Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1905-01-13 · 2 (13.1.1905) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
2 (13.1.1905)
Date
1905-01-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2432763-2433077-2433079--2752-2436649
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdisches Volksblatt Nr. Z Seite 4 wl lcher wir unsere Rechte auf Palästina kund taten, die klar vorgezeichneten Wege, der Zauber und die kolossale Energie des Kongreßorganisators Wunder. Das Volk erwachte Witt schlafe. Ueberall, wohin nur die Nachricht vom Kongresse drang, wurden Vereine organisiert, flauunende Reden gehalten, Geld gesammelt. In beschleunigtem Tempo ging die Arbeit von einem Kongresse bis zum anderen. Die Organisation erstarkte, die Bank entstand, die Schaffung des Nationalfonds wurde in Angriff genommen. Zudem kamen noch die äußeren Erscheinungen der diplomatischen Tätigkeit. Audienzen bei Monarchen, Ministern u-sw. Alles schien das Wachsen und die Kräftigung der Bewegung zu versprechen. Diejenigen aber, die nahe am Ruder der Bewegung standen und die mit der tatsächlichen Lage der Dinge vertraut waren, bemerkten auch bald denselben Grundfehler, den sie in den ersten zwei Perioden des Zionismus gesehen hatten. Nämlich: einseitige Richtung, die Konzentrierung aller Kräfte der Organisation ausschließlich auf einen Punkt des Programmes — auf die Beseitigung der äußeren Ursachen, auf die Diplomatie und auf die formell-rechtliche Seite der Organisation. Alle anderen Arbeiten wurden ignoriert, sie waren sogar verpönt. Der erste Punkt des Baseler Programmes, die ökonomische und kulturelle Eroberung Palästinas, wurde als Stiefkind betrachtet. Die Worte „Kleinkolonisation", „Chowewei-Zion" waren das Synonym für alles Kleinliche, Nichtssagende, Sinnlose. Den von den Kongressen gewählten Kolonisationskommissionen wurde kein Pfennig zur Verfügung gestellt, run wenigstens etwas unternehmen zu können. Für die Häupter der Bewegung blieben Palästina und seine gegenwärtige Lage nach sechsjähriger Arbeit ebenso unbekannt und fremd wie vor dem ersten Kongresse. In einer nicht besseren Lage befand sich auch die geistignationale Tätigkeit, das jüdische Kuliurproblem. Dies wurde das enfant terrjble der Kongresse, bis es auf dem sechsten Kongresse endlich abgetan wurde. Als Illustration kann darauf hingewiesen werden, welche geringen Fortschritte in Erlernung der hebräischen Sprache, diesem untrennbaren Faktor der nationalen Wiedergeburt, in den lebten sieben Jahren erzielt sind. ’ Eine solche Richtung der Tätigkeit konnte nicht zu guten Resultaten führen. Einerseits hing die ganze Bewegung von den diplomatischen Erfolgen des gegebenen Augenblickes ab, andrerseits lechzten all die zahlreichen Mitglieder der Organisation, welche ihren ^-'"'brern blind folgten, nach lebendiger praktischer Arbeit, wahrend eine solche nicht vorhanden war. Denn mit Diplomatie konnten sich nur die Allserwählten oder richtiger, der Auserwählte befassen. Die Fühlung mit dem Lande der Wiedergeburt, eine lebendige Arbeit dortselbst, die.Hinleitung frischer Kräfte betrachtete inan als Ketzerei. Mit Kulturarbeit befaßte üch die ungeheure Mehrheit aus parteitaktischen Gründen ebeilfalls nicht. Was blieb also übrig? Geldsammeln und zum hundertsten Male eine und dieselbe Rede halten. Die Rufe: „Arbeit, gebt uns Arbeit!" ließen sich immer öfter vernehmen und als Antwort -darauf wurde auf dein vierten Kongresse anstatt einer wirklichen zionistischen, gerade zum Ziele führenden Arbeit das Slirrogat „Gegenwartsprogramm" vorgeschlagen. Es bildeten sich Produktiv- und Sparkasscngenossenschaften, Wohltätigkeitsgesellschaften, es wurde für Hungernde, für Ausgeplünderte, Abbrändler gesammelt. Die Zionisten begannen überall einzudringeu, sogar in die freiwillige Feuerwehrgesellschaft. Es verstrich jedoch nur eine kurze Spanne Zeit, und diese Begeisterung legte sich. Alle fühlten, obwohl es auch nicht alle begriffen, daß dies alles doch noch nicht das richtige sei. Daß diese Arbeit weder beit Anforderungen des Endzieles entspricht, noch, was noch trauriger ist, die Interessen des Momentes befriedigt. Es wurde klar, daß alle obengenannten Arbeiten nichts weiter sind, als das Stoßen von Wasser in einem Mörser, da der offizielle Zi-> nismus, auf den legalen Beziehungenzu allen Negierungen basierend, sich umnöglich mit der radikalen Umänderung des ganzen jüdischen Volkslebens in den Ländern des jetzigen Aufenthaltes beschäftigen kann. Und tatsächlich wachsen die fürchterliche ökonomische Verarmung, die Massenflucht, und Emigration, die Feuersbrünste und „Programme" täglich an. lind wieder hörten wir immer lauter und lauter den Ruf nach lebendiger Arbeit. Und dazu kam dann noch ein Faktor. Unsere Diplomatie stand plötzlich in einem ungünstigen Augenblicke vor einer steinernen Wand. Was geschah also? Der siebenjährige, ausschließlich diplomatische Weg mußte, wenn auch nur zeitweilig, unterbrochen werden. Die zahlreichen Mitglieder der Organisation forderten Arbeit und dieselbe war im Zionismus nicht vorhanden. Der Boden fing an unter den Füßen zu schwinden. Die Bewegung mußte gerettet werden und der. allergefährlichste Schritt während des 26jährigen Bestehens derselben wurde gemacht, es wurde vorgcschlagen, einstweilen Uganda zu kolonisieren. Die Kopfe wurden verdunkelt, eine schreckliche Spaltung entstand, es begann ein Bruderkrieg, jegliche normale Arbeit hörte auf, und nun als^ Resultat: die vollständige Krisis in unserer Bewegung. So wie Faust, der den bösen Geist anrief, nachher mit demselben nicht mehr ferug werden konnte, so hat auch der Heraufbeschwörer des „Nachtasyls" verschiedene territoriale Theorien mit ihrer rohen, zynischen BeschimpstmgPalästinas und alles dessen, was dem jüdischen Volke historisch teuer ist, hervorgerufen. Die Zionisten waren bis zum sechsten Kongresse nicht durch die Diplomatie, .ücht durch Geld und nicht durch die Organisation stark, sondern ausschließlich durch die Geschlossenheit der Idee und durch die Einigkeit in ihren Reihen. Das „Ugandaprojekl" schlug eine Bresche in die Idee und vernichtete die Einigkeit auf viele Jahre. Und zu alledem erlitt die zionistische Organisation den tllerschrecklichstenl Schlag: Das kranke Herz des Schöpfers des Kongresses hielt den furchtbaren Krach seines Werkes nicht aus und brach . . . Und nun leben wir in einem schrecklichen Augenblicke. Ohne Führer, ohne Programm, ohne Liebe, ohne Vertrauen zueinander, ohne klares Verständnis für den weiter zu gehenden Weg, erwarten wir den bevorstehenden siebenten Kongreß. Was wird er uns bringen? Wird er das vom. sechsten Kongresse begonnene Werk fortsetzen und endgültig all das zerschlagen und vernichten, was mit so ungeheurer Anstrengung im Laufe von 25 Jahren und hauptsächlich im Laufe der letzten 7 Jahre geschaffen, wurde? Oder aber wird es ihm im Augenblicke der Verzweiflung doch noch gelingen, die kolossale Energie aufzubringen, um den Fehler des vorhergegangenen Kongresses gutzumachen und von netiem klar den Weg der Weiterarbeit vorzuzeichncn? Ich will glauben, daß er auf der Höhe seiner Berufung stehe und das zweite tun wird, denn dieser Weg ist nicht lange zu suchen. Er ist klar: Rückkehr zum Baseler Prograntm in seiner Vollständigkeit und Gänze. Politische Wochenschau. Die Protestversammlung des katholischen Abwehrkonkitees hat also richtig stattgefunden. Die Beteiligung an derselben war, wie es nicht anders zu erwarten stand, eine überaus große. Wir wiederholen heute, was wir zu dieser Frage bereits betonten, daß wir eine jede Bewegung, in welcher sich ein Solidaritätsgefühl Gleichgesinnter kundgibt, mil aufrichtiger Freude begrüßen. Allerdings muß das Leitprinzip einer solchen Bewegung die unbedingte Ehrlichkeit sein. Wenn aber der Hauptredner der katholischen Protestversammlung sich in Pose wirft lind ausruft: Die katholische Religion ist in Oestereich vogelfrei, so wird man an dem Ernste dieser ganzen Protestkundgebung mit Recht zweifeln müssen. Wie, in Oesterreich, in dem Staate, in welchem der katholische Taufschein der sicherste Geleitbrief durch alle öffentlichen Aemter und Stellen ist, in Oesterreich, lvo es schon beinahe soweit gekommen ist, daß der Handel- und Gewerbetreibende sich nur noch durch einen katholischen Taufschein inan Hunger und dem Ruin zu retten vermag, in Oesterreich, wo das Leben und die Ehre von hunderten von Familien mir deshalb zugrunde gerichtet wurden, weil sie nickst durch einen katholischen Taufschein gestützt waren, in diesem Lande ist die katholische Religion vogelfrei?! Ein solcher Jammcrruf ist wahrlich auch als Witz zu schlecht. Wir glauben es ruhig aussprechen zu können, alle anderen Koilfcssioucu und besonders die jüdische ivürde, was Sicherheit und Machtstellung betrifft, mit tausend Freuden so vogelfrei sein wollen, wie es heute die katholische Religion in Oesterreich ist und wir bezweifeln es sehr, ob die mächtige katholische Kirche ihre Machtstellung mit derjenigen der jüdischen Konfession auch nur für die Dauer eines Tages vertauschen möchte, wenngleich sic in diesem Falle ihre untergeordnete Stellung keinen Augenblick zu verspüren bekäme, wie es die jüdische heute auf Schritt und Tritt zu spüren hat. Es soll aber, wie gesagt, zugestanden werden, daß die Entrüstung der Katholiken über die ihren religiösen Einrichtungen zugefügte Verhöhnung seitens der radikal alldeutschen Presse eine berechtigte ist. Wer ist aber schuld daran? Sicherlich nur die Katholiken allein. Nur 'dem Umstande, daß die Katholiken sich zur Erreichung ihrer Großmachispläue nicht, begnügen wollten mit der Verbreitung und Festigung ihrer Religion, sondern angesichts des Zweckes auch die Anwendung der unschönsten Mittel nicht scheuten, auf Seelenschacher ausgingen und sich mit Elementen alliierten, die im Katholizismus nichts anderes als ein Hetzaposteltum gegen alle anderen Konfessionen und Nationalitäten erblickten, ist das Entstehen der Los von Rom-Bewegung zuzuschreiben und wenn die Katholiken von der schiefen Bahn, die sie betreten, nicht bald abweichen, so werden sie nur die materialistischen Strömungen fördern und die Minoritäten zu «einem Selbsterhaltungskampfe zwingen, den diese nur ungerne aufnehmen. Wir Juden unterscheiden in unserer Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche immer die ehrlichen strenggläubigen Katholiken von den Streb,ern, Parasiten und Hetzern. Wie soll aber eine ruhige Auseinandersetzung möglich sein, wenn in dieser Protestkundgebung neben dem Freiherrn v. Morsey dev rasscnjüdische Antisemit Dr. Porz er, den die Führer der Katholiken schon aus Reinlichkeitsgründen nicht in ihrer Mitte dulden sollten, das große Wort führt. Der Renegat Porzer, dessen Vater auf dem jüdischen Friedhofe in Preßburg ruht, spricht zum Schutze des vogelfreien Katholizismus, und gerade dieser Renegat ist das schlechteste Zeugnis dafür, wie vogelfrei der Katholizismus in Oesterreich ist. Mit deni Taufscheine in der Hand, kommst du durchs ganze Land und. kannst noch Führer der katholischen Partei werden, könnte man ein altes Sprichwort variieren. Oder wie soll man glauben, daß cs den Rednern in dieser Protestversammlung ernst war mit der Versicherung, daß die Katholiken stets für die Gleichberechtigung aller Konfessionen Antreten, wenn in derselben Versammlung ein Dr. Lueger unter dem Jubel der Anwesenden als das Ziel des Katholizismus die Forderung hinstellcn durfte, daß nicht nur die Richter und Minister sowie die öffentlichen Beamten katholisch sein müssen, sondern auch nicht zu ruhen, bis kein jüdischer Schuldirektor mehr im Amte ist. Wenn, das die Ziele und Pläne der mächtigen katholischen Partei sind und wenn sie sich nur deshalb für vogelfrei hält, weil es ihr nicht gelingt, die von Dr. Lueger gepredigte offenkundige Gesetzwidrigkeit zur ausnahmslosen Regel zu machen, so wird es wohl das Bestreben der gedrückten Minoritäten sein müssen, die Durchführung dieser Pläne so lange als möglich hintanzuhalten. Ob die ruhigeren Elemente im Katholizismus ihrem Unmut in der Los von Rom-Biewegnng oder in einer anderen Form Luft machen, das kümmert uns Juden gar nicht. Wir Juden aber werden dem Drucke von dieser Seite nur dann stark gegenüber stehen, wenn wir nackensteif und selbstbewußt bleiben und anstatt dem entehrenden Lockruf zu folgen, Zusammenhalten und einig den Kämpf für unseren Glauben und unser Volk zu Ende führen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.