade, daß wir einen Nationalrat iloch nicht aufgestellt haben, der sich mit diesen Dingen eingehend beschäftigen könnte. Wir sind uns vollauf bewußt, daß es in Ostrau nicht nötig ist, die tschechenseindliche Stellung der Juden zu brechen. Wir werden darnach trachten, d a ß. d i e Beziehungen zu d e it Juden s i ch ändern. Wenn aber alle Apelle an die Juden, an ihre Neutral! t ä t in politischen Kämpfen und an. ihre Gerechtigkeit gegen uns vergebens sein sollten, dann werden sich bei uns j u d e n f e i n d l i ch e Exzesse a bspielen. Anders könen wir nicht handeln!. Druck erzeugt Gegendruck!" So das fortschrittliche Blatt. Ich habe . eingangs gesagt, daß diese Drohung nur Kindern oder Toren! inrponieren könne, uns aber keineswegs. Trotz alledem liegt in dem obigen Leitartikel manche Wahrheit. Dies ist nicht zu leugnen. Die deutschliberalen Juden haben sicherlich manche Sünde auf dem Gewissen, aber wir wollen die Redaktion des „O. D." darail erinnern, daß er bis vor kurzem ganz in antisemitischem Fahrwasser ruderte, lind selbst eine Konfiskation nicht scheute, wenn es galt, ein antisemitisches Feuilleton gegen die Juden loszulassen. Erst vor den Wählen — genau so wie die Den t. s ch - Fortschrittlichen zu winken lind zu drohen — d a s ist die wahre Liebe nicht. Our vivra verra! M a x N a ch er . Ans der zionistischen Bewegung. Zur Konferenz -es großen A.-C. Ueber den letzten Tag -er Konferenz enthält -as offizielle Kommunttat folgende Mitteilung: III -er Freitagsitzung wurden -ie Beschlüsse -es DreizehneranAschnsses, öie sich ans die Jnangurierung der praktischen Arbeiten in Palästina und der Einrichtung der Kischenewer Waisenischule, über welche Dr. Soskin im Aufträge der Palästinakvmmffsio» Vortrag erstattet hatte, bezogen/ zur Kenntnis genommen. In der Nachmittagssitznllg war die Legalisierung des Nationalsonds zur Diskussion gestellt. Bekanntlich hatte die Jahreskonferenz einen Statu tenentwnrf fertiggestellt und das engere A.-C. beauftragt, Schritte zur Legalisierung dieses Statuts zu unternchmen. Das engere A.-C. berichtet nun über seine diesbezüglichen Arbeiten. Nach den eingeholten Gutachten englischer Rechtsanwälte sei es möglich, derr Nationalsonds als eigene Gesellschaft zu rvustituieren oder ihll durch einen Vertrag — Trust Deed — ullter die Verwaltung des Jewish Colonial Trust resp. seines Anfsichtsrates zll stellen. Gründe der Zweckmäßigkeit sprächen für letzteren Vorschlag. All dieses Referat des engeren A.-C., das von Herrn Dr. Kokesch erstattet wurde, knüpfte sich eine längere Debatte, die mit Annahme des Antrages schloß: Es sei dem engeren A.-C., das einen oder zwei zionistische Rechtsanwälte nach Lolldvll zu delegierelr habe, zn überlassen, die endgültigen Schritte zur Legalisierung des N.-F. in England zu unternehmen. Ferner würde beschlossen, bei diesem Anlasse auch die Aeuderung des Paragraphen des Memorandums des Jewish Colonial Trust, die Frage deS Verfalles der Diwidendeneoupvns, die Frage des Wahlrechtes der Besitzer von Jnhabershares und das Verhältnis der Inhaber von Gründershares zllm Allssichtsrate selbst zu prüfen.

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