Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdisches Volksblatt Nr. 2 nicht die Lösung der gesamten Jude «frage hebe u t e t. Die Judenfrage ist wohl keineswegs, wie insbesondere van marxistisch-sozialdemokratischer Seite behauptet wurde, eine a u s s ch l i e s; l i ch lv irisch a f t l i ch e, aber fix ist ebensowenig. eine r e i n e R a s s e n f r a g e, sie ist eine nationalsoziale. Die nationale Not fällt bei den Juden mehr als bei jedem anderen Volke mit der wirtschaftlichen zusammen und es ist darum in all den Staaten, wo Inden gegenwärtig sich aufhalten, keine moderne nationale -Politik, keine in den Volksmassen wurzelnde Organisation möglich, die nicht national -sozial ist. Und ich scheue, es nicht, offen auszusprechen, daß insbesondere in W e st - e u r o p a Sein oder Nichtsein der jüdischen Moderne, der Sieg ü b er die Assimilation, das Eindringen unserer Ideen in die jüdischen Massen von der I n t e n s i - t ä t abhängt, mit der das soziale Banner entrollt wird. Täuschen wir uns nichts Jene große Masse unserer Physisch und geistig Arbeitenden, welche weit schwerer als die Angehörigen jedes anderen Volkes den wirtschaftlichen Kampf ums Dasein zu führen haben, werden nur dann für unsere national -kulturellen Ziele und für die Förderung der Zusammengehörigkeitsbestrebungen unseres Volkes zu gewinnen sein, wenn u n s e r e Organisation ihnen auch eine V e r b esse r u n g ihrer wirtschaftlichen Lage, h i e r z uland c zu gewährleisten in der Lage ist. Weder der Kitt der hebräischen Sprache noch die Pflege religiöser Zeremonien werden in der Lage sein, die indifferenten oder in andereil Lagern stehenden Volksmassen für uns ßn getvinnen, sondern nur einzig und allein die o r - g a n i s ch e Verk n i't pfung unserer n a - t i o n a l e n Bewegung mit der soziale n. Wenn man von sozialer Bewegung, von Sozialismus insbesondere in Oesterreich und Deutschland spricht, dann denkt man gewöhnlich an die marxistische Sozialdemokratie, und vielfach wird als Konsequenz der eigenartigen Stellung der marxistischen Sozialdemokratie und insbesondere der jüdischen. Sozialdemokraten auf die Unvereinbarkeit unseres Nationalismus mit dem Sozialismus hingewiesen. Was ist denn der Kern des Sozialismus? Die Herbeiführung von gesellschaftlichen Zuständen, die es dem Einzelindividuum ermöglichen, die zur Fristung seiner Existenz notwendige Arbeit und ein seiner Arbeitsleistung entsprechendes Arbeitseinko mm e n immer zu finden. Jede Sozialreform und jede Sozialpolitik, die nicht auf Beseitigung der Arbeitslosigkeit und der Arbeitslosenr e n t e gerichtet ist, ist Palliative. Der Sozialismus steht und fällt aber keineswegs mit einer bestimmten Theorie und es ist insbesonnur arbeiten sie im Wirkungskreise anderer Völker, von ihrem eigenen Volke kulturell losgelöst, für seine Kultur tot. Haben sie jich selbst losgelöst, sind sie selbst ins Jenseits der fremden Kultur gegangen? Anscheinend wohl. In Wirklichkeit jedoch wurden sie hinweggerisscn, Hinübergetrieben. Von wem? Wir werden diese Frage leichter beantworten können, wenn wir uns die Verhältnisse bei beit Juden des Ostens ansehen. Von diesen kann man wohl nicht sagen, daß sie keine Entwicklung mehr haben. Sie ist nur auf ganz bestimmte Gebiete beschränkt, so namentlich auf das sprachliche. Die Neublüte des Hebräischen und die Schöpfung des Jüdischen sind, Kulturtaten ersten Ranges. Und die Männer, in welchen sich diese Entwicklung verkörperte, haben sie gegen das Interesse und den Willen der Geldmächtigen durchgesetzt, einfach ihrem Schaffensdrange und ihrer Intuition folgend. Doch es gibt im Leben der Juden des Ostens auch weniger lichtvolle Kapitel, die sich ganz so lesen, wie die „Geschichte" der Juden des Westens. Ihr sozusagen öffentliches Leben, ihre politische und soziale Moral zeigen — von neueren Besserungskeimen abgesehen, die wir hier nicht berücksichtigen, um das Thema nicht sehr zu komplizieren — denselben Typus der Entwicklungs-, der Geschichtslosigkeit, wie bei den Juden des Westens das nationale Leben in seinem ganzen Umfange. Auch ist von führenden Elitemenschen keine Spur! Haben sie sich selbst zurückgezogen? Scheinbar! In Wirklichkeit sind sie Vertrieben worden. dcre darum der Marxismus, der noch immer von orthodoxer Seite als Fundament des Sozialismus hingestellt wird, allmählich 31t einem Haupthindernisse desselben geworden, weil alle Gegner des Sozialismus in jeder widerlegten marxisUschen These einen neuen Beweis für die Haltlosigkeit und Undurchführbarkeit jeder Art Sozialismus gefunden zu haben glauben. Im ersten Stadium des Sozialismus, lvo es sich um Kritik der kapitalistischen Ordnung, lim Anregung von Arbeitcrschu tzgesetzen und Organisation der Arbeitermassen handelte, hatte ja nnstreitbar der Marxismus mit feiner Parole des Klasscnkainpfes, mit seiner Werttheorie, mit seiner Kritik der ideologischen Geschichtsauffassung, mit seinem extremen Materialismus, mit seiner internationalen Zusammenfassung der Arbeiterbataillone seine historische Berechtigung und seine historischen Verdienste. Aber jetzt in der Gegenwart, lvo der Glaube an das Bestehende erschüttert ist, wo cs sich um den sozialen dl cw b a u handelt, lvo weiters gerade die Nenaissancemenscheu auch noch a n d e r e Bedürfnisse als die leiblichen haben, wo die Individuen und Nationen sich nicht unter die Zuchtrute einer angeblichen proletarischen Diktatur beugen wollen, kann nimmer der Marxismus als Gipfelpunkt der Moderne gelten. Wem: früher ausgeführt wurde, daß die Grundlage einer jeden modernen und insbesondere einer jüdischmodernen Bewegung eine soziale sein muß, und wenn weiters die These aufgestellt wurde, daß der Sozialismus keineswegs mit dem Marxismus identisch sei, so muß unwillkürlich die Frage austauchen: „Ja, gibt es denn überhaupt andere Grundlagen des Sozialismus als den Marxismus? Gibt es außer der marxistischen Sozialdemokratie denn überhaupt eine andere sozialistische Bewegung?" Jawohl! Die freisozialistische, die Bodenreformbewegung, deren Wortführer Adolf D a nt'ci s cf) k e und Franz O p p e nh e i m er zeigen, daß nicht der kommunistische Staat, der die gesamte Produktion und Koi:- fumtion .^ regelt, . sondern die ' Bodenres 0 r \bie Beseitigung des Monopols auf Grund und Boden das Mittel zur Lösung der sozialen Frage sei. Wein: der Störenfried ln der kapitalistischen Gesellschaft,: der Gr 0 ßgr u n d b e s i tz, verschwunden sei, wenn alle Arbeitenden über Grund und Boden Verfüger:, dann erst werde die so viel verlästerte freie Konkurrenz, die derzeit nur frei für die Inhaber der Produktionsmittel ist, einen wirklich freien Wettbewerb unter den Arbeitenden zur Folge haben. Dann wird die Zuwanderung der arbeitslosen ländlichen Arbeiter und der proletarisierten Bauern in die Stadt aufhören und auf diese Auf welche Weise dies geschah, ist hier sinnfällig genug. Die Juden des Ostens stehen in allen sozialen und politischen Dingen unter dem Kommando der nichtjüdischen Machthaber. Was diese für ihr eigenes Volk nicht werden können — höchste Instanz der geistigen Bewegung — werden sie für ihre Juden sehr leicht. Denn über sie steht ihnen eine doppelte Macht zu, als Untertanen und als Juden. Um sich gegen diese doppelte Macht in Ehren zu behaupten, müßten die Juden einen reicheren Fonds kultureller Widerstandskraft besitzen als die Heimischen, und den haben sie eben nicht. Es bleibt ihnen, wollen sie sich ihr. Schicksal möglichst erträglich gestalten, nichts anderes übrig, als die Machthaber als höchste Instanz in Sachen politischer und sozialer Kultur anzuerkennen, sich von ihnen die nötigen Kulturträger aufdrängen zu lassen. Natürlich haben sie dabei kaum das Bewußtsein, kulturell bevormundet zu sein. Und ganz ähnlich ist es im Westen. Nur erstreckt sich hier die Abhängigkeit auf das ganze weite Kulturgebiet. Denn während im Osten die offiziellen Machthaber der kulturelle Oberherr der Juden sind, sind es hier die mächtigen Klassen selbst. Haben aber die ersteren für die mehr innerlichen Gebiete jüdischer Kultur fast gar kein Interesse, so daß wenigstens diese im Eigenbesitz der Juden bleiben, so stecken die letzteren ihre eifersüchtigen Nasen überall hinein und maßen sich an, dem jüdischen Volke seine geistigen Führer auf alle n Gebieten vorznschreiben. Selbstverständlich wissen Weise die Lage des städtischen Proletariates gebessert. Es ist in dom beschränkten Rahmen dieses Artikels umuöglich, Adolf Damaschkes und Franz O p p e n h c i 111 c r s Anschauungen oder gar die Bodenreformbewegung im Gegensätze zum Marxismus zu erörtern. Sie sind am markantesten in dem Buche Adolf D a - m a s ch k e s über die Bodenreform und im folgenden Zitate in O p p e n h e i m e r s letztem Buche „Das Grundgesetz der marxistischen Gesellschaftslehre" Zusammengefaßt: „Das feudale Bodenmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihr aufgeblüht ist. Die Wanderbewegung des Landproletariats entwertet seine Erzeugnisse und vermehrt seine Produktionskosten. Das Großgrundeigentum bricht zusammen, die Stunde des feudalen Eigentums schlägt, die Expropriateure lverden expropriiert." Franz Oppenheimers Verdienst! besieht darin, den loesentlichen Unterschied zwischen Grund und Boden, dem unproduzierbaren, unvermehrbaren Produktionsmittel und den übrigen herstellbaren klargelegt und den Nachweis erbracht zu haben, daß ohne Bruch mit der industriezentrischen Weltanschauung, ohne Einbeziehung der Agrarfrage keine Lösung des sozialen Problems, keine S oz i a l is i e r u n g möglich ist. Auf Grundlage des marxistischen Glaubensbekenntnisses kann die Sozialdemokratie nicht die politische Macht erobern, kann sie nicht die Sozialisierung der Gesellschaft durchführen, folglich kann sie auch n i ch t den wirtschaftlichen Antisemitismus überwinden. Jede einzelne dieser Behauptungen gründlich auseinanderzusetzen, ist an dieser Stelle nicht möglich und für den halbwegs Eingeweihten auch überflüssig. Hier zum Schlüsse soll nur klipp und klar noch einmal der Unterschied zwischen marxistischer Sozialdemokratie und freiem Sozialismus sowie ihre Stellung zur Judenfrage und zum sozialen Problem rekapituliert werden. Die Sozialdemokratie leugne t entweder., die Existenz einer s e l b st ä n d i g e n Judenfrage oder ftempeilt dieselbe ausschließlich zu einer wirtschaftlichen, sie steht also auf dem Boden der Assimilation. Sie erkennt insbesondere kein spezifisch wirtschaftlich-jüdisches Elend an, ja sie besitzt sogar einen antisemitelnden Flügel. Die freien Sozi al i st e n, die B 0 d e n r e f 0 r m e r, kurz, die nichtmarxistischen Gruppen erkennen vollständig die Berechtigung unseres Volkes auf nationale Entwicklung und Autonomie an. Nicht nu r Franz Oppen h e i nt e r, Dam a s ch k e, sondern auch Alfred N 0 s s i g, Dr. Paul Weisengrün, ja selbst E d u 1 r d Ber n st e i u dokumentieren durch ihre Steldie Juden auch hier nichts davon, daß sie unter fremdein Zwange stehen. Ja, hier noch viel weniger als im Osten. Denn die Form gesetzlicher Gleichberechtigung und die Unpersönlichkeit des obersten Konnnandos täuschen ihnen eine kulturelle Selbstbestimmung vor, die sie tatsächlich nicht besitzen. Doch wer sind die Menschen, die bett Machthabern, resp. den mächtigen Klassen, genehm sind, unter deren Oberhoheit zu — sozusagen — Kulturträgern des jüdischen Volkes werden und die geistigen Elitemenschen von dort verdrängen, wo ihr natürlicher Platz iit? Selbstverständlich jene, die den Mächtigen am nützlichsten und am meisten wesensverwandt sind: also in erster Linie, und im Osten fast ausschließlich, die besitzenden Juden. Daher die unsäglich traurige Erscheinung, daß die Neichen mehr als bei jeden: anderen Volke das jüdische Gemeindeleben, die jüdische Politik, die öffentliche Moral der Juden beherrschen, daß das jüdische Volk unter der Fuchtel dieser ihrer „einzig einflußreichen" Fürsprecher wohl noch tausendfach mehr leidet als unter der Geißel des Judenhasses. Aber im Westen sind es nicht die Besitzenden allein, denen es gegönnt ist, die kulturelle Vorsehlmg des jüdischen Volkes zu spielen. Wäre dies der Fall, dann bliebe wegen ihrer Unzulänglichkeit in höheren geistigen Diugen denn doch ein Winkelchen des Allerheiligsten der jüdischen Volksseele unentweiht, dann gäbe es für die innerlichsten Kulturgüter der Nation: vielleicht doch annähernd so viel Erst-