Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Jüdisches Yolksblatt Vereines ging vorn Bereirre „Zeirei Zion" irr Kolomea aus. Ucber den Stand des Zionismus in Ungarn entwirft das. ungarische Zionistenorgan „Zsido Neplap" ein sehr trauriges Bild. Das ausgezeichnet redigierte Blatt macht hierüber unter andereirr folgende Bemerkungen: „Diesmal wollten wir 'bic Aufmerksamkeit unserer Gesinnungsgenossen auf die traurigen Verhältnisse lenken, welche bei Betrachtung des Zionismus in Ungarn in die Augerr treten. Unsere Landesorganisation, wenn von einer solchen gesprochen werden kann, ist ohne Präs i d i u m. Trotzdem dieser Zustand schon seit Monaten besteht, ist vorn Landeskomitee kein einziger Schritt zur Regelung der Situation unternommen wordeir. ZurUntcrstützung der im Dienste der Bewegrurg stehenden, mit großen Mühen gegründeten und unter den schwierigsten Verhältnissen sich erhaltenden Parteipresse geschieht im Lande nichts. Die Schekelangelegen-- heit, auf welcher unsere Organisation ruht, wird allerorten vernachlässigt. Trotzdem es männiglich bekannt ist, daß eine Volksbewegung nur durch ziclbewußte, propagatorische Tätigkeit zu Erfolgen gelangen kann, ist uns absolut nichts bekannt, was auf eine diesbezügliche Wirksamkeit unserer Provinzialgruppen Hinweisen würde. Wir Missen nicht, ob das ungarländische Mitglied des großen Aktionskomitees, Herr M. A. Roth, Oberrabbiner zu Papa, diese schädliche Untätigkeit mit Aufmerksamkeit verfolgt und die Schwere der Verantwortlichkeit fühlt, welche er durch Annahme dieses Ehrenamtes auf sich genommen hat. Wenn ja, warrun läßt er seine Stimme nicht ertönen, um die Schlafenden aufzuwecken? Betrachtet er jedoch sein Mandat als einen leeren Titel, warum bekennt er dies nicht offen und überläßt nicht seinen Platz einem Manne, der, auf seinen Platz gestellt, die Abstellung dieser traurigen Verhältnisse mit mehr Energie in die Hand nehmen würde?" Zum Schlüsse fordert der Artikelschreiber die ungarländischen Zionisten auf, noch im Laufe des Monates Jänner zu einer Landeskonferenz in Budapest zusammenzutreten, auf welcher die Angelegenheiten der Partei einer gründlichen Beratung unterzogen werden sollen. Oedenburg. Der Verein „Agudath Zeirei Zijonim" beschloß in seiner jüngsten Sitzung, sich dem Oedenburger „Misrachi" nicht anzuschließen, sondern in einem eigenen Lokale seine auf die Heranziehung der Jugend gerichtete Tätigkeit mit aller Energie zu betreiben. Zur Krigittenauer Ualckürerfrage. Löbliche Redaktion! Zu Ihren: vormöchentlichen Berichte über die stattgehabte Geueralversammlung des Brigittenauer Bethausvereines gestatten Sie mir zur Steuer der Wahrheit folgende Richtigstellung: Ich habe, nachdem der Obmann Herr Hermann E l t b o g e n mit seinen: Berichte zu Ende Mar, 51t folgenden Ausführungen das Wort ergriffen: „Wenn wir in der Rabbinerfrage bis heute keine Erfolge erzielten, so ist es. ausschließlich auf die Tätigkeit unseres Herrn Obmannes zurückzuführen, der sich in dieser Frage nicht als O bm a n n d e s V e r e i m e s, sondern als Kult it s v 0 r st e h e r betätigte. Ich beweise dies durch seinen eigenen Anssprlich, in welchen: er erklärte, der K ll ltus a n s s ch u ß habe die Erhöhung der Subvention von 2000 auf 4000 Kronen bestimmt, und ist dieser Antrag zufolge der Hintertreppenpolitik des Herrn Obmannes in der Budgeikommissiou zu Falle gebracht Morden. Die Sache kan: daher, weil mit den Machthabern der heutigen Kultusgemeinde hinter den Kulissen dahingehend unterhandelt wurde, daß der von der Kultusgemeiude und von den Bethallsbesuchern des Leopoldstädter Tempels abgelehnte Rabbiner der Leopoldstadt voi: unserem Vereine von Fall zu Fall zlir Funktion zligelassen loerdei: möge. Denn Herr E l t b 0 g e n sowohl als die Knltnsvorsteher kollisien nicht wisseil, daß die Opposition der Gemeindemitglieder sich so einfach düpieren lasseil und von einem Wahlkampfe zurncktreten lverde. Dlirch die Uebernahme des genannten Herrn Rabbiners durch bei: Verein wollten die Machthaber der Opposition die Angriffswaffe entwenden. Ich sagte auch gar nicht, daß die bei der Kultusgemeinde erschienene Deputation, an welcher Herr Dr. R 0 s e n t h a l teilnahm, sich dafür einsetzte, daß von seiten der Kultusgemeinde dem Verein ein Rabbiner beigegeben werde, solldern daß dieselbe mit aller Energie dafür cingetreten sei, cs mögen dem Vereine jene Mittel zur Verfügung gestellt werdei:, welche ihn in die Lage versetzen, einen eigenen Rabbiner zu bestellen, dem dann der Titel eines G e m e i n d e r a b b i n e r s verliehen werden sollte. Ebenso unrichtig ist es, daß ich, wie in dem Artikel ausgeführt ist, behaupte: habe, die Knltusgemeinde müsse unsere Geschäfte besorgen, sonst legen wir die Mandate nieder; richtig vielmehr ist, daß ich sagte, wir besorgen die Geschäfte der Kultusgemeinde durch die Erhaltung des Gottesdienstes, f ü r d e r e n E r h a l t u n g die Kultusg e m e i u d e a u f G r u n d d e s G e s e tz e s v 0 m I a h r e 1891 v e r p f l i ch t c t M ä r e, und wem: nun die Kultusgemeinde unsere Bemühungen nicht einmal so weit anerkennt, daß sie uns dort Hilfe leistet, wo Hilfe vonnöten ist, dann möge der A u s s ch u ß s eine Tätigkeit e i n iff; eilen u 1: d die Besorg u i: g d i r s e r A n g e l e g e i: h e i t e n d e r K u l t u s g e m e i n d e a l l e i n ü b erlas s e n. Nie und nimmer bin ich für die Bestellung eines Rabbiners durch die Kultusgemeinde eingetreten und könnte ich schon im I n t e resse der K u l t u s g e m e i n d e s e l b st einen solchen Antrag nicht unterstützen, weil dadurch ein Präjudiz für alle anderen Bethausvereine geschaffen wäre." Dies ist auszugsweise der Sinn n:einer damaligen Äusführungei:, und wenn es von dem Einsender dieses Berichtes in anderer Form gegeben war, so ist dies entweder in böser Absicht oder zufolge eines Mißverstehens meiner Worte geschehen. Indem ich Sie bitte, diesem in Ihrem geschätzten Blatte Raum zu geben, zeichne Hochachtungsvoll He r m a n nP l a s ch k e s. Dur Autonomie der Juden in Ungarn. Budapest, Ende Dezember 1904. Sehr geehrter Herr Redakteur! Die Frage der Autonomie der Juden, welcher Sie in Ihrem geschätzten Blatte schon so viele eingehende Artikel widmeten, ist noch immer Gegenstand ununterbrochener Beratungen der einzelnen maßgebenden Faktoren. Es wird jedoch gut sein, zu betonen, daß es sich hier nicht um eine politische, sondern um eine rein religiöse oder, wie der technische Ausdruck lautet, kirchliche Autonomie der Juden handelt. Aber auch diese Frage kann wegen der tiefliegenden Verschiedenheiten in der religiösen Auffassung der einzelnen Parteien, trotz der unzähligen Annäherungsversuche beiderseits zu keinem günstigen Resultate geführt werden. Schreiber dieser Zeilen ist wohl kein orthodoxer Jude, steht jedoch nicht an, einzugestehen, daß er in diesem Kampfe zwischen Orthodoxen und Neologen sich lvgischerweise auf Seite der Orthodoxen stellen muß. Die Juden sollen als Konfession eine Autonomie erhalten. Dg ist es wahrlich nicht einzusehen, warum hierbei die von den Neuerern zugestutzte jüdische Religion als offizielles Judentum ausgegeben werde, und zwar um so weniger, als die Herren Neologen es heute selbst zugestehen müssen, daß die neolvge Richtung eine erschreckliche Anzahl von Abfällen zur Folge hatte. Die orthv' boxen Inden befürchten daher mit Recht, daß eine offizielle Vereinheitlichung des orthodoxen und neologen Judentums die Abfallbewegung auch in die Reihen der Orthodoxen tragen würde. Von diesen! Gesichtspunkte ans muß auch der mitfolgende Bericht über die Versammlung des sechsten israelitischen Gemeindedistriktes sowie die Programmrede des neugewählten Distriktspräsidenten Dr. Moritz M e z e i beurteilt werden. Anders lägen allerdings die Dinge, wenn man hier den Mut aufbrächte, auch von einer nationalen Autonomie des Judentums zu sprechen. Im übrigen verlief diese Versammlung folgendermaßen: Präsident Martin Schweiger eröffnet die Versammlung und führt ans, er sei nun seit fünfunddreißig Jahren Präsident des Gemeindedistriktes und habe den Interessen der Judenheit stets nach besten Kräften gedient. Sein vorgeschrittenes Alter hindere ihn daran, diese Würde weiter zu behalten; Seite 5 es bedürfe einer neuen, im Kampfe gestählten Kraft, welche der makellosen Fahne zum Siege verhelfen soll. Er ersucht, seinen Rücktritt zur Kenntnis zu nehmen und ihm ein gutes Andenken zu wahren. (Lebhafte Cljenrufe.) Dr. Paul Mandel sagt, er könne die Abdankung des Präsidenten nur schweren Herzens akzeptieren. Er beantragt, daß dem Danke für den scheidenden Präsidenten im Protokoll Ausdruck verliehen und Schweiger zum Ehrenpräsidenten des Gemeindedistriktes gewählt werde. (Begeisterte Eljenrufe.) Auf Antrag Paul S ü. n d 0 r S erfolgten hierauf die Wahlen mit Akklamation: Präsident wurde Dr. Moritz M e z e i, Präsident-Stelloertreter Josef v. Hatvany-Deutsch, Vorsteher Sigmund Brody, Dr. Ludwig Kecskemeti (Keeskemot), Sigmund K 0 h n e r, Dr. Franz Mezei, Karl Sv üb, Paul Tencer, Berthold Weiß, Dr. Simon Weiß (Kalocsa). Dr. Moritz Mezei übernahm, mit stürmischen Eljenrufen begrüßt, das Präsidium und entwickelte sein Programm. Nachdem er mit Anerkennung der Verdienste seines Amtsvorgängers und des ersprießlichen Wirkens des Leiters der Zentralkanzlei Dr. Joseph Simon gedacht hatte, kennzeichnete er die Richtung, welche er als Präsident befolgen will. Er betont vor allem, daß es eine jüdische Autonomie, von welcher Optimisten behaupten, dieselbe sei verkümmert, eigentlich gar nicht gebe. Bo» dem, was der vor 35 Jahren abgehaltene Kongreß geschaffen hat, ist nichts übrig geblieben als der Gemeindedistrikt. Der sonstige Landesverband konnte seitdem nicht hergestellt werden. Sein ständiges Bestreben wird in Hinkunft dahin gerichtet sein, daß ein die ganze ungarische Jndenschaft umfaffender Verband geschaffen werde. Bis dies möglich sein wird, wird er dahin streben, daß die Distriktseinheit ein unmittelbareres Leben als bisher entwickle. In der Leitung der Distriktsangelegenheiten will er zwischen dem Distrikt und den einzelnen Gemeinden eine häufigere Berührung schaffen. Er will die Gemeindebesuche einführen und den Gemeinden hilfteich beistehen, wo sich dies als notwendig erweist. Hiervon erhofft er die Entwicklung der lebendigen und gegenseitigen Rückwirkung und der Sympathie. Es muß das Interesse für die Autonomie geschaffen werden. Redner bemängelt es, daß bei der bisherigen Gebarung die Gemeinden niemals davon Kenntnis erhalten konnten, was in der Zentrale geschah. Deshalb wünscht er, der Oeffentlichkeit größeren Raum zu gewähren. Seiner Ansicht nach müssen periodisch und systematisch Vorstandssitzungen abgehalten werden. Er als Präsident werde an allen das ungarische Judentum interessierenden Angelegenheiten teilnehmen. Dafür ist er dem Kongreß verantwortlich. Wenn kein Kongreß stattfindet, dann ist er jener Körperschaft Rechenschaft schuldig, an deren Spitze er gestellt wurde. Hierauf geht er auf jenen Punkt des Jahresberichtes über, welcher von der Herstellung des Friedens mit den abgefallene« Brüdern handelt. Auf dem 1868er Kongresse waren es zwei grundlegende Fragen, wegen deren die Sezession erfolgte. Die eine dieser Fragen war das israelitische Seminar, von welchem die Orthodoxen nichts hören wollten. Hätte die Judenheit in dieser Frage nachgegebeu, so wäre der Friede vielleicht zustande gekommen. Er glaube aber, daß es in der Versammlung keinen einzigen Juden gebe, der diese Institution opfern wollte. . Die zweite Frage war die Angelegenheit der althergebrachten Zeremonien; in diese konnte man sich aber gleichfalls nicht einlassen, weil sich der Kongreß mit Religionsfragen nicht befaßte. Wenn mit Aufrechterhaltung dieser beiden Angelegenheiten der Friede hergestellt werden kann, so ist er geneigt, bis zur äußersten Grenze der Nachgiebigkeit zu gehen. Wenn die Verhandlungen zu keinem Resultate führen sollten, wird er mit voller Kraft dahin wirken, die Autonomie zu erkämpfen. Redner wird bestrebt sein, durch Einberufung eines neueren Kongresses die Sache zur Entscheidung zu bringen. Aus den gegenwärtigen Wirren müsse man auf jeden Fall herauskommen. Die Programmrede des neuen Präsidenten wurde mit stürmischen Eljenrufen anfgenommen. Präsident-Stellvertreter Joseph v. Hatvany- Deutsch dankt für das ihm engegengebrachte Vertrauen und verspricht, daß er nach Kräften bei der Lösung der vom Präsidenten skizzierten Aufgaben Mitwirken werde. Der von Dr. Franz Mezei verfaßte Jahresbericht wird als verlesen betrachtet. Dr. Soma B i s 0 n t a i spricht seinen Dank dafür aus, daß der Bericht die triste Lage der