Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische« Volksblitt Seite 4 Nr. 1 sich daher veranlaßt, einem ehrenvollen Rufe nach Heidelberg zu folgen, wo ihm ein eigenes Laboratorium zur ungestörten Forschung errichtet wurde. Der neue Minister des Innern, Graf B p l a n d t - R h e i d t, hatte bis jetzt keine Gelegenheit, zur Juden frage überhaupt Siellung zu nehmen. * * * Die Vorgänge bei dem Feste der Prager akademischen Lesehalle bilden noch immer das Tagesgespräch in Prag. Die „deutschnationalfreisinnigen" Studenten mosaischen Glaubens können es noch iminer nicht verwinden, daß ihre festlichen Veranstaltungen von f a st s ä m tl i ch e n a r i s ch e n l i b e r a l e n Professoren, Abgeordneten usw. ignoriert wurden und sie ihre mit großem Kostenaufwande inszenierten Festlichkeiten ganz „unter sich" zu Ende gelließen mußten. Man wird bcn Schmerz dieser „deutschen" Juden um so eher begreifen, wenn man bedenkt, daß die deutsche Lesehalle, wie alle anderen deutschen Institutionen, deren Erhaltung jährlich imnicnfc Summen verschlingt, ihre Existenz fast ausschließlich der u nv e r st ä n d l i ch c u O p f e r w i l l i g k e i t d e r I u d v n zu verdanken hat. Was wir aber nicht begreifen und mit gesundenl Menschenverstand auch kauin zu erfassen ist, ist die Kurzsichtigkeit dieser „deutschen" Juden, mit welcher sie Geld, Jeü lind Ehre opfern für eine Sache, die nicht die ihrige ist, das ist jene politische Selbstentmannung, mit welcher sic sich an die Rockschöße der Führer der anderen Nationen anhängen, und dann, wenn sie unbequem geworden und die Früchte ihrer Opferwilligkeit einheimsen möchten, abgcschüttelt lind, wie dies erst jüngst im „Deutschen Volksblatt" geschehen ist, mit Recht verhöhnt zu werden. Hier gibt's noch viel zu tun! Da bietet sich ein dankbares politisches B c t ä t i g u n g s g e b i e t für die z i o n i st i s ch e n K r e i s e Böhmens! * * * Wir sind von der „A r b e i t e r - Z e i - t u n g" schon gewohnt, daß sie wohl nie weiter als bis zur nächsten — Straßendemonstration sieht, desto leichter und skrupelloser aber die politischen Erfolge — anderer für sich ausbeutet. So hat sie auch die nationale Autonomie hinterher vorausverkündet, nachdem wir vor s e ch s Jah r e n mit diesem Programmpunkt auf ben politischen .Kampfplatz getreten waren und trotz aller Bekämpfungen seitens der anderen Parteien bei unserer Forderung ausharrten, bis^ nunmehr auch die enragiertesten Gegner von früher sich wie eine Henne, wenn sie mehrere Tage darauf sitzt, und deshalb fragten wir uns gegenseitig, wie lange wir gesessen sind." Flugs ging das Weib, kaufte ein halbes Schock Eier, tat sie in einen Korb und setzte sich darauf und blieb so lange sitzen, bis ihre Angehörigen sie ausschalten, daß sie sich von Reb Elcheno zum Narren halten lasse, und sie vom Eierkorbe wegjagten. Noch manche tolle Spässe wurden voa ihm erzählt und bildeten den Stoff allgemeiner Unterhaltung. Die Gestalten, die hier vorgeführt wurden, sind keine Schattengestalten, keine Gebilde der Phantasie, sondern Individuen, die wirklich existierten zu damaliger Zeit. Betrachte man die Verhältnisse, in denen jene Leute lebten. Eingepreßt in den wenigen Gassen des Ghetto und überfüllten Wohnungen, ausgeschlossen von allen besseren Bernfszweigen, angewiesen auf den Getreide-, Branntweinhandel oder Krämereien als einzigen erlaubten Erwerbszweig, bedrückt und belastet, unter einer Gntsherrschaft und deren tyrannischen Beamten, durch Ehebeschränkung, in der Populationsvermehrung verhindert, von den christlichen Mitbewohnern wie Parias behandelt. Welches Bolk der Welt hätte da nicht jeden sittlichen Halt verloren, wäre nicht degeneriert, stumpfsinnig geworden gleich den Heloten im alten Griechenland. Hier seben wir aber die Leute in Geselligkeit lebend, friedlich, ohne Streit, ohne Hader, voll naiver Gemütlichkeit, mit herzerfrenendem Familiensinn, für jede edle Regung, für das Streben nach Bildung empfängl'ch, aber auch des Humors, der zeitweiligen Fröhlichkeit nicht ermangelnd. Fürwahr, es lebt eine unverwüstlich moralische Kraft in unserem jüdischen Volk und diese Kraft hat es durch tausendjährige Leiden und Verfolgungen hindurch aufrechtzuerhalteu vermocht, auf ihr müssen wir weiter bauen! gezwungen sahen, zu diesem Auskunftsmittel als den: einzig verläßlichen zu raten. Wir freuen uns wohl, daß die „Arbeiter-Zeitung" sich zu diesem Programmpunkte bekennt, wenn wir uns auch nicht verhehlen können, daß diese Stellungnahme des führenden Organes der sozialdemokratischen Partei für uns Juden nicht die geringste Bedculung hat, da sich die „Genossen" noch nicht einmal zur Anerkenn u n i] b c r j ü d i s ch e n Nationalität in ihrem eigenen Lager emporzuschwingen vermochten und sogar eine Organisation der jüdischen Arbeiter i n n e r h a l b d e r s o z i a l - demokratischen Partei mit allen Mitteln hintertrciben. * * Die Wahlbcwegung in Ungarn ist noch kaum in Fluß geraten und schon wendet sich die koalierte Opposition, nicht ganz mit Unrecht, gegen die Haltung d e r I u d c n. Es wird nämlich ein vertrauliches Zirkular des Budapestcr jüdischen Neligionsschuleninspektors an die ihm untergebenen Lehrer und Professoren publiziert, in welchem die Professoren aufgefordert werden, gegen den — jüdischen .Kandidaten Dr. Wilhelm V a z s o n y i, der, nebenbei gesagt, der einzige vernünftige jüdische Politiker Ungarns ist, zu stimmen. Diese Aufforderung ergeht unter Berufung auf den erst vor kurzer Zeit zum H o f r a t ernannten Präsidenten der K u ltussektion der P e st e r K u l t u s g e m e i u d e, der, wie es scheint, durch diesen Schritt seine Auszeichnung quittieren will. Wann werden die Juden Ungarns endlich zur Vernunft kommen? AiisderziontstischenBewegung. Zur Konferenz des großen A.-C. Mittwoch den 4. ds. trat das große zionistische Aktionskomitee zu einer Konferenz zusamnien. Die Beteiligung an dieser Konferenz kann mit Rücksicht auf die große Bedeutung derselben als eine auffallend geringe , bezeichnet., werden. Die Stimmung unter den Delegierten ist eine ziemlich gedrückte. Die Situation ist nicht geklärt und dürfte cs auch nach der Konferenz nicht sein. Besonders in bezug auf die allerwichtigsten Fragen, welche >die zionistische Leitung gegenwärtig beschäftigen, gehen die Ansichten der Delegierten stark auseinander. So z. B. stößt die Lösung der Frage des künftige n Sitzes der Z e n t r a l l e i t u n g auf größere Schwierigkeiten, da die russische n D e legierte n sich gegen eine V erleg u n g d e r Z e n t r a l e n a ch L o n d o n mit aller Entschiedenheit kehren, weil sie in dieser Maßnahme ein Hinüberschwenken zum T e r r i t o r i a l i s m u s erblicken würden. Es ist begreiflich, daß die sogenannte Wiener Partei diese Abneigung der Russen gegen London agitatorisch f ü r sich ausnützt. Für den Fall, als die Leitung in Wien verbleiben sollte, hat Dr. S ch n i r e r, dem große taktische Gewandtheit nachgerühmt wird, die meisten Aussichten auf die Führerschaft. Bezeichnend für die Situation ist die Tatsache, daß die Anhänger des Tr. S ch n i r e r besonders den Umstand für ihm geltend machen, daß er sich bis jetzt noch nach keiner Richtung hin e n g a - g i e r t habe. Sollte die Leitung auch in Wien belassen werden, so ist es als sehr wahrscheinlich anznnehmen, daß ins engere Aktionskomitee nicht alle jene Wiener Herren wiedergewählt würden, welche heute Mitglieder des A.-C. sind. Auch in dieser Rührung hat die Agitation bereits eingesetzt. Im Interesse eines A.-C.- Mitgliedes, dessen Name in jüngster Zeit im Zusammenhänge mit den Wiener Kultuswahleu sehr viel genannt wurde, lvird seitens der P a r i s e r Delegiert e n stark agitiert. Was den K o n g r e ß betrifft, so beschloß die Konferenz, 'den nächsten Kongreß E u d e I u l i d. I. in einer noch zu bestimmenden Stadt der Schiveiz abznhalten, da in B a s e l ltnt diese Zeit geeignete Lakalitäten nicht zur Verfügung stehen. Ter Kongreß dürfte am 27. Juli d. I. als dem Begräbnistage Herzls (nach jüdischer Zeitrechnung) eröffnet lverden. Ter nächste Kongreß ist als D o p p e l k o n g r e ß gedacht. Ter erste Teil des Kongresses wird sich ansschließlich mit 'der R e o r g a n i s a t i o n der Partei beschäftigen, lvährend der gleich darauf zu eröffnende zweite Kongreß den B e r i ch t d e r U g a n d a k o m m i s s i o n ent - g e g c n 3 u n c h m e n und über dieselben Beschlüsse zu fassen haben lvird. Ein Antrag U s s i s ch k i n s, erst dic> Ngandafrage zu erledigen, und dann die Reorganisation v'orzunehlnen, wurde a b g c l e h n t. Es wurde auch die Konimission gewählt, welche den Bericht der Expedition zu redigieren haben wird. Unter den Gewählten befinden sich auch Dr. Alex. M a r m o r c k - Paris und G!r v e n b e r g - London. Erwähnt sei hier, daß Dr. N o r d a u seine Wahl in das zur provisorischen Leitung der Partei berufene Drei z e h n e r k o m i t e e nicht a n g c n o m m c n hat. Jul dem v e rt r a u l i ch e n Zirkular, welches den Mitgliedern dieses Komitees die Entschließung N o rd a u s bekanntgibt, wird hervorgehoben, daß diesem Entschlüsse Dr. Nordaus kein politisches Motiv zugrunde liege. Unser Redakteur hatte Gelegenheit, mit dem Delegierten Herrn Ingenieur U s s i s chk i n aus Jckaterinoslow Rücksprache zu pflegen. Herr U s s i s ch k i n erklärte zunächst, daß das Gerücht, er beabsichtige nach Wien zu übersiedeln und an der Leitung der Partei teilzunehmen, jeder Grundlage entbehre, da an ihn ein solches Anerbwten bisher nicht gestellt wurde und er, falls dies wirMch geschehen sollte, aus beruflichen und anderen Gründen privater Natur ein solches Anerbieten ablehnen müßte. Hingegen teilte Herr Ussischkin unseren!. Redakteur mit, daß in den nächsten Tagen sein A r b e i t s p r o g ramm für den Zionismus in Druck erscheinen werde, in welchem er für die vollständige G l e i ch st e l l u n g und gleiche Betätigung aller zwei Punkte des B a s e l o r P r o g r a m - m c s e i n t r i t t und auch die Bahnen bezeichnet, welche zur Erreichung dieses Programmes führen. Zur Frage der künftigen Leitung. Herr- Artur Freud ersucht uns mit Rücksicht auf die von uns seinem unter obigem Titel erschienenen Artikel beigefügte Fußnote, die leicht zu dein Mißverständnis führen könnte, daß er diesen Artikel -im Aufträge des österreichischen L.-K. geschrieben habe, festzustellen, daß er den Aufsatz auf eigene Initiative verfaßt hat und für denselben ganz allein die Verantwortung tragen will. Bon der Uganda-Expedition. Die behufs Studiums des von der englischen Regierung den Zionisten angebotenen Territoriums in Ostafrika entsendete Expedition dürfte laut dem Reiseplane am 10. Jänner in M o m b a s s a eintreffen. Von hier begibt sich die Kommission nach kurzem Aufenthalte per Bahn zu der dem fraglichen Territorium nächstgelcgenen Station. Der südliche Teil des zu erforschenden Landes liegt ungefähr 20 Meilen von einer Bahnstation entfernt, während andere Gebietsteile 40 Meilen weit entfernt sind. Der Aufenthalt der Kommission in Uganda ist auf zwei Monate berechnet, ihre Rückkehr wird für spätestens anfangs April d. I. erwartet. Zur Krise in der Leitung des zionistischen Landesverbandes in Ungarn. Der Ausschuß, des P a p a e rEhowewe-Zion-Vereines beschloß in seiner jüngsten Sitzung, die Demission des Präsidiums des Landesverbandes der Zionisten in Ungarn n i ch t z u r K e nntnis zu nehmen. Allgemein kam die Anschauung zum Ausdrucke, daß die in Ungarn noch junge Bewegung der unermüdlichen und hingebungsvollen Kräfte, welche Präsident Samuel B c t t e l h e i m und seine Kollegen im Präsidium darstellen, nicht entbehren könne. Der Preßburger Verein „Ahawath Zion" dessen Obmann ebenfalls Herr B e t t e l h e i m ist, beschloß, zum Zeichen der Anerkennung der großen Verdienste Bettelheims um die zionistische Bewegung in Ungarn, diesen ins Goldene Buch eintragen zu lassen. Horodeuka. Vorige Woche fand hier die konstituierende Generalversamlung des neugegründeten Vereines „Zeirei Zion" statt. Die Begrüßungsrede hielt Herr David Seidlii n ii li. In den Ausschuß wurden gewählt: Eisik F e n st e r, Präsident; Jakob L a st e r, Vizepräsident; Alter Koch, Kassier; M. Reicher, Sekretär; Beiräte wurden: M. Seidm a ii n, Israel K r a m e r, Emanuel I u n gm a n n, Hillel K o ch und Josef M e r b a u m. Revisoren: Jakob .K o s s e r, B. K o ch und L. K o r n i z. Die Anregung zu.r Gründung dieses