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Jüdisches Volksblatt · 1904-12-30 · 53 (30.12.1904) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 53 Jüdisches Volksblatt Seite 5 zur Einverleibung dieser Trauerkundgebung in das Protokoll über diese Generalversammlung. Sämtliche Anwesende erheben sich zum Zeichen der Trauer und der Zustimmug zu dem gestellten Anträge. Herr E l t b o g e u erwähnt des Ausscheidens des gewesenen Präsidenten Herrn Hch. K l i n g e r aus dem Präsidium des israelitischen Kultusvorstandes in Wien und des Eintrittes des Herrn Dr. Alfred Stern an dessen Stelle. Der Herr Obmann hebt das steigende Gedeihen des Vereines hervor und schreibt dasselbe der opferwilligen Mitwirkung der Vereinsmitglieder an den Bestrebungen des Vereines zu. Das Vereinsvermögen für das abgelaufene Vereinsjahr ist gewachsen, allerdings nur um einen kleinen Betrag; hoffentlich werde sich die finanzielle Lage des Vereines bessern. Hieran knüpft der Herr Obmann einen Apell an die Vereinsmitglieder, ihre Opferwilligkeit auch iw der Zukunft nach Kräften zu betätigen. Der Vorstand sei bestrebt gewesen, die Einnahmen zu fördern, die Mitgliederzahl zu erhöhen. Bezüglich der Rabbinerfrage stehe der Verein auf dem alten Standpunkte, Der Vorstand mache es sich jedoch zur Aufgabe, den Wunsch der Vereinsmitglieder, wenn möglich, zur Erfüllung zu bringen. Herr Hermann P l a s ch k e s erhebt gegen den Obmann den Vorwurf, daß durch sein Verschulden der Verein in der Rabbinersrage nicht vorwärts gekommen sei; der Delegierte der Kultusgemeinde bei der vorjährigen Generalversammlung, der seither verewigte Herr T e l t s ch e r, habe die Zusage erteilt, in der Kultusvorstehung sich für die Gewährung einer Subventinn an den Verein behufs Bestellung eines Rabbiners einzusetzen, und habe auch in der Kultuskommission des Kultusvorstandes einen Antrag auf eine solche Subvention in der Höhe von K 2000'— eingebracht. Der Herr Vizepräsident Doktor Kohn habe diesen Antrag unterstützt, Herr Eltbogen sei jedoch dagegen gewesen, habe vielmehr die Bestellung eines Gemeinderabbiners für den Verein verlangt. Bei der aus Mitgliedern des engeren und verstärkten Vorstandes zusammengesetzten Deputation an das Präsidium der 'Kultusgemeinde habesich wohl Herr Dr. Rose.nthal für einen Rabbiner, der dem Vereine beigegeben werden soll, eingesetzt, es wäre jedoch Pflicht des Herrn Obmannes gewesen, in der Kultuskommission für Bewilligung einer Subvention von K 2000 einzutreten; es sei Pflicht der Kultusgemeinde, uns einen Rabbiner zu bestellen. Wenn der Herr Obmann sagen würde, die Kultusgemeinde muß unsere Geschäfte besorgen, sonst legen wir die Mandate nieder, würde er die Bestellung eines Rabbiners für den Verein durchsetzen. Herr Dr. Rosenthal stellt die Ausführungen des Vorredners dahin richtig, daß Herr Eltbogen sich bei der erwähnten Deputation mit einer seltenen Energie für die Bestellung eines Rabbiners für unseren Verein eingesetzt hat. Der Deputation sei es aber nicht möglich gewesen, das Präsidium für die Sache zu gewinnen; es seien bloß dezidierte Versprechungen geinacht worden, daß bei allen Anlässen, wo die Anwesenheit eines Rabbiners im Vereinstempel notwendig sei, ein solcher , uns beibestellt werde. In der Rabbinerfrage identiffziert sich der. gesamte Vorstand mit seinem Obmanne. ' Herr Dr. Joh. Schreiber erklärt sich im großen und ganzeil mit den Ausführungen des Herrn Plaschkes einverstandeil, jedoch mcht mit dem von ihm ausgesprochenen Mißtrailen an den Obmann und Vorstand. Herr Dr. Schreiber bedauert das Nichterscheinen eines Delegierten der Kultusgemeinde und spricht sein Mißfallen darüber aus. Es sei zu prüfen, ob die Befriedigung der Kultusbedürfnisse eine Sache des freien Ermessens sei, oder ob der Verein einen rechtlicheil Ailspruch hierauf habe. Die Kultusvorstehung habe in der Rabbinerfrage nichtihre Pflicht erfüllt, dagegen sei dem Vorstande des Tempelvereines und dessen einzelnen Mitgliedern Anerkennung auszusprechen. Die Frage stehe so: Entweder sei ein Rabbiner für einen Tempel notwendig oder nicht. Ist er notwendig, was zu bemhen sei, dann müßte er auch bestellt werderl mid weiin es dein Kultusvorstailde gegerlüber ilicht mit deni Bitten geht, so müßte es it d em Fordern gehen; es sei ein Vereinsrabbiner anzustellen und die erforderlichen Mittel seieil voil der Kultusvorstehuilg beizustelleil. Herr Schnitzler verliest den von ihm in der Wählerversammlung vom 13. Dezember 1904 eingebrachten und von derselben angenommeilen Resulutionsantrag auf Verzicht der Kultusvorstehmig rücksichtlich der Zinserl ihres auf dem Tempel hypothezierten Darlehens und Gewährung einer Subvention von K 4000.— für die Dauer von fünf Jahren. Der Herr Obmann wiedrlegt Herrn Plaschkes, definiert den Unterschied zwischerl Gemeinde- und Vereinsrabbiner und berichtet, daß er in der Kultussektion der Kultusvorstehung die Votierung eines Betrages von K 4000.— jährlich für einen für den Vereinstempel zu bestellenden Vereinsrabbiner beantragt habe, der Antrag sei sohin in das Vertreterkollegium gebracht wordell, w o derselbe gefallen ist; dessenungeachtet sei die Angelegenheit in das Plenum gekommen, dort sei der Alltrag gleichfalls a b g elehnt worden. Herr Eltbogen weist den von Herrn Plaschkes gemachten Vorwurf mit großer Entrüstung zurück. Dem Herrn Dr. Schreiber gegenüber bemerkt der Herr Obmann daß er es selbst bedaure, daß von den mehreren Delegierten zur heutigen Versammlung niemand erschienen ist. Was die von Herrn Schnitzler beantragte Resolution betreffe, so stimme er berfetben bei; sie sei aber nicht notwendig, da ohnehin ein ähnlicher Vorstandsbeschluß bestehe. Hierauf wird dem Vereinsvorstande das Absolutorium erteilt mit allen gegen eine Stimme. Herr Jos. Kohn, Sekretär des Herrn Rudolf A u s p i tz, begründet seinen rechtzeitig eingebrachten Antrag auf Erhöhung der Mitgliederbeiträge von K 8.— auf K 12.— jährlich. Es bestehe bei keinem einzigell Tempelverein eip so niederer Mitgliederbeitrag wie im Brigittenauer, auch erheische die finanzielle Latze / eine Erhöhung der Beiträge. Nicht an me Kultusgemeinde haberl wir uns zu wenden, sondern aus eigenen Kräften müssen wir uns helfen. Sohin empfiehlt I. Kohn die Annahme seines Alltrages. Gegen denselben sprechen sich die terrenFedermann, Läufer, Steiger, r. Hch. Schreiberund Herr Dr.Landesberger aus, während für den Antrag Herr Dub das Wort ergreift. Herr Sekretär Kohn erklärt, seinen Antrag nicht zurückzuziehen, und empfiehlt nochmals die Allnahme desselben. Hieraus wird die Wahl des Vorstandes vorgenommen. Es wurden 138 Stimmen abgegeben, hievon erhieltenHerr A.Traube119 Herr Wünsch 115, Dr. I. Roth und Herr Adolf Feuer je 98, Herr Philipp Weiß 51, Herr Berth. Kaiser 49, die übrigen abgegebenen Stimmen haben sich zersplittert. Es erscheinen demnach gewählt die vier erstgegenannten. Dieselben erklären, die auf sie gefallene Wahl anzimehmen. Tschechische Assimilanten und ihr „Arvrttskongreß". Am 27. November tagte in Prag ein Kongreß der sattsam bekannten „Närodni Jednota Ceskozidovskä“. Die Herren Tschechen mosaischer Konfession konnten ihre Schwäche nicht besser ad oeulos führen als durch die Einberufung eines solchen „Kongresses". Die sogenannten Organisationen der tschechischen Juden leben nur dem Namen nach, die tschechische Assimilation ist auch in den Zentren und Festen derselben heute schon überlebt. Das Programm bildeten drei Referate. Ueber daS Verhältnis der „Närodni Jednota C e sko-zido v sk au zur tschechischen Oeffentlichke,it sprach der Obmann der „Närodni Jednota Cesko-zidovskä" Doktor Arnstein, dasReferatüber „Organisation" erstattete Dr. Otto Bondy und über „Schulfragen" sprach Dr. Kraus, ein Rabbiner, der sich für die Abschaffung des Hebräischen auö dem Religionsunterrichte aussprach. Die Referate, welche sehr ängstlich derart verfaßt waren, daß ja nirgendangestoßen werde, und selbst da- Realistenorgan ,,6as«, dasonst den tschechischen Juden stark die Stange hält, macht sich diesmal über diese Referate ziemlich lustig. ES fällt unnicht ein, die Referate auf deren ideellen Inhalt zu prüfen. Ueberall tönte es klar heraus: „ Wir wollen in die Reihen der Tschechen eindringen, doch diese werfen uns überall heraus. Trotzdem sind und bleiben wir Tschechen bis in den Tod!" Selbstverständlich figuriert in der Reihe der Heldentaten der „Närodni Jednota Ceskozidovska“ die Vernichtung der jüdischen Schulen an erster Stelle, durch welche das Judentum in Böhmen seinejüdischen Geistes beraubt wurde. Der Zionismus wird mit unverhaltener Wut kritisiert, weil er de« nach herostratischem Ruhme lüsternen Tschechen mosaischer Konfession zu stark auf die Finger sieht. Gegen allewas jüdisch ist, wurde losgezogen, alles Christliche in den Himmel gehoben. Das schöne Liedchen vom Abnehmen des AntisemitismuS wurde von frischem gesungen und die Kriecherei als beste- Abwehrmittel empfohlen. Wohl bekommt! Gegen die Presse und die politischen Parteien fiel auch ein Hieb, doch so vorsichtig geführt, daß sich niemand getroffen fühlen konnte. Das Referat über Organisation des Dr. Otto Bondy war womöglich noch wässeriger als dasjenige des Dr. Arnstein. Nichts Neues wurde gesagt, durchwegs nur Vorschläge, an deren Realisierbarkeit niemand mehr glaubt. „Ignoriert de« Antisemitismus und verlanget Gleichberechtigung!" das wurde als Heilmittel ausgegeben. Bevor wir auf das Meritorische der Ausführungen des Dr. Oskar Kraus eingehen, wolle« wir das ganze Rabbinerwesen inBöhmen einer kurzen Betrachtung unterziehen. Der Begriff Rabbiner ist heute in Böhmen noch sehr unbestimmt. Das Gesetz vom Jahre 1890 statuiert, daß für den Rabbiner der Nachweis der allgemeinen Bildung notwendig sei; der Nachweis der theologischen Vorbildung bleibt einer späteren Regelung Vorbehalte«. Diese Regelung ist jedoch bisher nicht erfolgt «nd so wird derjenige als Rabbiner anerkannt, welchen die betreffenden Gemeinden als solchen der Behörde präsentieren, da diese sich bisher des Rechtes begeben hat, einen Nachweis der theologische» Bildung zu verlangen. Und so kommt es denn vor, daß sich Leute Rabbiner nenne« oder als solche fungieren, welche weder allgemeine Bildung noch die entsprechende theologische Vorbildung (Hatarah eines Seminars) nachzuweisen vermögen. DaS nennt man DispenS. In die zweite Klaffe find rinzureihen diejenige«, die zwar ein Gymnasium absolviert, vielleicht auch post tot discrimina rerum ein Doktorat erreicht, aber nicht die geringste theologische Vorbildung haben «nd sich mit einer solche« a«ch nicht auszuweisen vermögen. Denn der Umstand, daß man einige Jahre an einer ausländischen theologischen Lehranstalt hospitiert hat und, ohne ein Zeugnis (Hatarah) von derselben erhalten zu haben, abgegangen ist, berechtigt einen nach jüdischer Anschauung noch lange nicht, in religiösen Frage» mitznsprechen, geschweige den Titel Rabbiner sich beizulegen. In die dritte Klasse gehören endlich die in Böhmen nur spärlich gesäten Rabbiner, die nach beiden Seiten hin entsprochen haben. Also, Dr. K r a u s sprach über „Schulfragen" «nd empfahl hierbei die Abschaffung der hebräischen Sprache aus dem Lehr plane des jüdischen Religionsunterrichtes. Die jüdischen Schulen und der in ihnen anerzogene jüdische Geist sind ihm ein Greuel! Pathetisch ruft er aus: „Was ist unter den Worten jüdischer Geiste zu verstehen? Soll dies der jüdischnationale Geist sein? Ich zweifle daran. Aber wenn er dort wirklich gepflegt wurde, wurde er schlecht gepflegt, weil aus diesen Schulen regelmäßig Leute von ganz unbestimmtem Nationalcharakter hervorgingen, in dem die jüdischen Elemente sehr schwach vertreten waren, und zwar durch das ärgste von ihnen, und neben den jüdischen noch ein wenig .bißl deutsch und bißl böhmisch'." Der Herr Missionsrabbi zieht weiter mit der Schärfe seines Verstandes gegen alles Jüdische im Unterrichte los. Das Hebräische ist für ihn nicht der Kern der jüdischen Religion, e» ist nur eine bloße Formalität, und was eS an ähnlichen in dem Referate noch mehr Aeußerungen gibt. Man muß staunen, daß ein Rabbiner sich untersteht, mit derartigen Sachen vor die Oeffentlichkeit zu treten. Wenn wir den Antrag lesen, schöpfen wir immer mehr den Verdacht, daß eigene Unzulänglichkeit und Unkenntnis bei diesem Referate

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