Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt Nr. 1 Seite 2 oder für die Tschechen nach Einführung der nationalen Kurien zu optieren. Gemach! Bevor die Juden vor diese bittere Wahl gestellt sind, ist es ihre und vor allenr^der Nationaljudenund ZionistenP flicht und S ch u l b i (| l c i t, werügstens bcu Versuch zll wagen eine Sonderstellung der Juden bei der Neureung zu erringen. In allen Judengemeinden muß eine aufklärende Agitation eingeleitet und ein Petitionsslurm erregt iverden. Mißlingt dieser Versuch, so haben die nationalen mtb zionistischenKreisewenigsten das Beivußtsein: animam meam salvavi. Aber kampflos bem Gegner das Terrain zu überlassen, käme fast einer Preisgabe der nationalen Idee gleich! Und ist dieser Versuch wirklich ganz aussichtslosV - Mit Nichten. Ich habe schon einmal ausgeführt, daß die ganze Organisation der jüdischenKultuSgemeinden vorbildlich für die künftigen Versuche, nationale Kurien zu bilden, ist. Ist doch die Kultusgemeinde mit dem wichtigen Rechte der Einhebung von pfändbaren Steuern ausgestattet, der wichtigsten Vorbedingung einer nationalen Machtentfaltung. Es erübrigt nur noch, den Kultusgemeinden politische Rechte zu gewähren, die Entsendung einer ihrer Kopfzahl und ihrer Steuerkraft entsprechenden Anzahl von Abgeordneten in den Landtag, um ein Bollwerk zu schaffen, in dem die Juden getrost den Stürmen der Zeit trotzen können. Gerade in Mähren. Bestehen doch hier zwei wichtige jüdische Institutionen, die einen natürlichen Uebergang zu der künftigen nationalen Autonomie bilden. Die mährische Landesjudenschaft und die politischen Juden gemeinden haben heute von ihrer früheren Bedeutung sehr viel verloren. Aber nach ihrem Muster könnten ohne viele Schwierigkeiten alle größeren jüdischen Gemeinden zu autonomen Gemeinden umgewandelt werden. Die mährische Landesjudenschaft, heute nur zur Verwaltung des Landesmassafonds berufen, könnte in eine jüdischnationale Kurie umgewandelt werden, Könnte — eine Gewißheit besteht allerdings nicht! Solche Geschenke fallen keinem Volke in den Schoß. Ein jedes Volk muß sein Recht erobern. Aber hoffnungslos ist dieser Kampf nicht, außer wir geben i h lt, noch ehe er begonnen hat, und damit uns selbst auf. Wir verlangen doch nichts anderes, als daß das, was für alle andereir billig, uns recht sei. Und wir müssen auch nicht ohne Bundesgenossen dastehen. Die Tschechen haben allerdings ein sekundäres Interesse, daß die Anzahlder deutschen Wähler nicht unnatürlich anscbwelle; Leute die lang entbehrten Speisen. Am Schewuoth wurden nicht nur der Tempel, sondern auch alle Wohnungen mit Blumen und Reisiggirlanden geschmückt. Rosch Haschono und Jom Kipur versammelte der Tempel alle Bewohner ohne Ausnahme zu inniger, weihevoller Andacht. Am Sukkoth war vor jedem zweitea Hause eine Sukkn aufgestellt und die Familienmitglieder aller benachbarten Häuser kamen da zu gemeinschaftlichen Mahle zusammen. Einmal kamen übermütige Burschen aus der Christenstadt in der Nacht und verwechselten die tragbarcn Hütten untereinander, indem sie sie in andere Höfe trugen, und als die Eigentümer des Morgens zum Frühstück kamen, fanden sie sich in der fremden Sukka mit fremden Geräten, mußten den Jomtow entweihen und die Sukkawieder zurrechten Stelle hintragen. Sehr geräuschvoll wurde Purim gefeiert und ein förmlicher Fasching abgehalten. Jede nur einigermaßen vermögliche Familie hatte in der Wohnung ein Büfett aufgestellt mit Braten, Backwerk, den beliebten Purimkindeln und Getränken, Wein und Likör. Sie eröffnten gastfrei ihre Räume den Besuchern ohne Unterschied des Ranges. Und alle kamen, und zwar zumeist maskiert, ohne genötigt zu sein die Larven zu lüften, und konnten genießen was da geboten war. Es war ein frohes bewegtes Leben in den hellerleuchteten Straßen und in den Häusern. Die Kinder gingen mit Ratschen umher und machten einen heillosen Lärm zur Vernichtung HamanS. An einem Purimabende waren auch die Zimmer des Hauses H., einer der reichsten Familien der Gemeinde, gastlich geöffnet und eine bunte Schar von Masken in den verschiedensten Trachte« hängt doch von der Anzahl der iirskribirten Wähler die Anzahl der Mandate ab. Da nun zweifellos für den Fall, daß nur die Wahl: Tschechen oder Deutsche bestünde, der überwiegcnde Teil der Juden für die Deutschen optierte, so wären die Tschechen, die die Zweidritteliuehrheit des Landes repräsentieren, bei einiger Diplomatie der Jude:: sicher für eine Sonderstellung der Juden zu haben. Daß eine solche Organisation einen ganz anderen Rückhalt böte als das Nachlassen des Antisemitismus, das nach Einführung der deutschen und der tschechischen Kurie erhofft wird, ist klar. Also, tun wir das Unserige. Dr. Sofer. Die gesetzliche Lage der Juden in Rumänien. Von Dr. B. H. Lauby. Wenn in einem autokratischcn. Lande wie Rußland Inden verfolgt werden, so ill es begreiflich. Tort gibt es eben weder Gesetz noch R c ch l, sondern nur W i l l k ü r. Anders sollte sich die Sache in einem Berfassnngsstaate wie Nnmänien gestalten, wo es ein Parlament gibt, wo Gesetze votiert werden, die nicht einen Teil der Bevölkerung den Verfolgungen des anderen Teiles aussetzen dürften. Das ist wenigstens der Begriff, den man sich von einem modernen Parlamente macht. Allerdings hat man in den letzten Jahren in verschiedenen Verfassungsstaaten Gesetze entstehen gesehen, die diesem Prinzipe widersprechen, und cs wäre nicht zu verwundern, wenn auch das rumänische Parlament den deutschen und österreichischen Volksvertretungen nachzuahmen trachtet. Der Unterschied zwischen der rumänischen gsetzlichen Ungerechtigkeit und der anderer Verfassungsstaaten ist jedoch ganz eigenartiger Natur. Der ganze Bau der antijüdischen Gesetze in Rumänien, deren Entstehung sich vor unseren Augen vollzieht, fußt auf einer historischen Willkür. Die rumänische Gesetzgebung beschäftig sich nicht mit dem Inden „als solchen". Sie trifft bloß Maßregeln gegen Fremde, nicht dein rumänischen Volke Angehörige. Das tun alle Staaten. Aber in Rumänien sind fäint liche Juden — Fremde, wenn sie auch seit 3—4 und noch mehr Generationen im Lande wohnen, was viele heutige rumänische Staatsmänner und Politiker von sich nicht Nachweisen könnten. Der Jude war aber nicht immer als Fremder in Rumänien betrachtet. Er war >cs nicht vor 4 Jahrzehnten. Er ist es erst seit jener Zeit geworden, und diese Stigmatisierung der Juden zu Fremden ist einer gesetzgeberischen Willströmte aus und ein. Da kunenanch zwei als Türke und als Slowake verkleidete Masken. Sie taten sich gütlich. Beim Weggehen jedoch ließen sie einiges vom silbernen Eßzeug in einer Tasche nntgeheu. Als sie fort waren, wurde der Diebstahl entdeckt. Nun wurde eine Jagd nach den Dieben veranstaltet. Man hatte sie bald ergriffen und sie wurden unter starker Eskorte der johlenden Jugend in das Haus des Gastgebers zurückgebracht. Die zwangsweise Demaskrerung der Diebe bot eine Sensation. Der Bräutigam der Tochter des Hauses war der Türke und sein Vater der Slowake. Es worein etwas zu derber Purimsp-ß. Nach vielen Entschuldigungen löste sich alles mit Lachen in Lrebe auf. Am Vorabende des Fasten schickten die befreundeten Familien einander Geschenke. Aber auch die Armen wurden bedacht und jede halbwegs bemittelte Familie ließ ein Verzeichnis der Notleidenden aufsetzen, (man nannte dies „K-tzwezettel") und schickte ja nach Bedürftigkeit größere oder kleinere Geldgaben und um die Beschenkten nicht zu beschämen, sendete man es durch einen eigenen Boten, dem strenge Diskretion aufgetragen wurde. Es würde zu weit führen und die Grenzen des mir zur Verfügung stehenden Raumes weit überschreiten, wollte ich noch werter alle Einzeln» heilen und Besonderheiten aus dem Leben dieser Gemeinde anführeu Es bleibe einem Lokalhistoriker Vorbehalten, nebst der ereignisreichen Geschichte ausführlicher die Physiognomie der Gemeinde im Detail zu schildern. Ich beschränke mich daher bloß darauf, noch einige originelle Sonderlinge jener Zeit zu beschreiben: Reb Harsch Klei» der Dajon ein kür ^entsprungen. Mit anderen! Worten: die heutige Lage der Juden kann man nur verstehen, wenn man bcu historischen Anfang und die Entwicklung der bezeichneten Willkür näher kennt. Dies zu beschreiben ist unsere Aufgabe. Die Geschichte der Juden in Rumänien lehrt uns folgendes: Spuren von Juden in den damaligen Donaufürstentümern Moldall. und Walachei (heute Königreich Rumänien)'finden sich schon seit deren Gründung, die etwa mit Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts anznnehmen ist. Anfangs war die Zahl der hier ansässigen Inden sehr beschränkt. Im 16. mtb 10. Jahrhundert, als sich die türkische Herrschaft diesseits der Donau ansbreitete, wächst die Zahl der sephardischen, Jllden in der Walachei. Während dieser Zeit finden die jüdischen Kaufleute alls Polen zum ersten Male ein Tätigkeitsfeld in der Moldau, die mit Polen Fühlung hatte. Die Fürstentümer besaßen eine Bauernbevölkerung, die infolge fortdauernder Kriege, resp. einer immerwährenden, die Bauern zugrunde richtenden Militärpflicht immer mehr zu Frohndienern einer nengebildeten Militär- und Besitzcrschichte, der der Bojaren, herabgedrnckt wird. Die Zahl der Städte ist unbedeutend. Eine selbständige Handwerkerschaft un>d Kaufmannschaft fehlt fast. Es gibt mit anderen Worten keinen Mittelstand zwischen Bauern und . Bojaren. Die fortdauernden Kriege hatten jahrhundertelang ihr vernichtendes Werk getan. Man muß eine ausländische industrielle und kommerzielle Schichte herbeiziehen, um die Produkte dcs Landes besser 311 verwerten. Landesherrscher und großmächtige Bojaren stellen den polnischen Inden ein lohnendes Feld zur Verfügung. Man gewährt ihnen Privilegien. Sie haben hierfür Marktflecken zu errichten, Brennereien aufzubauen und neues Leben ins Fürstentum zu bringen. Dieser Zustand dauert bis in die Mitte des 10. Jahrhunderts. Die Einwanderung der Inden bringt eine größere Steuereinnahme mit sich und wird deshalb von den rumänischen, resp. moldauischen Staatsmännern immer ermutigt.*) Während dieser ununterbrochenen Einwanderungszeit ist die Lage der Inden größtenteils günstig. Nach den polnischen Inden kamen auch österreichische, und auch russische flüchteten sich hierher in dcn grausamen Jahren moskowitischer Verfolgung. *) Diese historische Auffassung ist nicht nur von den jüdischen Historikern, wie Brüöer Schwarzfeld u. a., betont, sondern auch vom antisemitischen Professor A. D. Xenopol zugegeben worben, der diese Tatsache selbstverständlich von seinem antisemitischen Standpunkte aus als einen Landesverrat betrachtet. grundgelehrter Talmudforscher, den die modern gewordene Jugend wegen seiner Hyperfrömmigkeit verhöhnte. Wenn er durch die Gassen schritt, drückte er sich knapp an die Wand, damit er — Gottbehüte — kein weibliches Wesen zu Gesicht bekäme. Ein Weib kam zu ihni mit einer S ch a i l c, ob sie einen Topf mit Milch, auf welchen Gänseschmalz gespritzt war, noch weiter verwenden könne? „Ja", antwortete er „Sie können ihn noch weiter gebrauchen, aber Sie müssen vorher in dem Boden ein Loch ausschlagen". Er hatte den Grundsatz, man müsse die Kinder gleich von Geburt aus gegen Einfluß von Hitze und Kälte abhärten. Als ihm ein Mädchen geboren wurde, legter es trotz heftigen Stränbens der Umgebung an einem eisig kalten Wintertage vars Fenster, wehrte sich mit allen Kräfte gegen diejenigen, die ihn hindern wollten und wiederholte die Prozedur drei Tage hintereinander. Die Folge war, daß das Kmd. heranwachsend, epileptisch und blödsinnig wurde. Noch manch andere solcher Geniestreiche wurden von ihm erzählt, deren Aufzählung aber hier zu weit führen würde. Ei» zweites Exemplar war Reb Gabriel Broch, ein ehrenwertes Mitglied der Gemeinde, der aber durch seine Zerstreutheit oft in die komischesten Situationen geriet. So soll er einmal in der Küche ein Geschier mit Gemüse gesehen haben, welches für die ganze Familie vorbereitet war. Da befiel ihn die Lust, davon zu kosten. Reb Gabriel vergaß aber es beim Kosten bewenden zu lassen, und aß in seiner Zerstreutheit den ganzen Inhalt bis auf den letzten Bissen auf. An einem regnerischen Tage traf ihn auf der Straße ein Bekannter, wie er im Schlafrocke und in Pantoffeln herumging, und als ihn