Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 53 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische# Volksblatt Nr. 53 und rauscht und glänzt und leuchtet. Ungeheures wird hier erreicht, das ganze Leben bewegt sich in aufsteigcnder Linie. Freilich fehlt es nicht an Widerwärtigkeiten, an heftigen Widerständen der Masse, an bedeutsamen Rückschlägen. Aber welch ungeheurer Weg wird doch hier triumphierend zurückgelegt! Der verbitterte, keineswegs glückliche Knabe wird zum erfolgreichen Romancier, der erfolgreiche Romancier zum Führer des Unterhauses, der Führer des Unterhauses wird am Lebensabende Lord und Liebling der stolzesten Aristokratie der Welt. Man muß schon an die ganz Großen denken, man muß auf Napoleon und Cäsar und Alexander zurückgreifen, um auf noch viel größrre Erfolge und Triumphe blicken zu können. Ein „berechnender Phantast", das ist die Grundformel, die uns das Wesen D i s r a e l i s aufdeckt. Diese psychische Mischung ist selten. Die Individualitäten mit intensiver, heißer Einbildungskraft leben gewöhnlich ohne Berechnung, ohne System; sie leben ganz dem Augenblick und die nüchterne Erwägung stellt sich meist nachher ein, wenn es längst zu spät ist. Die berechnenden Naturen hingegen bauen ihr Leben systematisch aus; Tat fügt sich auf Tat wie ein Stockwerk auf Stockwerk in einem planvollen Gebäude, der Einbildungskraft ergibt man sich manchmal im freien Augenblicke, wenn man gerade nichts Besseres zu tun hat, wie dem Wein oder der Liebe. D i s r a e l i besaß beide Eigenschaften; sie waren innerlich so miteinander verflochten und verwoben, daß die nachprüfende und uachhinkrnde Analyse im Einzelfalle sie kaum zu trennen vermag. Gibt es in der ganzen Geschichte eiu Beispiel von einem Staatsmanne, der in jungen Jahren als halber Dichter davon träumt, seine Königin zur Kaiserin von Indien zu machen und, kaum an die wirkliche Macht gelangt, sofort auch diesen Plan durchsetzt? Wieviel phantastisches Beimengsel findet sich in seinen Parlamentsreden! Und fast im selben Atemzuge, wieviel nüchterne politische Detailkunst, wieviel parlamentarische und taktische Technik! Freilich, überaus sympathisch wird D i s r a e l i durch den berechnenden Zug seines Lebens nicht. Man vergleiche ihn in dieser Beziehung nur mit dem wirklich leidenschaftlichen, stürmischen, allzu impulsiven L a s s a l l e! Gerade wegen dieser Grundformel seines Wesens kommt der triviale Psychologe, der gern auch in politischen Dingen mit der Schablone arbeitet, bei Disraeli nicht auf seine Kosten. Eine bis tief in die Kreise der Jüdischnationalen verbreitete Anschauung glaubt, daß der jüdische Politiker am besten zum Geschäftlichen innerhalb der Staatskunst taugt. Eine Parallele zwischen Disraeli und dem Zechten" Engländer G l adst o n e ist in dieser Beziehung überaus lehrreich. Gladstone war der größte Finanzmann Europas! Ihm hat die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts englischer Geschichte fast allein den blühenden Staatshaushalt zu verdanken. Der Jude Disraeli hat auf die wirtschaftliche Entwicklung Großbritanniens kaum einen Einfluß genommen; er war ein sehr mittelmäßiger Finanzminister und nur als Budgetredner zeichnete er sich aus, obwohl er auch in der Beziehung an die glänzende Beredsamkeit Glad stones nicht heranreichte. Der »echte" Engländer brachte die bedeutsamsten Wahlreformen zustande, verwaltete musterhaft. D i s r a e l i s Erfolge liegen nicht auf diesem Gebiete. Aber der Jude verkündete wenige Jahre vor Marx die große Wahrheit des Klassenunterschiedes, indem er von den zwei Nationen Englands, die sich nicht verstehen, von den reichen und armen Briten sprach, und er begründete den englischen Imperialismus. Er setzte, wie schon bemerkt, der Königin von England die indische Kaiserkrone auf, er sicherte sich die Herrschaft am Suezkanal, er ließ England in Afghanistan triumphieren und durchkreuzte von allen britischen Staatsmännern am erfolgreichsten Rußlands Pläne. Die Parallele ist interessant; sie zeigt, daß der Jude in Politik nicht immer der bloße Geschäftemacher, der „reine" Verwalter und der kleinliche Rechner zu sein braucht. Großzügigkeit, gerade die Eigenschaften, die die Antisemiten bei Juden sonst auf jedem Kulturgebiete vermissen, Großzügigkeit können ihm auch keine ärgsten Feinde nicht absprechen.. Man zeige mir einen modernen Minister, der den Mut gehabt hätte, auszurufen, ein sparsamer Haushalt entspricht nicht der Größe Britanniens. Großzügig war er auch in seinem Verhältnis zur Masse. Er wünschte heiß den Erfolg und buhlte doch nicht um die Gunst der Menge. An demagogischen Künsten übertraf ihn der Rhetor Gladstone wohl hundertmal. Großzügig ist auch sein Verhältnis zum Judentum. Disraeli, der schon als Knabe getauft, der nicht jüdisch erzogen wurde, war sich nicht allein seiner jüdischen Abkunft voll bewußt, er war stolz auf sie, er wertete sie überaus hoch. Kein anderer Jude, ob getauft oder ungetauft, ob bewußt oder unbewußt national gesinnt, hat sich mit so ungeheurer Intensität beglückt gefühlt, unserer altehrwürdigen, vornehmen Rasse anzugehören. Die Erkenntnis Ibsens, daß die Juden der Adel der Menschheit seien, wird hier zur lebendigen Formel. In dieser Beziehung brach das rein phantastische Element in Disraeli mit elementarer Wucht durch, es riß alle Dämme der Berechnung nieder und der Führer des stolzesten Adels der Welt, der einst als Knabe wegen seines Judentums gehöhnt wurde, rief all den Grafen und Herzogen mit leuchtendem Auge zu: „Ich bin von vornehmerer und älterer Abkunft wie ihr alle!" Man braucht nicht jüdischnational zu denken, man muß nur menschlich empfinden, um von diesem Wesenszuge Disrealis tief ergriffen zu werden. Diese geistige Nuance versöhnt uns mit allen seinen Fehlern. Disraeli war nicht der höchste Typus des Juden, er war sicherlich nicht der größte Sprößling unseres Stammes. Wer wagt ihn mit Spinoza zu vergleichen? Er reicht auch an Marx und Lassalle nicht heran. Trotzdem aber wird er in der Geschichte des Judentums für immer seinen Platz behalten. Nicht etwa wegen seiner Haltung in der Frage unserer rumänischen Brüder, sondern aus einem ganz anderen Grunde. An der Gestalt Disraelis kann man wie an einem Schulbeispiel ersehen, daß die Juden auch rein staatsmännischer Eigenschaften in hohem Maße fähig sind. Rambam. Heute begeht das dankbare Judentum den siebenhundertsten Todestag eines seiner besten Söhne, Moses ben Maimon, in talmudischen Kreisen kurzweg Rambam genannt. Wenn auch unsere Zeit zu sehr im Thorastudium zurückgegangen ist, um für die Größe eines Rambam das volle Verständnis zn haben, so genügt doch als Charakteristikon für seine Bedeutung, daß ein Talmudstudium ohne Rambam uns einfach als ein Ding der Unmöglichkeit erscheint. Für uns ist Rambam für alle Zeit der Talmudlehrer ersten Ranges geblieben, weil er der erste war, der das ganze riesige Gebiet des Talmud, in dem zahllose Themata auf vielen Seiten zerstreut behandelt werden, systematisch ordnete und so dem Lernenden ein wahrer Wegweiser, ein Führer wurde, der vor Verirrungen und vor blindem Herumtappen bewahrte. Aber gerade diese Systematik war es, die den meisten Widerspruch der größten Geister seiner Zeit hervorrief. Diese, an ihrer Spitze der Maimonides auf talmudischem Gebiete wohl ebenbürtige Rabbi Abraham ben David (Rabed), fürchteten, daß die Kodifizierung der talmudischen Vorschriften dem Studium der Quellen abträglich sein werde. Rabed verfaßte eine Reihe von Glossen zu Maimonides' Hauptwerk „Jad Hachasaka" (die starke Hand), die den ernst Studierenden zwangen, die Quellen gründlich zu bearbeiten und das war Rabeds ausgesprochener Zweck. Was Rambams Mischnakommentar und Kodex für die Vertiefung des Talmudstudiums bedeuten, läßt sich mit Worten nicht beschreiben. Seit Jahrhunderten ist der Prüfstein für die Tüchtigkeit eines jungen Talmudisten die Fähigkeit, einen harben (herb, schwer verständlich) Rambam zu verantworten. Die moderne sogenannte Wissenschaft des Judentums zuckt über den harben Rambam die Achsel und will hierin nur Sophisterei erblicken. „Wozu auch den Rambam „Harb" machen, wenn du die Antwort in der Tasche hast?" Das ist ganz unrichtig. Rambam hat seinen Kodex nach Materien geordnet, zitiert keine Belegstellen und keine Gewährsmänner für seine Dezisionen, darum erscheinen seine Entscheidungen oft mit dem Talmud in Widerspruch und dieser W id erspruch muß gelöst werden, denn Rambam, der große Religionsphilosoph, steht auf dem Standpunkte, daß der Talmud in seiner Gesammtheit fsir gan- Israel absolutes Gesetz ist. Das Thorastudium, das dem gläubigen Juden ebenso Pflicht ist als eine beliebige religiöse Vorschrift. war allenthalben und ist im Osten heute noch Gemeingut ganz Israels. Bevor der jüdische Jüngling an den Erwerb denken durfte, mußte er in den RabbtnatSschulen eine genügende Vertrautheit mit dem jüdischest Schrifttum sich angeeignet haben, um dann, wenn er ins praktische Leben hinau-trat, feine Muße dem Thorastudium mit Erfolg widmen zu können/ Unter den Tanaiten und Amoräern finden wir alle Berufe vertreten und weder die Schuhmacherei noch das Schmiedehandwerk waren ein Hindernis dafür, daß die, die es betrieben, im Lehrhause hervorragende Autoritäten wurden. Die allgemein verbreitete Kenntnis der Thora brachte eine große Anzahl bedeutender Gelehrte« hervor, da man an die Lehrer der Thora sehr hohe Anforderungen stellte. Die mosaischen Gesetze und deren Erläuterung, der Talmud, umfassen bekanutlich nicht nur die Ritualvorfchriften, sondern auch das gesamte Gebiet der zivilen und Strafrechtspflege, zahlreiche hygienische Vorschriften, ebenso enthält der Talmud eine große Anzahl Notizen mathematischen, astronomischen, naturwissenschaftlichen, historischen Inhalts und streift nahezu alle Zweige der damatt bekannten Wissenschaften. Je nachdem die eine oder die andere Disziplin der geistigen Anlage des Talmudbeflissenen zusagte, pflegte er auch diese, und so finden wir zu allen Zeiten die bedeutendsten rabbiuischen Gelehrten auch in anderen Wissenschaften gründlich bewandert. Vor der Zeit, in der MaimonideS lebte, fingen die jüdischen Gelehrten an, sich eingehender mit der Philosophie zu beschäftigen, und die geistigen Leiter empfanden die Notwendigkeit, die noch nicht genügend gereiften Geister vor dem Zwiespalt zwischen der Philosophie uud der überkommenen Religion zu bewahren. Saadjah Gaon war der erste, der die Grundlagen des Judentums philosophisch begründete, um, wie er schreibt, die Zweifler den Fluten des Irrtums zu entreißen. Maimonides, von Beruf Arzt, Leibarzt des Sultans, beherrschte die Medizin, Mathematik, Astronomie und Philosophie so vollkommen, daß man wohl von ihm behaupten kann, daß er auf allen Gebieten der Wissenschaft zu den erste« seiner Zeit zählte. . v s Maimonides ging weiter als Saadjah, indem er in seinem »Führer der Verirrten" den Versuch machte, die philosophische Begründung der jüdischen Religion in ein System zu bringen. Aber selbst die Modernen, die dieses Werk Maimonides' gerne als seine bedeutendste Leistung hinstelle» möchten, obwohl dessen Einfluß auf das jüdische Leben und Wissen von viel geringerem Umfange war att der seines Mischnakommentars und Jad Hachsakä, müssen zugestehen, daß Maimonides voll und ganz den Standpunkt eiunahm, daß jedes Jota 'der rabbinischen Vorschriften für ganz Israel unbedingt verbindlich sei und keine Macht der Erde, auch keine Rabbiuersynode, das Recht habe, irgend eine .talmudische Vorschrift zu abrogieren. Außer dem ungeheuren Wissen RambamS haben wir an ihm zu bewundern die unglaubliche Arbeitskraft, die ihm ermöglichte, neben einer auSgedehsten ärztlichen Praxis, die er den Armen mit gleichem Eifer widmete als seinem Sultan, neben dem unentgeltlich versehenen Amte eines Rabbiners, das auch die Beantwortung zahlloser Anfragen, die Religion betreffend, eiuschloß, außer einer Anzahl bedeutender Schriften drei literarische Meisterwerke zu schaffen, deren jedeS die Arbeit eines Menschenlebens beansprucht. Dies war nur möglich, weil bei Maimonides jeder Gedanke, jede Regung nur den Zweck hatte, Gott zu dienen, und das hat zu allen Zeiten die Kräfte unserer Großen vervielfacht. Für unsere Zeit ist von höchster Wichtigkeit die Lehre, die uns Maimonides' Leben und Wirken gibt, daß das strenggläubigeJudentum nicht, wie unsere Modernen gerne behaupten, der Wissenschaft feindlich gegenübersteht, daß nach der Anficht deS größten jüdischen Philosophen aller Zeiten daS rabbinifche Gesetz unbedingt verbindlich ist, da auch ein Rambam die unantastbare Autorität des Talmud als Basis der jüdischen Religion feststellt und dies unter ein biblisches Verbot subsumiert: „Du sollst nicht abweichen von allem, was sie dir lehren." Ein berühmter Rabbiner unsere» Zeit erklärt ein talmudisches Diktum: „Die Gelehrten Talmtde- Chachamim, je älter sie werden, desto tiefer erscheint ihr Gedankengang; die Gelehrten anderer Völker,