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Jüdisches Volksblatt · 1904-12-30 · 53 (30.12.1904) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt Nr. 51 Die folgenden Kämpfe werden nichts anderes fein als die Frucht dieser Wahlordnungen, von deren Schlägen sich die Juden kaum erholen werden. Davor müssen sich die Juden in der Bukowina nicht nur vom Standpunte der nationalen Ehre, sondern auch im Interesse der Selbsterhaltung schützen und zum rücksichtslosen Kampfe gegen die Landtags- und Gemeindewahlordnung mobilisieren. Massenhaft find die Proteste der Gemeinden gegen die Gemeinvewahlordnung. Auch die Stadt CzeriioWitz, die Handels- und Gewerbekammer und andere Städtevertretungen führen eine erbitterte Fehde gegen die Landtagswahlordnung und protestieren gegen dieselbe unabläsfig. Sache der Inden ist eS nun, diesen Aktionen wirksamen Nachdruck zu verleihen und alles daran zu setzen, um die Sanktion dieser Gesetzesvorlagen zu vereiteln. Czernowitz, den 23. Dezember 1904. Dr. Berl KinSbrunner. Politische Wochenschau. Unter den K a t h o l i k«n W i e n s ist seit einigen Tagen eine Bewegung bemerkbar, welche jeden rechtlichen Menschen mit Freude und Genugtuung erfüllen muß. Ein hiesiges deutschnationales Blatt hat die Katholiken durch Verhöhnung ihrer religiösen Einrichtungen in ihren heiligsten Gefühlen verletzt und es zeugt von einem lobenswerten Solidaritätsgefühl, daß die Katholiken, mit ihren Kirchenfürsten und Aristokraten an der Spitze, fich zusammentun, um die Ahndung der erlittenen Kränkung durchzusetzen. Dieser enge Zusammenschluß der Anhänger der mächtigen Katholiken bei dem geringsten Versuche gegen die Einrichtungen ihrer Kirche sollte uns Juden als nachahmenswertes Beispiel dienen. Da gehen Volk und Führer gemeinsam vor, es wird demonstriert, gefordert und, wen» eS nottut, auch nachdrücklich gehandelt. Wie viele Insulte, Jnvektiven und Unterdrückungen muß eS aber auf unsere Religion und unseren Stamm niederregnen, bis fich ein sogenannter „Führer" entschließt, mit einem in geheimer Sitzung beschlossenen, fein stilisierten und kalligraphisch au-gestattete» „Bittgesuche" ausgerüstet, bei einem hochmögendem Herr« Minister zu erscheinen und eine ergebenste „Bitte" um den Schutz der mosaischen Religio» vorzntragen. Die Erfolge solcher „Aktionen" find aber anch dem Selbstbewußtsein entsprechend, mit welchem fie in Szene gesetzt find. Der Herr „Präsident" verläßt gedrückt den Audienzsaal, er ist allein, das Volk steht nicht hinter ihm. Ein Volk bettelt nicht, sondern fordert und erzwingt sich seine Rechte! * * * Aber auch die Führer der herrschenden katholischen Partei sollten bei solchen Anlässen sich auch der Juden erinnern, welche nicht nur hi« und da, sondern täglich, fast stündlich, von den christlichen Parteien und ihren Organen in ihren religiösen und nationalen Gefühlen verletzt werden. Den Juden stehen weder die Machtmittel noch die mächtigen Beziehungen zur Verfügung, welche den Katholiken zu Gebote stehen. Und dennoch, wenn der Jude schon gar zu arg gedrückt, sich a» seinen Stammesbruder klammert, um mit ihm den Schmerz zu teilen, auf daß er erträglicher und der Jude selbst widerstandsfähiger werde, da muß er gerade von christlicher Seite einen Vorwurf über sich ergehen lassen über einen Schritt zur Selbsterhaltung, welchen die mächtigen christlichen Parteien für fich bei viel geringfügigeren Anlässen sofort in Anspruch nehmen. Für uns Juden ist das religiöse Gefühl auch deshalb viel wichtiger als bei den anderen Konfessionen, weil eS auch das unerläßliche Merkmal unserer Nationalität, unseres Stammelst, was bekanntlich bei den anderen Konfessionen nicht der Fall ist. , * * * Die „Arbeiter-Zeitung" hat in ihrer letzten Weihnachtsnummer wieder ihr Neuchristentum hervorgeholt, um dem Judentum, aus dem die «eisten ihrer Redakteure und Mitarbeiter hervorgegangeu, einen Futztritt zu versetzen. Im WeihnachtSfeuilleten des genannten Blattemacht fich der vom KaikommiS zum Feuilletonisten deS Genossenblattes avancierte Schermann über die Jude« lustig, welche die Christbaumfeier der christlichen Konfessionen nachäffen. Wir hätten gegen die Verhöhnung dieser uuter den Assimilante« herrschenden Unsitte gewiß nichts einzuwendeu. Aber Genosse Schermann hätte es doch viel leichter, wen« er feine Sujet» für solche Satiren aus seiner nächste« Umgebung holen wollte. So wärees sicherlich dankbar, einmal darüber zu schreiben, daß der Chefredakteur der „Arbeiter-Zeitung" Dr. Viktor Adler, der nun post tot discrimina rerum beim Protestantismus angelangt ist, seine Kinder zu Pionieren der LoS von Rom-Bewegung heranzieht. Nicht minder erhebend für die Leser des Genossenblattes wäre die Abbildung des Ordinationszimmers des konfesfionSlosen Dr. Ellenbogen oder der Kanzlei Dr. Karl Ornsteins, welche mit katholischen Heiligenbildern vollbehängt sind. Und ob die Christbaumfeier bei diesen neuchristlichen Genossen wirklich anziehender wirkt als bei den von Genossen Schermann vermoppelten Samuel Deutsch, Löwy und Konsorten, das bleibe dahingestellt. Also, lieber Schermann, im Hause des Gehenkten soll mau nicht vom Strick reden. * * * Die nationale Autonomie als Lösung der innerpolitischen Wirren dringt immer mehr in den Vordergrund der Diskussion. Sogar die „Neue Freie Presse" muß sich in jüngster Zeit bequemen, dieser immer allgemeiner werdenden Stimmung Rechnung zu tragen. Wir werden uns wohl in nächster Nummer unseres Blattes mit dieser Frage ausführlicher beschäftigen, doch sei schon heute daranf hingewiesen, daß diese Forderung den wichtigsten Teil des Programms der Jüdischen Volkspartei von jeher gebildet hat und daß unser Blatt seit seiner Begründung diese Lösung als die einzig richtige und gerechte vertreten hat. Die jüdischen Politiker werden es nun als ihre Pflicht erachte« müssen, dieser Wendung in der politischen Situation Oesterreichs die größte Aufmerksamkeit zuzuwenden, damit fie nicht wie gewöhnlich auch diesmal bei der Teilung zu spät erscheinen oder zu kurz kommen. AusderzionistischenVewegung. Wien. (Das große Aktionskomitee.) Am 4. Jänner tritt das große Aktionskomitee in Wien zu einer Sitzung zusammen. Die Konferenz ist diesmal von besonderer Wichtigkeit. Zunächst wird der Zeitpunkt des nächsten Kongresses festznsetzen sein, was diesmal umso schwieriger sein dürfte, als die verschiedenen Landsmannschaften diesbezüglich verschiedene, von einander abweichende Wünsche äußern. Auch dir Rückkehr der' Uganda kommission dürfte auf die Festsetzung des Kongreßtermins von Einfluß sein. Die wichtigste Frage jedoch, die auf dieser Konferenz zur Vorberatung gelangen soll, ist die Frage der künftigen Organisationsgestaltung und der Leitung der zionistischen Bewegung. Die auf dieser Konferenz zu fassenden Beschlüsse werden auch den Verlaus des nächsten großen Kongresses stark beeinflussen. Im Zusammenhänge mit diesen letzteren Fragen steht auch die noch immer nicht entschiedene Frage, ob der Sitzder Leitung auch in Zukunft in Wien verbleiben oder nach London verlegt werden soll. Verschiedene Anzeichen sprechen dafür, daß die Leitung nach dem Kongresse in L o ndon ihren Sitz haben werde. Unter anderem auch die Tatsache, daß Hans H e r z l, der einzige Sohn des verstorbenen Führers bereits in einer Londoner Erziehungsanstalt untergebracht wurde, ferner daß ein großer Teil der österreichischen und besonders Wiener Parteiziontsten selbst für die Verlegung der Zentralleitung von Wien platdieren. Man spricht auch davon, daß mit der Lösung aller dieser Fragen auch bezüglichdes V e r b a n ö s o r g a n e s Aenöerungen vorgenommen werben sollen. Vom Distriktskomitee für Böhmen. Das zionistische Distriktskomitee für Böhmen versendet soeben ein in deutscher und böhmischer Sprache abgefaßtes Flugblatt. In dieser der zionistischen Propaganda dienenden Flugschrist wird auf all die wirtschaftlichen Erfolge hingewiesen, welche die zionistische Bewegung im allgemeinen aufzuweisen hat. Ueber die Tätigkeit des Distriktskomttees für Böhmen berichtet das Flugblatt wie folgt: „Wenn die jüdische Kolonialbank in London, wie schon betont, als ein Instrument des Zionistenkongresses im Wesen unser Endziel verwirklichen soll, so haben wir andrerseits auch hierzulande ein Institut errichtet, das unseren Bestrebungen dienen soll, einen sehr wesentlichen Punkt unseres Programmes auszuführen, nämlich den Schutz der wirtschaftlich Schwachen in unserem Volke. Wir erinnern euch an die jüdische Volksvorschußkassa (Bolksvorschutzkassa, Prag, Mariengasse 20) in Prag, die den Zweck hat, alle jüdischen Kleingewerbetreibenden, Kanfloute oder Handwerker durch billige und freit Verhältnissen angepatzte Kreditgewährung zu unterstützen. Ihr wißt, baß die jüdische Volksvorschutzkassa diese Aufgabe auch voll und ganz erfüllt und sich so bewährt hat, daß es gerechtfertigt ist, wenn wir nach ihrem Muster auch an anderen Orten schon in der nächsten Zeit ähnliche Institute ins Leben rufen wollen. Außer der Volksvorschutzkassa besitzen wir in Pmg die jüdische Tvynbeehalle, in der wir durch belehrende oder unterhaltende Vorträge auch den Armen nach des Tages Müh und Plage geistige Nahrung vermitteln oder Erholung schaffen. Unsere tn ben letzten Tagen in Prag eröffneten Institute, und zwar das jüdische Mägbeheim (Jüdisches Mägdeheim, Prag, Perlgasse) und die jüdische Kochschule haßen einen unbestreitbar ökonomischen Wert. Im Mädchenheim wollen wir armen jüdischen Mädchen Gelegenheit geben, ohne jegliche Kosten denn die Verpflegung geschieht unentgeltlich — sich zu tüchtigen Stützen der Hausfrauen auSzubilden. Die Kochschule soll bemittelte Personen gegen ein mäßiges Honorar zu jüdischen Hausfrauen erziehen, gotviß ein Zweck, der euer alle; Billigung finden kann. Auch auf die Erziehung unserer Kinder in unserem Geiste haßen wir unser Augenmerk gerichtet. In eigenen jüdischen Kursen, dte der jüdische Frauenverein in Prag errichtet hat, werden unsere Kinder mit der heiligen Sprache unseres Volkes und mit seiner großen Vergangenheit auf methodischem Wege bekannt gemacht. Wer es weiß, wie an unseren öffentlichen Schulen heutzutage die hebräische Sprache und die jüdische Geschichte gelehrt wird, der kann den Nutzen solcher Kurse ganz ermessen." Sieg der Zionisten bei den Kultusgemeindewahlen in Radantz. Man schreibt uns aus Radautz (Bukowina): Die hiesigen Zionisten haßen einen großen Steg zu verzeichnen. Trotz beS Hochdruckes von gegnerischer Seite wurde der in Zionistenkreisen beliebte Dr. SamnÄ Josef Vierer und N. Mentzel zu Kultusvorstehern gewählt. Diese beiden Kandidaten erfreuen sich solcher Beliebtheit in den Wä'hlerkreifen, daß, als das Wählresultat verkündet wurde, .die anwesenden Wähler ihre gewählten Gesinnungsgenossen auf die Schulter hoben und sie unter Klängen jüb. Musik buchstäblich in die -Wohnung des Dr. Gierer trugen, wo letzterer eine mit großem Beifallsjubel entgegengenommene Rede hielt. Auch in nichtzionistischen Kreisen hat man die Uebertzeugung, daß die Raöautzer Gemeinde durch die Wahl dieser beiden Nationaljuden sehr viel gewonnen habe. London. Vorige Woche fand hier unter ungemein großer Beteiligung die feierliche Einweihung der neuen zionistischen Liga statt. * London. (Uganda-Expedition.) Die Mitglieder der Ugandakommission verließen vorige Woche London. Ihre Reise fithrte zunächst nach Basel, wo sie mit einigen Mitgliedern des Wiener Aktionskomitees zufaMmentrafen, um die letzten Vorkehrungen zu besprechen uüd von ihnen Abschied zu nehmen. Korrespondenzen. -- '^ Zur Brigittenauer Rabbinerfrage. (Aus der Generalversammlung des Brigittenauer israelitischen Tempelvereines, Wien XX.) Der Obmann Herr Herm. Eltbogen begrüßt die Erschienenen und teilt mit, daß der von der Wiener israelitischen Kultusvorftehung zur heutigen Generalversammlung delegierte Obmann der Bezirkskommission für den II. und XX. Bezirk Herr Schramek sein Fernbleiben entschuldigt hat. Der Herr Obmann gedenkt des Hinscheioens des gewesenen Vorstandsmitgliedes Herrn Adolf Kumm er mann, der vormaligen Vereinsmitglieder der Herren: Adolf Weiß, Hermann R a n zen h o f er, Aakob L i e b l ein und Mark. Elias, sowie des gewesenen Kultusvorstandes Herrn T eltscher untz des Herrn Dr. Theodor Herz! und erbittet sich die Zustimmung der Vereinsrnitgliedej

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