Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zu diesem Zwecke niuß man Ausschau halten aus den Zurückgelegten Weg, die Siege und Niederlagen, die zu verzeichnen sind, dann wird mall durch ruhige, sachliche Erörterung auch die Frage beantworten können, ob der Kurs, dem. man bisher gefolgt ist, beibehalten oder geändert werden soll. Die „Jüdische Moderne" tritt eben in ein neues Stadium: War in der ersten Periode ihre Aufgabe vor allein eine a u f k l ä r e n d e und kritische, handelte es sich in erster Linie darum, die Unmöglichkeit undSchädlichkeit derAssimilaUon sowohl für die Juden wie für die übrigen Völker zu zeigen, den Nachweis zu erbringen, daß die Betonung der eigenen jüdischen Volksindividualität in keinem Gegensätze stehe zur Betätigung als moderner Kulturmensch und zu jenen Bestrebungen, welche allen Kulturmenschen ohne Rücksicht auf Nation gemeinsam! sind, so tritt jetzt an die „Jüdische Moderne" die schwierige Geist und Geld vei den Inden?) Bei den Antisemiten hat mir stets ihre Beschränktheit nn'hr iinponiert als ihre Niedertracht,. So fand ich es geradezu tragisch, daß sie sich über jene Fehler des jüdischeck Volkes, unter welchen es selbst um ineisten leidet, besonders ereifern. Ein Feind, der wütet, weil der Feind verblutet! Die leidenschaftlichsten Anklaaen gegen die Juden beziehen sich auf die Herrschaft des Geldes, die sie aufgerichtet haben sollen. Es. ist ja wahr, daß in manchen Ländern der Prozentsatz der jüdischen Großkapitalisteit ein hoher ist und daß auf dem Weltgeldiiiarkt! das jüdische. Kapital eine große Rolle spielt. Aber cd gibt doch' auch Länder, die der jüdischen Geldmagnaten ganz entbehren und int internationalen Geldkonzerte sind die anderen Nationen noch stärker vertreten als die Juden. Ueberhaupt wie albern, das Verbrechen des Geldes nationenweise aufzuteilen. Ist doch der größte Teil des Elends, den das Geld in die Welt bringt, nicht durch irgend ein Kapital, sondern durch d a s Kapital hervorgerufen, durch seine unpersönliche, schicksalsinäßige Macht. Welche nationale Sündenfärbung die einzelnen Kapitalisten in Ausübung ihrer wirtschaftliu.cn Funktion dieser selbst geben, darauf kommt es Aufgabe heran, die positiven Aufgaben des jüdischen Nationalismus nicht nur für g e - rau m e Zeit hin,aus festzustellen, sondern auch inner- und außerhalb unseres Volkes über dieselben Klarheit zu verbreiten und eine im Gesamtvolke wurzelnde, den Anforderungen des 20. Jahrhunderts entsprechende moderne jüdische V o l k s o r g a n is a t i o n zu schaffen. Wir sind ja n i ch t national im Sinne jener Hurra - Na - t i o n a l i st e n, welche ihr Volk als auserwähltes, als superiores hinstellen und sich mit ihrer Geschichte sowie ihrer alten Kultur brüsten; wir sind auch nicht jene Einigkeit s f a n a t i k c r, welche im Interesse einer angeblichen Solidarität unseres Volkes geneigt sind, den, Schleier über alles das, was faul, morsch und unvereinbar mit! der neuen Zeit ist, auszubreiten. Nein, im Gegenteil, unser Nationalismus gipfelt in der L i e b e z u u n s e r c m Volke bis zum letzten und ärmsten unserer Volksgenossen/ in der Förderung aller jener Bestrebungen,.. die auf seine p h y s i s ch e, g e i st i g e u n d wir ts ch a f t l i ch e H e b u n g gerichtet sind und vor allem, in der Emanzipation-- von jenem Parasitentum, welches der ganzen-nichtjüdischen Bevölkerung gegenüber die Sache unseres Volkes weit mehr schädigt, a l s d e r v e r b o h r t> e st e u n d r adikal st e A n t i s e m i t i s m u s. Wie oft muß man hören von dem „ausbeuterischen jüdischen Kapital", von der „korrupten Judcnpresse", von dem „jüdischen Wucher", von den „jüdischen Geschäftspraktiken", wie oft werden alle Fehler und Verbrechen von Individuen, die längst nicht mehr unserem Volke, oder, wie sie sich auszudrücken belieben, nicht mehr der jüdischen Konfession angehörcn, aus das Konto des jüdischen Volkes geschrieben. Ta muß mit allein. Nachdrucke und mit dem notwendigen Radikalismus die scharfe Grenzlinie gezogen werden zwischen j&mm Elementen, welche festhalten an der nationalen Individualität ihres Volkes, die auf allen Gebieten in nationaler, kultureller und sozialer Hinsicht einen B r u ch fordern mit den Traditionen der p s e u d o l i b e r a l c n a s s im i l a t o ri s chen O l i g a rchi e und jenen Elementen, welche in die alten Schläuche wohl neuen Wein zu gießen ve r s p r e ch e n, aber im besten Falle den Wein verwässern werden. Also, nicht einmal aus dem Gebiete der Kritik, auf dem, Gebiete der A u f k l ä - r u n g unserer großen Volksmassen ist noch das notwendigste geleistet worden. Wieviel Unklarheit, Zerfahrenheit und Halbheit bis in unsere Reihen hinein! herrscht, das haben gerade die letzten Wochen bewiesen. Aber zur Notwendigkeit der Kritik unserer Gegner, die, Luaviter in kormo, pertlnaelter ln re erfolgen muß, gesellt sich weiters die Notwendigkeit! der Klärung über unsere nächsten u. weiteren Ziele. So sehr auch uns alle die Ueberzeugung von der Notwendigkeit der Schaffung einer H e i m st ä t t c für unsere h e i m a t l o s e n Brüder beseelt, so werden heute bereits die grüßten Optimisten sich darüber klar geworden sein, daß nach a b s e h b a r e Z e i t; bis zu diesem Momente verrinnen dürfte, und daß selbst die Erlangung einer solchen noch lange wirklich nicht mehr an, das ist! sicherlich Ouantite negligeable. Aber hiermit ist nicht auch schon die Frage miterlevigt, welche Rolle das Geld im. Leben des jüdischen Volkes selbst spielt oder höchstens nur hinsichtlich derselben allgemeinen ökonomischen Beziehungen, von welchen eben gesprochen wurde. Vielmehr ist zu untersuchen, ob nicht die Lage des jüdischen Volkes eine so eigentümliche ist, daß durch sie dem Gelde eine weit nachdrücklichere Herrschaft über die Seele des Volkes, über-seine Kultur und sein soziales Gepräge eingeräumt wird, als dies bei anderen Völkern der Fall ist. Man kann, die Anschauungen des ökonomischen Materialismus bis zu einer gewissen Grenze teilen und doch einsehen, daß es bei allen Völkern eine starke Schichte des Lebens gibt, die nicht von vornherein! und nach allen Richtungen von den ökonomischen Faktoren beeinflußt lvird. Zu dieser Schichte, die aus den Quellen des .Nationalen, bezw. Rassenhaften gespeist lvird, gehört auf der einen Seite das Ursprünglichste des Menschen, sein Geschlechtstrieb, auf der anderen das Späteste des Menschen, sein, geistiges Schaffen. Diese beiden Gebiete werden daher auch in der Regel dem Eindringen des Wirtschaftsmomentes zienilich großen Widerstand entgegensetzen. Mögen sie sich auch kraft ihrer Intuition den werdenden Wirtschaftsformen anpassen, gegenüber boti gegenwärtigen Wirtschaftsmächten werden sie ihre Souveränität nie ganz einbüßen. Trotz aller kapitalistischer Ehe- und Liebesmoral lvird es immer reine Liebe geben. Und trotz der Hekatomben von Genies, die auf den Altären des Molochs Kapital verbluten, lverdeu noch immer welche bleiben und kommen, uni. ihre großen Gedanken zu denken, ihre Meisterwerke zu schaffen. Und diese Denker und Meister, nicht ihre protzenhaften. Peiniger, werden die Kultnrlinie ihres Volkes zeichnen. Bei den Inden von heute verhält sich dies alles anders. Hier sind die ursprünglich nichtwirtschaftlichen Lebensbetätigungeu von den wirtschaftlichen Elementen viel stärker durchsetzt. Wie sich dies auf dem- Gebiete des Geschlechtslebens, beziv. der Ehe, äußert, weiß man ziemlich allgemein, auch auf jüdischer Seile. Weniger Selbsterkenntnis waltet bezüglich der entsprechenden Erscheinungen auf dem Gebiete des geistigen Lebens und gerade diese stehen ja hier in Frage. Wenn wir die innere Geschichte des westlichen Judentums im letzten Jahrhundert prüfen, so werden wir bald gewahr, daß cs eigentlich eine Geschichte, eine, ordentliche Kulturentwicklung für dieses Jndentuni nicht mehr gibt. Man müßte denn Kuliusgemeindewahlen, Tempelbanten, Vereinsmeiereien, Aufklärungssimpeleien und Kirchlichkeitsiiachahmilngen solvie Abwehrbcstrebungen ältesten Stiles als Inhalt einer nationalen Kulturgeschichte bezeichnen. Dann sind Wohl auch im jüdischen Stamme des Westens jene Elitemenschen ausgestorben, die bei den anderen Völkern die Träger der Kultur sind? Sollte man glauben, aber es ist nicht der Fall. Es gibt ihrer genug: *) Ans dem „Jü dischen Alma noch".