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Jüdisches Volksblatt · 1904-12-30 · 53 (30.12.1904) · page 11

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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«r. m m-Äi. Jüdisches Volksblatt je älter sie werden, desto flacher erscheinen sie uns" in folgender Weise: Die philosophischen Systeme sind seit den ältesten Zeiten stets von den späteren Denkern bekämpft und umgestoßen worden. Seit Aristoteles haben gar viele Philosophen dessen System bekämpft und umgestoßen, ihr eigenes System an dessen Stelle gesetzt, das wieder von den späteren umgestoßen wurde. So fanden sich mit jedem neuen Jahrhundert mehr Philosophen, die die früheren Systeme als verfehlt erklärten. Bei der jüdischen Gottesgelahrtheit verhält sich's umgekehrt. Eine von Rabed angefochtene Dezision Maimonides gab allen bedeutenden Talmudisten Gelegenheit, mit Aufwand ungeheuren Scharfsinnes den Rambam zu verteidigen und in seiner Dezision immer tiefere Gedaukeukombiuation zu suchen. Je älter Aristoteles wird, desto mehr Philosophen erklären sein System für falsch, je älter Rambam wird, desto mehr Scharfsinn wird ihm imputiert. Und so ist das Ansehen Rambams als hehren Charakters, als Leuchte und Führer der Judenschaft für alle Zeiten gesichert. Wien, 20. Tebeth 5665. Wolf Pappenheim. Besprechungen. Der Antisemitismus, Unter diesem Titel erschien vor kurzem in Pernerstvrfers „Deutsche Worte" von Friedrich Hertz ein Aufsatz gegen den Antisemitismus, der nun auch als Broschüre vorttegt. Vom historischen, moralischen, ökonomischen und anderen Standpunkten sucht der Verfaffer die Barbarei des Antisemitismus öarzutun. In dieser Beziehung unterscheidet sich diese Schrift nur wenig von jenen Abwehrbroschüren, deren zwölf ein Dutzend geben. Was für uns an dieser Broschüre von Interesse ist, ist die Offenheit, mit der der sozialdemokratische Abwehrmann im Gegensätze zu seinen liberalen Vorgängern seine assimilatorischen Konsequenzen zieht. Nachdem er aus 29 Seiten dem Antisemitismus ins Gewissen redet, -atz die Juden denn doch nicht schlechter als die Christen seien, widmet er eine knappe Seite den Zionisten und kommt zu dem Schlüsse, daß die Juden sich assimilieren müssen. Also: aus der Gleichwertigkeit der Juden leitet Hertz nicht das gleiche Recht der Juden, als solche weiter zu existieren, ab, sondern umgekehrt die Notwendigkeit, als Juden — zu verschwinden, d. h. in der christlichen Kulturmenschhett aufzu gehen! Hertz schreibt wörtlich: „Trotz allem Widerspruch bleibt doch die Assimilation der Juden das richtige Ziel, ö. H. das durch ehrliches Zusammenarbeiten von Juden und Christen beförderte Aufgehen aller jüdischen Besonderheiten in unsere Kultur. In neuester Zeit hat sich nun unter dem Druck der antisemitischen Agitation gerade eine jüdische Bewegung heftig gegen diese Ansicht erhoben. Es ist der Zionismus, der die Juden als selbstständige Nation unter Erhaltung, ja künstlicher Wiederbelebung aller Besonderheiten auf eigenem Gebiete ansiedeln will. Ich verkenne den Kern gutgemeinter Begeisterung nicht, der bei vielen zionistischen und auch antisemitischen Idealisten zu finden ist, ich will selbst zugeben, daß eine Ansiedlung des jüdischen Proletariats erstrebenswert ist, trotz aller ihr entgegenstehenden Schwierigkeiten, aber zweierlei werfen wir dem Zionis- , nms vor: 1. daß er die gänzlich unhaltbare R a s s e n h y p o t h e s e! sich zu eigen gemacht hat: 2. daß er nicht sehen will, daß in allen zivilisierten Ländern der größte Teil der Inden schon assimiliert ist und daher weder willig noch fähig sein würde, an jener Kolonisation teilzunehmen. Dem orthodoxen russischen Juden ist der aufgeklärte, fretgetsttge französische oder deutsche Jude, der weder an Bibel noch 1 Talmud glaubt, ein größerer Greuel als irgend ein Antisemit und wenn wirklich alle diese bisparaten Elemente gemeinsam sich nieöerlassen würden, so würden wir wohl bald von neuen Judenverfolgungen hören, deren Opfer aber diesmal die freigeistigen, westeuropäischen Juden wären. — Welche Sprache sollen diese, aus allen Winkeln der Wett zusamwettgeströmten Juden der Wett reden? Das Hebräische eignet sich gewiß nicht für modernen A u s ö r u ck, schon vor Christi Zeiten war eS bei öeit Juden selbst eine tote Sprache, durch Aramäisch und Griechisch verdrängt. Schließlich erscheint mir die künstliche Entfachung chauvinistischen Nassenstvlzes mit all dem lieblichen Zubehör jedes Nationalismus als direkt kulturwidrig. Früher galt der Jude als nüchtern, heute hält sich der ziontsttsche Student für verpflichtet, seinen arischen Kollegen in der Biervertilgung zu iiberwinden, wie er ihm an chauvinistischer Unduldsamkeit schon gleichkommt. Es will mir dünken, baß gerade die Zionisten ärgere Assimilattten sind als ihre Gegner, wenn sie sich derart vor allem die Fehler der Ntchtjuden aneignen." Der Freimut, mit dem Hertz „das richtige Ziel", nämlich das Aufgehen der Juden ohne Nest in ihrer Umgebung verficht, sollte uns jeder Polemik entheben. Sein Mittel gegen den Antisemitismus ist wahrlich nichts weniger als originell,' denn dieses Mittel hätten unsere Ahnen vor zirka 16—1600 Jahren viel aussichtsreicher praktizieren können. Nichtsdestoweniger wollen wir uns Hertz' „Vorwürfe" näher ansehen. Es ist vor allem nicht richtig, daß der Zionismus sich die Raffenhypothese zu eigen gemacht hat. Die große Majorität der ZioNisten, insbesondere im Osten, kennt die Raffenhypothese der „gelernten" Antisemiten kaum dem Namen nach. Aber auch im Westen konnte z. B. Oppenheimer unter Zustimmung vieler Zionisten die ganze Raffentheorie „als einen Schwindel" bezeichnen. Es ist vor allem nicht richtig, daß der Zionismus auch nur 100 Anhänger verlieren würbe, wenn er die Rassenhypothese offiziell ablehnen würde. Nicht minder unzutreffend ist der Mette Vorwurf. Angenommen, der größte Teil der westlichen Juden wäre weder fähig noch willig, an der Kolonisation teilzunehmen, so würde dies doch nur so viel bedeuten, daß von 10 Millionen Juden höchstens 3 Millionen ihre Mitwirkung versagen würden. Damit aber würde nur die von Hertz befürchtete Verfolgung der westeuropäischen Juden durch die „orthodoxen russischen Juden" gegenstarröslos werden. Die apodiktische Behauptung, daß das Hebräische „sich gewiß nicht für modernen Ausdruck" eignet, zeigt wieder einmal, mit wie wenig Kenntnis des Judentums sonst tüchtige Leute sich für kornpetenthalten, in rein jüdischen Dingen mitzusprechen. Wer einmal eine hebräische Tageszeitung gelesen, wird zu obiger Behauptung vergnügt lächeln. In einer Hinsicht müssen wir dem Verfasser teilweise zustimmen, nämlich in der Charakterisierung eines Teiles der zionistischen Couleurstudenten. Es ist leider wahr, daß ein wenn auch geringer Teil der zionistischen Studenten den deutschnationalen nicht nur in der Biervertilgung, sondern auch in der Ignoranz und Geringschätzung wichtiger sozialer und politischer Probleme unserer Zeit nicht nachstehen. Von einem chauvinistischen Rassenhaß, der bet diesen Elementen fast wie ein Lob klingen würde, ist indes dem Schreiber dieses nichts bekannt. Gewisse Erscheinungen der letzten Zett, namentlich manche „alte Herren" zeigen das gerade Gegenteil von chauvinistischem Rassenstolz. Jedenfalls gibt das alles dem Verfasser noch immer nicht das Recht, „die Zionisten" deswegen ärgere Assimilanten denn als ihre Gegner zu bezeichnen, weil eine Minorität selbst der Wiener zionistischen Studentenschaft assiimilatorische Bahnen wandelt. Es ist gewiß anzuerkennen, daß ein Sozialdemokrat den Vorwurf der Judenknechtschaft nicht scheuend den Antisemiten offen seine Meinung sagt. Zu bedauern bleibt nur, daß Hertz für die Juden kehr besseres Ideal weiß, als das der Assimilation. Die Ansiedlung des jüdischen Proletariats aber, welche selbst dem Verfasser „trotz aller entgeaensteheuden Schwierigkeiten erstrebenswert" erscheint, wird ohne eine nationale Erhebung unseres Volkes nicht zustande kommen und diese ist glücklicherweise nicht allein vom Antisomttismus abhängig. —tz. I. L. Perez: „Ausgewählte Erzählungen und Skizzen." Aus dem Jüdischen übersetzt von Mathias Ach er. Berlin, Jüdischer Verlag. Es ist ein beschämendes Zeugnis für den nationalen Tiefstand der westeuropäischen Inden, daß Perez unter ihnen noch nicht so bekannt ist, wie es dieser hervorragendste Erzähler des russischen Ghetto verdienen würde. Wenn sich nicht hie und da irgend ein im Westen lebender östlicher Jude durch eine Erzählung oder eine psychologisch besonders fein erdachte Skizze Perez' so sehr hingerissen fühlt, daß es ihn zur Vermittlung dieser Arbeit in irgend einem deutschen Blatte drängt, man würde Perez hierzulande vielleicht kaum dem Namen nach kennen. Es ist daher sicherlich dankenswert, daß sich ein Uebersetzer von der Bedeutung Achers der Mühe unterzog, das Beste von dem, was Perez bis jetzt geschrieben, auszuwählen, es seinen westenropäischen Stammesbrüdern mundgerecht zu machen, ohne die Feinheiten Perezscher Kunst auch im geringsten zu schmälern. Es ist wahrhaftig schwer, festzustellen, was an diesem Uebersetzungswerke bewunderungswürdiger erscheint: Die Urkraft Perez' oder das künstlerische Mitempfinden Achers? Nur die gemeinsame Liebe des Dichters ltnö Uebersetzers für ihr Volk und dessen Sprache hat es vermocht, daß die Arbeiten Perez' auch in deutscher Kleidung nichts von ihrem ursprünglichen Reiz verloren. Das Buch, dessen prachtvolle Ausstattung ein Verdienst des Verlages ist, wird sicherlich bald in den jüdischren Kreisen des Westens Eingang gefunden haben und wir dürfen wohl die Hoffnung aussprechen, daß Acher uns in kurzer Zelt mit einer weiteren Folge von Uebertragungen Perezscher Dichtungen beschenken wird. —b—sz. A l f r e d N o s s i g. „Die Tragödie des Gedankens". Drama in fünf Aufzügen. Berlin W. 60, Concoröta, Deutsche Verlagsanstalt, Hermann Ehbock. Geh. Mk. 2.—, geb. Mk. 3.—. — Gioröauo Bruno, der geniale „Mönch von Nola", der auf dem Holzstoß der Inquisition sein ruhmreiches Leben beendete, ist der Held der Nossigschen „Tragödie". Wie man sieht, wählte sich der Autor einen Stoff, der in Deutschland und dem Auslände bereits von vielen Dichtern zum Vorwurf genommen wurde. Schon der Titel des Dramas deutet es an, daß der Verfasser in Bruno nicht den gewöhnlichen individuellen Tragödienhelden sieht: vielmehr ist ihm Gioröano ein Repräsentant der nach Wahrheit ringenden Menschheit, einer der Märtyrer, deren Heldenleichen den Triumphzug des siegenden Gedankens schmücken. Das spricht der Verfaffer ganz unzweideutig im Prolog des Trauerspiels aus, einem Zwiegespräch zwischen einem Dichter und einem Gelehrten: „Sieh her! Schon wächst das Werk: im einzelnen Erblicke ich das Volk, im Volk den Geist Der Menschheit. Voll erfaß ich den Gedanken, Der in der Menschheit keimt und ringt und siegt . . . Es bleibt der Kampf des menschlichen Gedankens Sich ewig gleich." Durch, diese hohe Aufsaffungsweise wurde der an sich schon recht dankbare Stoff in ein Licht gerückt, das dem Drama eine gewisse Großheit verlieh. Der erwähnte Prolog enthütt übrigens auch ein ästhetisches Programm, das in der Forderung eines neuen großzügigen Jöealöramas gipsett. Man muß Nossrg zugestehen, daß er in seinem Werke durchwegs bemüht ist, sich auf dem Niveau einer derartigen Höhenkunst zu erhalten. Darum wird aber die „Tragödie des Gedankens" keineswegs zum Bnchdrama. Das hebt auch der Berliner Universitätsprofeffor Dr. Brückner hervor, der dem Werke ein interessantes Geleitwort beifügte: „Es ist eine Tragödie, deren. Konflikte und Kämpfe ins Innere, in die Seele verlegt sind, die aber darum nicht weniger erschütternd wirtt. In der Reihe der Gioröano Bruno-Dramen ragt das Nossigsche dadurch hervor, daß es dramatischer Bewegung und Belebtheit nicht entbehrt und dennoch sich höheren Flug ins Allegorische und Ideale nicht versagt." In der Tat läßt der durchaus bühnenmassige Aufbau des Stückes und eine Reihe groß geführter Szenen, die Bruno im Kampfe mit der Inquisition vorführen, den Wunsch rege werden, dieses markige Gioröano Bruno-Drama auf der Bühne zu erblicken. Die vornehm ausgestattete Buchausgabe des eben an die Bühnen verschickten Dramas schmückt eine Umschlagzeichnung von Hanns Anker, welche den Grundgedanken des Werkes symbolisiert: aus einem flamwenumzüngelten Menschenschädel sprießt eine Blume hervor. Der Tod des Geöankenhelöen erzeugt neues Leben. Eugen Tschiriko w: „Die Inden", Schauspiel in vier Auszügen. München, Verlag Dr. I. Marchlewski u. Cv. — Eugen Tschirikows Drama, das unlängst in Berlin von russischen Studenten anfgeführt wurde und dort einen großen Erfolg erzielte, liegt uns in Buchform vor« Der junge Verfasser hat sich mit dem Schauspiele bei uns bestens eingeführt. Die Handlung des Stückes, das unter dem Eindrücke der Kischenewer Judenmetzeleien niedergeschrieben wurde, spiett in einem russischen Städtchen. Alle Typen des heutigen Judentums ziehen vor unseren geisttgen Blicken vorüber. Wir sehen den alten Juden, den Sozialisten, der sich gegen die bestehenden Gesetze aufbäumt. Der letzte Akt, tu dem eine wilde Rotte einen jüdischen Kramladen plündert, ist mit großer Meisterschaft geschildert. In Wien haben wir eine ähnliche Szene bet „Familie Wawroch"

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