Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Jüdisches Volksblatt Seite 3 Es bildeten sich somit zwei Kategorien von Juden in Rumänien: eine neu eingewanderte, größtenteils unter dem Schutze ihres Konsuls stehende Judenschaft, neben der die früher eingewanderten als autochthone oder inländische betrachtet wurden, die in der rumänischen Sprache als „pamanteni" bezeichnet waren, im Gegensatz zu den fremden Untertanen „Sudeti". In bedrängten Tagen, die im 10. Jahrhundert häufiger wurden, suchten die inländischen Juden (Pamanteni) Schlitz bei dem LankMherrn, wo sie ihn auch oft fanden. Die anderen Läufern ungehörigen Juden fänden Schutz bei den Konsuln ihres Ursprungslandes, welcher Schutz sich zuweilen auch auf die Inländischen erstreckte. Die „Pamanteni", welche Bezeichnung im Gesprächsgebrauche gleich „rumänisch" benützt wurde, hatten eine entsprechende, vonr Landcsfnrsten anerkannte Organisation mit einem religiösen Chef, „Haham bascha" genannt, der auch, die Jurisdiktion über die Juden hatte. Im Laufe des 10. Jahrhunderts' gelangten die Juden immer mehr unter das allgemeine Recht und waren bloß als minderberechtigte Bürger betrachtet. Manche Fürsten versuchten sogar den seinerzeit noch herrschende:^ jüdischen Partikularismus abzuabzuschaffe!^,was jedoch von allem Anfänge an viele Hindernisse stieß. Kurz und gut, der inländische Jude wurde als ein dem rumänischen Staate Angehöriger betrachtet und dies in beiden Fürstentümern. Gelegentlich der Revolution im Jahre .1848, die eine Nachahmung der französischen sein sollte, wurde im Progrannn der revolutionären Partei, aus der die späteren rumänischen judenfeindlichen Staatsmänner hervdrgingen, die Emanzipaton und Gleichberechtigung der Juden mit den Eingeborenen verlangt. Die Revolution, an die auch zwei jüdische Namen geknüpft sind, scheiterte. Die nicht fremden Staaten untertänigen Juden behielten eine gesetzlich geregelte Stellung bis zu den Jahren 1866— 1866. Unter der Herrschaft des Prinzen C u z a, unter dessen Negierung die zwei Fürstentümer sich vereinigten, war die Lage der Juden gesichert. Der Prinz und sein Minister K o g u ln i c e a n u waren auch nicht abgeneigt, den Juden die Gleichberechtigung zu verleihen. Wie es heißt, forderte man von den damaligen jüdischen Notablen größere pekuniäre Opfer (!). Die Juden waren' aber in jenen Zeiten viel zu indolent und zu wenig politisch gereift, itm die großen Vorteile zu begreifen, die ihnen die politischen Bürgerrechte gewähren würden, und verpaßten eine Gelegenheit, die nie wiederkommen sollte. Mit der Entthronung des Prinzen Cuza, der sich um das rumänische Volk große Verdienste erworben hatte, fängt eine traurige Periode für die jüdische Bevölkerung dieser fragte, warum' er in solchem Neglige herumgehe, antwortete er ruhig: „Ich bin heute unwohl, bleibe daher zu Hause." Einmal begegnete ihm auf der Straße ein 12—13jähriger Knabe. Dieser grüßte ehrenbietig. Reb Gabriel faßte den Kleinen an der Hand und frug ihn: „Wie heißt du, Kleiner, wem gehörst du?", worauf der Knabe antwortete: „Ich heiße Benjamin und bin der Sohn des Reb Gabriel Broch. Es war am Purim-Abend. Alle Leute maskierten sich und besuchten die verschiedenen gastfrei eröffneten Häuser. Auch Reb Gabriel verkleidete sich als Soldat, Als er das erste Hans betrat, begrüßten ihn die Bekannten mrt „Simchas Purim Reb Gabriel!" Er aber protestierte wütend und rief mit verstellter Stimme: „Ihr irrt euch, ich bin ein anderer, nicht Reb Gabriel!" Nun führte man ihn vor einen Spiegel; erbleichend erkannte Neb Gabriel sein Originalantlitz, er hatte vergessen, die Larve anfzusetzen. Eines der originellsten Exemplare war jedoch Reb E l ch e n o, der Schammes und Schächter. Es war das ei» Aufschneider von außerordentlicher Virtuosität, der die haarsträubendsten Unwahrheiten mit der unbefangensten Miene vorbrachte, aber nicht ans Bosheit, sondern aus Schalkhaftigkeit, denn er war sich bewußt, daß man ihm nicht glaube, und die ganze Stadt kannte ihn als Aufschneider. Hier eine kleine Blütenlese aus dem Reiche der Phantasie von Reb Elcheno: Am Ende der Stadt befand sich ein Teich. Reb Elcheno ging dort spazieren und sah zu, wie der Fischer mit dem Netz Fische herauszog. Letzterer begann nun Reb Elcheno zu necken: „Wenn ihr mir sofort ohne nachzudenken Rumäniens an. Mit dem Jahre 1866 beginnt eigentlich der rumänische moderne Verfassungsstaat. Seit der Negierung des vormaligen Prinzen heutigen Königs Karl von H o h e n z o ll ern werden die Juden ihrer Rechte auf „gesetzliche m Weg e" beraubt und dieser Zustand dauert bis heute. Was geschah im Jahre 1866? Eine W i l lk ü r in gesetzlichen! Gewände. Man haßte den neuen fremden Fürsten und man wollte seiner Regierung Schwierigkeiten bereiten. Man sollte den Juden die Gleichberechtigung geben. Da empörte man die Volksmassen der Hauptstadt Bukarest gegen die, wie inan sie betitelte, „judenifreundlickp" und den Juden „verkaufte" Regierung. Mau zertrümmerte die neugebaute Synagoge und schlug Fenster ein. Auf diesem Wege erzielte man, daß die rumänischen Volksvertreter die politischen Bürgerrechte u u r d e n B e k e n n e r n der g r i e ch i s ch - k a t h ol i s ch e n K i r ch e zuerkannten. Die Juden waren von dieser Begünstigung ausgeschlossen. Damit war der Jude noch nicht zum „Fremden" gestempelt. Er behielt seine zivilen Rechte und konnte auch an dein Gemeindeleben teilnehmen. Er war noch immer ein Bürger, aber mit geschmälerten Rechten. Jetzt fing aber die Willkür ihr schnödes Spiel an. Im Jahre 1874 interpretierte man die Verfassung von 1866 dahin, daß man den Juden die ko turn u n a l c n Rechte w e g n a h m. Mai: mißachtete „die erworbenen Rechte" der Inden, indem man behauptete, daß sie, da sie nicht der griechisch-katholischen Kirche angehören, auch keirre Rechte besitzen können. Der S t a a t s p f l i.ch t e n wurden sie aber nicht enthoben. Als 1877 der Freiheitskampf ausbrach, mußten auch die Juden in den mörderischen Krieg ziehen. Ein Jahr spater sollte man Dem Lande eine neue Verfassung geben. Die feit 1866 sich wiederholenden Verfolgungen fanden einen Widerhall in der öffentlichen Meinung Europas und auf dem Berliner K o n g r e f f e zwang marr die rumänische Regierung, die Judenfrage zu lösen. Die Mitglieder des Kongresses und die Großmächte waren schlecht unterrichtet. Ma.lt glaubte, es handle sich um religiöse F r e i f) c i t und man begnügte sich mit der Bestimmung, daß nach den rumänischen Gesetzen die R e l i g i o n kein Hindernis zur Erlangung der B n r g e r r e ch t e b i l d e n d ü r f e. Und die rumänischen Staatsmänner waren zu schlau, um eine solche Bedingung nicht anzunehmen. Gut, sagten sie, so steht es uns frei, jeden F x e m d e n, welcher Religion er auch angehören möge, die rumänische Naturalisation zu gewähren oder zu verweigern. Die Juden sollen sich naturalisiereit lassen, unser Parlament wird denen, d i e es v e vdien en, die Einbürgerung vom eine augenscheinliche Lüge sagt, bekommt ihr einen Fisch!" Darauf sagte der liebe Rcb Elcheno sofort: „Ihr habt mir ja vor einer Stunde zwei Fische versprochen!" Lachend gab ihm der Fischer nur einen. In einer Versammlung band er einmal seinen Zuhörern mit überzeugungstreuem Gesichte folgenden Bären auf: „Vor einigen Jahren hat unser Kaiser bei Rothschild eine Anleihe von hundert Millionen gemacht. Heuer brauchte Rothschild jedoch das Geld und verlangte Rückzahlung. Der Kaiser und die Regierung konnten nicht so viel aufbringen und kamen ans folgenden Ausweg: Sie ließen nämlich eine einzelne Banknote von hundert Millionen d r u ck e n und bezahlten Rothschild damit. Dieser bemühte sich in Oesterreich und im Auslande diese hundert Millionen zu wechseln. Aber wo sollte er jemand finden, der für diese Riesenbanknote das nötige Kleingeld habe. Nach allen vergeblichen Bemühungen sah er sich genötigt, sie der Regierung zurückznstellen und mit seiner Forderung noch einige Zeit zu warten." Die Zuhörer stellten sich, als ob sie diese fabelhafte Erzählung glauben würden. Aber mehr noch als durch seine Lügen tat er sich durch seine Spässe und seinen sprudelnden Witz hervor, welche den Schwermütigsten heiterstimmen mußten. Eine Magd kam zu ihm, um eine Henne schlachten zu lassen. „Ja," sagte er, .bevor ich sie schlachte, muß ich erst sehen, ob sie fliegen kann." Die Einfältige band sofort die Flügel los. Die Henne flog aus dem Schlachthvfe aufs Dach und Herzen gewähren. Und so bestimmte die neue Verfassung, auf welche Weise und unter welchen Bedingungen ein Fremder Bürger werden kann. Nach langwierigem diplomatischen Notenwechsel wurden die Bedingungen angenommen. Die Proteste der Juden wurden durch verräterische jüdische Unterschriften, die die Regierung sammelte, erstickt, und der Jude, der seit Generationen im Lande lebte, der einmal Bürgerrechte, wenn auch geschmälerte, genossen hatte, wurde dem F r e m d e n gleichgestellt, zu einem Fremdling in: Lande gestempelt. Ein paar hundert jüdische Kämpfer des Freiheitskrieges wurden kollektiv naturalisiert. Die übrigen sollten den Weg der individuellen Naturalisation betreten. Als „Fremde" mußten jetzt die Juden im Parlamente die Naturalisation verlangen! Und das rumänische Parlament zeigte sich großmütig. Währendder letzten 27 Jahre sind kaum 100 Juden naturalisiert worden. Die anderen sind F r e m d e, weil sie dank der Willkür der Verfassungsgesetzgeber von 1878 zu solchen gestempelt worden sind. Und seit dieser Zeit schützt jedes Gesetz den Eingeborenen, den Bürger gegen den Fremden, wie es eben alle Staaten tun. Nur daß in Rumänien die Fremden von denen anderer Länder sich wesentlich unterscheiden. Hier sind es gewesene B ü r g e r, die willkürlich ihrer Rechte beraubt worden sind, weil sie einmal zu schwach, zu indolent waren, dieselben zu verteidigen. Und welche vernichtenden Folgen dieser jeden Rechtssinn verletzende Zustand bei den Juden Rumäniens gehabt hat, werden wir bei einer nächsten Gelegenheit beschreiben. Die österreichische Ministerkrise ist beendet. Dr. v. Ko erb er ist gegangen und an seine Stelle kam Freiherr v. G a u t s ch. Wir Juden haben keinen besonderen Grund, über diesen Wechsel in der Regierung besonders erfreut zu sein. Dr. v. K o e r b e r, dessen Regierungsprinzip es war, mit allen Parteien und Konfessionen gut auszukommen, hat wenigstens nie eine ostentativ antijüdische Haltung eingenommen. Von dem jetzigen Ministerpräsidenten Baron v. G a u t s ch kann dies, so weit seine frühere Tätigkeit als Kultusminister in Betracht kommt, nicht behauptet werden. Unter ihm blühte die Taufe unter den jüdischen Lehrern und Professoren, und der Fall des Professors Dr. I e l l i n e k, eines Sohnes des verstorbenen Wiener Oberrabbiners, dürste noch allen erinnerlich sein. Professor I e l l i n e k, der schon damals einen europäischen Ruf genoß, konnte es hier wegen seines Judentums zu keiner ordentlichen Professur bringen und sah konnte nur mit Mühe später wieder eingefangen werden. Einmal kam er in eine Frauengesellschaft und berichtete mit betrübter Miene, daß ein in Moskowitz in der Nähe von Proßnitz wohnender Branntweilihauspächter, der allen bekannt war, hierher gebracht wurde, da ihn die Gemeinde nicht wolle begraben lassen. „Aber warum nicht?" riefen die entrüsteten Frauen. „Je nun," antwortete er. „weil er noch nicht gestorben ist, sondern weil er bloß krank hierhergebracht worden ist." Die nachhaltigste Heiterkeit erweckte Reb Elcheno durch folgendes Schelmenstück: Aus Wien war ein renommierter Porträtmaler angekommen und Leute aus den vornehmsten Familien ließen sich abkonterfeien. Der Arzt und unser Reb Elcheno taten desgleichen. Ersterer kam an dem Hause des letzteren vorbei, als er gerade zum Fenster heraussah. „Sind Sie schon heute gesessen?" fragte der Doktor den Schammes. „Ja, durch volle drei Stunden. Und Sie?" war die Gegenfrage, und er antwortete: »Auch ich heute nachmittag drei Stunden." Damit deuteten sie an, wie lange sie dem Maler zum Porträtieren gesessen haben. Ein Weib aus der Nachbarschaft hörte diese Fragen und Antworten und neugierig kam sie, um nach dem Sinn des Gespräches zu fragen. „Ja," antwortete Reb Elcheno, „die Sache muß geheim bleiben." Aber sie bat ihn, ihr die Ursache des langen Sitzens mitzuteilen und beteuerte, das Geheimnis nicht zu verraten. Er ließ sich erweichen und sagte ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit folgendes: „Wir haben beide die Entdeckung gemacht, daß auch Menschen Eier ausbrüten können,