Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Jüdisches Volksblatt Seite 3 lung zur Judenfrage besonders drastisch. Jedoch nicht nur vom nationalen, sondern auch vom rein m e n | dj I i ch e n Standpunkt steht uns als Modernen der freie Sozialismus, der auf der Bodenr e f o r m b a s i c r t, unendlich näher, weil er nicht nur unsere nationale, sondern auch unsere Einzel individualität respektiert. Der Marxismus erstrebt die Allmacht des Staates, in der der einzelne nicht nach freiein Willen arbeiten und nicht ein seiner Arbeitsleistung und seiner Arbeitsqualität cntsprechendesEinkommen erhält,sondern ÄasArbeitsquantum leisten muß für das ihm von einer oberen Behörde zugemessene Arbeitseinkommen. Ter freie Sozialismus dagegen erstrebt, daß durch Beseitigung des Bodenmonopols die individuelle Freiheit und die freie Konkurrenz sowie das auf A r b e i t basierende Eigentum zur Wahrheit werden. Ich glaube, für wirklich Moderne und insbesondere für jiiDn Moderne, die keine Ursache haben, einen omnipotenten Staat zu wünschen, kann die Wahl nicht schwierig sein. „Unser Programm". Von Ingenieur M. Ussischkin, Mater'inoslcuo. (Unter obigem Titel erscheint in den nächsten Tagen, wie wir bereits in unserer jüngsten Nummer angekündigt haben, im Verlag „Z , v n", Wien, 2. Bez., Untere Augartenstraße 9, eine Bro'schüre, in welcher das bekannte Mitglied 'es großen zionistischen Aktionskomitees das Programm einer großen zionistischen Gruppe darlegt. Wir verdanken es der Freundlichkeit des Verlages, daß wir schon jetzt in der Lage sind, ein.n Teil dieser Broschüre (Kap. 2—8) zum Abdruck z-u bringen. Der Preis der ganzen Broschüre betragt 30 Heller und nimmt der Verlag „Zion" schon heute Bestellungen entgegen. Die eingehende Besprechung des Programmes behalten wir uns noch vor. Vorbem. der Redaktion.) Ein vernünftiges Tätigkeitsprogramm in Freiheitsbewegungen ist die gleichzeitige Arbeit nach allen drei Nichtung e n. Das Resultat einer solchen Arbeit ist das natürliche normale Wachsen und der Fortschritt der ganzen Bewegung. Schritt sür Schritt, Jahr für Jahr erstarkt das Volk, erobert man das Land, werden die äußeren Umstände leichter. Für alle vorhandenen Kräfte ist Verwendung für ihre Tätigkeit in einer Freiheitsbewegung Einer bereichert die Volkskasse, der andere organisiert und entwickelt die Volksmassen, der eine erforscht das Land, der andere bearbeitet und bereichert es. Der eine macht der Intelligenz und den Massen anderer Völker unsere Bestrebungen klar, der andere unterrichtet die Herrscher und Minister von ihnen. Alle diese Arbeiten einzelner Personen addieren sich dann zu einer Summe, welche den Wuchs und den Fortschritt der ganzen Bewicklung wie im Osten. Daß demnicht soist, daran trägt eine andere Kulturversorgerschichte schuld, die „Intelligenz", die zumeist aus den Bürgerkreisen sich rekrutierenden „Gebildeten", die Menschen mit den Idealen in der Jugend und der lächelnden „Gesetztheit" in den Jahren dev Reife, die geistige Avant- und Arrieregaroe der Protzen. Diese Schichte, die ja bei allen Völkern eine große Rolle spielt, schließlich aber doch, trotz aller persönlichen Martyrien der schöpferischen und erleuchteten Geister, derem bittergehaßtem Machtgebote sich fügen muß, ist bei den Juden des Westens kulturell ausschlag- , gebend geworden. Schon daß sie einen )veit höheren Prozentsatz der ganzen Bevölkerung darstellt als bei anderen Völkern, macht sie emsprechend stärker. Der Hauptsache nach kommt aber ihre Kulturgewalt, oder sagen wir besser, ihre Kulturvergewaltignng daher, daß sie sich eben des doppelten Rückhaltes der jüdischen Besitzenden und hinter diesen der mächtigen Klassen des Staates erfreut. Das Vols erliegt, diesen nachdrücklichen Suggestionen; .es erstirbt nicht nur in Ehrfurcht vor dem Gelbe seiner Neichen, sondern betet auch seine geistigen Lieblinge an: diese promovierten Flachköpfe, diese Affen der wahren Geistesmenschen, diese eingebildeten Schlnierbolde, die ihnen Steine statt Brot geben. So brünstig beten sie sie an, lvie kein anderes Volk der Welt dies tut; so brünstig, daß es zu einem europäischen Skandal geworden ist, daß auf allen Straßen das Lied non der blendenden Mittelmäßigkeit und der unfruchtbaren Geistreichigkeit der jüdischen Rasse wegung cmbcutct. Ein ganz anderes Resultat erhält man, wenn das T ä t i g k e i t s p r og r a m m einseitig ist und nur einen Teil der Arbeit enthält. Der Wuchs ist nur auf einer Seite, daher auch verkrüppelt. Viele wertvolle Kräfte bleiben nnausgenützt. und die allgemeine Summe ist daher kleiner. Aber noch traurigere Folgen kann eine solche einseitige Tätigkeit in der Zukunft haben. Bei der ersten zufälligen Störung oder beim ersten Mißerfolg auf einem Gebiete schwindet der Boden unter den Füßen der Arbeiter. Verzweiflung ergreift die Massen und die Bewegung gelangt in eine starke Krisis. Tie Ursachen sind auch ganz klar. Wenn mau aber gleichzeitig nach einigen Richtungen arbeitet, werden die Mißerfolge in der einen Richtung durch Erfolge in der anderen gedeckt. Die Abschwächung der einen Seite wird durch die Intensität auf der anderen wettgemacht, und die Bewegung geht vorwärts ohne Krisis und ohne Stöße. Bei der Arbeit in einer Richtung muß aber tatsächlich alles beim ersten Mißerfolge Zusammenstürzen. Und wenn auch die Bewegung solche Krisen und Mißerfolge vermeiden wird, so kann auch dann noch das Endresultat der Arbeit nicht nur traurig, sondern sogar tragisch ausfallen. Nehmen wir an, daß alle äußeren Umstände der Wiedergeburt eines Volkes in einem gewissen Lande günstig sind, alle Völker und Regierungen fördern diese, aber das Volk selbst besitzt nicht den Glauben an die eigene Kraft, hat nicht den Willen, die Organisation und die gemeinsamen Kapitalien, um diesen Moment auszunützen. Der günstige historische Augenblick geht unwiderruflich für viele Jahrhunderte vorüber. Zweimal hat das jüdische Volk solche historische Augenblicke miterlebt: bei der Vertreibung der Juden aus Spanien und zur Zeit des Herzogs Joseph von Naxos. Es können aber auch umgekehrte Erscheinungen eintreten. Das Volk ist zur Wiedergeburt bereit, hat dazu alle Mittel, das Land befindet sich tatsächlich in seinen Händen, aber die äußeren Bedingungen sind dafür ungünstig. Im Laufe von vielen Jahren sind dieselben nicht vorbereitet worden. Wiederum muß das Volk lange, lange Jahre im Sklaventum leben und bessere Zeiten abwarten. In einer solchen Lage befindet sich augenblicklich das türkische Armenien. Die Freiheit Armeniens ist sür die Zukunft gesichert, aber es wird noch lange warten müssen. Am schrecklichsten und tragischesten kann aber die Lage des? jenigen Volkes werden, welches geistig und kulturell auferstcht, seine Kräfte und Kapitalien organisiert, dem es gelingt, die Völker und Regierungen für sich zu gewinnen und welches in diesem für das Volk so glücklichen Augenblicke sein Land, die heilige Sehnsucht seiner historischen Bestrebungen, als faktisches Eigentum eines fremden, kulturell und ökonomisch stark gesungen und gepfiffen wird, so brünstig, daß — und dies ist der unersetzlichste Schaden - die wirklich Großen und Tiefen sich schamhaft verkriechen irr der unbewußten. Angst, sie könnten mit diesem reklamemachenden Bildungsgewimmel verwechselt werden. Ansätze zur Ueberwindung dieser ganzen heillosen Großgeld- und Kleingeisterherrschast in Israel — übrigens ein Thema für sich — liegen vor, besonders im Osten. Ganz überwunden könnte sie erst werden, wenn sich der Schwerpunkt des jüdischen Volkes aus den bürgerlichen Kreisen in die arbeitsprolei'arischen verrückt. Bis dahin ists aber noch lveit, sehr weit, zumal im Westen. Mathias Acher. Kleines Feuilleton. Disraelis Tod. Ueberaus interessant und wenig, wenn überhaupt bekannt sind die Einzelheiten des Todes Lord Beaeonssields. Das Judentum war, wie man weiß, in seinem Wesen der herrschende Zug. Sein Judentum war, wie ein Beurteiler des Staatsmannes ausführt, die Theorie, auf der er seine Weltanschauung aufbaute. Durch eine Indiskretion eines, durch seinen Beruf zur Verschwiegenheit gebundenen Zeugen des Todes Beaeonsfields wurde es nun bekannt, daß der sterbende Staatsmann einen seiner Glaubensgenossen an sein Lager kommen ließ und mit ihm hebräische Gebete verrichtete. > entwickelten Volkes vorfindet. Die Tragik eines solchen Momentes findet in der ganzen Weltgeschichte nicht ihresgleichen. Und mir graut cs, wenn ich mit vorstelle, daß das jüdische Volk vielleicht in einigen Jahrzehnten einen solchen Augenblick erleben wird. Die ganze Märtyrologie seiner zweitauscndjährigen Leidensgeschichte wird nichts sein im Vergleiche mit diesem Momente. Und noch schrecklicher ist, daß es diesen Augenblick nicht nur seinen Feinden, sondern auch seinen blinden, einseitigen Freunden zu verdanken haben wird. Tie verhältnismäßig kleinen Erfolge des Zionismus in den letzten 25 Jahren lassen sich auch teilweise durch die einseitige Arbeit während dieser ganzen Zeit erklären. Die „Chowewei-Zion" dachten im Laufe von 10 Jahren nur an das Land, sie ignorierten vollständig die Bolksorganisation und die Entwicklung der geistigen Kräfte, sie begnügten sich mit Philanthropie und schufen keine gemeinnützigen Kapitalien; sic begriffen nicht, wie notwendig es ist, ihr Werk in eine für die ganze Welt offene Bewegung zu verwandeln und verbargen es in ihrem Ghetto. Sie machten keine Versuche, die mächtigen Vertreter anderer Völker für ihre Bewegung zu interessieren. Und das Resultat — einige durch Philanthropie großgezogene Kolonien in Palästina. Diese Periode endete mit dem traurigen Krach vom Jahre 1891. Und nun beginnt die zweite Periode, die der Vorherrschaft des geistigen Zionismus. In dieser Periode wurde das Land vergessen, die äußeren Umstände wurden wie früher ignoriert, ebenso erging es der Volksorganisation. Alles wurde auf die innere Selbsterkenntnis und geistige Wiedergeburt konzentriert. Fünf Jahre Arbeit nach dieser Richtung ergaben als Resultat ein kleines Häuslein idealer Arbeiter, welche sür ihre Kräfte in der Praxis gar keine Verwendung hatten; die große jüdische Masse aber blieb indifferent und die Bewegung schien am Vorabend des ersten Kongresses in den letzten Zügen zu liegen. Mit dem ersten Kongresse begrünt die dritte, die glänzendste Periode des Zionismus. Alle wirklichen, bewußten Kionistcn sahen im Bastler Programm die Synthese aller vorhergegangenen Programme noch mir einem Zusatze. Offen der ganzen Welt kundgebend, daß es unser Bestreben ist, ein jüdisches Reich in Palästina zu schassen, stellte das Baseler Programm vier Punkte auf, welche den Weg vorzeichneten, den wir nun zu beschreiten hatten, um zum Endziele zu gelangen: a) Das Land ökonomisch und kulturell zu erobern; b) die Kräfte und Kapitalien des Volkes zu organisieren; c) das nationale Selbstbewußtsein des jüdischen Volkes zu entwickeln und d) die diplomatische Arbeit, um für das Endziel günstige Resultate zu erzielen. Und tatsächlich schufen die Offenheit, mit Trotz seines Zustandes soll der Sterbende in allen Details der für solche Anlässe vorgeschriebenen Gebete Bescheid gewußt und seine Seele fromm dem Schutze Gottes empfohlen haben. Disraeli war, als er starb, Christ, da er als dreizehnjähriger Knabe mit feinem Vater, dem Literarhistoriker Isaak Disraeli, zum Christentum übergetreten war. Das Wiedererwachen der religiösen Empfindungen aus seiner Knabenzeit in der Todesstunde scheint die Wahrheit des Goetheschen Wortes von der Gewalt der Jugendeindrücke mit einem neuen interessantenBeispiel zu bekräftigen. „Jüdische Schmuggler". Ein beliebtes Argument der Antisemiten gegen die Juden im Osten bildet der Vorwurf, daß der Schmuggel ein speziell jüdisches Handwerk sei. Es war daher von dem jüdischen Nationalökonomen B. Goldberg ein dankenswerte- Beginnen, auch diese- Märchen a»f Grund authentischer amtlicher Daten auf seinen wahren Wert zurückzuführen. In der Oktobernummer der „Jewrejrkaja SchiSnjft (»Jüdische- Leben") weist er an der Hand der im Grenzzolldepartement gesammelten amtlichen Ziffern nach, d^ß in den Jahren 1901 und 1902 von 100 verurteilte« Schmugglera durchschnittlich 57 3 Katholiken» 27 5 Orthodoxe, SO Jude«, 3'7 Lutheraner und 17 verschiedene» Religionen Angehörige Ware». Diese Ziffer ergibt sich auch aus de« allerjüugsten amtlichen Aufzeichnungen, so daß nunmehr auch dieser Borwurf als lügenhaftes Märchen gestempelt erscheint.