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Jüdisches Volksblatt · 1904-12-30 · 53 (30.12.1904) · page 9

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Wissenschaft, ttunst und Literatur. Brrksge zu Nr. 53 de« „Jüdisches Volksblsit". Juden los. Dein Leben ist ein Morgengrau'n! Du siehst das Frührot am Himmel erbleichen, Doch kannst du nie die Sonne schaun Und nie den hellen Tag erreichen. Unglücklich in deinem Sehnen, dem heißen, Zu schwach, um dich emporzureißen. Dein Leben ist eine Dämmerung! Wenn die letzten hellen Strahlen verblinken, Dann träumst du dich wieder mutig und jung, Dann siehst bu die Sonne ins Meer versinken, Dein Volk erstehn in Glanz und Pracht -BisderTagdich wieder zumSklavenmacht! Thekla Blech. Weininger und das Judentum. I. Seins „platonische Idee des Judenthums". Wenn man einen Autor, dessen Werk durch eine Art verbissener Konsequenz sowie durch brüsken und unduldsamen Ton Aufsehen erregt hat, schon deshalb Bedeutung beimessen darf — -ann besitzt sie Dr. Otto Weininger*) in ausgiebigem Maße. Aber auch dann bloß auf jenem Gebiete, das schon der Titel seines Buches: „Geschlecht und Charakter" andeutet, nicht aber auf dem der Judenfrage, dem nur ein Kapitel deS ziemlich umfangreichen Buches gewidmet ist. Aber zieht man statt der sozusagen inneren Bedeutung bloß die unmittelbare Wirkung auf breite Schichten in Betracht, dann allerdings erscheint Weininger in der J«denfrage „gefährlicher" als in der Frauenfrage. So sehr auch seine Weibtheorien, er mag wollen oder nicht, zur Rechtlosigkeit der Frau führen — seelenlose Geschöpfe können doch keine Rechte beanspruchen — so wenig können sie die Praxis beeinflussen. Die geistige Mittelschichte, die in allen Staaten die Gesetze macht, kann mit diesen Theorien nicht viel anfangen. Die altbewährten Ideologien von der holden Weiblichkeit, die nicht in den Kampf des Lebens hinabsteigen dürfe u. s. w., leisten ihr da weit bessere Dienste. Aber in der Judenfrage! Da wartct eine ganze Kohorte flachköpfiger Pöbelführer auf jedes neue Losungswort gegen die Juden, um es, gehörig verpöbelt, in den Pöbel hinausschreien zu können. Da treffen diese gehässigen Losungsworte nicht auf den organisierten Widerstand natürlicher Sympathien — deren Wuhrheitsverdunkelung Weininger übrigens übertreibt — sondern auf die organisierte Hilf, geschichtlicher Antipathien. Weininger glaubt zwar diese Bedenklichkeit dadurch aus der Welt zu schaffen, daß er immer wieder betont, nicht di, Juden als. Raffe, Volk, Bekenntnis, einzelne, sondern den absoluten, in seiner Vollkommenheit gar mcht?existierenden Juden, di, Idee des Judentums, den Begriff des Jüdischen zu meinen. Damit gibt er sich aber sehr leichtsinnigen Hoffnungen hin. Die antisemitischen Raffenschnüffler fragen nicht darnach, was er .meint, sondern was er schreibt. Indes, es gibt ein Recht der Wahrheit um jeden Preis. Der Standpunkt, daß man von Mischer Seite den Jude» keinen Spiegel WeS Wesens und Treibens vorhatten dürfe, ist heute ja so unhaltbar, wie er zu Zeltest Jesajas war, der sich wahrlich auch kein Blatt vor den Mund nahm. Wenn große, tiefsinnige Menschen aufstehen, die in die Seele des PvlkeS hineinleuchten und das Schwarze darin zu aller Schaudern aufdecken, so ist dieses ihr Tun, so ist die innere Aufhellung, die innere Grhebvng der Volkes, die st» anstreben, bedeutsamer und' dringlicher als bi» Rücksicht auf das, was die Feinde dazu sagen werden. Aber dünn müsse« diese Münster auch darnach sein, dann müssen es große Liebende sein; in *) Der ganz junge Berfaffer lebt bekanntlich nicht mchr. Er endet», bald nach, Erscheinen seines.Werkes, durch! Selbstmord. jedem ihrer Schelt- und Tadelworte, ihrer Zornergüsse muß ein heiliges Erlösertum walten. Das Volk und die Wahrheit müssen ihnen am Herzen liegen, nicht der Glanz ihrer Geistreichigkeit und die Beschämung des Volkes. Es ist gar nicht wahr, daß Weininger nicht die jüdische Rasse, nicht das jüdische Volk, nicht das jüdische Bekenntnis, nicht die jüdischen einzelnen meint. Daß ist so seine Methode, dieselbe, die er auch in seinen Ausführungen Über das Weib anwendet. Dieselbe, die schon Houston Stewart Ch amber l ain, dem er sie abguckte, mit so viel „Ersolg" angewendet hat. Die Methode, die wie geschaffen ist, um irgend einen persönlichen Hang zu einem System von Notwendigkeiten umzuzaubern. Die taschenspielerische Methode, einen Begriff dem löblichen Publikum bald in der rechten Hand als Abstraktum, bald in der linken als Konkretum vorzuführen. „Man darf das Judentum nur für eine Geistesrichtung, für eine psychische Konstitution halten, welche für alle Menschen eine Möglichkeit bildet und im historischen Judentum bloß die grandioseste Verwirklichung gefunden hat." Rechte und linke Hand! „Wenn ich fürder von Juden spreche, so meine ich nie den einzelnen und nie die Gesamtheit, sondern den Menschen überhaupt, sofern er Anteil hat an der platonischen Idee des Judentums. Und nur die Bedeutung dieser Idee gilt es mir zu ergründen." Linke Hand allein! Und nun sängt die Eskamotage erst recht eigentlich an. Die rechte Hand knetet an dem konkreten Juden herum, wie es ihr beliebt, dehnt ihn zur Fratze, bläst ihn auf, stellt ihn auf den Kopf, daß die Galle deS Taschenspielers selbst und die Nerven des Zuschauerpöbels auf ihre Rechnung kommen. Zwischenhindurch aber öffnet sich zeitweilig die linke Hand und spricht: „Seht, es war ja gar nicht der konkrete Jude, den-ich./mir nur euch zuliebe so drollig gedrechselt habe. Das war ja die „platonische Idee des Judentums." Was heißt denn das: Eine „Möglichkeit für alle Menschen, die im historischen Judentum bloß die grandioseste Verwirklichung gefunden hat"? Heißt das nicht mit dürren, des PhilofophasmuS entkleideten Worten, daß es Jdeejuden unter den anderen Menschen nur wenige gibt, während das jüdische Volk davon voll ist? Welchen Sinn hätte es sonst, das Wort »jüdisch" für diese Idee zu gebrauchen? Das wäre doch Bebürdung Unschuldiger mit einer furchtbaren Verantwortlichkeit, wäre etwas, was selbst einem Weininger nicht zuzumuten ist. Oder sollte der einzig zurechenbare Sinn der Worte durch die Erklärung aufgehoben sein, daß es Arier, die jüdischer als manche Juden, und wirkliche Juden gibt, die arischer alsgewiffe Arier sind? Wen soll das täuschen, wenn nicht bloß ihn selber, der nicht den Mut seiner »Wahrheit" hat und keine beffere Deckung findet als dieses „Es gibt", das ihn erst recht verrät? Wen verpflichten diese offenkundigen Outsiders auf beiden Seiten, diese! paar Ausnahmen, dem lieben Prinzip zuliebe, zur Betrachtung des Prinzips statt der Wirklichkeit? Nicht einmal ihn selber, dem es ja innerlich. in jener Innerlichkeit, zu derer vielleicht selbst nicht vordrang, gar nicht um das.Prinzip deS Jüdischen, sondern um jüdische Wirklichket zu tun war. Um jene Wirklichkeit, die ja auch fortwährend mit ihm durchgeht, ihn mitreißr, wenn er im Gestrüpp der Details unaufmerksam i geworden ist. Wenn er es merkwürdig findet, wie sehr die Juden die beweglichen Güter bevorzugen — auch heutzutage, da ihnen der Erwerb anderer freisteht — Wen meint er da: Die i Juden der „platonischen Idee" deS Judentums? War denn diesen der Erwerb von Immobilien verboten? Wenn er den SpzialismuS arisch und Owen, Carlyle, Ruskin, Fichte als Träger dieses arischen Gozialisrnus nennt, den Kommunismus aber als jüdisch bezeichnet und dazu „Marx" in die Klammern setzt — ist da mit Marx der »platonische" Jude gemeint? Oder wenn er sagt: „Die moderne Sozialdemokratie hat sich in ihrem Gedankenkreise darum vom christlichen, präraphaelitischen Sozialismus so weit entfernt, weil die Juden in ibr eine so große Rolle spielen?" Will uns Weininger einreden, daß er unter diesen eine Rolle spielenden Juden Prinzipjuden und nicht die wirklichen jüdischen Führer der Sozialdemokratie gemeint hat? Wenn er von der Bedeutung der Familie im jüdischen Volke spricht, meint er eine andere als die volksjüdische Gemeinschaft? Wenn er den Zionismus erwähnt und behauptet, „die Juden müßten erst das Judentum überwunden haben, ehe sie für den Zionismus reif würden" — denkt er vielleicht da an die „platonischen" Juden? Sind die es, die in den besten Zeitläuften die zionistische Bewegung hervorgerufen haben? Wenn er dort, wo er die „Unfrommheit" der Juden bespricht, auf den Unterschied zwischen zivilisierten und orthodoxen Juden eingehen muß — haben sich vielleicht die Prinzipjuden in die zwei Lager gespalten? Wenn er von den Juden sagt, daß sie „keine ganz großen Männer Hervorbringen können", zum Beweise^Spinoza auführt, „den hervorragendsten Juden der letzten neunzehnhundert Jahre, an dessen rein semitischer Abkunft zu zweifeln kein Grund vorliegt" — dann lasten doch der Name Spinoza, die neunzehn Jahrhunderte des Exils und der Hinweis auf semitische Abstammung nicht etwa schließen, daß von „Juden der Idee" und ihren Geistesgrößen die Rede ist. Wenn er dem „echten Juden" — also vielleicht noch dem absoluten, platonischen — innere Vornehmheit abspricht und dann ausruft: „Es gibt keinen jüdischen Adel; und dies ist um so bemerkenswerter, als doch bei den Juden jahrtausendelange Inzucht besieht", wo soll diese jahrtausendelange Inzucht bestanden haben? Nicht bei den Wirklichkoitsjuden? Oder wenn er vom „Judentum in der Wissenschaft" spricht, darüber klagt, daß „die Chemie heutzutage in so weitem Umfang in den Händen der Juden sich befindet, wie einst in den Händen der stammverwandten Araber" — Haben die „platonischen" Juden Stammverwandte? Und dann: auf der einen Seite von einen Judentum als einer Geistesrichtung sprechen, welche für alle Menschen eine Möglichkeit ist, auf der anderen die Konstanz des Raffencharakters bekennen; auf der einen Seite eine „grandiose Verwirklichung des historischen Judentums" annehmen, auf der anderen gegen den Gedanken einer „historischen Erziehung des Juden" mit Berufung auf das Alte Testament polemisieren, welches „bereits sichtlich zustimmend davon spricht, wie Jakob der Patriarch seinen sterbenden Vater Jsak belogen, seinen Bruder Esau und seinen Schwieger Laban übervortetlt hat"! Doch genug der Beispiele. Es war notwendig, bei dieser Beleuchtung der Weiningerschen Methode länger zu verweilen. Erst mußte chm auf seiner methodischen Flucht vor der Wirklichkeit nachgeleuchtet, mußte er gestellt und der wirklichen Richtung seiner Angriffe überführt werde«. Denn erst dadurch ist es möglich : geworden, sich mit ihm selbst und seinen Änjsichten zu befassen. Mathias Acher. (Ein zweiter Artikel folgt.) Benjamin Disraeli. Bon Dr. Paul Weifeugrü«. Disraelis Leben mutet uns wie ein Roma« an! Ja, wer wie ich gerade von der Lektür der Biographie Herbert Spencers kommt, wo alle satten Farben fehlen und ein glücklicher Angelzug, wie ein inneres Erlebnis behandelt wird, der glaubt sich in ein Märchen aus Taufend und eine Nacht versetzt. Es tönt

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